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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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XVIII. Die Nacht der Überraschungen

Wenn der Amerikaner erwartet hatte, seinen Leidensgefährten durch seine kurze Mitteilung überraschen oder erfreuen zu können, so mußte er eine jämmerliche Enttäuschung erleben. Catinat kam nämlich mit teilnehmender, besorgter Miene auf ihn zu und legte seine Hand liebevoll auf seine Schulter.

»Mein lieber Freund,« sagte er, »ich bin selbstsüchtig und rücksichtslos gewesen. Ich habe von meinen eignen kleinen Sorgen zu viel Aufhebens gemacht und zu wenig an das gedacht, was Sie um meinetwillen durchgemacht haben. Der Sturz vom Pferde hat Sie wohl mehr erschüttert, als Sie denken. Legen Sie sich hier aufs Stroh, und versuchen Sie, ob nicht ein wenig Schlaf –«

»Ich sage Ihnen, daß der Erzbischof dort ist!« wiederholte Amos ungeduldig.

»Ja, ja, ganz recht,« sagte Catinat. »Hier in diesem Kruge ist etwas Wasser; wenn ich meine Schärpe damit anfeuchte und sie um Ihre Stirn binde –«

»Herr du meines Lebens! Hören Sie mich denn nicht? Der Bischof ist im Palast des Königs!«

»Natürlich! Jawohl,« sagte Catinat beschwichtigend. »Gewiß ist er dort. Hoffentlich haben Sie keine Schmerzen?«

Der Amerikaner focht wie toll mit den geballten Fäusten in der Luft umher.

»Sie denken wohl, ich habe den Verstand verloren,« rief er ärgerlich, »und beim Allmächtigen, Sie sind im stande, einen toll zu machen! Wenn ich sagte, daß ich den Bischof benachrichtigte, so meine ich natürlich, daß ich dafür gesorgt habe, daß er den Befehl bekam. Sie erinnern sich, daß ich noch mit Ihrem Freunde, dem Major sprach?«

Jetzt war die Reihe, aufgeregt zu werden, an Catinat.

»Nun?« rief er und ergriff den andern am Arm.

»Sehen Sie, wenn wir einen Kundschafter in die Wälder schicken – und die Sache ist von besonderer Wichtigkeit – dann schicken wir einen zweiten zu einer andern Stunde, und so kommt einer oder der andere mit heilem Skalp zurück. Das ist Irokesensitte, und ich finde, es ist eine gute Sitte.«

»Mein Gott! Sie haben mich wahrhaftig gerettet!«

»Sie brauchen meinen Arm nicht zu packen, wie der Fischadler die Forelle! Ich ging also zum Major zurück und bat ihn, wenn er nach Paris käme, am Palast des Erzbischofs vorüber zu gehen.«

»Weiter! Weiter!«

»Ich zeigte ihm ein Stück Kreide. Wenn wir dort gewesen sind, sagte ich ihm, werden Sie ein großes, weißes Kreuz auf der linken Seite des Thorpfostens sehen. Ist kein Kreuz da, dann klopfen Sie an und bitten Sie den Erzbischof, so schnell wie seine Pferde laufen können, nach dem Palast zu fahren. Der Major brach eine Stunde nach uns auf. Er konnte etwa um halb elf in Paris sein. Der Bischof wird dann wohl um elf in seiner Kutsche gesessen und Versailles vor einer halben Stunde erreicht haben – das heißt um halb ein Uhr. – Bei Gott, ich glaube, jetzt rappelt's bei Ihnen, und ich bin schuld daran!«

Es war nicht zu verwundern, daß der junge Waldläufer über die Wirkung seiner Mitteilung erschrak. Sein langsames und gleichmütiges Naturell hatte kein Verständnis für den schnellen, ungestümen Stimmungswechsel des feurigen Franzosen. Catinat, welcher seine Bande abgestreift hatte, bevor er sich niedergelegt, wirbelte jetzt in der Zelle herum, schwenkte seine Arme und Beine hin und her, und alles ahmte der Schatten an der Wand hinter ihm nach in grotesken Verzerrungen, die das matte Mondlicht hervorbrachte. Endlich warf er sich seinem Gefährten in die Arme, überschüttete ihn mit Dankesworten, Lobsprüchen und Versprechungen, streichelte ihn und drückte ihn aufs zärtlichste an sich.

»O, wenn ich nur etwas auch für Sie thun könnte!« rief er aus. »Wenn ich nur etwas für Sie thun könnte!«

»Das können Sie gleich. Legen Sie sich aufs Stroh und schlafen Sie!«

»Und wenn ich daran denke,« fuhr Catinat fort, »daß ich Ihren Rat verspottet habe! O, Sie sind dafür gerächt worden!«

»Um Gottes willen!« rief Amos. »Legen Sie sich doch nur hin und schlafen Sie!«

Durch vieles Zureden gelang es ihm endlich, seinen aufgeregten Gefährten zur Ruhe und auf sein Lager zu bringen; dann schüttete er ihm noch Stroh über, das ihm zur Bettdecke dienen sollte, Catinat war durch die Aufregungen des Tages sehr ermüdet, und diese letzte große Reaktion schien alles, was ihm von Kraft übrig geblieben, verzehrt zu haben. Die Lider fielen ihm schwer über die Augen, der Kopf sank tief in das weiche Stroh, und das letzte, was er vor dem Einschlafen noch sah, war der unermüdliche Amerikaner, der mit gekreuzten Beinen im Mondlicht dasaß und mit seinem langen Messer einen der Holzkloben mit wütendem Eifer bearbeitete.

So totmüde war der junge Offizier, daß der Mittag längst vorüber war und die Sonne aus einem wolkenlosen blauen Himmel glänzend herabschien, als er erwachte. Er sah verwirrt um sich. Was bedeutete das Stroh, in das er gehüllt war, was die rohe Wölbung der Gefängnismauern über seinem Haupte? Erst nach einer Weile tauchte alles mit einem Male vor ihm auf – seine Aussendung, der Hinterhalt, seine Gefangennehmung – und er sprang auf. Sein Gefährte, welcher im anderen Winkel der Zelle eingeschlummert war, fuhr auch bei der ersten Bewegung auf. Ein Griff nach seinem Messer begleitete den finsteren Blick, den er nach der Thür richtete.

»So – so, Sie sind es?« sagte er. »Ich dachte, es sei der Mann.«

»Ist denn jemand hier gewesen?« fragte Catinat.

»Ja. Er brachte diese zwei Laibe Brot und einen Krug Wasser, gerade um Sonnenaufgang, als ich mich zur Ruhe legte.«

»Und hat er irgend etwas gesagt?«

»Nein, es war der kleine Schwarze.«

»Der Simon genannt wurde?«

»Derselbe. Er stellte die Sachen hin, und fort war er. Ich dachte mir, wenn er wiederkommt, könnten wir ihn am Ende hier behalten,«

»Wie das?«

»Etwa so! Wenn wir ihm diese Steigbügelriemen um die Knöchel schnürten, so würde er sie wohl nicht so leicht abstreifen können, wie wir.«

»Und dann?«

»Nun, er würde uns vielleicht sagen, wo wir sind und was mit uns geschehen soll.«

»Pah! was liegt daran? Unsre Mission ist ja erfüllt!«

»Ihnen mag nichts daran liegen,« sagte Amos Green – »der Geschmack ist verschieden – mir aber liegt sehr viel daran. Ich bin es nicht gewöhnt, wie ein Bär in einer Falle in solchem Loch zu sitzen und darauf zu warten, was andern Leuten beliebt, mit mir zu machen. Das ist mir was Neues. Paris kam mir schon eng und stickig genug vor, aber hiergegen ist es ja eine Prairie! Das paßt einem Mann von meinen Gewohnheiten schlecht, und ich gedenke nicht lange hier zu bleiben.«

»Da hilft eben nichts als Geduld, mein Freund.«

»Weiß ich nicht! Mir sollen eine Stange und ein paar Pflöcke mehr helfen.«

Damit öffnete er seinen Rock und nahm ein Stück rostigen Eisens und drei kleine dicke Holzstücke heraus, die an einem Ende scharf zugespitzt waren.

»Wo haben Sie denn die Dinger her bekommen?«

»Das ist meine Arbeit der verflossenen Nacht,« erwiderte Green lächelnd. »Die Stange ist die oberste aus dem Feuerrost. Es war nicht leicht, sie loszukriegen, aber da ist sie. Die Pflöcke habe ich aus jenem Holzkloben herausgeschnitzt.«

»Und wozu sollen sie dienen?«

»Nun, sehen Sie, Pflock Nummer eins kommt hier hinein, wo ich zwischen den Steinen ein Loch ausgekratzt habe. Diesen andern Kloben habe ich zum Hammer zurechtgemacht. Zwei Schläge, und er sitzt so fest, daß er Ihr Gewicht tragen kann. Nun diese zwei kommen ebenso in die Löcher darüber. So! Nun sehen Sie, da kann man dann stehen und aus dem Fenster gucken, ohne daß man seinem Zehgelenk zu viel zumutet. Versuchen Sie's mal,«

Catinat klomm empor und schaute begierig durch die Eisenstäbe hinaus.

»Ich kenne das Schloß nicht,« sagte er kopfschüttelnd. »Es mag eine der dreißig Burgen sein, die auf der Südseite von Paris liegen, und zwar innerhalb sechs oder sieben Meilen. Aber welche? Und wer hat ein Interesse daran, uns so zu behandeln? Ich wollte, ich könnte ein Wappen entdecken, das würde uns vielleicht aufklären. Ah! da ist eines drüben in der Mitte des Fensters! Aber in dieser Entfernung kann ich es nicht deutlich erkennen. Amos, Ihre Augen sind gewiß besser als meine, und Sie vermögen die Bilder zu entziffern auf jenem Wappenschilds«

»Worauf?« fragte Amos erstaunt.

»Auf jener Steintafel im Mittelfenster.«

»Ja, ich sehe sie ganz deutlich. Mir kommt es vor, wie drei Geier, die auf einem Sirupfaß sitzen.«

»Drei Allurionen über einem Turm vielleicht,« suchte sich Catinat das heraldisch zu erklären, »Das ist das Wappen der Hautevilles aus der Provence. Aber das ist unmöglich! Die haben so nahe bei Paris kein Schloß. Nein, ich kann mir nicht denken, wo wir sind,«

Er ließ sich hinab und hielt sich dabei an der einen Gitterstange fest. Zu seinem Erstaunen gab sie nach und blieb in seiner Hand.

»Sehen Sie, Amos, sehen Sie!« rief er.

»Aha, haben Sie das herausbekommen! Das habe ich auch heute nacht zu stande gebracht.«

»Aber womit denn? Mit Ihrem Messer?«

»Nein, damit ging es nicht. Aber, als ich mir die Stange aus dem Rost geholt hatte, da machte sich die Sache schneller. Ich will diese eine nur wieder zurückstecken, sonst möchte jemand von unten bemerken, daß wir sie losgemacht haben,«

»Sind sie alle los?«

»Bis jetzt nur die eine; aber wir wollen die beiden andern in der nächsten Nacht herausnehmen. Dann können Sie mit dieser Stange arbeiten, während ich mein altes Stecheisen anwende. Sie sehen, der Stein ist weich, und wenn man ihn reibt, entsteht sehr bald eine Rinne, in der Sie mit der Stange tiefer bohren können. Es müßte doch sonderbar zugehen, wenn wir uns nicht noch vor morgen früh den Weg frei gemacht hätten.«

»Freilich – aber selbst, wenn es gelingt, und wir in den Hof kommen, wie sollen wir dann hinaus gelangen?«

»Immer nur eins auf einmal thun, bester Freund! Sonst bliebe man vielleicht im Kennebec stecken, weil man noch nicht begreifen kann, wie man über den Penobscot kommen soll. Wenigstens ist im Hof mehr Luft als hier, und wenn nur erst das Fenster offen ist, wird uns das weitere schon einfallen.«

Die beiden Gefährten wagten es nicht, während des Tages etwas zu unternehmen, denn sie fürchteten, von dem Gefängniswärter überrascht und von draußen gesehen zu werden. So aßen sie denn ihr Brot und tranken ihr Wasser mit dem Appetit von Männern, die oft genug erfahren haben, was es heißt – sich sogar ohne solche einfache Kost behelfen zu müssen. Aber sobald die Nacht hereingebrochen war, stiegen sie beide auf ihre Pflöcke und machten sich daran, den Stein weiter auszuhöhlen und an den Eisenstangen zu zerren. Draußen strömte der Regen, und ein heftiges Gewitter tobte durch die Lüfte, aber sie konnten ganz gut sehen, wahrend der Schatten des gewölbten Fensters sie davor schützte, von draußen bemerkt zu werden. Vor Mitternacht war bereits eine Stange herausgelöst, und die andere fing an nachzugeben, als ein leises Geräusch sie veranlaßte, sich umzuwenden – da gewahrten sie ihren Gefängniswärter, der mit offnem Munde mitten in der Zelle stand und sie anstarrte.

Catinat hatte ihn zuerst gesehen. Mit der Stange in der Hand sprang er sofort hinab und auf ihn los, aber bei der ersten Bewegung stürzte der Mann nach der Thür und schloß sie hinter sich, gerade in dem Augenblick, als des Amerikaners Eisen dicht über seinem Kopf dahin sauste und den Gang hinabschoß. Als die Thür ins Schloß fiel, sahen die beiden Freunde einander an. Der Gardist zuckte die Schultern, der andere pfiff leise vor sich hin.

»Es lohnt kaum der Mühe, unsre Arbeit fortzusetzen,« meinte Catinat.

»O doch!« entgegnete Amos. »Jedenfalls können wir das ebensogut thun wie etwas anderes. Wenn mein Brecheisen nur einen Zoll tiefer geflogen wäre, so war's aus gewesen mit dem Kerl. Na, vielleicht trifft ihn noch der Schlag, oder er bricht beim Hinuntergehen auf den Drehtreppen das Genick. Ich habe jetzt nichts, womit ich arbeiten kann, aber ein paar Stöße mit Ihrer Stange werden den Spaß vollenden. Hallo! Was ist das? Es scheint, Sie haben recht, und wir sind richtig in der Patsche!«

Eine große Glocke hatte im Schloß zu läuten begonnen, und dazu kam ein lautes Stimmengesumm und Geklapper von Fußtritten auf den Steinen des Hofes. Heisere Stimmen schrien Befehle, man hörte das Rasseln und Knarren von Schlüsseln. Da das alles so urplötzlich mitten in der nächtlichen Stille geschah, so blieb kein Zweifel, daß ein Alarmzeichen gegeben worden war. Amos Green warf sich aufs Stroh, beide Hände in den Taschen, und Catinat lehnte verdrießlich gegen die Wand in Erwartung dessen, was weiter kommen würde. Indessen, es vergingen fünf Minuten und noch einmal fünf Minuten, ohne daß irgend jemand kam. Das Getöse im Hofraum dauerte fort, aber kein Laut war in dem zu ihrer Zelle führenden Korridor zu vernehmen.

»Ei was, ich will doch die Stange noch herauskriegen,« sagte der Amerikaner endlich, stand auf und ging nach dem Fenster. »Sei's, wie's sei, wenigstens wollen wir doch sehen, was die Katzenmusik da unten bedeutet.«

Mit diesen Worten kletterte er an seinen Pflücken in die Höhe und guckte hinaus.

»Kommen Sie herauf!« rief er seinem Freunde erregt zu, als er einen Blick hinaus gethan. »Sie haben jetzt draußen eine andere Jagdbeute und zu viel damit zu thun, als daß sie sich über uns den Kopf zerbrechen sollten.«

Catinat kletterte nun auch hinauf, und beide starrten zusammen in den Hof hinab. An jeder Ecke desselben war ein Kohlenbecken angezündet worden, und der ganze Raum war vollgedrängt von Männern, von denen mehrere Fackeln trugen. Der gelbe Schein fuhr über die düsteren grauen Mauern, jetzt aufflammend, bis die höchsten Türme goldig gegen den schwarzen Himmel erglänzten, und dann, wenn der Wind sie ergriff, hinsterbend, so daß sie kaum noch einen Schimmer über die Wangen ihrer Träger verbreiteten. Das Hauptthor stand weit offen, und eine Kutsche, welche augenscheinlich soeben hineingefahren war, stand vor einer kleinen Thür unmittelbar ihrem Fenster gegenüber. Die Räder und Seitenwände waren über und über mit Schmutz bedeckt, und die beiden Pferde dampften und ließen die Köpfe hängen, als sei ihre Reise ebenso schnell wie lang gewesen. Ein Mann im Federhut und Reitermantel war aus dem Wagen gestiegen und hatte, sich umwendend, eine zweite Person herausgezerrt. Die beiden schienen miteinander zu ringen, man hörte einen Schrei – ein heftiger Stoß des Mannes, und die beiden Gestalten waren hinter der Thür verschwunden. Als diese sich schloß, fuhr der Wagen weg, die Fackeln und Kohlenbecken wurden gelöscht, das Hauptthor wieder geschlossen und alles war so ruhig, wie vor dieser unerwarteten Unterbrechung.

»Ob das am Ende wieder ein Königsbote ist, den sie gefangen haben?« keuchte Catinat.

»In kurzem wird hier wieder Platz sein für zwei,« sagte Amos Green. »Wenn sie uns nur zufrieden lassen, soll diese Zelle uns nicht mehr lange halten.«

»Ich mochte doch wissen, wohin der Gefangenwärter gegangen ist,« bemerkte Catinat.

»Meinetwegen kann er gehen, wohin er will,« entgegnete Green, »wenn er nur nicht wiederkommt. Geben Sie mir doch noch einmal Ihre Stange. Der Stein gibt nach. Es wird nicht lang dauern, und das Fenster ist ganz frei.«

Mit Feuereifer ging er an die Arbeit, und immer tiefer wurde die Höhlung in dem Stein, durch welche er die Krampe zu ziehen hoffte. Plötzlich hielt er an und lauschte mit großer Spannung.

»Donnerwetter!« rief er nach einer Weile. »An der andern Seite arbeitet ja auch einer!«

Beide hielten lauschend den Atem an. Man hörte von draußen Hammerschläge, Sägenkratzen und das Klappern von Brettern und Balken.

»Was können sie vorhaben?«

»Ich kann mir's nicht denken!«

»Können Sie sie sehen?«

»Sie sind zu nah an der Mauer.«

»Ich denke, ich werde es machen können,« sagte Catinat. »Ich bin schlanker als Sie.«

Er schob nun Kopf und Hals und eine halbe Schulter durch die Lücke zwischen den Stangen, und blieb so lange in dieser Stellung, daß sein Freund schon dachte, er sei festgeklemmt, und an seinen Beinen zog, um ihn loszumachen. Catinat wand sich indes ohne Schwierigkeit zurück.

»Sie bauen etwas,« flüsterte er.

»Bauen?«

»Ja. Es sind ihrer vier mit einer Laterne.«

»Aber was in aller Welt können sie denn bauen?«

»Soviel ich sehen kann, einen Schuppen. Ich sehe vier Hohlbolzen in der Erde und sie befestigen gerade vier Stangen in ihnen.

»Nun jedenfalls können wir nicht heraus, solange vier Mann gerade unter unserm Fenster sind.«

»Unmöglich!«

»Aber unsre Arbeit können wir trotzdem zu Ende bringen.«

Das leise Schrapen seines Eisens verklang unter dem Geräusch, welches jetzt immer lauter von draußen herauftönte. Die Stange wurde endlich ganz frei, und er zog sie langsam zu sich heran. In diesem Augenblick jedoch, gerade als er sie herausnehmen wollte, tauchte zwischen ihm und dem Mondlicht ein Kopf mit einem Wust verworrenen Haares und einer Wollkappe darauf, empor. Die plötzliche Erscheinung kam dem Amerikaner so überraschend, daß er die Stange losließ, die nach draußen fallend über den Rand der Fenstersohle hinabstürzte.

»Du dummer Kerl!« kreischte eine Stimme von unten herauf. »Hast du denn lauter Daumen und keine Finger, daß du dein Handwerkszeug nicht festhalten kannst? Alle Millionen Donnerwetter! Du hast mir die Schulter zerschlagen!«

»Was ist denn los?« rief der andere. »Meiner Treu, Pierre, wenn deine Finger so behende wären, wie deine Zunge, du wärst der erste Zimmermann in Frankreich!«

»Was los ist, du Affe! Du hast dein Eisen auf mich fallen lassen!«

»Ich? Ich habe nichts fallen lassen.«

»Dummkopf! Du willst mir wohl vorreden, daß Eisen vom Himmel fällt! Ich sage dir, du hast mich zerschlagen, du dummer, grober Lümmel!«

»Noch habe ich dich nicht geschlagen,« schrie der andere, »aber bei der Jungfrau, wenn du nicht dein Maul hältst, komme ich herunter von der Leiter und prügele dich ordentlich durch!«

»Still, ihr Taugenichtse,« sagte eine dritte Stimme. »Wenn die Arbeit nicht bis Tagesanbruch fertig ist, geht es euch schlimm!«

Von neuem fing das gleichmäßige Hämmern und Sägen an. Der Kopf tauchte ab und zu wieder auf – sein Eigentümer schritt anscheinend auf einem Brettersteg, welcher unter ihrem Fenster errichtet worden war, hin und her, aber nie fiel ihm ein, mit einem Blick oder Gedanken auf die schwarze Öffnung in der Mauer aufmerksam zu werden.

Es war Morgen geworden. Das erste kaltgraue Dämmerlicht stahl sich allmählich in den Hof, als endlich die Arbeit gethan war und die Arbeiter den Platz verließen. Nun wagten die Gefangenen wieder hinauf zu klimmen, um zu sehen, was in der Nacht unter ihren Fenstern errichtet worden war. Ihr Atem stockte, als sie es erblickten. Es war – ein Schafott.

Da lag die verhängnisvolle Bühne aus dunklen, schmutzigen Brettern zusammengenagelt, die augenscheinlich schon oft demselben Zwecke gedient hatten. Sie stützte sich an ihre Mauer und maß etwa zwanzig Fuß ins Geviert mit einer breiten, hölzernen Treppe, die von der andern Seite herabführte. Im Mittelpunkt stand ein oben ganz zerhackter Henkerblock, der mit rostfarbigen Flecken beschmiert war.

»Jetzt wär's, denke ich, Zeit, uns davon zu machen,« sagte Amos Green.

»Unsre Arbeit war ganz vergeblich, Amos,« erwiderte Catinat traurig. »Was auch immer uns bestimmt sein mag, – und dies hier sieht schlimm genug aus – wir können es nur gefaßt hinnehmen, wie es tapfern Männern geziemt.«

»Unsinn! Das Fenster ist ja frei! Komm geschwind hinaus!«

»Zu spät! Da kommt eine Reihe Bewaffneter und stellt sich drüben längs der Mauer auf.«

»Eine ganze Reihe! Und zu dieser Stunde!«

»Jawohl, und da kommen noch mehr! Aber sieh das Mittelthor! Um Gotteswillen, was ist das?«

Noch während er sprach, hatte sich die Thür ihnen gegenüber geöffnet, und eine seltsame Prozession schritt daraus hervor. Zuerst kamen vierundzwanzig Männer, die paarweise nebeneinander gingen, Hellebarden in den Händen und die gleiche rotbraune Livree trugen. Hinter ihnen kam ein riesiger, bärtiger Mann, der seinen Rock abgestreift und die Ärmel seines groben Hemdes über die Ellenbogen aufgerollt hatte, mit einer großer Axt über der linken Schulter. Nach ihm kam ein Priester, das offne Brevier in der Hand, aus dem er Gebete hermurmelte, und halb beschattet von seinen Gewändern schritt eine schwarzgekleidete Frau mit entblößtem Nacken, das Haupt von dichten schwarzen Schleiern verhüllt, die auch ihr gebeugtes Antlitz den Blicken verbargen. Auf Armeslänge von ihr entfernt ging ein großer, hagerer, wildblickender Mann mit unangenehmen, roten Gesichtszügen und einer langen, vorspringenden Nase. Er trug ein flaches Sammetbarett, woran eine einzige Adlerfeder vermittelst einer Diamantschnalle befestigt war, die im Morgenlicht funkelte. Aber so hell der Edelstein glänzte – heller noch glänzten seine dunklen Augen und glühten unter seinen buschigen Brauen in einem wahnwitzigen Glanze, aus dem Drohung und Schrecknis sprachen. Seine Glieder zuckten, wie er so dahinschritt, seine Gesichtszüge verzerrten sich, und er geberdete sich wie ein Mensch, der sich die größte Mühe gibt, seine Selbstbeherrschung zu bewahren, während seine Seele in flammendem Entzücken hochaufjubelt. Hinter ihm folgten zwölf weitere, rotbraun gekleidete Diener, welche die Nachhut dieser außerordentlichen Prozession bildeten.

Die Frau hatte am Fuße des Schafottes geschwankt, aber der Mann hinter ihr stieß sie mit solcher Kraft vorwärts, daß sie über die unterste Stufe strauchelte und zu Boden gefallen wäre, wenn sie nicht den Arm des Priesters ergriffen hätte. Oben angekommen, trafen ihre Augen auf den fürchterlichen Block – sie schrie laut auf und taumelte zurück. Aber noch einmal stieß der Mann sie vorwärts, – zwei seiner Leute faßten sie bei den Handgelenken und zerrten sie weiter.

»O Moritz! Moritz!« schrie sie. »Ich bin noch nicht bereit zum Sterben! Vergeben Sie mir, o vergeben Sie mir, Moritz, wie Sie selbst auf Vergebung hoffen! Moritz! Moritz!«

Sie suchte sich ihm zu nähern, seinen Arm, sein Gewand zu fassen, aber er stand da, die Hand auf das Schwert gestützt und blickte sie an mit einem Gesicht, das von teuflischer Lustigkeit ganz verzerrt war. Beim Anblick dieses fürchterlichen hohnlachenden Antlitzes erstarb das Flehen auf ihrer Lippe. Ebensogut konnte sie den fallenden Stein oder den sausenden Sturm um Erbarmen anstehen. Sie wandte sich ab und warf die Schleier, die ihre Gesichtszüge verhüllt hatten, von sich.

»Ach, Sire!« rief sie. »Ach, Sire! wenn Sie mich jetzt sehen könnten!«

Bei diesem Schrei und bei dem Anblick des schönen blassen Gesichtes durchfuhr es Catinat, der aus dem Fenster herabblickte, wie ein Dolchstich. Denn neben dem Henkerblock stand die einst mächtigste sowohl wie geistreichste und schönste Frau Frankreichs – keine andere als – Françoise von Montespan, vor kurzem noch die bevorzugte Geliebte Ludwigs XIV.

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