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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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XIX. In des Königs Kabinett

In der Nacht, in welcher seine Boten so ungewöhnliche Abenteuer erlebten, saß König Ludwig allein in seinem Kabinett, Über seinem Kopfe hing eine wohlriechende Lampe an goldenen, von vier kleinen fliegenden Amoretten aus Krystall gehaltenen Ketten von der reichgemalten Decke herab, und verbreitete ein glänzendes Licht in dem Raume, welches zwanzigfach von den Wandspiegeln zurückgestrahlt wurde. Das Mobiliar aus Ebenholz und Silber, der köstliche Teppich aus La Savonnière, die Seidenbehänge aus Tours, die Gobelin-Tapeten, die Goldarbeiten und das zarte Porzellan aus Sèvres – das Beste und Schönste von allem, was Frankreich produzierte, war von diesen vier Wänden umschlossen. Nichts war je durch diese Thür hindurchgekommen, was nicht in seiner Art ein Meisterstück war. Und inmitten all dieser Pracht saß der Herr derselben, das Kinn auf die Hände, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, mit Augen, die leeren Blickes die Wand anstarrten, ein düsterer und mürrischer Mann.

Aber obgleich seine dunklen Augen fest an der Wand hafteten, sahen sie doch nichts von ihr. Vielmehr blickten sie hinab in die ferne Vergangenheit seines Lebens, hinab bis zu jenen frühen Jahren, in welchen Traum und Wirklichkeit nebelhaft ineinander fließen. War es Traum, oder war es Wirklichkeit, was vor ihm auftauchte: jene zwei Männer, die sich über seine Wiege beugten, der eine im dunklen Rock und den Stern auf der Brust, den man ihn gelehrt, Vater zu nennen und der andere im langen, roten Gewande mit den kleinen funkelnden Augen? Sogar jetzt, nach mehr als vierzig Jahren, stand ihm mit einem Schlage jenes böse, tückische, geistesmächtige Angesicht vor Augen, und er erblickte noch einmal den alten Richelieu, den großen ungesalbten König von Frankreich. Und dann jener andere Kardinal, der lange, dürre Mann, der ihm sein Taschengeld genommen, ihm Essen und Trinken mißgönnt, und ihn in alte schäbige Kleider gesteckt hatte. Wie gut konnte er sich des Tages entsinnen, an dem Mazarin sich zum letztenmal geschminkt hatte, und wo der Hof vor Freude getanzt hatte, als die Nachricht kam, er sei verschieden!

Und auch seine Mutter sah er. Wie schön war sie und wie herrisch! Er konnte sich noch wohl ihrer kühnen Haltung erinnern, während des Krieges, in welchem die Macht des hohen Adels gebrochen ward, und ihrer Bitte an die Priester, als es mit ihr zum Sterben ging, doch nicht ihre Haubenbänder mit dem heiligen Öle zu beflecken! Und dann dachte er daran, was er selbst gethan, wie er seine Großen ihrer Rechte beraubt, bis er, anstatt ein Baum unter Schößlingen zu sein, allein stand, weit erhaben über allen andern, und sein Schatten das ganze Land bedeckte.

Dann zogen seine Kriege, seine Verträge, seine Gesetze an ihm vorüber. Unter seiner Regierung war Frankreich über seine Grenzen hinausgewachsen, sowohl im Norden, wie im Osten, und doch war es innerlich so zusammengeschweißt, daß es nur noch mit einer Stimme sprach – durch ihn.

Und nun schwebten in schwankenden Gestalten mit holden Gesichtern eine Reihe schöner Frauen an ihm vorbei. Da war Olympia Mancini, deren italische Feueraugen es ihn zuerst gelehrt hatten, daß in ihnen eine Macht liege, die einen König beherrschen kann. Da war Olympias Schwester, Maria Mancini; dann seine Frau mit ihrem dunklen, sonnengebräunten Gesicht, Henriette von England, deren Tod ihn zuerst das Leid des Lebens kennen gelehrt. Dann die Lavallière, die Montespan, die Fontanges! Einige waren tot, einige im Kloster. Einige, die einst schlecht und schön gewesen, waren jetzt nur noch schlecht.

Und was war die Frucht aller Mühe, alles Strebens, aller Lust seines Lebens? Er stand bereits an der äußersten Grenze seiner mittleren Jahre; er hatte den Geschmack an den Vergnügungen seiner Jugend verloren; Gicht und Schwindel plagten abwechselnd Fuß und Haupt und erinnerten ihn daran, daß zwischen ihnen ein Reich lag, das zu beherrschen er nicht hoffen durfte.

Und in allen diesen Jahren hatte er nicht einen einzigen wahren Freund gefunden, nicht einen, weder in seiner Familie noch an seinem Hof, noch im ganzen Lande, mit alleiniger Ausnahme dieser Frau, die er im Begriff stand, zu heiraten. Und sie, wie geduldig war sie, wie gut, wie großdenkend! Mit ihr verbunden, durfte er hoffen, alle Sünden und Thorheiten der Vergangenheit durch den wahren Ruhm seiner noch übrigen Lebensjahre auszulöschen. Wäre doch der Erzbischof erst da, damit er fühlen könnte, daß sie in der That die seinige war, daß stählerne Bande sie an ihn fesselten, welche sie beide fürs Leben miteinander vereinigten!

Es klopfte leise an die Thür. Ludwig sprang hastig auf, da er meinte, der hohe Geistliche sei angekommen. Es war indes nur sein Kammerdiener, der ihm meldete, daß der Minister Louvois um eine Audienz bäte. Der Angemeldete folgte ihm auf den Fersen mit seiner gewaltigen Nase und dem dicken Kinn. Er schlenkerte zwei Lederbeutel an seiner Hand.

»Sire,« sagte er, als Bontems sich zurückgezogen hatte, »ich hoffe, daß ich Sie nicht störe.«

»Durchaus nicht, Louvois,« versicherte der König. »Meine Gedanken fingen an, mir lästig zu sein, und ich bin froh, sie los zu werden.«

»Ew. Majestät kann nur angenehme Gedanken haben, des bin ich sicher,« entgegnete der Höfling. »Hier bringe ich aber etwas, das sie hoffentlich noch angenehmer machen wird.«

»Ei! was ist denn das?«

»Als so viele unsrer jungen Edelleute nach Deutschland und Ungarn gingen,« fuhr Louvois fort, »gefiel es der Weisheit Ew. Majestät zu sagen, Sie würden gern einmal sehen, was sie über ihre Erlebnisse an ihre Freunde nach Hause schrieben; ebenso welche Nachrichten ihnen vom Hofe zugingen.«

»Ja, ja, ich erinnere mich.«

»Solche Briefe habe ich hier, Majestät! alle, die der Kurier gebracht hat, und alle die zur Versendung eingeliefert wurden, jede Sorte in ihrem besondern Beutel. Der Siegellack ist in Weingeist aufgeweicht, die Verschnürung beseitigt, und alle sind jetzt offen.«

Der König nahm eine Handvoll Briefe heraus und überflog die Adressen.

»Ich möchte allerdings gern in den Herzen dieser Leute lesen können,« sagte er. »So nur kann ich die wahren Gedanken derjenigen erkennen, welche vor mir katzenbuckeln und schmeicheln. Ich nehme an,« fügte er mit einem plötzlich in seinen Augen aufblitzenden Argwohn hinzu, »daß Sie selbst nicht hineingesehen haben,«

»O Sire, ich würde lieber sterben.«

»Sie schwören es?«

»So wahr ich selig zu werden hoffe!«

»Hm, hm! Da ist ja ein Brief von Ihrem eignen Sohn!«

Louvois entfärbte sich und stammelte, als er den Umschlag ansah: »Ew. Majestät werden finden, daß er ebenso loyal ist, wenn er schreibt, als wenn er vor Ihnen steht, oder er ist mein Sohn nicht mehr.«

»So wollen wir mit diesem anfangen,« bestimmte der König, »Ha! er ist nur zehn Zeilen lang!

›Teurer Achilles, wie sehne ich mich danach, daß du wiederkommst! Der Hof ist so langweilig wie ein Kloster, seitdem du fort bist. Mein komischer Vater stolziert noch immer herum wie ein Puterhahn, als ob alle seine Medaillen und Kreuze die Thatsache verhüllen könnten, daß er nur ein höherer Lakai ist, der nicht mehr Macht hat als ich. Er schwindelt dem König ein gut Stück Geld ab, aber was er damit thut, kann ich mir nicht vorstellen, denn ich bekomme wenig davon zu sehen. Ich bin dem Kerl in der Rue Offèvre immer noch jene zehntausend Livres schuldig. Wenn ich nicht im Lansquenet Glück habe, werde ich dir bald nachkommen müssen.‹

»Hm! Ich habe Ihnen Unrecht gethan, Louvois. Ich sehe, daß Sie diese Briefe nicht durchgesehen haben!«

Mit einem Gesicht, so dunkelrot wie eine Runkelrübe, mit aus dem Kopf hervorquellenden Augen hatte der Minister während dieser Vorlesung dagesessen. Er atmete auf, als der König fertig war, denn es war doch nichts in dem Briefe, was ihn ernstlich kompromittiert hätte; aber jeder Nerv seines großen Körpers zitterte vor Wut, wenn er an die Ausdrücke dachte, in welchen sein junger Taugenichts von ihm gesprochen hatte.

»Die Schlange!« rief er empört. »Die nichtswürdige Kröte im Grase! Ich will ihn lehren, den Tag verfluchen, an dem er geboren wurde!«

»Still, still, Louvois!« beruhigte ihn der König. »Sie sind doch ein Mann, der das Leben kennt; da sollten Sie über dergleichen Dinge denken wie ein Philosoph. Die hitzköpfige Jugend sagt immer mehr, als sie meint. Denken Sie nicht mehr daran und ärgern Sie sich nicht! – Aber was haben wir hier? Ein Brief von meinem trauten Töchterchen an ihren Gemahl, den Prinzen von Conti, Ich würde ihre Schrift aus tausenden heraus erkennen. Ei, du liebes Herz, daran dachtest du auch nicht, daß meine Augen dein harmloses Geplauder zu sehen bekommen würden! Wozu eigentlich es lesen, da ich doch jeden Gedanken ihres unschuldigen Herzens kenne?«

Er entfaltete das wohlduftende rosa Papier mit liebevollem Lächeln, aber wie rasch verschwand dasselbe, als seine Augen die Seite überflogen, und zuletzt sprang er mit einem erstickten Wutschrei empor, die Hand aufs Herz gedrückt, die Augen wie gebannt auf das Papier geheftet.

»Dirne!« keuchte er. »Unverschämte, herzlose Dirne! Louvois, Sie wissen, was ich für die Prinzessin gethan habe! Sie wissen, daß sie mein Augapfel gewesen ist! Was habe ich ihr je versagt? Was ihr jemals nicht gegönnt?«

»Sie sind die Güte selbst gewesen, Sire,« sagte Louvois, dessen eigne Wunden weniger schmerzten, als er seinen Herrn auch leiden sah.

»Hören Sie,« fing der König wieder an, »was sie von mir sagt:

›Unserm alten Papa Brummbär geht es wie gewöhnlich, außer daß seine Kniee anfangen, ein bißchen knickerig zu werden. Wissen Sie noch, wie wir immer über seine affektiert zierlichen Manieren und seine erhabene Grazie gelacht haben? Das hat er jetzt alles aufgegeben, und obwohl er noch immer auf gewaltig hohen Hacken einherschreitet, wie ein Bauer der ›Landes‹ auf seinen Stelzen, so sind seine Kleider doch ohne jeglichen Schmuck und Farbe. Natürlich folgt der ganze Hof seinem Beispiel, und Sie können sich vorstellen, wie gräßlich es hier aussieht – wie ein ängstlicher Traum. Dazu steht dieses Frauenzimmer noch immer in allerhöchster Gunst, und ihre Kleider sind ebenso schauderhaft, wie Brummbärs Röcke. Auf die Länge ist das ganz unerträglich. Deshalb, mein Liebster, wenn Sie zurückkehren, wollen wir zusammen aufs Land gehen; Sie kleiden sich dann in roten Sammet, und ich trage blaue Seide, und wir wollen einen kleinen buntfarbigen Hof für uns haben, meinem majestätischen Papa zum Trotz!'«

Ludwig verbarg das Gesicht in den Händen.

»Sie hören, Louvois, wie sie von mir spricht,« stöhnte er.

»Es ist niederträchtig, Sire; niederträchtig!«

»Sie gibt mir Spitznamen, – mir, Louvois!«

»Ganz abscheulich, Sire!«

»Und meine Kniee! Sollte man nicht denken, daß ich ein alter Mann wäre?«

»Skandalös! Aber, Majestät, ich möchte mir erlauben zu sagen, daß dies ein Fall ist, in welchem Ew. Majestät Philosophie wohl Ihren Zorn mildern könnte. Die Jugend ist ja nun einmal hitzköpfig und sagt mehr, als sie meint. Denken Sie nicht mehr an die Sache und ärgern Sie sich nicht darüber!«

»Sie sprechen, wie ein Narr, Louvois,« brauste der König auf. »Das Kind, das ich so geliebt habe, wendet sich gegen mich, und Sie wollen, ich soll daran nicht mehr denken! Ach, es ist eine neue Bestätigung der Lehre, daß ein König denen am wenigsten unter allen trauen kann, in deren Adern sein eignes Blut fließt. Aber was für eine Schrift ist dies? Das ist der gute Kardinal von Bouillon. Seinen Blutsverwandten darf man nicht trauen, aber dieser heilige Mann liebt mich nicht nur, weil ich ihn dahin gestellt habe, wo er steht, sondern weil es seine Natur ist, emporzublicken und die zu lieben, welche ihm Gott übergeordnet hat. Ich will Ihnen seinen Brief vorlesen, Louvois, um Ihnen zu beweisen, daß es noch Loyalität und Dankbarkeit in Frankreich gibt:

›Mein lieber Fürst de la Roche-sur-Yon! Bei Ihrer Abreise versprach ich, Sie von Zeit zu Zeit wissen zu lassen, wie es bei Hofe zugeht, da Sie mich um Rat fragten, ob es angezeigt sei, Ihre Tochter von Anjou herzubringen in der Hoffnung, sie möchte die Gunst des Königs gewinnen.‹

»Was! Was! Louvois! Was ist dies für eine Schurkerei! Doch hören wir weiter:

›Mit dem Sultan geht es schlimmer und schlimmer. Die Fontanges war doch wenigstens die hübscheste Frau in Frankreich, obgleich – unter uns gesagt – ihr Haar um eine Schattierung zu rot war – dies ist eine ausgezeichnete Farbe für ein Kardinalskleid, mein teurer Herzog, aber für das Haar einer Dame ist kastanienbraun das äußerste, was statthaft ist. Die Montespan war zu ihrer Zeit auch eine Schönheit, aber denken Sie sich, daß er sich jetzt an eine Witwe gehängt hat, die älter ist, als er, eine Frau, die sogar nicht einmal den Versuch macht, sich begehrenswert zu machen, die an ihrem Betstuhl kniet oder an ihrer Stickerei arbeitet vom Morgen bis zum Abend! Es heißt, Dezember und Mai geben ein schlechtes Paar, aber ich meine, zwei November geben ein schlechteres ab –‹

»O Louvois, Louvois! Ich kann nicht weiter lesen. Haben Sie einen lettre de cachet bei sich?«

»Hier ist einer, Sire!«

»Für die Bastille?«

»Nein! Für Vincennes.«

»Das genügt. Füllen Sie ihn aus, Louvois! Setzen Sie den Namen dieses Schurken hinein! Lassen Sie ihn heut abend noch festnehmen und in seiner eignen Kalesche hinbringen. Der schamlose, undankbare, giftspeiende Schurke! Warum haben Sie mir diese Briefe gebracht, Louvois? O warum habe ich meiner thörichten Laune nachgegeben! Mein Gott, ist denn keine Wahrheit, keine Ehre, keine Treue mehr in der Welt?«

Ludwig stampfte mit dem Fuß und schüttelte drohend die Faust im Gefühl wütenden Zornes und bitterer Enttäuschung.

»Soll ich also die andern zurücklegen?« fragte Louvois hastig. Er hatte wie auf Kohlen gestanden, seitdem der König zu lesen begonnen hatte, aus Furcht vor den Enthüllungen, die noch kommen konnten.

»Legen Sie sie zurück, aber behalten Sie den Beutel.«

»Beide Beutel?«

»Ach, ich hatte den zweiten ganz vergessen. Vielleicht, wenn ich hier von Heuchlern umgeben bin, habe ich wenigstens einige ehrliche Unterthanen in der Ferne. Nehmen wir einen Brief auf gut Glück. Von wem ist dieser Brief? Ah, von dem Duc de la Rochefoucauld. Er ist mir stets als ein einfacher und pflichtgetreuer junger Mann erschienen. Was hat er zu sagen? Die Donau – Belgrad – der Großvezier – Ah!«

Ludwig schrie auf, wie von einem Dolchstich getroffen.

»Was gibt es, Sire?«

Der Minister war einen Schritt vorgetreten, denn der Ausdruck in des Königs Gesicht erschreckte ihn.

»Nehmen Sie sie fort, Louvois! Nehmen Sie sie fort,« rief er, den Haufen Briefe weit von sich schiebend, »hätte ich sie doch nie gesehen! Ich will keinen mehr ansehen! Er, der Mensch, verhöhnt sogar meinen Mut, und doch stand ich in den Laufgräben, als er in der Wiege lag! ›Dieser Krieg,‹ so schreibt er, ›würde dem König nicht zusagen. Denn hier gibt's offne Feldschlachten, und es ist keine Rede von den niedlichen gefahrlosen Belagerungen, wie er sie gern hat –‹ – Bei Gott, den Witz soll er mit seinem Kopf bezahlen! Ha, Louvois, der Spott soll ihm teuer zu stehen kommen! Aber nehmen Sie sie weg. Ich habe so viel gesehen, als ich tragen kann.«

Der Minister warf die Briefe in die Beutel, als sein Auge plötzlich auf die kühne, klare Handschrift Frau von Maintenons auf einem der Briefe fiel. Hier war eine Waffe in seine Hand gelegt, so flüsterte eine dämonische Stimme ihm zu, um diejenige zu Falle zu bringen, deren bloßer Name ihn mit Eifersucht und Haß erfüllte. Wenn sie sich die geringste Indiskretion in diesem Brief hatte zu Schulden kommen lassen, so hätte er noch jetzt, noch in der letzten Stunde des Königs Herz wider sie kehren können. Er war ein schlauer Mann, – im Augenblick hatte er seinen Vorteil erkannt und ergriffen.

»Ha!« rief er, »es wird wohl kaum lohnen, diesen Brief hier zu öffnen,«

»Welchen, Louvois? Von wem ist er?«

Der Minister schob ihm den Brief hin, Ludwig fuhr auf, als seine Augen darauf fielen.

»Frau von Maintenons Handschrift?« hauchte er.

»Ja, er ist an ihren Neffen in Deutschland gerichtet.«

Ludwig nahm den Brief. Dann warf er ihn mit einer schnellen Bewegung unter die anderen; aber doch stahl sich seine Hand wieder danach hin. Sein Gesicht war aschfahl und tief erregt, seine Stirn hatte sich mit feuchtem Schweiß bedeckt. Wenn auch dieser Brief sich nicht besser als die andern erweisen sollte! Der bloße Gedanke erschütterte ihn bis ins Innerste. Zweimal versuchte er ihn hervorzuziehen, und zweimal fuhren seine zitternden Finger mit dem Papier hin und her. Dann stieß er ihn zu Louvois hinüber: »Lesen Sie ihn mir vor,« befahl er.

Der Minister öffnete den Brief und glättete ihn auf dem Tisch, und dabei tanzte ein boshaftes Licht in seinen Augen, welches ihm seine Stellung gekostet hätte, wenn der König es richtig gelesen hatte.

»Mein lieber Neffe,« so las er, »Was Sie mich in Ihrem letzten Briefe bitten, ist völlig unmöglich. Ich habe niemals des Königs Gunst dazu mißbraucht, um etwas für mich selbst zu erbitten, und es würde mir ebenso unstatthaft erscheinen, eine Beförderung für meine Verwandten zu erbitten. Niemand würde sich mehr freuen als ich, wenn Sie in Ihrem Regiment zum Major avancierten, aber Ihre Tapferkeit und Ihre Loyalität müssen Ihnen dazu helfen, und Sie dürfen nie hoffen, es durch ein Fürwort von mir zu erreichen. Einem solchen Manne, wie dem König zu dienen, trägt seinen Lohn in sich, und ich bin gewiß, daß, ob Sie Cornet bleiben, oder zu einem höheren Range aufsteigen, Sie doch immer gleich eifrig in seinem Dienste sein werden, Unglücklicherweise ist er von vielen elenden Parasiten umgeben. Einige von diesen sind Schurken, wie der verstorbene Fouquet, einige bloße Narren, wie Lauzun; noch andere scheinen mir beides zu sein, Narren und Schurken zugleich, wie Louvois, der Kriegsminister,«

Bei dieser Stelle erstickte der Vorleser fast vor Wut und saß gurgelnd und auf dem Tische trommelnd da, ohne weiter zu lesen.

»Fahren Sie nur fort, Louvois, fahren Sie fort,« sagte Ludwig und lächelte die Decke an.

»Dies sind die Wolken, welche die Sonne umgeben, mein teurer Neffe; aber die Sonne scheint, glauben Sie es mir, hellglänzend hinter ihnen. Jahrelang schon kenne ich dies edle Herz, wie wenige andere es vermögen, und ich kann Ihnen sagen, daß seine Tugenden aus seiner eignen Tiefe stammen, und wenn ihr Glanz auf Augenblicke verdunkelt wird, es nur geschieht, weil seine Herzensgüte ihn verleitet hat, sich von seiner Umgebung lenken zu lassen, – Wir hoffen Sie bald in Versailles zu sehen, mein teurer Neffe, schwankend unter der Last Ihrer Lorbeern. Inzwischen nehmen Sie meine herzlichsten Grüße und die besten Wünsche für Ihre baldige Beförderung entgegen, obgleich dieselbe nicht auf dem Wege erlangt werden kann, den Sie andeuten.«

»Ah!« rief der König, und die Liebe leuchtete aus seinen Augen, »wie konnte ich auch nur einen Augenblick an ihrer Liebe zweifeln! Und doch, die andern hatten mich so ganz haltlos gemacht! Françoise ist treu wie Gold. War das nicht ein schöner Brief, Louvois?«

»Die Dame ist eine sehr kluge Frau,« erwiderte der Minister ausweichend.

»Und eine solche Herzenskündigerin! Hat sie meinen Charakter nicht richtig erkannt?«

»Aber gewiß nicht den meinigen, Sire!«

Es wurde an die Thür geklopft; gleich darauf steckte Bontems den Kopf herein.

»Der Erzbischof ist angelangt, Sire.«

»Sehr gut, Bontems. Bitten Sie die gnädige Frau, sich hierher zu bemühen. Dann lassen Sie die Zeugen sich im Vorzimmer versammeln.«

Als der Kammerdiener hinwegeilte, wandte sich Ludwig an seinen Minister.

»Ich wünsche, daß Sie einer der Zeugen sind, Louvois.«

»Wovon, Sire?«

»Von meiner Trauung.«

Der Minister zuckte zusammen.

»Wie, Sire! Schon jetzt?«

»Ja schon jetzt, Louvois; in fünf Minuten.«

»Zu Befehl, Sire.«

Der unglückliche Höfling gab sich die größte Mühe, eine festliche Miene anzunehmen; aber er war heute abend noch nicht aus dem Ärger herausgekommen, und nun dazu verurteilt zu sein, der Handlung beizuwohnen, welche diese Frau zur Gemahlin des Königs machen sollte, das war der allerbitterste Tropfen.

»Thun Sie die Briefe weg, Louvois! Der letzte hat mich für alle übrigen entschädigt. Apropos, der junge Neffe, an den Madame schrieb: Gérard d'Aubigné ist sein Name, nicht wahr?«

»Jawohl, Sire.«

»Fertigen Sie ein Oberstpatent für ihn aus und stellen Sie ihn bei der ersten Vakanz ein.«

»Oberst, Sire! Er ist ja noch nicht zwanzig Jahre!«

»Ich will es, Louvois! Bin ich der oberste Kriegsherr, oder sind Sie's? Nehmen Sie sich in Acht, Louvois! Ich habe Sie schon einmal gewarnt. Ich sage Ihnen, Mann, daß wenn mir's gefällt, einen meiner Stiefelputzer zum Chef einer Brigade zu machen, Sie nicht zögern sollen, ihm die Bestallung auszufertigen. Jetzt gehen Sie in das Vorzimmer und warten Sie mit den andern Zeugen, bis Sie gerufen werden.«


In Frau von Maintenons Zimmer hatte inzwischen ein geschäftiges Treiben geherrscht, Françoise de Maintenon stand mitten darin, das Rot der Erregung auf ihren Wangen und ein ungewohntes Licht in ihren ruhigen grauen Augen. Sie trug ein Kleid von glänzendem, weißem Brokat mit Silberband besetzt und geschlitzt, an Hals und Armen mit kostbaren Spitzen befranzt. Drei Frauen waren um sie beschäftigt, bald hier, bald dort etwas ordnend, einsteckend, aufnähend, bis alles nach ihrem Geschmack saß.

»So,« sagte die erste Schneiderin, indem sie eine grauseidene Rosette zurecht bog; »ich denke, so wird es gut sein, Ew. Majes–, gnädige Frau!«

Frau von Maintenon lächelte über das geschickt angebrachte Versprechen der höfischen Schneiderin.

»Ich mache mir nicht viel aus Kleidern,« sagte sie, »doch möchte ich gern so aussehen, wie er es wünschen würde.«

»O, für die gnädige Frau ist es leicht, Kleider zu machen,« antwortete die Schneiderin, »die gnädige Frau hat Figur, die gnädige Frau hat Haltung. Welches Kostüm würde zu solch einem Nacken, solchen Armen, solcher Taille nicht gut passen? Aber ach, gnädige Frau, was ist das für eine Not, wenn man nicht nur das Kleid, sondern auch noch die Figur machen muß! Da ist zum Beispiel die Prinzessin Charlotte Elisabeth. Erst gestern machten wir eine Robe für sie. Aber das war eine Aufgabe! Sie ist klein, gnädige Frau, aber sehr dick, O es ist unglaublich, wie dick sie ist! Sie braucht mehr Stoff, als die gnädige Frau, obgleich sie zwei Hände breit kleiner ist. Ach, ich kann mir kaum denken, daß der liebe Gott hat wollen können, daß es so dicke Menschen geben sollte! Aber sie ist auch eine Pfälzerin und keine Französin!«

Frau von Maintenon hörte wenig von dem Geschwätz der Schneiderin. Ihre Augen waren auf das Madonnenbild in der Ecke gerichtet, vor dem die rote Lampe brannte, und ihre Lippen murmelten Gebete – – Gebete, daß sie des großen Geschickes, das so plötzlich über sie gekommen, würdig sein möchte, sie – eine arme Gouvernante; daß sie unter den sie umgebenden Fallstricken aufrecht und sicher wandeln möchte, daß das Werk dieser Nacht über Frankreich und den Mann, den sie liebte, Segen bringen möchte. Ein schüchternes Klopfen an der Thür unterbrach ihr Gebet.

»Es ist Bontems, gnädige Frau,« sagte Nanon. »Er meldet, der König sei bereit.«

»Dann dürfen wir ihn nicht warten lassen. Kommen Sie, Fräulein, und Gott gieße Seinen Segen aus über unser Thun!«

Die kleine Gesellschaft versammelte sich im Vorzimmer des Königs und begab sich von dort aus in die Schloßkapelle. Voraus schritt der stattliche Erzbischof, in ein grünes Meßgewand gekleidet, sein Brevier in der Hand und den Finger zwischen den Blättern, die von dem »heiligen Sakrament der Ehe« handelten. Neben ihm gingen sein Kaplan und zwei kleine Pagen in Purpurgewändern, welche Fackeln trugen. Der König und Frau von Maintenon schritten nebeneinander, sie ruhig und gefaßt mit bescheidener Haltung und gesenkten Augen, er mit lebhafter Röte auf den dunklen Wangen und dem ängstlich umherschweifenden Blick eines Mannes, welcher weiß, daß er sich inmitten einer der großen Krisen seines Lebens befindet. Hinter ihnen folgte in feierlichem Schweigen eine Gruppe der erwählten Zeugen, der hagere Pater La Chaise, Louvois, der Braut finstere Blicke zuwerfend, der Marquis von Charmarante, Bontems und Fräulein Nanon. Die Fackeln warfen ein grelles, gelbrotes Licht auf die kleine Schar, die sich langsam durch Gänge und Säle hindurch nach der Kapelle bewegte, und ließen rasche Streiflichter über die gemalten Wände und Decken hingleiten, die von den Vergoldungen und Spiegeln zurückstrahlten, aber lang nachschleppende Schatten in den Ecken zurückließen. Aufgeregt blickte der König in diese schwarzen Tiefen und über die Bilder seiner Ahnen und Verwandten hin, welche die Wände schmückten. Als er an dem Porträt seiner verstorbenen Gemahlin Marie Therese vorüberkam, fuhr er zusammen und atmete schwer.

»Mein Gott!« flüsterte er, »sie runzelte die Brauen und spie mich an!«

Frau von Maintenon legte ihre kühle Hand auf die seinige. »Es ist nichts,« sagte sie mit leiser Stimme. »Es war nur das Licht, das über das Bild hinflackerte.«

Ihre Worte übten ihre gewöhnliche besänftigende Wirkung auf ihn aus. Der entsetzte Ausdruck schwand aus seinen Augen, und ihre Hand mit der seinigen fassend, schritt er entschlossen vorwärts.

Eine Minute später standen sie vor dem Altar, und die Worte, welche sie auf immer aneinander binden sollten, erklangen von den Lippen des Erzbischofs. Françoise wandte sich um, der neue Ring blitzte an ihrem Finger, Glückwünsche umtönten sie. Der König allein sagte nichts, er sah sie nur an, und sie wünschte nicht, daß er außerdem noch geredet hätte. Sie war noch immer bleich und ruhig, aber jeder Blutstropfen pochte in ihren Schläfen. »Du bist jetzt Königin von Frankreich –« summte es – »Königin, Königin, Königin!«

Da fiel plötzlich ein Schatten auf sie, und eine leise Stimme sagte ihr ins Ohr: »Gedenken Sie Ihres Versprechens an die Kirche!« Sie fuhr zusammen, wandte sich um und erblickte das blasse, eifernde Antlitz des Jesuiten dicht neben sich.

»Deine Hand ist kalt geworden, Françoise,« sagte Ludwig, »Laß uns gehen, meine Teure! Schon zu lange weilen wir in dieser düsteren Kirche!«

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