Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Tieck >

Die Rechtsgelehrten

Ludwig Tieck: Die Rechtsgelehrten - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Vierzehnter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1795
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Rechtsgelehrten
pages38
created20131026
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Ludwig Tieck.

Die Rechtsgelehrten.

Erzählung.

1795.

 


 

In einer angesehenen Stadt Deutschlands lebte Werner, ein Mann, der wegen seiner gründlichen Kenntniß der Rechte in der Gegend weit umher berühmt war: aus entlegenen Städten kamen sogar oft Leute zu ihm, um sich seines Raths zu bedienen, oder ihm verwickelte Prozesse aufzutragen. Auf diese Art hatte sich Werner in vielen Jahren ein sehr ansehnliches Vermögen gesammelt, und da er sehr sparsam lebte und stets fleißig arbeitete, wuchs sein Kapital mit jedem Jahre.

Werner hatte eine schöne Tochter von achtzehn Jahren, der es nicht an Liebhabern fehlte, weil ihr Vater in der Stadt für einen reichen Mann bekannt war; hundert Schmetterlinge umflogen vergeblich den goldenen Schein ihres Vermögens, sie unterhielt sich mit allen, ohne einem einzigen auch nur den kleinsten Vorzug zu geben. Keiner von allen Freiern verstand die Kunst, das Herz der Tochter oder des Vaters zu rühren, der ihren Aufwand von Witz und Windbeuteleien nur als eben so viele Feuerwerke ansah, die angezündet würden, um seine Tochter zu belustigen, und die nicht die mindeste Spur zurücklassen, wenn sie eine Zeitlang geleuchtet haben. Er wünschte sich immer einen Schwiegersohn, der die Rechte vollkommen 74 innehabe, damit er ihn dereinst im Alter bei seinen verworrenen Arbeiten unterstützen, und dem er sein großes Kapital von Schikanen, Rechtsverdrehungen, und die ganze Alchymie seiner erworbenen Erfahrungen vermachen könne. Werner hatte keine männlichen Erben, und es schmerzte ihn daher schon außerordentlich, daß sein Familienname mit ihm verlöschen solle; aber den Gedanken konnte er durchaus nicht ertragen, daß alle seine Gelehrsamkeit, das Pfund, mit dem noch so mancher hätte wuchern können, mit ihm solle begraben werden. Er warf daher seine scharfsichtigen Augen umher, um unter den vielen Jünglingen und Männern einen Mann nach seinem Herzen zu entdecken, aber er fand nirgends, was er suchte.

Der eine war ihm zu klug und vorschnell, sprach für einen jungen Menschen viel zu vernünftig und absprechend, so, daß er sich in seiner Gesellschaft einigemal einfältig vorgekommen war, und dies Gefühl war ihm unerträglich, besonders aber in der Gegenwart von jüngern Leuten. – Ein andrer trug Hut und Rock viel zu sehr à l'Anglois, als daß zu hoffen stand, man könne aus ihm einen vernünftigen Rechtsgelehrten ziehn. – Ein dritter, der sich weniger nach dem Modejournal trug, war zu empfindsam, sprach mit Enthusiasmus gegen die unnöthige Verlängerung der Prozesse, und verglich zuweilen die Advokaten mit ungeschickten Badern, die oft, um eine Krankheit zu heben, dem Patienten so viel Blut ablassen, daß er hernach an einer Entkräftung stirbt. – Noch ein andrer war ihm zu philosophisch, und wollte alles auf das erste Princip der Moral zurückführen, sprach von den verschiedenen Denkformen, und verstand sich im 75 Gegentheil nicht auf die mannichfaltigen Münzsorten des deutschen Reichs. – Ich kann hier unmöglich alle Liebhaber Louisens schildern, weil ich sonst eine Bildergallerie aller jungen Leute der Stadt liefern müßte; so wie es nothwendig war, sich geschmackvoll zu kleiden und das Theater zu besuchen, eben so nothwendig war es, eine Zeitlang in Louisen verliebt zu sein, ihr auf allen Schritten zu folgen, und täglich einigemal ihrem Fenster vorüberzugehn.

Louise schien, wie gesagt, eine von den unempfindlichen Schönen zu sein, die alle Huldigungen mit eben der Kälte empfangen, mit der sie die Zeitungen lesen, denn sie interessirte sich wirklich für einen Artikel im Modejournal weit lebhafter, als für alle französischen und griechischen Epigramme, die die jungen Herren an sie richteten. Aber für jedes Herz liegt ein Pfeil in Amors Köcher versteckt, um auch einmal eine poetische Redensart anzubringen, und eben so allgemein angenommen der Satz ist: »Alle Menschen müssen sterben«: eben so allgemein richtig ist die Behauptung: »Alle Menschen müssen sich Einmal verlieben.« –

Vielleicht bloß um diesen Satz nicht unwahr zu machen, kam Eduard Schmidt, ein junger, wohlgewachsner Mensch, in Louisens Geburtsstadt an. Er machte mit Herrn Werner Bekanntschaft, weil dieser einen verwickelten Prozeß für den Onkel des jungen Menschen übernehmen sollte. Dieser Onkel war ein reicher Kaufmann, und hatte seinen elternlosen Neffen zu sich genommen, der fast alle seine Geschäfte betrieb. Der alte Werner sah den jungen Eduard fast täglich, und dieser sah fast eben so oft dessen 76 Tochter; Louisens Schönheit zog ihn an, und er gehörte schon nach einigen Tagen unter die Anzahl ihrer öffentlichen Liebhaber.

Eduard hatte kaum einige Wochen hindurch so Louisen den Hof gemacht, als er sich plötzlich zurückzog, und sie doch in derselben Zeit viel lieber, als vorher, hatte. Er wollte nicht gern zu dem großen Haufen gehören, der aus Eitelkeit oder Langeweile das Mädchen belagerte, er schätzte sie zu sehr, um ihr eine alberne erzwungene Achtung zu beweisen, die die meisten Liebhaber nur zeigen, um ihren Witz geltend zu machen, oder um in der Uebung zu bleiben, Abgeschmacktheiten zu sagen. Es giebt gewisse empfindsame Herzen, die nur auf einzelne Tage den sogenannten galanten Ton der Welt annehmen können, und auch diese Tage nachher bereuen, die die Narrheit haben, noch etwas außer ihrem Verstande zu achten, nämlich ihr Herz: zu diesen Thoren gehörte Eduard; denn man kann diese Leute allerdings Thoren nennen, weil sie sich in der großen Welt nur gar zu häufig lächerlich machen, nachher ihre Empfindungen verschließen, und von jedermann verkannt, und für einfältig gehalten werden. Die Empfindsamkeit ist auch jetzt so etwas verächtliches geworden, daß es selbst die Schüler nicht mehr der Mühe werth finden, sich mit ihr einzulassen. Man findet allenthalben Leute, die über die Empfindungen spotten, alle unsre Lustspiele sind noch immer voll davon, daß man nicht zu stark fühlen solle, obgleich die wenigen empfindsamen Carrikaturen, die man vielleicht noch findet, gewiß nicht des Aufwandes von Witz werth sind, den man dabei anzuwenden strebt.

77 Louise bemerkte mit Mißvergnügen die Zurückziehung des jungen Fremden, und eben dadurch, daß sie ihn nun gar nicht mehr zu bemerken strebte, ward ihr Auge immer unwiderstehlicher zu ihm hingezogen. Wir finden in tausend Büchern tausend Vorschriften, wie man einer so gefährlichen Leidenschaft, als die Liebe ist, entgehen könne: alle diese Regeln aber scheinen von Leuten erfunden, die nicht verliebt waren, oder wenigstens den Zustand des Verliebtseins schon lange vergessen hatten, denn ihr Rath ist in den vorkommenden Fällen gar nicht auszuführen. So wandte Louise nicht ihre Blicke von Eduard ab, sondern sie sah ihm heimlich nach, wenn er die Straße hinunterging, in Gesellschaften erkundigte sie sich nach ihm, wenn es auf eine gute Art geschehen konnte; es war ihr interessant, wenn er anders, als gewöhnlich gekleidet, und in welche Häuser er hineinging.

Eduard ahndete von dem allen nichts, er war zu bescheiden, um es sich zuzuschreiben, wenn Louise aus dem Fenster sah, indem er durch die Straße eilte, er bemerkte nicht den freundlichen Gegengruß, den er für sein ziemlich linkisches Kompliment erhielt. Er suchte sich über ihre Unempfindlichkeit zu trösten, und ihren Namen aus seinem Gedächtnisse zu verdrängen.

Aber diese Bemühung war durchaus vergebens; denn da er mit dem Vater fast täglich Geschäfte hatte, ihn an manchen Tagen so gar mehr als einmal sah, so ward er dadurch nur gar zu oft an seine unglückliche Liebe erinnert. Er öffnete jedesmal mit einem tiefen Seufzer die Thür des Hauses, er sah sich jedesmal um, ob nicht vielleicht durch einen Zufall Louisens 78 Zimmer offen stehe, oder ob sie ihm nicht vielleicht auf dem Gange begegne; er wünschte täglich seine Geschäfte für seinen Onkel geendigt, und erschrak dann wieder vor dem Gedanken der Abreise. Ein Verliebter weiß selten genau, was er wünscht, seine Gedanken sind so dunkel und verworren, wie eine Gegend, die nur schwach vom Monde erleuchtet wird.

Herr Werner war eines Tages so eben ausgegangen, als Eduard in das Haus trat, um ihn zu sprechen; Louise begegnete ihm und entschuldigte ihren Vater. Er bat um die Erlaubniß, ihn im Hause erwarten zu dürfen; Louise führte ihn auf das Zimmer ihres Vaters, und leistete ihm aus Höflichkeit Gesellschaft. – Beide waren in einer ziemlich großen Verlegenheit, man suchte aus allen Ecken mühsam ein Gespräch hervor, das nur so eben noch zusammenhielt; Eduard schoß endlich dadurch förmlich Bresche und hob alle Verlegenheit auf, indem er Louisen auf die feurigste Art seine Liebe erklärte.

Louise war lange zweifelhaft, wie sie sich nehmen solle, diese Erklärung kam ihr zu unerwartet, als daß sie irgend einige Maaßregeln auf diesen Fall hätte ergreifen können; in dieser Verlegenheit gestand sie ebenfalls ihre Zuneigung, sie hatte alle die gewöhnlichen Waffen des weiblichen Geschlechts verloren, und so endigte sich die Scene mit Küssen und Umarmungen.

Kaum hatten sich die beiden Zärtlichen eine ewige, felsenfeste Treue geschworen, als der Rechtsgelehrte Werner in das Zimmer trat. Louise entfernte sich mit Ehrerbietung vor der Gelehrsamkeit ihres Vaters, und die beiden Männer gingen an ihr Geschäfte. Aber 79 der Schreibtisch sammt allen Sesseln tanzten und walzten vor den Augen des bezauberten Liebhabers, er war immer im Begriff, dem Vater den Schwur seiner ewigen Treue zu wiederholen und ihn geliebte Louise zu nennen; der Alte hielt den jungen Menschen für etwas betrunken, weil er heute gar nicht klug aus ihm werden konnte. Eduard entfernte sich sobald als möglich.

Der Weg war nun einmal gebrochen, und die beiden Liebenden sahen sich täglich, außer den mündlichen Gesprächen aber wechselten sie noch Briefe; Eduard nahm ein Zimmer in einem Hause, das dem Wernerschen grade überstand, und er sah nun auch noch so viel aus dem Fenster, als es nur seine Geschäfte zulassen wollten.

Je mehr Eduard nach und nach der öffentliche und ernsthafte Liebhaber Louisens wurde, um so mehr zogen sich die übrigen jungen Herrn zurück; sie sahen, daß ihnen endlich jemand vorgezogen wurde, die Coquetterie war also in demselben Augenblicke auf beiden Seiten eingestellt, in welchem Louise die Eitelkeit ihrer Anbeter beleidigt hatte. Louise vermißte ihre vorigen Besuche nicht, und der Vater, den seine Arbeiten beschäftigten, bemerkte keine Veränderung.

Den Liebenden verfliegen Wochen und Monate wie angenehme Tage, ihre Phantasie ist unaufhörlich beschäftigt, sie haben stets mit so wichtigen Vorfällen zu thun, daß sie gar nicht die Abschnitte der Zeit bemerken würden, wenn sie nicht eines Spazierganges wegen sehnlichst auf den einen Tag hofften, und ihnen ein andrer wieder wegen einer kleinen Zwistigkeit auf 80 ewig merkwürdig bliebe. Auf diese Art war jetzt ein halbes Jahr verflossen, und Louise wunderte sich sehr, als es so plötzlich und unerwartet Winter ward, und Eduard stampfte mit den Füßen, als er einen Brief von seinem Onkel bekam, in welchem ihm dieser befahl, die Stadt zu verlassen und zu ihm zu kommen.

Nun waren beide in der heftigsten Bewegung; man seufzte und weinte, man verwünschte den Onkel und das Schicksal, man wollte dem alten Werner die gegenseitige Liebe entdecken, aber Louise, die ihren Vater kannte, kam bald von dieser Uebereilung zurück. Eduard hatte kein eignes Vermögen, er hing noch ganz von seinem Onkel ab, und der alte Werner war viel zu sehr ein Freund des Gewissen, als daß er nicht bei dieser Entdeckung hätte schäumen und aufbrausen sollen.

Was den Jammer noch mehr vermehrte, war, daß Eduard mit seinem Onkel eine weite Reise über's Meer thun sollte, um mit diesem eine Handelsspekulation auszuführen. Die Gefahren des Todes stellten sich der Phantasie des Mädchens so lebhaft dar, daß sie in Ohnmacht fiel, als ihr der Geliebte zuerst die schreckliche Neuigkeit ankündigte. – »Ich bin elend, unglücklich und verlassen!« rief sie zu wiederholtenmalen, als sie wieder zum Leben erwachte. Eduard vergaß in dem Augenblicke seinen eignen Kummer, und suchte sie zu trösten, aber seine Bemühung war vergebens.

Der Tag des Abschieds kam endlich; Werner bedauerte die Abreise des jungen Mannes, den er so oft gesehen hatte, er wünschte ihm Glück auf dem Meere 81 und gab ihm einige gute Lehren auf den Weg, dann ging er wieder in sein Zimmer und setzte ruhig seine Arbeiten fort. Aber wie sehr war dieser Abschied von dem verschieden, den Eduard von seiner Geliebten nahm! Man konnte fast kein Wort sprechen, häufige Thränen erstickten bei beiden die Sprache, Louise schien der Verzweifelung nahe, und Eduard verließ sie endlich, ging nach Hause, und reiste, in eine dumpfe Betäubung versunken, ab.

Da saß nun das Mädchen einsam auf ihrem Zimmer, und sahe mit gepreßtem Herzen dem rollenden Wagen nach. Alle ihre schönen Träume gingen so plötzlich aus, alles verlosch, wie die Sonne hinter einem Nebel, sie dachte unaufhörlich an Eduard und den schrecklichen Abschied. Bei dieser großen Spannung ihrer Lebensgeister fiel sie in ein Fieber, das ihr bald die Röthe von den Wangen und die Munterkeit aus den Augen nahm. Die Vorsorge des Vaters und des Arztes stellten sie zwar nach einiger Zeit wieder her, aber sie verlor darum nicht den melancholischen Blick, mit dem sie jetzt die Welt betrachtete, sie war gern allein, und las in der Einsamkeit die zärtlichen Briefe, die sie von Eduard erhalten hatte; sie küßte tausendmal die geliebten Schriftzüge, und sprach mit dem Papier, als wenn Er es wäre, kurz, sie beging alle die Thorheiten, die die kälteren Menschen so oft verlachen, die aber das zartere Herz mit Freuden und Quaalen überschütten.

Glücklich ist der, der unter solchen Umständen einen Vertrauten findet, dem er sich ganz hingiebt, mit dem er täglich über das Unglück seiner Lage spricht, der 82 ihm antwortet, wenn es auch nur die allerabgenutztesten Trostgründe sein sollten, denn der Schmerz spricht sich nach und nach aus der Brust über die Lippen hinweg; je mehr man von einem Gegenstande redet, und sich in Worten erschöpft, je mehr vergißt man nach und nach den Gegenstand selbst. Aber Louise war nicht so glücklich, sie mußte ihre Empfindungen ganz in sich selbst verschließen, und eben deswegen wurden sie dauernder und peinvoller; sie suchte auch keine Seele, der sie sich vertrauen wollte, obgleich vielleicht manche ihrer Freundinnen es verdient hätten; denn die tiefern Empfindungen einer feinen Seele vertragen nicht die kalte äußere Luft, wahrhaft empfindende Menschen schämen sich gewöhnlich, von ihren Empfindungen zu sprechen, zwischen ihren Lippen und ihrem Herzen giebt es keine andre Brücke, als einen tiefen Seufzer, der für die meisten Ohren eine Hieroglyphe ist.

Werner erhielt nach mehreren Wochen einen Brief von einem seiner Korrespondenten, daß das Schiff des Eduard Schmidt und seines Onkels unglücklich gewesen, und daß beides, Mannschaft und Ladung, in einem heftigen Sturme untergegangen sei. Werner schüttelte den Kopf, und erinnerte sich nach langer Zeit wieder einmal des jungen Menschen, er trug gar kein Bedenken, diese Nachricht seiner Tochter bei Tische, als eine von den vielen Neuigkeiten, mitzutheilen. Louise ward blaß und ging auf ihr Zimmer, wo sie mehrere Stunden in einer todtenähnlichen Betäubung lag. Alle ihre Hoffnungen, selbst die entferntesten, waren nun untergesunken, alles öde und nächtlich um sie her, sie wagte es nicht, einen Blick in die Zukunft zu werfen, ja nur an den folgenden Tag zu denken, auf einem 83 unabsehlichen wilden Meere trieb sie einsam und verlassen auf einem kleinen Nachen umher. In den ersten Anfällen der Verzweiflung faßte sie den Vorsatz zu sterben und ihrem Geliebten nachzufolgen, sie machte hundert seltsame und schreckliche Entwürfe, ihre Blicke waren starr und unbeweglich auf den Boden gerichtet. Aber so wie die Schwäche der menschlichen Seele tausendfaches Unglück erzeugt; so liegt auch wieder in ihr der größte, ja der einzige Trost für den Elenden, daß sein Geist sehr bald einer hohen Spannung erliegt, unvermerkt läßt er die Flügel sinken, und fällt wieder in die Welt, in die gewöhnliche Alltäglichkeit zurück. So kehrte auch Louise wieder zurück, aber der Schreck, der Gram, die unaufhörliche Furcht, die Reue, alle ihre Wünsche so plötzlich zerschmettert zu sehen, warfen sie aufs Krankenbette. Der Vater, der seine Tochter zärtlich liebte, ließ jetzt sogar oft manche von seinen Arbeiten liegen, um ihr Gesellschaft zu leisten und Trost zuzusprechen, der Arzt bot seine ganze Kunst auf, um sie dem Tode, der sie schon als seine Beute ansah, wieder zu entreißen. Seine Sorgfalt gelang ihm endlich, Louise war außer Gefahr.

Des Vaters Freude, der sein Kind schon verloren gegeben hatte, überstieg alle Gränzen, er sahe sich und seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit gar nicht mehr ähnlich, er belohnte den Arzt reichlich, und behauptete diesem in's Angesicht, daß er ihn nie genug belohnen könne; eine Redensart, die bis dahin noch Niemand aus seinem Munde gehört hatte.

Neun bis zehn Meilen von der Stadt besaß Werner ein kleines Landgut mit einem Garten und 84 Weinberge. Wenn es seine Geschäfte erlaubten, reiste er in manchen Jahren des Herbstes dorthin, lebte einige Wochen auf dem Lande, und kehrte mit erneuerter Gesundheit zur Stadt und zu seinen Geschäften zurück. Auf Anrathen des Arztes reiste er jetzt mit seiner Tochter dorthin, in der gesunden Landluft sollte ihre Gesundheit gänzlich wieder hergestellt werden.

Es schien auch wirklich, als wenn sich Louise auf dem Lande auffallend erholte; ihre Farbe kehrte etwas zurück, und ihr Betragen ward munterer; sie war auf dem Lande von keinen Gesellschaftern geängstigt, die ihr zur Last fielen, indem sie sich einbildeten, die Trauernde zu zerstreuen; sie belustigte sich hier auf einsamen Spaziergängen und in Gesellschaft der schönen Natur. Nach Verlauf von einigen Wochen wollte der Vater wieder zur Stadt zurückkehren, sie bat ihn aber so dringend und anhaltend, daß er sie dort ließ und er allein nach Hause fuhr.

Er kam an und fand eine Menge von Prozessen liegen, die ihm alle seine Zeit raubten. Louisens Briefe meldeten ihm indeß, daß sie von Tage zu Tage gesünder und froher werde, und daß sie ihn mit völlig hergestellter Gesundheit wieder zu sehen hoffe; diese Briefe waren die Erquickung und Erholung des Vaters, der oft bei seinen überhäuften Arbeiten anfing, mürrisch und verdrüßlich zu werden.

Um diese Zeit kam ein junger Mensch von der Universität zurück, der von allen Professoren der Rechte Empfehlungsschreiben an Werner hatte. Er war nämlich auf der Akademie außerordentlich fleißig gewesen, hatte kein Kollegium versäumt, und war den 85 Professoren mit seinen Besuchen außerordentlich oft zur Last gefallen; und da es eine in Europa übliche Sitte ist, daß man einen solchen Menschen, der uns recht oft Langeweile gemacht hat, bei seiner Abreise Briefe mitgiebt, damit er auch einigen unsrer Bekannten die Zeit verderbe, so war der Herr Kandidat Besenberg sehr reichlich mit diesen Anweisungen zum Ennüyiren ausgesteuert. Er war ein Mensch, der in allen Sachen, die nicht zur Rechtsgelehrsamkeit gehören, völlig unwissend war; sein Benehmen war linkisch und lächerlich; wenn er nicht über Paragraphen der Novellen sprechen konnte, so schwieg er lieber stille, denn er hatte den Grundsatz, daß man sich in jedem Diskurse über sein Brodstudium unterrichten müsse, sonst mache man nur, wie ein Verschwender, mit Lippen und Athem unnöthigen Aufwand. Er war ohne Vermögen, aber dabei so geizig, daß er von dem wenigen, was er auf der Universität gehabt hatte, noch ein kleines erspartes Kapital mit sich brachte: er rasirte und frisirte sich selbst, er war sich selbst Bedienter und Freund, denn bis dahin hatte er noch keine Seele gefunden, die sich die Mühe gegeben hatte, mit ihm zu sympathisiren. Dieser Mann kam jetzt an, und überreichte dem alten Werner mit einer demüthigen Verbeugung seine Empfehlungsschreiben.

Werner faßte sogleich eine große Hochachtung für einen jungen Menschen, den ihm die Professoren, seine alten Bekannten, so außerordentlich lobten. Er bat ihn zum Essen und über Tische führte man sehr lehrreiche Gespräche, es wurden mehrere schwierige Fälle abgehandelt und abdisputirt; Werner fand, daß der Kandidat in manchen Sachen, die er jetzt schon etwas 86 vergessen hatte, besser Bescheid wisse, als er; und da ihm dieser endlich nach geendigter Mahlzeit, mit dem dankenden Kusse das Kompliment in den Mund steckte, daß er nun erst von der Universität auf die wahre hohe Schule der Rechtsgelehrsamkeit gekommen sei, um sich völlig auszubilden, so ward Werner von der liebenswürdigen Bescheidenheit des jungen Menschen so bezaubert, daß er von diesem Augenblicke sein wärmster und aufrichtigster Freund war.

Besenberg war, trotz seiner Einfalt, gescheidt genug, um zu bemerken, daß er an dem alten Rechtsgelehrten einen großen Gönner gefunden habe, er suchte ihm daher auf alle Art zu schmeicheln, er ging oft lange um ihn herum, bis er irgend einen Einfall anbringen konnte, den er für ein schickliches und erquickliches Kompliment hielt, und da die meisten Menschen ihr Ohr sehr willig selbst den plattesten Schmeicheleien hinhalten, die manchmal nur durch eine feine, kaum bemerkbare Linie von den Sottisen getrennt sind: so erfreute sich Werner herzlich über diesen Bewunderer, den er gefunden hatte. – Sie setzten ihren Umgang fort, und Werner gewann seinen Freund mit jedem Tage lieber, er ließ ihn endlich unter seiner Aufsicht arbeiten, und war mit der Art, mit welcher dieser es that, außerordentlich zufrieden. Besenberg vermehrte indessen auch seine Kenntnisse, und lernte seine Theorie praktisch anwenden. Der Alte lernte immermehr die Gelehrsamkeit seines jungen Freundes kennen, – sah seinen unermüdlichen Fleiß, dachte an sein Alter und an die Schwäche, die diesem bald folgen würde, und nahm sich endlich in einer frohen Stunde 87 vor, das Glück des jungen Menschen zu machen.

Es giebt wenig Menschen, die den kühnen Ausdruck, Glück machen, bedenken, es wird täglich davon mit eben der Leichtigkeit gesprochen, wie vom Tuchmachen oder andern Manufakturwaaren, und man sieht nur gar zu gewöhnlich Münzen und Banken als Niederlagen und Vorrathskammern an, in welchen Glück für ganze Generationen liegt. Neuere Künstler sollten sich gar nicht mehr die Mühe geben, die Fortuna oder irgend eine Göttin mit einem großen Füllhorn abzubilden, in unsrer Mythologie ersetzt ein gefüllter Geldbeutel einen ganzen Schwarm von Göttern, die in der fabelhaften Zeit, in der Kindheit der Welt, am Glücke der Menschen arbeiteten. Manche Leute, welche behaupten, es gäbe in unserm Zeitalter weniger Royalisten, als ehemals, haben es ganz vergessen, wie alle Menschen, sie selbst mitgerechnet, vor den gemünzten Bildnissen der gekrönten Häupter niederknieen und sie anbeten: denn die Regenten sitzen als Werkmeister und Inspektoren in den Fabriken des menschlichen Glücks oben an, und regieren und gebieten über Farbe und Modell, spediren dann das Produkt in ihre Länder, und lassen es unter ihre Untergebene vertheilen, jedem sein Maaß, je nachdem sie glauben, daß es ihm heilsam sei.

Das Glück, welches der alte Werner jetzt machen wollte, bestand in nichts anderm, als seine Tochter dem jungen Besenberg zur Frau zu geben, und ihm bei seinem Tode sein Vermögen und seine Praxis zu hinterlassen. In den müßigen Abendstunden sann 88 er diesem Plane weiter nach, und baute ihn unmerklicherweise so aus, daß er endlich zum festen Entschlusse geworden war.

Die Tochter kam zurück, und bei weitem froher und gesunder als vorher, sie hatte etwas von ihrer sonstigen Munterkeit wieder bekommen, ihre Augen hatten wieder Feuer und ihre Wangen Röthe; der Vater freute sich, und der Arzt ward in seinen Bemerkungen über die Heilsamkeit der Landluft bestätigt. Besenberg machte ihr seine Aufwartung, und zergliederte ihr den Zusammenhang von einigen verwickelten Prozessen, die er im Begriff war, noch mehr zu verwickeln, um einen unauflöslichen Knoten daraus zu machen, den man nachher entweder mit dem Messer zerschneiden müßte, um lauter unbrauchbare Enden zu bekommen, oder ihn zum Andenken des menschlichen Scharfsinns ganz und gar liegen zu lassen.

Es bedarf gar keiner Erinnerung, daß der rechtsgelehrte Besenberg Louisen durchaus mißfiel, sie antwortete ihm in der ersten Unterredung fast gar nicht, oder mit Unwillen, sie gähnte oft, und verließ ihn endlich. Der Advokat aber bemerkte es gar nicht, daß er ihr mißfallen hätte; daß sie so wenig gesprochen hatte, schrieb er ihrer Bescheidenheit zu, und war herzlich mit sich selbst zufrieden. Der Vater eröffnete nun seinem künftigen Schwiegersohne seinen Plan, der für Entzücken und Dankbarkeit außer sich war; er zweifelte keinen Augenblick, daß er das Herz der Tochter gewinnen würde, da der Vater so sehr für ihn eingenommen war. Louise hörte mit Erstaunen und Schreck den Vorschlag ihres Vaters, sie machte hundert 89 Einwendungen, die aber alle nicht gehöret wurden; der Vater hatte sich diesen Gedanken so fest in den Kopf gesetzt, daß ihn keine Ueberredung und keine Bitten verdrängen konnten; und da Louise auch glaubte, es würde mit der Ausführung des Projekts nicht so sehr geeilt werden, so bot sie nicht alle ihre Kunst auf, um den Vater von diesem Vorsatz zurückzubringen.

Besenberg betrug sich von jetzt in Louisens Gesellschaft ganz als ihr Bräutigam, er gab sich gar keine Mühe, ihre Gunst zu gewinnen, weil er sich als ihren privilegirten Geliebten ansah; das einzige was er that, war, daß er sich ein neues, etwas moderneres Kleid machen ließ. Louise hielt immer alles noch für Scherz, und lächelte zuweilen über den seltsamen Bräutigam, wenn er sie auf der Promenade führte, und so gravitätisch neben ihr hinging, sie so mit seinen Augen bewachte, als wenn es kein Vorübergehender wagen sollte, mit einem Blicke seine Braut auch nur zu streifen. Werner hatte seinen Vorsatz allen seinen Bekannten mitgetheilt, und Besenberg empfing die Gratulationen mit dem kältesten und gesetztesten Wesen von der Welt.

Louise hörte von ihrem Vater, von Besenberg, von allen ihren Freundinnen und Bekannten, daß sie eine Braut sei, daß sie es am Ende selbst glaubte. Ihre Schwermuth war kälter geworden, lag aber immer noch über allen ihren Stunden ausgebreitet; in Gesellschaft verstellte sie sich etwas mehr, aber sie fühlte sich in der Einsamkeit immer noch unglücklich, das Leben erschien ihr in einem gleichgültigen Lichte, und alle Freuden standen weit weg, in einer neblichten Ferne. 90 Sie gewöhnte sich daher beinahe an den Gedanken verheirathet zu werden, in ihrer Gefühllosigkeit war ihr auch der Mann ziemlich gleichgültig, dem sie zu Theil werden sollte, da ihr das Schicksal jenen entrissen hatte, den sie einzig mit Liebe umfangen konnte. Ein Mensch, der sich unglücklich fühlt, ist auch weit leichter zu einem kleinlichern Egoismus geneigt, als die Seele, die durch Freude und Hoffnung aufrecht erhalten wird; sie überlegte daher zuweilen, wenn sie allein war, daß es im Grunde für sie, wenn sie doch einmal heirathen sollte, am vortheilhaftesten wäre, einen einfältigen Mann zu nehmen, der sich mehr seinen Geschäften, als ihr, widmete, der ihr daher nicht so zu Last fallen würde, als ein anderer, der ihr seine Liebe aufdringen wollte, – und so gewöhnte sie sich nach und nach, einen Gedanken ruhig zu ertragen, der ihr, wenn Eduard noch gelebt hätte, fürchterlich gewesen wäre.

Nur ward sie manchmal auf ihr künftiges Schicksal aufmerksamer, wenn sie das Betragen ihres Bräutigams genauer beobachtete. Er that ihr auch nicht den kleinsten Schritt entgegen, stand nicht in der geringsten Furcht ihr Mißfallen zu erregen, sondern sah sie für ein Kapital an, das ihm so sicher, wie in der Bank liege, und auf keinen Fall verloren gehen könne. Hat der Mensch aber einmal auf seine Hoffnungen resignirt, und seine Aussicht begränzt: so gewöhnt er sich nachher an sein trübes Schicksal, wie an das trübe Wetter, das er nicht ändern kann. Dies war der Fall mit Louisen; um ihren Vater nicht aufzubringen, that sie jeden Schritt, den dieser forderte, der nur noch darauf wartete, daß sich Besenberg ansäßig machen sollte, um ihn förmlich zu seinem Schwiegersohne zu erklären.

91 Der Winter und der Sommer vergingen unter allerhand unbedeutenden Vorfällen, die Zeit mindert alle Leiden, sie nimmt nicht den Gram von uns weg, aber sie rückt uns unvermerkt weiter von ihm fort, bis er uns immer kleiner und kleiner erscheint, und endlich sich in dem Nebel der Vergangenheit verliert. Jedes Unglück erscheint uns dann nur wie ein Traum, der uns einige Stunden hindurch ängstigte, der helle Tag, der uns umgiebt, verspottet die dunklen Phantomen, die es nicht wagen, näher zu rücken.

Es war jetzt die Zeit der Weinlese da, und der alte Werner machte wieder den Plan, sein Landgut in dieser fröhlichen Zeit zu besuchen; er wollte dort zugleich die Verlobung seiner Tochter und ihres Vielgetreuen feiern, der dazu die glänzendsten Anstalten machte. Er legte nämlich sein natürliches Haupthaar ab, und ließ sich dafür das passendere Haar von einer Ziege anmessen, er warf sich über Hals und Kopf in die Gravität hinein, und gab den letzten Resten des jugendlichen Aussehens ihren Abschied, er ließ sich examiniren, bestand außerordentlich gut, und war nun geschworner und sehr berühmter Advokat. Man gratulirte von allen Seiten, und die Stadt pries sich glücklich, ein solches Subjekt innerhalb ihren Mauern zu besitzen.

Man machte schon Anstalten zur Abreise, als der junge Herr von Rosenfeld um die Erlaubniß bat, in ihrer Gesellschaft zu reisen, um ganz in der Nähe des Wernerschen Gutes einen Vetter zu besuchen. Werner schätzte es sich für eine Ehre, und veränderte nun den Plan, um die Reise noch lustiger zu machen. 92 Er miethete nämlich ein Schiff, um mit diesem gemächlich den Strom hinunter bis unter die Fenster seines Landhauses zu fahren; in dieses Schiff wurden die nöthigen Sachen besorgt, und an einem heitern Herbstmorgen stieg die ganze Gesellschaft ein, und das Schiff stieß fröhlich und munter vom Lande.

Rosenfeld war ein lebhafter, feuriger, junger Mensch, er gehörte zu den Leuten, die sich für witzig halten, und in diesem Irrthume jedermann beleidigen, der in ihrer Gegenwart bescheiden bleibt. Er hielt sich für einen allumfassenden Kopf, weil er in manche Kollegia auf der Universität, von der er erst kürzlich zurückgekommen war, als Hospes hineingelaufen war, und von ohngefähr die vorgetragenen Sachen so ziemlich verstanden hatte. Er ging mit vielen Leuten um, bloß um sie kennen zu lernen, und lernte sie nur kennen, um ihnen in Gegenwart von andern Sottisen zu sagen. Er machte Gedichte ohne Reim und Rhytmus, und mit häufigen Sprachfehlern, er war eitel und verliebte sich in jedes Mädchen, bloß um seinen Bekannten sagen zu können: er sei in die und die ganz erstaunlich verliebt; er war immer elegant frisirt, ärgerte sich aber bei jeder Gelegenheit gern, und schlug sich mit der Hand vor den Kopf, weil er sich einbildete, ein kleines Herabhängen der Haare in die Stirn kleide ihn vorzüglich gut. Wenn man mit ihm sprach, so antwortete er bei hellem Wetter zuweilen durch einen Triller, bei trübem durch Pfeifen, bloß um seine Originalität auszudrücken. Die jetzige Reise machte er eigentlich nur, um nachher sagen zu können, er habe sie gemacht, denn in dieser Absicht beging er die meisten seiner Narrheiten. Dieser Mensch war ein Gift, aber 93 zugleich ein Gegengift, wenn man lange mit Besenberg zusammen gewesen war; denn in solchen Stunden erschien dieser quecksilberne Narr gegen jenen sauertöpfischen, versessenen dummlakonischen Narren liebenswürdig, aber wenn man eine Zeitlang mit ihm gesprochen hatte, ward er so fade und abgeschmackt, daß man mit Emsigkeit die Gesellschaft des eingepuderten Advokaten wiedersuchte.

Natürlich war schon, als man die Stadt noch nicht aus dem Gesichte verloren hatte, Rosenfeld in Louisen verliebt, er sang einige Arietten, die er ihr mit den Augen widmete, und gleichsam überreichte, er maß ihren Liebhaber mit verächtlichen Blicken, und trank bei der ersten Gelegenheit Brüderschaft mit ihm, um sich in seiner Gesellschaft noch weniger geniren zu dürfen. Das Wetter war schön, die Gegenden, denen man vorbeifuhr, reizend, alle Seelen waren daher heiter gestimmt, und man nahm seine lustige seltsame Galanterie mit Beifall auf. Für feinere Seelen ist dies ein Wink, nicht zu närrisch zu werden, sie fallen dann ihrem wilden Humor in den Zügel, aber Rosenfeld stieß ihm, dadurch aufgemuntert, beide Sporen in die Seiten, und galloppirte unbesonnen weiter, ohne vor oder hinter sich zu blicken. Louise war zum erstenmale wieder in einer humoristischen Stimmung, sie ward daher von der Narrheit ihres neuen Liebhabers unterhalten, es machte ihr Freude, ihn mit dem richterlichen Besenberg zu vergleichen, und zu bemerken, wie sich beide von Herzen verachteten.

Man stieg zuweilen ans Land, um spazieren zu gehen und zu essen; diese Gelegenheiten nutzte 94 Rosenfeld neben Louisen zu wandeln, und ihr seine funkelnagelneue Leidenschaft durch blühende Metaphern zu verstehen zu geben, sie antwortete immer in Scherz, in welchem man weder Ja noch Nein sagt, sondern sich wie ein gejagtes Amphibium aus dem einen Gebiete in das andere rettet. Rosenfeld nahm die Sache immer wichtiger, er glaubte am Ende selbst, und schwur es sich sogar heimlich zu, er sei diesmal recht ernsthaft verliebt. – Im Schiffe spottete er dann wieder über den steifen ungelenken Bräutigam, der ihm lateinische Sticheleien zurückgab, die in dieser todten unverständlichen Sprache für Rosenfeld ihre Spitze verloren; man fing sogar einigemal an, etwas zu zanken, aber der Vater spielte immer den Friedensstifter, und ließ es nicht zu den letzten Gährungen des Witzes von beiden Seiten kommen, und selbst das schaukelnde Schiff neigte sie oft muthwillig nahe zusammen, als wenn sie sich umarmen sollten, doch Rosenfeld that es nicht, und Besenberg hätte es nicht gelitten, um sich Anzug und Perücke nicht verderben zu lassen.

Alle springen endlich aus dem Schiffe, sie richten sich ein, Rosenfeld bleibt im Dorfe, und verschiebt noch den Besuch bei seinem Vetter, um Louisen desto näher zu sein.

Jeder unterhielt sich, so gut er konnte, Louise ging oft einsam spazieren, oft auch in das Dorf, und besuchte Bäuerinnen, die sie im vorigen Jahre hatte kennen lernen; Rosenfeld folgte ihr auf allen Schritten, er suchte sie für sich geneigt zu machen, und malte ihr daher in langen Beschreibungen die schöne 95 Natur aus, die sie deutlicher und besser gemalt dicht vor Augen hatte. Es gelang ihm endlich etwas, zwar nicht Louisens Neigung zu gewinnen, aber doch ihr ihren Bräutigam noch unangenehmer zu machen, sie ließ ihm dies merken, und Rosenfeld versprach ihr, sie von diesem Ueberlästigen zu befreien.

Auf diese Art waren ohngefähr acht Tage verflossen, als Werner einen Tag für die Feierlichkeit der Verlobung bestimmte, es sollte dabei Niemand weiter zugegen sein, als der junge Rosenfeld, und ein paar Bekannte aus der Nachbarschaft.

Jetzt muß der Autor noch zwei Personen kurz beschreiben, die in dem historisch-vaterländischen Pastoral-Schauspiele, welches sich dialogisirt darstellen soll, Mitspieler waren.

Herr Erich war ein Prediger des benachbarten Dorfes. Er trug sich ganz schwarz, den Kragen und die Stiefelmanschetten ausgenommen, er sah immer ehrwürdig aus, und lachte daher auch nur ungern, damit ihm die Gravität nicht unvermerkt aus den Gesichtszügen entwische. Wenn man ihn nur ansah, wurde man schon erbaut; er sprach so langsam und bedächtlich, daß man seiner Rede hundert Schritt vorauflaufen konnte, und überzeugt sein, daß sie ihren Fuß in dieselben Fußstapfen setzen würde. Er hatte vor keinem Menschen Achtung, der nicht wenigstens über dreißig Jahr alt war, er sprach überaus gern mit Dummen, weil diese sich von ihm belehren ließen, und ihre etwannigen Widersprüche nur dazu dienten, ihm Gelegenheit zu neuen Belehrungen zu geben; demüthiger Knecht nannte er sich darum gern, damit das: 96 »Wohlwürden,« desto besser abstechen möchte: dabei glaubte der Mann aber stets, er sei ein Mann nach dem Herzen Gottes, weil er wissentlich keine von den Todsünden begangen hatte, und kitzelte sich in den Abendstunden oft damit, wie es nach seinem Tode in der Leichenrede immer heißen würde: »Der Wohlselige, in dem Herrn Entschlafene.« –

Der zweite war ein ausgedörrter, hypochondrischer Amtmann, der aus einem Anfall von Schwermuth sich auf seine Renten gesetzt hatte, und diese andächtig und in der Furcht des Herrn verzehrte. Er war ein wenig sparsam, und die Bauern, die überhaupt in den Distinctionen nicht sehr Bescheid wissen, nannten ihn geizig. Als er noch Amtmann war, las er fleißig die Bibel; seine Lieblingsstelle war: »Lasset einen jeden Tag für das Seine sorgen:« er verstand darunter die Gefälle und Abgaben. Sein zweiter Spruch war: »Gebet den Armen, doch lasset die Linke nicht wissen, was die Rechte thut;« – da er aber ein wenig mißtrauisch war, so mochte er wohl seine rechte Hand doch nicht für verschwiegen genug halten, sondern etwa argwöhnen, sie könnte manches bei dem häufigen Händefalten der Linken wieder erzählen; er hielt es daher für das Gescheidteste, den Armen gar nichts zu geben. – Dabei war er in seinen Reden einsylbig, sprach und sang ungern, that, so viel es möglich war, alle Reden in Gedanken ab, und ward deswegen für ungemein klug gehalten, weil er gar nicht sprach.

Und nun geht der Vorhang auf: – –

Werner, Besenberg und Louise saßen in ihrem Zimmer, als jemand klopfte, und Pastor Erich hereintrat. – 97

Werner. Es freut mich ungemein, daß Sie mir haben die Ehre erzeigen wollen. Sie umarmen sich. – Wie haben sich Ihre Wohlwürden seitdem befunden? Wir haben uns lange nicht gesehn.

Erich. Wohl, Gott sei Lob und Dank, wohl – Ja, es ist eine geraume Zeit; sie vergeht schnell. – Die Mamsell Tochter?

Louise verneigt sich.

Werner. Aufzuwarten.

Erich. Habe die Ehre von Herzen zu gratuliren.

Louise verneigt sich.

Werner. Danke gehorsamst.

Erich. Sie thun jetzt einen wichtigen Schritt in Ihrem Leben, Gott wird Ihnen seinen Segen zukommen lassen.

Louise verneigt sich.

Werner. Ich hoffe, das wird er, Herr Prediger.

Amtmann trat herein.

Amtmann. Guten, guten Tag, werthgeschätzer Herr Werner. – Wie befunden?

Werner. Wohl, wohl, freue mich unendlich – Umarmungen.

Amtmann. Gratulire gehorsamst. – Hab' auch ein neues Pferd gekauft.

Werner. Danke unterthänigst. –

Amtmann. Der Herr Bräut'gam?

Besenberg. Habe die Ehre.

Amtmann. Gratulire. 98

Besenberg. Viel Gnade, Freude für mich, und sage gehorsamsten Dank.

Erich. Sie sind gesonnen, sich heut christlich in dem Herrn mit sammen zu verloben?

Werner. Wenn es dem Himmel gefällt, so ist es unser allerseitiger Wille. – Belieben Sie doch gütigst Platz zu nehmen; belieben Sie zu kosten. – Er schenkt ein, man trinkt.

Amtmann. Gut Glas Wein.

Besenberg. Ungemein excellent und delikat! –

Rosenfeld tritt herein, und macht von allen Seiten Verbeugungen, die beiden Fremden sehen sein Luftspringerwesen mit großen Augen an.

Rosenfeld. Ich habe die Ehre meinen herzlichsten Glückwunsch abzustatten, daß die ewig lächelnde Fortuna stets in Ihrem Hause wohnen möge.

Verbeugungen; er setzt sich und fixirt beständig Louisen, lächelt, und man sieht, daß er sich auf seinen Verstand etwas zu Gute thut. Er hatte nämlich einen Universitätsfreund von sich in der Nähe aufgetrieben, einen Menschen, der von Jugend auf in Privatkomödien die erste Rolle gespielt hatte. Mit diesem und einem Kammermädchen hatte er einen Plan abgeredet, um die Verlobung auf jeden Fall zu hintertreiben. Wachtel, so hieß sein Freund, setzte den Genuß seines Lebens darin, Bekannte und Unbekannte zum Besten zu haben, er lief oft verkleidet umher, fand sich in jede Rolle gleich ganz gut, die er spielen wollte, und war selbst seinen besten Freunden zuweilen unkenntlich. Auf die Geschicklichkeit dieses Menschen verließ sich 99 Rosenfeld, er erwartete ihn in kurzer Zeit, und suchte daher die Gesellschaft vorzubereiten.

Rosenfeld. Ich trinke auf Ihr Wohlsein, Herr Bräutigam, und auf die lange Dauer dieser Freude.

Besenberg. Gratias! – Sie wird dauern unaufhörlich, bis spät im Alter, werthgeschätzter Herr Rosenfeld.

Rosenfeld. Dafür können Sie aber nicht gut sagen, mein Herr, ich habe schon manchmal erlebt, daß dies Glück nur bis drei Tage nach der Hochzeit währte.

Besenberg. Dieses kann nur bei Menschen der Fall gewesen sein, die sich nicht so zärtlich liebten.

Erich. Bei den Gottlosen.

Amtmann. Richtig. –

Rosenfeld. Es entsteht aber zuweilen ein gar plötzliches Unglück. Ich habe Fälle erlebt, die außerordentlich seltsam waren, und herrlichen Stoff zu Komödien liefern würden. Und so können Sie auch nicht dafür stehn – –

Besenberg. Ich glaube aber dafür stehn zu können, ich bin noch bis jetzt Gottlob in keiner Komödie erschienen.

Rosenfeld. Was nicht ist, kann noch werden; Gott führt seine Heiligen oft wunderlich.

Werner. Nein, auch ich will Bürge dafür sein.

Rosenfeld. Ich will auch eben nicht länger zweifeln; – aber Sie werden sich doch in der Kirche aufbieten lassen?

Besenberg. Ohne Zweifel. 100

Erich. Unsre Religion bringt es so mit sich.

Rosenfeld. Sie fürchten doch keinen Einspruch?

Besenberg. Wo sollte denn der Einspruch herkommen?

Rosenfeld. Man kann manchmal nicht wissen, Sie sind jung, haben ein empfindsames Herz, – wenn dies nicht mehr frei wäre –

Besenberg. Hypothesen!

Werner. Ich kenne meinen Schwiegersohn.

Rosenfeld. Sie sind so zuversichtlich?

Besenberg. Das kann ich sein.

Rosenfeld. Besinnen Sie sich, ich bin Ihr aufrichtiger Freund, und ich möchte nicht gern –

Besenberg. O, lassen wir die Späße.

Rosenfeld heimlich zu ihm. Aber geben Sie doch klein bei, ich weiß ja alles.

Besenberg. Nun, was wissen Sie denn?

Werner. Was haben Sie denn für Heimlichkeiten, Herr Sohn?

Besenberg. O, nichts; ich werde nur ein wenig gefoppt, es beliebt dem Herrn von Rosenfeld, einen gnädigen Scherz mit mir vorzunehmen.

Rosenfeld. O nicht im mindesten, ich bin heut weit ernsthafter, als gewöhnlich.

Besenberg. O man kennt sie schon.

Rosenfeld mit verstelltem Zorne. Man kennt mich? – Nein, mein Herr, aber nun soll man mich und auch Sie kennen lernen. Ich hätte gern geschwiegen, 101 wenn es wäre möglich gewesen, aber da Sie mich nun selbst auffordern –

Werner. Wie? Was ist denn? Ums Himmels willen!

Erich. Unfriede? – Mit nichten müsse sich der in so angenehme Gesellschaft einschleichen.

Rosenfeld. Der Herr da fordert mich nun durch seine Beleidigungen auf, alles zu sagen. – Es mag also sein, – und kurz und gut, ich sage Ihnen, es kann und wird allerdings Einspruch geschehen.

Einspruch? riefen alle mit einer Stimme.

Ja, meine Herren, fuhr Rosenfeld sehr ernsthaft fort, dieser Mensch da hat ein armes Mädchen verlassen, und unglücklich gemacht. –

Ich ein Mädchen unglücklich gemacht? Hat man je dergleichen gehört! rief Besenberg mit dem größten Erstaunen.

Rosenfeld. Er hat ihre Liebe gemißbraucht, und sie dann auf die schändlichste Weise verrathen. Die Pflicht und die christliche Liebe fordern mich auf, zu sprechen.

Werner. Nun, so sprechen Sie, mein Herr, sprechen Sie!

Besenberg. Ich falle aus den Wolken – ich bin versteinert, – boshafte Lügen. –

Rosenfeld. Lügen? – Nun, so will ich Ihnen denn Jemand hereinführen, und ich will doch sehen, ob Sie den auch werden Lügen strafen. Er ging.

Die ganze Gesellschaft war hoch verwundert. 102 Besenberg protestirte in abgebrochenen Worten unaufhörlich gegen diese Beschuldigung. – Rosenfeld kam mit dem Kammermädchen zurück.

Rosenfeld. Hier steht nun die Unglückliche vor Ihnen, meine Herren. – Sehn Sie nur, wie der Bösewicht in Ihrer Gegenwart roth wird. –

Besenberg. Ich roth?

Rosenfeld. Kennen Sie nicht diese Person?

Besenberg. Woher sollt' ich Sie denn kennen? –

Was, Christoph, fuhr das Mädchen auf, Du willst mich nicht kennen? – Ach, wie viel Gottlosigkeit hat der Mensch hinter seinen Ohren! – Er kann sich so ehrlich und dumm anstellen. – Die Schlange unter Blumen.

Besenberg. Die Sache wird ernsthaft, meine Herrn! – entweder ich bin verrückt, oder ich habe dieses Mädchen nie mit Augen gesehn! –

Boshaft bist Du, rief Charlotte wüthend aus. – Nicht mit Augen gesehn? – Ach mir gehn die Augen und der Verstand über solche Niederträchtigkeiten über! – Nicht mit Augen gesehn? – Hab' ich nicht neben Dir auf der Universität in der kleinen Gasse gewohnt? – Hast Du mich nicht immer in Deinem blauen abgetragenen Mantel besucht? – Hast Du nicht –

Besenberg. Das Weibsbild ist offenbar im Kopfe verrückt.

Charlotte. Ja, aus Liebe zu Dir, Du Undankbarer! – Ach, was soll ich nun anfangen, da er so verstockt ist, und mich gar nicht einmal kennen will? – Ach, ich bin ein unglückliches Mädchen auf Zeitlebens! 103

Besenberg. Der kürzeste Weg wäre, hier eine gerichtliche Untersuchung anzustellen.

Charlotte. Ja, ja, thu es nur, damit Deine Schande und Deine Niederträchtigkeit recht offenbar werden, damit es die ganze Welt erfährt, wie hinterlistig Du mich betrogen hast.

Werner. Ich weiß beim Himmel nicht, was ich denken soll.

Besenberg. Daß das ohne Zweifel ein Streich vom Herrn von Rosenfeld ist.

Rosenfeld. Von mir, nun so wollt' ich – –

Erich. Sapienti sat! – Man sollte die erhitzten Gemüther wieder ein wenig beruhigen, ehe der Diskurs fortgesetzt wird.

Amtmann. Jeder sollte sich besinnen, ein Glas Wein trinken, und dann mit Bedacht weiter reden.

Werner. Hier ist nichts zu besinnen; mir fängt an der Kopf umherzugehn. – Sollte ich mich so geirrt haben? Sollten alle meine Plane so in Einem Augenblicke zerfallen?

Besenberg. Ich betheure öffentlich und laut meine Unschuld, ich schwöre, daß mir diese Kreatur unbekannt ist, ich erkenne sie nicht und werde sie nie erkennen!

Charlotte. Kreatur? – Kreatur? – O, das soll einem nicht durch die Seele gehn, das soll nicht kränken! – Man könnte verrückt drüber werden. – Aber schon gut, schon gut, ich habe meinen Vater herbestellt, wir wollen doch sehn, ob Sie dem auch so dreist ins Gesicht leugnen werden. 104

Besenberg. Das werd' ich, das werd' ich ganz ohne Zweifel.

Werner. Leugnen ist noch kein Beweisen, und auf die Beweise kömmt es hier einzig und allein an. Wie gesagt, ich weiß gar nicht mehr, was ich denken soll.

Besenberg. Sie fangen an zu zweifeln, werthgeschätzter Herr Schwiegervater?

Werner. Den Namen, Herr Sohn, verbitt' ich mir, bis die Geschichte da ausgemacht ist. Das scheint mir jetzt noch im weiten Felde zu liegen.

Besenberg. Ich schwöre –

Charlotte. Hören Sie nicht darauf, er schwört falsch, er hat mir auch geschworen, und seinen Schwur doch gebrochen. – Kommen Sie nur herein lieber Vater und räumen Sie hier etwas auf.

Jetzt trat ein langer alter Mann von ehrwürdigem Ansehn in das Zimmer, es war Niemand anders als der verkleidete Wachtel. Er trug ein Kind in den Armen, das ohngefähr ein Jahr alt zu seyn schien.

Ich bitt' um Verzeihung, daß ich so dreist bin. Ich bin der Vater dieses unglücklichen Mädchens und der Großvater dieser armen verlassenen Waise hier. Der gottlose Mensch da hat mir einen Enkel gegeben, und will nun sein Blut nicht anerkennen.

Besenberg. Enkel!! –

Allen versagte das Wort im Munde, sogar der Amtmann blickte auf und betrachtete aufmerksam das Kind.

Rosenfeld. Gar kein Zweifel, denn sehn Sie nur, ist ihm das Kind nicht wie aus den Augen geschnitten? – 105

Besenberg. Ueber diese Frechheit will mir fast der Verstand stille stehn.

Wachtel. Glaube nicht, daß Du mit Deiner Bosheit glücklich Deinen Endzweck erreichen wirst. – Und sollte sich Niemand anders weiter finden, so bin ich fest gesonnen, Dir den Hals umzudrehen. Ich halte es für die Pflicht eines Vaters.

Besenberg griff erschrocken nach seiner Halsbinde, das Zimmer ward ihm zu eng und kam ihm wie eine Mördergrube vor, er schien sich ein Wild zu sein, das man von allen Seiten jagte, und dessen Fell und Fleisch man schon unter die Anwesenden vertheilt hatte.

Werner. Ihre Miene wird immer verwirrter, Sie wissen nichts Vernünftiges zu antworten, das böse Gewissen sieht ihnen aus den Augen heraus.

Amtmann. Er ist quasi vogelfrei.

Besenberg. Vogelfrei?– Vogelfrei? – Wissen Sie denn, was der Ausdruck bedeutet, mein Herr?

Wachtel. Daß Du der größte Schurke auf Gottes weitem Erdboden bist. – Ach, meine Herrn! ein alter Vater fühlt sich zu sehr gekränkt, als daß er seinen Zorn in Schranken halten könnte, die starken Gefühle der Natur vergessen die Höflichkeit, – und Thränen machen mir die Zunge schwer.

Erich. Armer Alter! Da habt Ihr ein Glas Wein! Erholt Euch wieder.

Wachtel. Danke, danke, wohlwürdiger Herr. – Ach, Herr, er ist ja um nichts besser, fast um nichts reicher, als ich bin, wir sind ja alle nur Menschen, 106 warum will er meine Tochter denn nicht zur Frau nehmen? – Aber nein, es ist wahr, er ist kein Mensch, er ist ein Ungeheuer von der größten Sorte!

Charlotte. Ach schimpft nicht so Vater, ich liebe ihn doch immer noch. –

Rosenfeld. Nun Herr Besenberg, fassen Sie einen kurzen Entschluß! Sind Sie der jämmerlichen Rolle noch nicht bald überdrüßig, die Sie spielen? Erklären Sie sich, wollen Sie das Mädchen heirathen? Hier ist ein Herr Geistlicher, der sogleich die Mühe über sich nehmen wird, Sie beide zu kopuliren.

Erich. Um Unrecht wieder Recht zu machen, mit Freuden.

Werner. Meine Tochter bekömmt er nun so in alle Ewigkeit nicht.

Dies ging dem armen Advokaten denn doch zu weit, er sprang auf und stieß den Priester heftig von der Seite, der ihm die Hand freundlich zur Friedensstiftung entgegen streckte. Der Amtmann rückte schnell hinter den Tisch, und Rosenfeld folgte ihm mit einer Kapriole. Wüthend nahte sich Besenberg Wachteln und dem Kinde. Das schändliche Balg! rief er aus, und hob tückisch die Hand auf, um dem Kinde einen derben Schlag zu geben, als Louise plötzlich weinend hervorstürzte, und mit dem Ausruf: mein Eduard! den Kleinen in ihre Arme schloß, und mit Thränen und Küssen bedeckte.

Ein neues Erstaunen machte alle Gesichter starr, alle waren wie in einem bezauberten Feenschlosse, Niemand traute mehr seinen Sinnen. – Nur Werner schien nun plötzlich den Zusammenhang der ganzen 107 Geschichte zu errathen, er war vor Zorn nicht Herr seiner selbst, er eilte schäumend auf Louisen zu, die erschrocken zur Thür hinaus und zur Treppe hinuntereilte.

Die verkleideten Personen vergaßen ihre Rolle und redeten in ihrer natürlichen Sprache, sie fanden ganz andere Scenen vor, als sie einstudirt hatten, und waren wie betäubt; man hielt es gar nicht mehr der Mühe werth, die vorige Geschichte in Erwähnung zu bringen, sondern man dachte nur an die plötzliche Wendung, die sie genommen hatte: nur Besenberg saß jetzt kühn und trotzig im Gefühl seiner Unschuld da.

Athemlos, bleich, mit verworrenem Auge kam Louise zurück, – und wer an ihrem Arme? – Eduard Schmidt, der todtgeglaubte. Eine wunderbare Begebenheit drängte die andere, dem alten Werner tanzte das Zimmer und alle Meublen vor den Augen umher; man erkannte sich, man suchte Worte und fand vor Erstaunen keine; man fragte und wartete auf keine Antwort; wie eine Gesellschaft von Betrunkenen sprach alles durch einander, Nachsätze voran, und die Vordersätze hinkten hinter her. – Als der Sturm der Verwunderung und Verwirrung sich etwas gelegt hatte, klärte sich alles auf, Eduard hatte sich damals im Schiffbruche gerettet, sein Onkel war gestorben und er hatte dessen Vermögen geerbt, hatte aber wegen tausenderlei Hindernisse nicht schreiben können; die Briefe in der Stadt waren liegen geblieben, und er hatte sich nun selbst auf den Weg nach dem Gute gemacht, seine Louise wieder zu sehn, er drückte sie und seinen Sohn zärtlich in seine Arme, die Verlobung ward noch an demselben Tage gefeiert.

108 Besenberg und Rosenfeld waren beide gleich verdrüßlich, ersterer, weil ihm die Braut nun gänzlich mit dem Vermögen des Alten genommen war, und Rosenfeld darüber, daß er nun alle seine Maschinen vergebens hatte spielen lassen.

Man sühnte sich von allen Seiten wieder aus, und in wenigen Wochen feierten Louise und Eduard ihre Hochzeit. –

 


 








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.