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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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XV. Die mitternächtliche Mission.

Catinat war sich der Wichtigkeit der ihm zugewiesenen Mission vollbewußt. Die ihm vom König eingeschärfte Geheimhaltung derselben, die augenscheinliche Erregtheit des Monarchen, und der Charakter seiner Befehle, das alles bestätigte die Gerüchte, welche bereits am Hofe umherzuschwirren begannen. Er kannte überdem hinlänglich die Intriguen und Gegenintriguen, von denen der Hof erfüllt war, um zu begreifen, daß die äußerste Vorsicht bei der Ausführung seiner Instruktionen geboten war. Er wartete deshalb bis zum Einbruch der Nacht, ehe er seinem Burschen befahl, die zwei Pferde an eines der Nebenthore der Anlagen zu führen. Als er und sein Freund zusammen dorthin gingen, entwarf er demselben eine flüchtige Skizze der Sachlage am Hofe und deutete die Möglichkeit an, daß dieser Nachtritt ein Ereignis von Wichtigkeit für die zukünftige Geschichte Frankreichs sein könnte.

»Ihr König gefällt mir,« entgegnete Amos Green, »und ich freue mich, ihm einen Dienst leisten zu können. Er ist für das Haupt einer Nation kein eben stattlicher Mann, aber er hat das Auge eines Häuptlings. Wenn man ihn in den Wäldern von Maine ganz allein anträfe, so würde man ihn doch sofort als einen Mann erkennen, der anders ist wie seinesgleichen. Nun ich freue mich, daß er wieder heiraten will – es mag freilich keine Kleinigkeit sein für die Frau, ein so großes Haus in Ordnung zu halten.«

Catinat lächelte über die Vorstellung seines Gefährten von den Pflichten einer Königin.

»Sind Sie bewaffnet?« fragte er Green. »Sie haben keinen Degen, keine Pistolen?«

»Nein,« erwiderte der Amerikaner. »Wenn ich nicht meine Flinte führen darf, belade ich mich nicht gern mit Waffen, die ich nicht zu gebrauchen verstehe. Ich habe mein Jagdmesser, das genügt. Aber warum fragen Sie danach?«

»Weil uns vielleicht Gefahr droht.«

»Wie kommt das?«

»Es sind viele bei Hof,« erwiderte Catinat, »denen daran liegt, diese Heirat zu verhindern. Sämtliche hervorragende Männer des Königreiches sind entschieden dagegen. Wenn sie uns aufhalten könnten, würden sie die Trauung aufhalten, wenigstens für diese Nacht.«

»Aber ich dachte, es sei ein Geheimnis,« wandte der Amerikaner ein.

»Geheimnisse gibt es bei Hofe nicht,« erwiderte Catinat. »Da ist der Dauphin, oder des Königs Bruder, oder irgend einer von den großen Herren, der wahrscheinlich froh sein würde, wenn wir in der Seine lägen, ehe wir des Erzbischofs Palast erreichten. Aber wer ist das?«

Eine stämmige Gestalt war auf dem Wege, den sie eingeschlagen hatten, aus dem Dunkel aufgetaucht. Als sie sich näherten, beleuchtete eine bunte Lampe, die von einem Baum herabhing, die blaue Uniform eines Gardeoffiziers. Es war der Major von Brissac von Catinats Regiment.

»Hallo! Wohin des Weges?« fragte er.

»Nach Paris, Major.«

»In einer Stunde reite ich auch dahin. Wollen Sie nicht auf mich warten?«

»Thut mir leid,« erwiderte Catinat, »aber ich reite in dringenden Geschäften; ich darf keine Minute verlieren.«

»Dann muß ich eben allein reiten. Gute Nacht. Guten Erfolg!« gab der Major zurück.

»Ist unser Freund, der Major, ein zuverlässiger Mann?« fragte Amos Green, indem er dem Zurückbleibenden einen Blick zuwarf.

»Treu wie Stahl.«

»Dann möchte ich ihm etwas sagen.«

Der Amerikaner eilte auf dem Wege, den sie gekommen waren, zurück, während Catinat über diese unnötige Verzögerung außer sich geriet. Es vergingen volle fünf Minuten, ehe sein Gefährte zurückkehrte. Das feurige Blut des französischen Soldaten kochte darüber vor Ungeduld und Ärger.

»Es wäre vielleicht besser, wenn Sie mit voller Muße allein nach Paris ritten, mein Freund,« sagte er. »Wenn ich in des Königs Dienst bin, kann ich mich nicht durch Ihre Laune aufhalten lassen.«

»Es thut mir leid,« entgegnete der Amerikaner ruhig. »Ich hatte Ihrem Major etwas zu sagen, und es fiel mir ein, daß ich ihn möglicherweise nie wiedersehen könnte.«

»Gut, gut, hier sind die Pferde,« sagte der Offizier, indem er das Hinterthor aufstieß. »Hast du sie schon gefüttert und getränkt, Jacques?«

»Jawohl, Herr Hauptmann,« entgegnete der Mann, der die Tiere am Zügel hielt.

»In die Steigbügel und in den Sattel also, Freund Green,« rief Catinat, »und wir werden die Zügel nicht eher anziehen, bis wir die Lichter von Paris vor uns sehen!«

Catinats Bursche blickte ihnen durch die Dunkelheit nach, ein höhnisches Grinsen auf dem breiten Gesicht.

»Ihr werdet die Zügel nicht anziehen? Wirklich nicht?« murmelte er, indem er sich umwendete. »Na, das werden wir ja sehen, Herr Hauptmann; das werden wir ja sehen!«

Eine Weile galoppierten die Kameraden dicht nebeneinander dahin. Von Westen war ein Wind aufgesprungen, und der Himmel war mit schweren, grauen Wolken bedeckt, die wild dahin jagten, so daß die schmale Mondsichel nur von Zeit zu Zeit flüchtig zwischen den Spalten hervorgucken konnte. Sogar während dieser hellen Augenblicke war die von hohen Bäumen beschattete Straße sehr dunkel, aber wenn der schwache Lichtschein ganz verdeckt war, konnte man sie kaum unterscheiden. Catinat wenigstens erging es so; ängstlich blickte er über die Ohren seines Pferdes und senkte das Gesicht bis auf die Mähne in seiner Anstrengung, den Weg zu erkennen.

»Was halten Sie von dem Wege, Green?« fragte er endlich.

»Er sieht aus, als wenn heute viele Wagen darauf gefahren wären,« erwiderte der Amerikaner.

»Was? – Mein Gott, wollen Sie wirklich sagen, daß Sie dort Räderspuren sehen?« rief Catinat ganz verblüfft.

»Natürlich. Warum nicht?«

»Aber Mensch,« entgegnete Catinat. »Ich sehe ja überhaupt keinen Weg!«

Amos Green lachte herzlich. »Wenn Sie, lieber Freund, bei Nacht in den Wäldern umhergestreift wären, wie ich es oft gethan habe,« sagte er, »wo Sie Ihren Schopf riskiert, sobald Sie ein Licht gezeigt hätten, würden Sie gelernt haben, Ihre Augen zu gebrauchen.«

»Dann ist's das beste,« erwiderte Catinat, »Sie reiten voran, und ich halte mich dicht hinter Ihnen. So! Hallo! Was gibt's nun?«

Ein plötzlicher scharfer Ton, als ob etwas abschnappte, veranlaßte diese Frage. Gleichzeitig hatte der Amerikaner einen Augenblick im Sattel geschwankt.

»Es ist einer meiner Steigbügelriemen,« antwortete er. »Er ist gerissen.«

»Können Sie ihn nicht finden?«

»O ja, aber ich kann ebensogut ohne das Ding reiten. Wir wollen machen, daß wir vorwärts kommen.«

»Sehr gut. Ich kann Sie jetzt auch sehen.«

Fünf Minuten etwa waren sie so, Catinat dicht hinter seinem Gefährten, weiter gesprengt, als es zum zweitenmale laut schnappte, und der Gardeoffizier aus dem Sattel zu Boden rollte. Er behielt indes die Zügel fest im Griff und war im nächsten Augenblick wieder auf den Füßen am Kopf seines Pferdes, wilde Flüche hervorwetternd, wie sie nur einem wütenden Franzosen in solcher Fülle zu Gebote stehen.

»Tausend Himmel Donnerwetter!« schrie er. »Wie ist das nur gekommen?«

»Ihr Riemen ist auch gerissen.«

»Zwei Steigbügelriemen in fünf Minuten! Es ist doch unmöglich!«

»Es ist unmöglich, daß das zufällig geschah,« sagte der Amerikaner, indem er sich bedächtig aus dem Sattel schwang. »Ei, was ist dies? Mein andrer Riemen ist durchgeschnitten und hängt nur noch an einem Faden.«

»Der meine auch. Ich kann's fühlen, wenn ich mit der Hand drüber streiche. Haben Sie ein Feuerzeug bei sich? Lassen Sie uns Licht machen.«

»Nein, nein!« wehrte Green, »Der Mann, der im Dunkeln ist, ist in Sicherheit. Ich lasse immer meine Feinde Licht machen. Wir können so viel sehen, wie wir brauchen.«

»Auch mein Zügel ist durchgeschnitten.«

»Auch der meinige!«

»Und mein Sattelgurt.«

»Es ist ein Wunder, daß wir so weit mit ganzen Knochen gekommen sind. Wer kann uns aber diesen infamen Streich gespielt haben?«

»Wer anders, als der Schurke Jacques, mein Bursche! Er hat die Pferde in Obhut gehabt. Bei Gott, er soll es erfahren, was ein Strappado bedeutet, wenn ich Versailles wiedersehe!«

»Aber warum sollte er es gethan haben?«

»Natürlich ist er dazu angestiftet worden. Er ist ein Werkzeug in den Händen der Halunken gewesen, denen daran liegt, unsre Reise zu vereiteln.«

»Ja, ja, so wird es sein. Aber was steckt dahinter? Sie mußten doch wissen, daß wir dadurch nicht abgehalten werden konnten, Paris zu erreichen. Wir konnten doch auch ohne Sattel reiten und im äußersten Falle auch zu Fuß hinkommen.«

»Sie hofften, wir würden den Hals brechen.«

»Einer hätte ihn brechen können, aber doch kaum alle beide, da das Schicksal des einen den andern warnen mußte.«

»Nun, und was denken Sie denn, was die Schufte vor hatten?« rief Catinat ungeduldig. »Ums Himmels willen, wir müssen zu einem Schluß kommen, denn jede Minute ist von Wichtigkeit!«

Aber sein Gefährte ließ sich von seiner kühlen methodischen Denk- und Sprechweise nicht abbringen.

»Uns gänzlich Einhalt thun, können sie nicht gewollt haben. Was hatten sie also dann vor? Sie können uns nur haben aufhalten wollen. Und warum sollten sie das gewollt haben? Was konnte es ihnen ausmachen, ob wir unsre Botschaft eine oder zwei Stunden früher oder später ausrichteten? Daran konnte ihnen nichts liegen.«

»Um des Himmels willen –« unterbrach ihn Catinat ungestüm.

Aber Amos Green fuhr fort, die Sache langsam zurechtzuhämmern.

»Warum sollten sie uns haben aufhalten wollen? Es gibt nur einen Grund dafür, soweit ich sehen kann. Um nämlich andern Leuten Zeit zu lassen, uns zuvorzukommen und uns den Weg zu versperren. Das ist es, Herr Hauptmann! Ich möchte mit Ihnen um ein Biberfell gegen einen Kaninchenpelz wetten, daß ich auf der richtigen Fährte bin. Es ist hier ein Trupp von zwölf Reitern gewesen, seit der Tau zu fallen anfing. Wenn wir aufgehalten würden, hatten sie Zeit, ihre Pläne zu machen, ehe wir herankamen.«

»Meiner Treu, Sie mögen recht haben,« sagte Catinat nachdenklich. »Was würden Sie nun vorschlagen?«

»Daß wir zurückreiten und einen weniger direkten Weg wählen.«

»Es ist unmöglich. Wir müßten bis zu dem Kreuzwege von Meudon zurückreiten; – das würde unsre Reise um zwei Meilen verlängern.«

»Es ist besser ein paar Stunden später, als ganz und gar nicht hin zu kommen.«

»Unsinn!« brauste Catinat auf. »Wir werden uns doch wahrhaftig nicht durch eine bloße Vermutung von unserm Wege abbringen lassen. In einer halben Stunde kommen wir an den Kreuzweg von St. Germain. Dort können wir uns zur Rechten wenden und längs dem Südufer des Flusses reiten und so unsern Kurs ändern.«

»Aber vielleicht kommen wir gar nicht soweit,« warnte der Amerikaner.

»Wenn irgend jemand uns in den Weg tritt, werden wir schon mit ihm fertig werden,« entgegnete Catinat.

»Sie würden also fechten?«

»Selbstverständlich!«

»Wie! auch wenn ihrer ein Dutzend wären?«

»Und wenn es hundert wären, – wenn ich im Auftrag des Königs reite!«

Amos Green zuckte die Achseln.

»Sie fürchten sich doch nicht?« fragte Catinat verwundert.

»Das kommt hier gar nicht in Betracht. Wenn man es nicht vermeiden kann, laß ich mir das Fechten wohl gefallen. Aber ich nenne es Thorenwerk, geradeswegs in eine Falle hineinzureiten, wenn man sie umgehen kann.«

»Sie können thun, was Sie wollen,« entgegnete Catinat ärgerlich. »Mein Vater war ein Edelmann, der tausend Hufen Landes besaß, und sein Sohn beabsichtigt nicht, im Dienste des Königs zu wanken und zu weichen.«

»Mein Vater,« erwiderte Amos Green, »ist ein Kaufmann, der tausend Skunkpelze besitzt, und sein Sohn erkennt einen Narren, wenn er einen sieht.«

»Sie sind unverschämt, Herr Green,« sagte der Gardeoffizier. »Aber wir können diese Angelegenheit zu günstigerer Zeit ordnen. Gegenwärtig setze ich meinen befohlenen Ritt fort, und mir soll es recht sein, wenn Sie nach Versailles zurückkehren, falls Ihnen das lieber ist.«

Er lüftete mit förmlicher Höflichkeit den Hut, schwang sich auf sein Pferd und ritt weiter auf der Straße nach Paris.

Amos Green zögerte ein wenig. Dann stieg auch er zu Pferde und hatte bald seinen Gefährten eingeholt. Dieser war jedoch in keiner rosigen Laune. Ohne einen Blick oder ein Wort für seinen Kameraden ritt er steifnackig seine Straße. Plötzlich gewahrten seine Augen in dem Düster etwas, was auf sein Gesicht ein Lächeln zurückführte. Vor seinen Augen, zwischen zwei dunklen Baumgruppen waren zahllose schimmernde, glitzernde gelbe Punkte aufgetaucht, die so dicht bei einander lagen, wie Blumen in einem Garten. Es waren die Lichter von Paris.

»Sehen Sie!« rief er seinem Gefährten zu. »Da ist die Stadt, und ganz nahe muß hier die Straße von St. Germain sein. Wir wollen sie einschlagen und so jede Gefahr vermeiden.«

»Sehr gut!« meinte Green. »Aber ich würde nicht zu schnell reiten, da Ihr Gurt jeden Augenblick reißen kann.«

»Nein, nein, nur vorwärts,« rief Catinat. »Wir sind dem Ende unsrer Reise ganz nahe. Die Straße von St. Germain öffnet sich gerade bei dieser Biegung, und danach werden wir unsern Weg klar sehen, denn die Lichter von Paris werden uns leuchten!«

Er trieb sein Pferd mit der Gerte an, und beide sprengten neben einander um die Biegung. Im nächsten Augenblick lagen sie beide am Boden unter einem zappelnden Wirrsal sich hin- und herwerfender Pferdeköpfe und hauender Rosseshufe. Catinat lag zum Teil unter seinem Pferde; sein Gefährte war zwanzig Schritt weiter geschleudert und lag still und regungslos inmitten der Straße-

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