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Die Rebächle

Hermine Villinger: Die Rebächle - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHermine Villinger
titleDie Rebächle
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunSechste Auflage
year1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070521
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I

»Großmama kommt!«

Große Aufregung im Kinderzimmer des Herrenhauses. Die Aelteste kam mit der Bürste, denn sie hatten alle viere lange, leuchtende tief über den Rücken fallende Mähnen, die ewig in Unordnung waren. Und wie ging diese Zehnjährige mit den Haaren ihrer Schwestern und ihrem eignen um! Aber trotzdem, trotz aller »Au's« und »Ach's!« immer wieder der laut hervorbrechende Freuderuf:

»Großmama kommt!«

Mademoiselle holte die schlichten weißen Sonntagskleidchen aus einem der beiden uralten Schränke im Hintergrund der Stube – wahre Kunstwerke an Gediegenheit und Schönheit. Der Raum selbst, ein Saal fast, hoch, luftig, gleich links vom Eingang des Herrenhauses gelegen, mit drei Fenstern nach seitwärts in den Garten und dreien nach vornen auf die staubige Landstraße, an der sich ein ödes, stilles, wie ausgestorben erscheinendes Dörflein hinzog.

Um so lebendiger ging's im Herrenhause zu. Die Aelteste – Leithammel hatte sie Großmama getauft, und wenn Großmama taufte, das saß fest – Leithammel hatte ihre jüngeren Schwestern, die sich beim Anziehen nicht gehörig tummelten, geohrfeigt. Nun heulten die beiden, und Leithammel schrie sie im höchsten Grade empört an: »Ihr werdet doch nicht Großmama mit roten Augen empfangen wollen –,« tauchte ein Handtuch ins Wasser und wollte damit den Schwestern übers Gesicht fahren. Sie schrien und suchten sich zu retten, indem sie über Tische und Stühle sprangen, wobei die frischgebürsteten Haare von neuem in Unordnung gerieten. Sie waren aber lange nicht von derselben herrlichen Ueppigkeit wie Leithammels Löwenmähne. Auch von dem sprühenden Leben der älteren Schwester war an diesen beiden Mädchen, die acht und neun Jahre zählten, nichts wahrzunehmen. Die ältere hieß Georgine, und da sie immer zusammenhielten und sich wenig voneinander unterschieden, nannte sie Großmama die Georginen.

Sie hatten sich hinter Mademoiselle geflüchtet, die eben die kleine Unnütz kämmte. Ein noch ganz kleines Geschöpfchen lag in der Wiege, friedlich schlummernd, trotz allen Lärmes.

»Quel pays,« seufzte die Französin, als die Mädchen bei ihrer wilden Jagd sie fast umrissen. Aber sie mischte sich nicht in ihre Händel – dazu war ihre Stimme viel zu schwach, und dann –

»Mademoiselle,« sagte die kleine Unnütz, indem sie der Erzieherin mit tiefen, aufmerksamen Augen in das verblühte Gesicht sah, »Sie haben immer ein rotes Bäckle, wenn Großmama kommt– warum denn nicht zwei?«

Die Französin lächelte, indem sie mit sanfter Hand über des Kindes Wangen strich.

Ueber ihrem mit Schulheften und Büchern beladenen Arbeitstisch hing ihr Jugendbildchen, eine kleine, noch in Paris aufgenommene Photographie, die trotz der Krinoline, welche die junge Französin trug, ihre feine, schlanke Gestalt in dem hellen Musselinkleidchen erkennen ließ. Eine kurze schwarze Seidenmantille fiel ihr von den Schultern, und aus dem weißen Kapottehut sah ein schmales, von schwarzen Haaren umrahmtes Gesichtchen, mit dunkeln, hilflosen Augen. Die behandschuhten Händchen mit weit ausgestrecktem kleinem Finger ruhten ergeben übereinander.

Eine Waise, hatte sie ihr Leben von der frühesten Kindheit an in einem Kloster des Sacré-Coeur in Paris zugebracht, und es war ihres Herzens innigster Wunsch, sich für immer dem Dienste Gottes zu weihen. Niemand war da, der sich diesem Wunsche hätte widersetzen können, aber nun wollte es das Schicksal, daß gerade sie vom Kloster dazu bestimmt wurde, sich in der deutschen Sprache auszubilden. Eine Stelle in Deutschland wurde für sie ausgesucht, wo sie die Kinder im Französischen unterrichten und dafür von der ältesten Tochter im Hause deutschen Unterricht erhalten sollte.

Allein die Lippen der armen Mademoiselle Cassal waren nicht für die deutschen Laute geeignet. Trotz aller Mühe – Mademoiselle machte keine Fortschritte. Sie selbst war eine ausgezeichnete Lehrerin; schon in kurzer Zeit hatten die ihr anvertrauten Zöglinge das schönste Französisch gelernt. Sie war darum der Meinung, es fehle ihr am richtigen Unterricht, und wechselte ihre Stelle. Sie wechselte fort und fort, indem sie immer wieder bei ihrem Kloster um Verlängerung ihres Aufenthaltes in Deutschland bat.

So war sie eines Tages auf ihren Irrfahrten bei der Großmama ihrer jetzigen Zöglinge gelandet. Wie gütig, wie herzenswarm war ihr damals diese junge, strahlende, wunderschöne Frau entgegengekommen – ihr, der so schüchternen, sich überall fremd fühlenden und ewig nach ihrem Kloster sehnenden Französin! Frau Grossi sprach ein schauderhaftes, für die Ohren einer Französin geradezu unmögliches Französisch. Mademoiselle versuchte sich mit einigen deutschen Brocken verständlich zu machen, und das Ende vom Liede war, daß die beiden Frauen Tränen lachend voreinander saßen, sich immer wieder die Hände schüttelten und, ohne daß sie auch nur das geringste voneinander wußten, mit »oui, oui« und »ja, ja,« – ihre Zusammengehörigkeit bekräftigten.

Nachträglich erfuhr dann Mademoiselle, daß sie bei einem Künstlerpaar Stellung genommen hatte.

Aber sie hatte nicht den Mut, der schönen, ihr so sympathischen Frau das Wort zu brechen. Sie hatte auch nicht den Mut, ihrem Kloster gegenüber mit der Wahrheit herauszurücken. Sie berichtete nur, daß sie endlich auf dem rechten Wege sei.

Ein kleines, sechsjähriges Mädchen war ihr anvertraut. Ein deutscher Lehrer kam täglich ins Haus, dessen Stunden Mademoiselle beiwohnte. Sie bemerkte, daß sie bisher niemals einen so gründlichen Unterricht genossen, und gab sich darum der Hoffnung hin, in kurzer Zeit ihr Ziel erreicht zu haben. Bald aber – schon nach wenigen Wochen – machte sie die Entdeckung, nicht den Stunden des deutschen Lehrers, sondern ganz allein dem Umgang mit Madame hatte sie ihr plötzliches Verstehen der deutschen Sprache zu verdanken.

Wenn Frau Grossi mit den Worten bei ihr eintrat:

»Gelt, Cassalele, du denksch nimmer an dein Kloster – du siehsch ja, wie notwendig du mei'm Alicele bisch –«

Mademoiselle zog ihre Stirne ein wenig kraus und stammelte in Anbetracht des ihrer wartenden Berufes ein »Mon Dieu –«.

Frau Grossi aber fuhr unbeirrt weiter:

»Was soll denn aus dem arme Kind werde ohne dich – Künstler sollte keine Kinder habe – 's steht ewig Sturm im Kalender in einer Künstlereh – einmal bin ich wütig, einmal isch er wütig – immer umschüchtig, wer gerad eine große Roll hat – Guck, ich bet nit oft, aber ebe dank ich jeden Abend Gott, daß ich dich gefunde hab. Ich werd noch ganz fromm, Cassalele, wenn du bei uns bleibsch –«

Die Wangen der Französin umzogen sich mit einer feinen Röte.

»O Madame, wenn ich Ihre Seele Gott zuführen könnte!«

»Bleib nur, dann wirsch sehe,« lachte die schöne Frau sie an.

Und die Französin nahm sich vor: ein Jahr oder zwei, das bin ich einer solchen Seele schuldig –

Und wiederum bat sie um Verlängerung ihrer Studienzeit.

Ihren alten soliden Holzkoffer packte sie darum doch nicht völlig aus, auch beschäftigte sie sich nach wie vor in ihren einsamen Abendstunden mit ihrer Reise nach Paris, dem Ziele ihrer Sehnsucht.

Inzwischen nahm sie sich auf das gewissenhafteste der Erziehung der kleinen Alice an. Ein stilles Kind, bildhübsch, mit großen, freundlichen Augen. Mademoiselle konnte sich nicht genug wundern, wie wenig oder besser gar nichts diese Kleine von der lauten, oft so heftigen Art ihrer Eltern an sich hatte. Und daß diese sich so gar nicht vor ihrem Kind in acht nahmen! Wie konnte Herr Grossi oft seine Frau anfahren und über sie herfallen und schelten und sie mit Vorwürfen überschütten –

Und sie, ohne eine Spur von Angst oder Verlegenheit: »Was hab ich denn wieder gemacht – daß ich manchmal ein bißle vergeß, daß ich verheiratet bin – was isch denn da dabei –«

Dazu jenes unnachahmliche Achselzucken, womit die schöne Frau alle Unannehmlichkeiten des Lebens kurzweg von sich zu weisen pflegte.

Oft des Abends, wenn Mademoiselle mit ihrem Zögling in ihrem kleinen Hinterstübchen, dem Lernzimmer, saß, wie ging es da in den Studierzimmern der Eltern zu! Einer Posaune gleich dröhnte das schöne Organ des Schauspielers durch das Haus; und Mademoiselle glaubte oft deutlich das Wort Scheidung unter dem Schwall von Vorwürfen zu verstehen, deren übriger Sinn ihr dunkel blieb.

»Die Eltern studieren,« sagte sie zu dem Kind, das sich übrigens nicht im mindesten aufregte, während Mademoiselle die ganze Nacht nicht schlief vor Angst um ihre geliebte Madame, die sie nach einer solchen Szene am Abgrund der Verzweiflung vermutete.

»Etsch,« hörte sie sie am andern Morgen auf der Treppe zu ihrem Gatten sagen, »ich hab mir doch wieder ein Paar neue Handschuh kauft; auf der Gass' kannsch mich nit schelte –«

Zuweilen, nach dem Theater, wenn das Publikum das Künstlerpaar besonders gefeiert hatte, konnte es vorkommen, daß sich die beiden wie kleine Kinder um ihre Lorbeerkränze stritten. Alles in der unverfälschten Sprache ihrer Heimatstadt, in der sie beide aufgewachsen waren. Gar seltsam machte es sich, wenn dann die kleine Alice mit ihrem »Boujour, papa, bunjour, maman,« wie ein Püppchen angezogen zwischen ihren frisch darauflos »gässelnden« Eltern erschien. Ein Kind, das niemals ohne Erlaubnis von den Bonbons aß, welche die jungen Mädchen der Stadt dem entzückenden Töchterchen des angeschwärmten Künstlerpaares zusteckten.

»Ich weiß nit, wie ich zu dem Teigaff komm,« sagte Mama Grossi, indem sie den Inhalt der gewissenhaft abgelieferten Düten selber aufaß, »nit ein Aederle hat sie von mir –«

Daß sie so gern naschte, daß es ihr nirgends wohler als auf der Gasse war, das alles gab täglich zu den unliebsamsten Szenen zwischen den Eheleuten Anlaß.

»So renn doch nicht immer fort,« schrie Herr Grossi seiner Frau nach, »kannst du denn nie zu Hause bleiben – dein Mann soll dir genug sein –«

»Er isch mir aber nit genug,« gab sie ihm lachend zur Antwort, »ich brauch mein bißle Bewunderung – Mensche brauch ich, die mich anlache – mach du dein finstres Gesicht an d' Wänd hin –«

Dann wieder kamen Tage, da war eitel Sonnenschein im Hause. Herr Grossi, der blutjung aussah mit seinem bartlosen Gesicht und der überschlanken Gestalt, nahm dann wohl die kleine Alice auf den Schoß und sang ihr ein Liedchen vor. Aber so sehr er sich auch mit ihr abmühte, sie hatte kein Gehör.

»Wie alt bist du denn jetzt, Liebling?« fragte er die Kleine eines Tages.

»Zehn Jahre, Papa,« gab das Kind zur Antwort.

»Hui, rief er aus, »das ist ja schon ein ganz gehöriges Alter. Weibele, weisch noch,« wandte er sich zu seiner Frau, »mit zehn Jahren kam mir's zum erstenmal zum Bewußtsein, was Liebe ist – vorher, in der Kleinkinderschul haben wir uns – wahrscheinlich aus unverstandener Sympathie – am liebsten gehauen. Später dann, an einem Sonntag, ich seh dich noch im weißen Kleidle aus dem Herrengäßle treten – da bin ich wie wahnsinnig heimgerannt: »Mutter, Mutter, ich hätt nicht geglaubt, daß die Lieb so schnell kommt – sind meine Ohren sauber, Mutter?«

Nun lachten sie herzlich und sprachen von ihren Kinderstreichen, und wie sie sich zum erstenmal geküßt –

»Damals vor dem kleine Konditorlade, für die süße Mandle,« sagte Frau Grossi.

»Ich glaub, ich hab dir nie gesagt, wo ich das Geld dazu hergenommen –« meinte der Gatte.

Bei diesen Worten erhob sich Mademoiselle und wollte die kleine Alice rasch von den Knien ihres Vaters ziehen.

»Halt,« rief dieser, »Pardon, Mademoiselle, noch eine ernste Frage: Gestehe deinem Vater, Alicele, weißt du schon, was Liebe ist?«

»O ja,« sagte das Kind, »j'aime, tu aimes, il aime –«

Und während die Eltern sich vor Lachen nicht zu lassen wußten, verzog sich Mademoiselle schleunigst mit ihrem Zögling in die hintern Stübchen.

»Cassalele,« sagte Frau Grossi einmal nach einem solchen Auftritt, »warum laufsch denn immer gleich mit dem Kind davon, wenn's ein bißle bunt bei uns hergeht? Du mußsch mir mei Alicele nit so vornehm erziehe – ein Kind soll wisse, was es für Eltern hat, das schadet gar nix. Mein Vaderle selig isch auch jeden erste Sonntag im Monat mit einem Räuschle aus 'm ›Kaiser Alexander‹ heimkomme. Da hat er geschimpft wie ein Rohrspatz und recht wüscht getan. Am andern Morge aber isch alles wieder gut und vergesse gwese. ›Ich hab halt mei Räuschle,‹ hat er gsagt, ›wie d'Mutter ihren Waschtag hat – man muß alles hinnehme.‹ So mein ich, soll auch 's Alicele die Licht- und Schatteseite ihrer Eltere hinnehme lerne –«

Aber Frau Grossi war nicht die Person, ihre Ansichten durchzuführen. Was sie gesagt, hatte sie schon im nächsten Augenblick wieder vergessen. Und Mademoiselle erschrak vor der Zumutung, einem Kind derlei Einblicke ins Leben zu gestatten. Hielt man nicht im Kloster den Kindern alles fern, was ihrer Unschuld zu nahe hätte treten können? Nein, bei allen Vorzügen ihrer geliebten Madame, von Kindererziehung hatte sie keine Ahnung. Sie sagte es ja selbst. Die Aufgabe, Alice zu einem ausgezeichneten Geschöpf heranzubilden, lag also ganz allein in ihren, der Erzieherin Händen.

Und sie erlebte nur Freude an dem Kinde. Das Lernen wurde der Kleinen zwar sehr schwer, aber sie war von einer beispiellosen Unschuld, und nie noch war eine Frage über ihre Lippen getreten, die Mademoiselle schwer gefallen wäre zu beantworten.

Aber wie lange noch, fragte sich die Französin, werde ich sie in dem Wahne erhalten können, daß ihre Eltern in einer glücklichen Ehe leben?

Und sie zitterte vor dem ersten Zweifel in des Kindes klarem Blick –

Allein bevor dies geschah, stand die kleine Alice eines Tages schwarz gekleidet vor dem Sarge ihres Vaters, während ihre Mutter sich zu dessen Füßen wand und der Theaterchor im Nebenzimmer in getragenem Tone »Wie sie so sanft ruhen« sang.

Der beliebte Künstler war in einer Probe in eine Versenkung gestürzt und hatte das Genick gebrochen.

»Er isch in seine eigne Grub gefalle,« teilte Frau Grossi eines Abends ihrem Cassalele unter heißen Tränen mit, »'s war sein ewiger Vorwurf, ich ließ mich auf der Bühn küsse – Ach Gott, ich bin immer so in meiner Roll, ich hab keine Ahnung, küßt mich einer oder küßt er mich nit – da hat er mir in der Generalprob aufgepaßt und schießt auf einmal wie ein Wahnsinniger hinter der Kuliß vor, mitte in die Versenkung nein –«

Sie schluchzte zum Erbarmen.

»Guck, Cassalele,« preßte sie unter ihren Tränen hervor, »wir ware so glücklich – von Kindesbeine an habe wir uns gern gehabt – du hasch ja keine Ahnung, was das heißt, so eine große Lieb zu verliere – er war ja manchmal ein bißle wild, aber wenn er immer zahm gewese wär, hätt ich ihn nit halb so lieb gehabt. Er war ein Engel – o Cassalele, gelt, gelt, du verlaßt mich nit in mei'm tiefe Elend, du bleibsch bei mir?«

»Ewig, ewig,« versprach die Französin.

Und als Frau Grossi in überströmender Dankbarkeit das kärgliche, scheue Geschöpf an ihr warm pulsierendes Herz zog, da wäre die Französin am liebsten gleich auf der Stelle für ihre geliebte Madame durchs Feuer gegangen.

Sie hatte aufgehört, an ihr Kloster zu schreiben.

»Bis Alice erwachsen ist,« beschwichtigte sie die Stimme ihres Gewissens.

Und Alice wuchs heran, und wie von selbst taten sich ihr die besten Häuser der Residenz auf, und die feinste aller Tanzstundsgesellschaften erkor sie zu ihrer Königin.

Denn sie war schön. Und ihre Zurückhaltung, ihr süßes Erröten begeisterte die jungen Leute mehr, als alle klugen Worte der Welt es hätten tun können. Sie galt in aller Augen als das holdeste Rätsel der Weiblichkeit, und unter den vielen, die sich sehnten, diese junge Seele wachzuküssen, trug Baron von und zu Rebach den Sieg davon.

Er war jung, dreiundzwanzig Jahre alt und schon unbeschränkter Besitzer seines Gutes im Schwarzwald, das ein Verwalter bewirtschaftete.

Frau Grossi sagte: »Unterhalte kann man sich nit mit dem Dickkopf, aber wenn ihn d' Alice will, in Gotts Name –«

Sie war während der Brautzeit ihrer Tochter viel abwesend, auf Gastspielreisen.

»Die Aristokrate solle sehe,« sagte sie, »daß unsereins auch seine Kinder auszustaffiere versteht!«

Es war kurze Zeit nach der Hochzeit, als Mademoiselle Cassal eines Tages mit allen Zeichen der Bestürzung von ihrem ersten Besuch bei ihrem Zögling zurückkehrte. Alice hatte sie gebeten, sie möchte doch, bevor Mama komme, ein wenig nach dem Rechten sehen.

»Als raus mit der Sprach, Cassalele,« redete Frau Grossi die Zurückkehrende an, »brauchsch kein Blatt vor den Mund zu nehme –«

Der Erzieherin liefen die Tränen über die Wangen: »O Madame, eine so große Unordnung, eine so völlige Ratlosigkeit ihren Pflichten gegenüber – meine Schülerin – ich hätte nie gedacht – quel pays

»Ich hab immer gewußt, daß nix da isch,« sagte Frau Grossi, »und der Rebach –« Sie zuckte die Achseln, »so isch's halt im Lebe – er hätt eine tüchtige Frau gebraucht und sie einen klugen Mann, und jetzt tauge sie alle zwei nix –«

»O Madame,« ächzte die Französin auf, »ich kann wohl sagen, ich habe Alice nach meinem besten Ermessen erzogen – besonders in der letzten Zeit ging ich immer wieder meine leçons de civilité, die ich im Kloster nachgeschrieben, mit ihr durch – die Pflichten der Braut, die Pflichten der Gattin, der Hausfrau in bezug auf den Gatten, die Geselligkeit, die Dienstboten –«

Frau Grossi lachte hell auf: »O Cassalele, du bisch halt einzig!«

»Aber Madame, ich verstehe nicht –«

»Das isch's ja grad,« sagte Frau Grossi, »unbezahlbar bisch, denn wenn ich wieder lache muß, dann bin ich wieder froh –«

Aber eines Tages gab's Tränen, auch bei Frau Grossi.

Das junge Paar erwartete ein Kleines.

»Cassalele,« sagte die Künstlerin, »du musch halt jetzt bei der Alice aushelfe, die letzt Haushälterin hat ihr die halb Wäsch mit fortgenomme. Wenn das so fort geht, sitze sie da und habe nix mehr. Wir hätte schön miteinander lebe könne, Cassalele, wenn ich nur an dei guts Kaffeele denk – aber ich muß jetzt soviel als möglich durch Gastspiele zu verdiene suche, denn das hab ich schon gemerkt, der Rebach isch gerad so ein schlechter Landwirt als d' Alice eine schlechte Hausfrau isch – und so müsse wir in Gottes Name in den saure Apfel beiße und uns trenne, Cassalele –«

Der alte, solide Holzkoffer stand aber nur zur Hälfte ausgepackt in dem freundlichen Gutszimmer, das Mademoiselle mit dem Neugeborenen teilte. Sie nahm sich vor: sobald dieses Kind die französische Sprache vollständig innehat, kehre ich zu meiner geliebten Madame zurück.

Paris, das frühere Ziel ihrer Sehnsucht, machte dem kleinen Künstlerheim Platz, in dem immer frische Blumen dufteten und immer ein frisches Lachen klang.

Es kam aber ein zweites Kind im Gutshause an, ein drittes und so fort –

Das arme Cassalele saß fest.


Darum, wenn es hieß: Großmama kommt! waren die Schritte der schmächtigen Erzieherin nicht minder rasch, und ihre Augen blickten nicht minder glänzend als die ihrer Zöglinge, wenn sie die öde Landstraße entlang dem nächsten Städtchen, der Bahnstation, zueilten – Leithammel voran mit weitausgreifenden Beinen und wehender Mähne. Die Georginen hielten Schritt mit Mademoiselle, und den Schluß bildete Unnütz.

»Da kommen die Rebächle,« sagten die Dorfkinder, wenn die »Herrschaftlichen« zur Bahn eilten, und rannten von allen Seiten, aus Gassen und Gäßlein herbei.

Und obwohl Apothekers Thildele versicherte: »Sie habe ja nie nix Rechts an – was e bißle was Feins isch, tragt in der Residenz Jakonett, und die Rebächle hän alleweil nur Pers an –«

Die Bewunderung der Dorfkinder ließ sich dadurch nicht irre machen; wenn die Rebächle zur Bahn zogen, das war und blieb das Ereignis des Tages.

Einige Minuten vor Ankunft des Zuges erschien der herrschaftliche Wagen mit dem Baron und der Baronin.

Sofort stürzte Leithammel ihnen entgegen, riß eine Decke aus dem Wagen und breitete sie sorgsam über den ältlichen Schimmel aus. Rosinante hatte ihn Großmama getauft, da aber Unnütz das R noch nicht recht aussprechen konnte, nannte sie den Liebling Poppinante, und dieser Name blieb ihm.

»Papa,« sagte Leithammel mit einem Blick tiefsten Vorwurfs, »Poppinante schwitzt –«

Und sämtliche Kinder fingen an den Schimmel zu reiben und grämten sich um ihn.

Aber die noch eben kummervollen Stirnen wurden plötzlich glatt, ja, der ganze Bahnhof wurde hell und lebendig, als die herzgewinnende Gestalt der Großmama dem Zuge entstieg. Der Bahnbeamte zog die rote Kappe wie der Blitz herunter. Der Schaffner bemächtigte sich mit einer Art Wonne der unzähligen Gepäckstücke der schönen Frau, und die Dorfkinder knicksten wie vor einer Fürstin. Die Enkelinnen aber wollten alle zugleich der Großmama an den Hals fliegen. Sie trug in jedem Arm ein paar große Düten und schrie aus Leibeskräften: »Halt, halt – um's Himmels wille, ihr verdrückt mir ja alles –«

Die Düten wurden ihr abgenommen und auch das übrige Gepäck im Wagen untergebracht; und nachdem Großmama die Kinder sowie ihr Cassalele, das vor Freude immer ein wenig schluchzte, ans Herz gedrückt, stieg sie in die altmodische Kutsche mit dem verblichenen Wappen derer von und zu Rebach auf dem Wagenschlag.

»Vergiß nicht, Großmama,« flüsterte ihr Leithammel von hinten zu, »Papa soll Poppinante nicht schlagen – leid's ja nicht, Großmama –«

Der Baron auf dem Bock pfiff, und der Schimmel setzte sich gemächlich in Bewegung.

Zwei bildschöne Frauen, Mutter und Tochter, Zug für Zug einander ähnlich, nur mit dem Unterschied, daß der Mutter Körperformen voll und üppig waren und ihre Gesichtszüge von Leben sprühten, während die Tochter fast überschlank war und müde und apathisch aus den Augen schaute.

»Wie geht's, Jeremia?« wandte sich die Mutter nach der ersten Begrüßung an sie, »seh dir's an, wieder Kopfweh – du liebe Zeit – will nit hoffe, daß wieder eins in der Wieg liegt!«

Es lag eins drin, und die Baronin seufzte und wagte es nicht zu gestehen.

Der Baron wandte einen Augenblick das bartlose rosige Bubengesicht nach der Großmama, fand auch den Mut nicht und schlug ärgerlich auf die Poppinante.

»Weiß gar nicht,« sagte er, »warum die Kreatur nicht vom Fleck kommt –«

»Weil sie halt kein heurigs Häsle mehr isch,« rief Großmama aus, »merksch das auch wieder nit, mei lieber Mann im Mond – hau sie nit und laß sie Schritt fahre, dann komme meine liebe Rebächle gleich mit –«

Da kamen sie schon und winkten mit ihren dünnen, sonnenverbrannten Kinderarmen, Mademoiselle hinter ihnen drein, graziös das Taschentuch schwenkend.

Großmama wandte sich auf ihrem Sitze um, um sich besser an dem Anblick ihrer Enkelinnen erfreuen zu können. Mit Tochter und Schwiegersohn war sie immer bald fertig.

»Sie sind nicht nahrhaft,« pflegte sie von ihnen zu sagen.

Aber im wirbelnden Staub, hinter dem Wagen, diese lachenden Gesichter und fliegenden Mähnen –

»Jesses, Kinder,« entsetzte sich Großmama, »wie Störchle seht ihr aus in eure verwachsene Sache –«

Sie schrien vor Freude und machten Sprünge wie junge Böcklein.

Großmama hatte kaum den Wagen verlassen, als die Kinder sie umringten und jubelnd in das hochgiebelige Herrschaftshaus zur Wiege des neuen Schwesterchens zogen. Sofort gab's großen Streit. Leithammel wollte den Namen bestimmen, die Georginen wollten's nicht leiden.

»Ich bin die älteste,« erklärte Leithammel, »ihr könnt das nächstemal drankommen –«

»Um Gottes wille,« schrie Großmama, »malt den Teufel nit an die Wand, genug Schwesterle, mehr als genug –«

»Aber warum,« fragte eine der Georginen, »Mimi-Kuh bekommt doch auch jedes Jahr ein Kälble –«

»Und Daggi kriegt sogar viele, viele kleine Daggi,« meldete das helle Stimmchen der Unnütz.

Worauf sie alle übereinkamen:

»Wir wollen auch noch viele, viele Schwesterle und Brüderle –«

Großmama aber stand tiefsinnig vor der Wiege.

»Isch das ein wüschter Krabb!« seufzte sie auf.

Da hatte die arme Kleine ihren Namen weg. Was half es ihr, daß sie Kornelia getauft wurde –


Jenseits der Kinderzimmer, rechts vom Eingang des Herrenhauses, wohnten die Eltern.

Nach vorn lag das geräumige Speisezimmer, dessen Wände über und über mit Hirschgeweihen und Rehgehörnen verziert waren.

Nach hinten lagen Schlaf- und Wohnzimmer. Die im oberen Stockwerk gelegenen Räume lagen beständig unter Schloß und Riegel.

»Die Gesellschaftsräume,« pflegte der Baron mit einer Bewegung der Hand nach oben zu sagen.

Es war aber von dort so ziemlich alles von Möbeln heruntergeholt worden, um die untauglich gewordenen Gegenstände im unteren Stockwerk zu ergänzen.

Die Kinder speisten des Abends nicht mit den Eltern. Großmama saß mit diesen an dem nachlässig gedeckten Tisch.

Der nach Stall und Tabak duftende Hausdiener trug eine schäbige Livree und servierte den Braten.

Der Baron und seine Gemahlin, die immer in der Angst vor Großmamas Ausfällen lebten, zeigten sich so einsilbig wie möglich, während Frau Grossi lustig darauflos schwatzte.

»Sagt einmal, Kinder,« bemerkte sie mit einem Male, »habt ihr denn auch schon ein bißle darüber nachgedacht, was aus dene viele Mädle werde soll?«

Die Baronin seufzte und der Baron meinte:

»Heiraten sollen sie, wie andre Mädle auch.«

»So, ah was,« rief Großmama aus, »holsch du ihne vielleicht, wenn's Zeit isch, einen Baron vom Mond runter, Herr Schwiegersohn?«

Da er schwieg und ein Glas Wein hinunterstürzte, fuhr sie in begütigendem Tone fort:

»Nehmt mir's nit übel, wenn ich mich um meine Enkele sorg. Man muß die Auge ein bißle aufmache, Kinder – auf einmal habt ihr ein paar große Mädle dasitze – was dann?«

»Ich hab' noch Wald genug,« brummte der Schwiegersohn.

»Die Hälft isch verkauft,« fiel ihm Großmama ins Wort, »zu einer Aussteuer für die Mädle langt's also nimmer, und schön werden sie alle miteinander nit. Da werde die Männer nit grad Sturm laufe in euer gottverlasses Nescht.«

»Edmund hofft noch immer auf einen Erben,« warf Alice schüchtern ein.

»Was soll denn der erbe?« fragte Großmama.

»Er soll das Gut bewirtschaften,« sagte der Schwiegersohn, »und dann –«

»Die Mädle an d' Luft setze,« fiel ihm Frau Grossi ins Wort, »Ich weiß, du hasch jetzt e Wut,« wandte sie sich an den Schwiegersohn, »aber 's bleibt nix andres übrig, die Mädle müsse was lerne – Leithammel zum Beispiel tät ganz gut zum Theater passe –«

»Nie,« erklärte der Baron, »eine von und zu Rebach –«

»Wenn du's anständiger findsch, daß deine arme von und zu Rebächle verhungere –« Frau Grossi zuckte die Achsel.

Die Baronin brach in Tränen aus.

»Meine Frau ist noch sehr angegriffen –« wollte der Baron sagen, ein Husten unterbrach seine Worte.

»Mein Lieber,« sagte Großmama, »du weisch recht gut, wo du dein ewige Katarrh her hasch –«

»Ich lass' mir die Jagd nicht verbieten,« lautete die Antwort des Barons.

Auf Großmamas klarer Stirn hatten sich Falten gebildet, sie sah plötzlich um Jahre gealtert aus.

»Die Kinder warte auf mich,« sagte sie und verließ mit raschen Schritten den Speisesaal.

Drüben wurde sie im Nu wieder die Alte. Zu den offenen Fenstern schien die Abendsonne herein. Auf dem Tisch stand ein irdener Topf mit Milch und eine Schüssel voll großer glänzender Stücke Wabenhonig.

»Halt, halt,« wehrte Großmama den mit klebrigen Fingern auf sie zueilenden Kindern, indem sie sich hinter einen Stuhl verschanzte, »wascht erst eure Pfote und Mäuler, ihr Ferkele, pappige Küß mag ich nit –«

Lachend kehrten sie auf ihre Plätze zurück und bissen in ihr Honigbrot.

»Wo habt ihr denn den schönen Honig her?« erkundigte sich Großmama.

Da erzählten sie wichtig: »Selbst gezogen. Wir haben einen Bienenstock. Der Lehrer hat ihn uns eingerichtet. Der Lehrer hat uns alles gezeigt, wie man mit Bienen umgeht. Er ist ein Engel. Wir nennen ihn Hesperus, Großmama.«

»Potztausend,« verwunderte sich diese, »wie in aller Welt kommt ihr auf Hesperus?«

Leithammel erklärte: »Wir haben den Namen in einem Gedichtbuch gefunden. Weißt du, Großmama, ich nehm' mir immer ein Bändchen mit, wenn ich bei dir bin. Das letztemal war's ›Maria Stuart‹. Jetzt sollst du einmal sehen, wie fleißig wir geübt haben!«

Nun ging's an das Wegräumen der Stühle, Möbel wurden gerückt – Leithammel kommandierte. Der Lärm war unbeschreiblich –

»Sie spielen den ganzen Tag Theater,« seufzte Mademoiselle, »o Madame, und jedesmal diese Unordnung –«

Großmama klopfte ihr die Wange: »Mei arms Cassalele, du hasch's nit leicht. Aber ich auch nit, ich krieg halt niemand, der so für mich sorgt wie du – über den ich so lache muß – und der mir ein so guts Kaffeele kocht –«

Der schrille Ton einer Glocke erklang. Die Tür öffnete sich und Maria Stuart erschien in einem langen schwarzen Schal und einer uralten, umgestülpten Samtkapotte. Die kleine Unnütz gab die Hanna. Burleigh und Leicester, die in alten Kleidern des Barons steckten, trugen lange Bärte von Roßhaar.

»Was ist dir, Hanna?« begann Maria, die ältere der Georginen,

»Ja, nun ist es Zeit!
Hier kommt der Scherif, uns zum Tod zu führen.
Es muß geschieden sein!
Lebt wohl! lebt wohl!«

Hanna, die die ganze Zeit über schon leise geweint hatte, brach jetzt in ein herzbrechendes Schluchzen aus und hing sich so fest an Maria, daß diese unfähig war, einen Schritt zu machen.

Leithammel gab den Leicester.

Nachdem Maria, Hanna mit sich schleifend, die Szene verlassen hatte, sprach Leicester seinen Monolog. Er sprach ihn mit solcher Empfindung, solch leidenschaftlicher Kraft, daß es den Kindern, die ihn eng umstanden, kalt über den Rücken lief.

Und als Leicester nach den Worten: »Sie kniet aufs Kissen – legt das Haupt –« in einen markerschütternden Schrei ausbrach, stimmten sämtliche Kinder mit ein.

Großmama aber zog die kleine verweinte, an allen Gliedern zitternde Unnütz auf die Knie:

»Kind, Würmle,« suchte sie die Kleine zu trösten, »was fallt dir denn ein – wer wird so weine, dummes Dingele –«

»Das macht sie immer so, Großmama,« sagte Leithammel, »sie nimmt's furchtbar ernst.«

»Aber so spielt doch was Lustigs,« rief Frau Grossi aus, »wart, ich sorg euch dafür – 's Lache isch gesünder als 's Heule – So, und jetzt holt mir einmal eine von selbige Düte dort –«

Seligkeit ohne End'! Zuckerbretzeln aus der Residenz! Die hohe dramatische Spannung verschwand und machte dem hellsten Vergnügen Platz.

Eng umhockten sie die liebe Großmama.

»Cassalele, zünd d' Lamp an,« sagte Frau Grossi, »du weisch, ich kann 's Halbdunkel nit leide.«

»Großmama, o Großmama, bleib immer bei uns!« rief Leithammel in beschwörendem Ton.

»Nein, Kind,« bekam sie zur Antwort, »weisch, 's Landlebe, das isch nit mei Fall. In jeder Gass' ein paar Mischthaufe, und wo man hinsieht, Gäns –«

»Aber die Berg, Großmama,« fiel ihr Leithammel in die Rede, »und der Wald und –«

»Ach geh mir weg,« wurde sie unterbrochen, »ich muß mei lange Straß habe und mei Parad am Sonntagmorge –«

»Nach der Kirche,« schaltete die Französin in bittendem Tone ein.

»Ha,« machte Großmama, »da müßt ich lüge, Cassalele, eine große Kirchgängerin bin ich meiner Lebtag nit g'wese –«

»O Madame!« rief die Französin aus, »es war von jeher mein größter Kummer, daß Sie nicht beten –«

»Was!« empörte sich Großmama, »da bisch du aber auf 'm Holzweg, ich bet freilich – Jeden Morgen, wenn ich aufwach, bet ich zum liebe Gott: Schenk mir heut ein Freudle. Und schenkt er mir keins, bin ich auch zufriede – So, und jetzt ins Nescht mit euch –«

Aber die Kinder schrien: »O nein, nein, Großmama, bitte, bitte – erst noch die schöne Geschicht, wie du Schauspielerin geworden bist –«

»Nun also,« begann Frau Grossi, »wenn's Mademoiselle erlaubt –

Es waren einmal ein paar Eltern, die lebten in Friede mit Gott und der Welt, und waren brave Schreinersleut im kleinen Herregäßle Nummer 21. Da schenkte ihnen der Himmel eines Tages ein wunderschönes Mägdelein –«

»Großmama!« jubelte Leithammel.

»Ja, 's Zellers Liesele, und es ging in die Kleinkinderschul in der Blumenstraß. Zwei Schwestern hielte die Schul. ›Mei Liesele isch mei Herzblättle‹, hat die schön Fräulein Binder gesagt, ›'s Liesele isch e Lauskrott.‹ Im selbe Haus hat die Frau Grossi gewohnt und war beim Theater, und ihr Büble mit mir in der Kleinkinderschul. Er hat ein lumpigs Samtröckle angehabt mit einer karierte Schärp quer über der Schulter. Ich hab ihn 's Vagabümmele geheiße.«

»Großpapa!« rief Leithammel.

»Ja, und wir habe uns alle Tag geprügelt. Da isch eines Tags die Frau Grossi zu meiner Mamme gekomme und hat gesagt: ›Ihr Liesele isch zwar ein rechter Fratz, aber dürft's nit in einem Stück im Theater mitspiele, ich brauch zwei Kinder. Sie solle ein Billett dafür habe, Frau Zeller.‹ ›Ach,‹ hat mei Mamme gesagt, ›nie hat mei Mann Geld fürs Theater, jetzt komm ich doch einmal nein –‹

Zweimal war ich zur Prob auf der Bühn mit dem Vagabümmele, und Frau Grossi hat sich mit uns vor ein Pferd hingeworfe, auf dem ein böser Mann gesesse isch –«

»Der Geßler aus Schillers ›Tell‹, schaltete Leithammel ein.

Die kleine Unnütz auf Großmamas Knien schlug zornig nach der älteren Schwester, die immer die Erzählung unterbrach.

»Wo bin ich denn stehegebliebe?« fragte Großmama.

»Direkt vor der Vorstellung,« sagte Leithammel.

»Richtig. Also wir sind in Lumpe gehüllt worde, 's Vagabümmele und ich, habe ein paar Händvoll Gutsele kriegt, und dann naus auf d' Bühn. Die Frau Grossi hat sich vors Pferd geschmisse und uns mitgerisse, daß wir nur so rumgepurzelt sind. Sie fahrt sich wie eine Verzweifelte ins Haar, und ein dicker Strang fallt ihr vom Kopf. Husch, schiebt sie den Haarwisch unter ihren Rock. Hab's recht mache wolle und hol ihn vor und reich ihn ihr hin. Jesses, wie hat sie mich angeschaut –«

»Schwiegermama,« fiel Leithammel ein.

»Und wie hat 's Publikum gelacht – ›Du erbärmlicher Fratz,‹ hat Frau Grossi gesagt. Hab aber doch wieder mitspiele dürfe – im ›Verschwender‹ – 's Vagabümmele hat's durchgesetzt – dann hat uns Frau Grossi in die Lehr genomme – ›Du gehörsch ins Lustspiel,‹ hat sie zu mir gesagt, und zum Vagabümmele: ›Kerl, du bisch der gebore Tragöd –‹«

»Aber geprügelt habt ihr euch doch noch,« frohlockte Leithammel.

»Und wie! Einmal bin ich mit einer dick verschwollene Back heimkomme, und 's andre Mal hat er mir alle Hahnefederle vom Hut gerupft –«

»Weil du ihn noch immer Vagabümmele genannt hast,« ergänzte Leithammel, »aber du hast dich gewehrt, gelt, Großmama, tapfer?«

»Und ob, Kretzer hat er gehabt übers ganz Gesicht. Und eines Tages war ich ein großes schönes Mädle und 's Vagabümmele ein großer schöner Herr und habe miteinander gastiert am Hoftheater –«

»Und herrlich gefallen, herrlich, herrlich!« schrie Leithammel.

Großmama nickte: »Hinter der Kuliß habe wir uns verlobt und sind auf der Stell engagiert worde, und im Mai war Hochzeit. Amen.«

Die größeren Mädchen faßten sich bei der Hand und umtanzten Großmama mit ausgelassener Freude.

Die kleine Unnütz auf ihrem Schoß aber fragte:

»Habt ihr euch dann auch noch geprügelt, Großmama?«

Diese küßte das Kind, um ihr Lachen zu verbergen: »Was denksch, Mädele, große Leut prügle sich doch nit –«

»O doch,« erklärte Unnütz, »ich hab's gesehen, wie der Kronenwirt mit der Zipfelmütz' seine Frau geschlagen hat. Ich hab' zum Fenster hineingeguckt. ›Du wüschter, wüschter Kronenwirt!‹ hab' ich geschrien. Da hat er gesagt: ›Aber Baroneßle, 's war ja nur ein Späßle –‹«

»Ja, denke dir, Großmama, Unnütz schaut den Leuten zum Fenster hinein. Sonst kann sie nichts,« berichtete Leithammel.

»Doch, Geschichten erzählen,« nahmen sich die Georginen der Kleinen an.

»Die aber nicht wahr sind,« ereiferte sich Leithammel. »Hui!« rief sie plötzlich aus, »ich hab' ja noch Papas Rock an – ich schwitz' wie ein Braten –«

Sie riß sich das Kleidungsstück vom Leib, sprang auf das Fenstergesimse und von da in den Garten.

»O Madame,« seufzte die Französin, »quel pays! Jeden Sonntag, in den leçons de civilitè sag' ich ihnen: › Mesdemoiselles, ein Pferd schwitzt, ein Mann transpiriert und ein junges Mädchen hat ein wenig warm –‹ Aber diese Kinder nehmen nichts an,« schloß sie seufzend.

»Wir wolle die Range ins Bett bringe,« sagte Großmama, »dann sitzsch noch ein bißle zu mir, Cassalele, und mir halte unser Schwätzedle–''

»O Madame,« seufzte die Französin, als sie, ein klägliches Bild der Abgeschafftheit, auf Frau Grossis Bettrand saß, »wenn Sie doch diesmal etwas länger als nur über den Sonntag bleiben könnten!«

»'s geht nit, Cassalele,« sagte Frau Grossi, deren rosiges Gesicht appetitlich wie ein Kindergesicht aus der duftigen Tüllrüsche ihres Häubchens herausschaute, »ich hab am Montag zu tun, Gott sei Dank! Denn weisch, wenn ich aus euerm Nescht komme, bin ich immer um zehn Jahr älter, so wimmelt's von Sorge in mir. Jetzt sag mir vor alle Dinge, wann hasch deinen letzte Gehalt bekomme, Cassalele?«

Die Französin errötete. »Von Ihnen, bei Ihrem letzten Besuch.«

»Und wie steht's mit dem Schulgeld?«

»Sind wir auch schuldig,« seufzte Mademoiselle.

»Hol mir mein Portemonnaie vom Tisch,« sagte Frau Grossi, »wir wolle gleich alles in Ordnung bringe –

»Du siehsch,« meinte sie, nachdem dies geschehen war, »das sind böse Geschichte – da könnt man fascht sein Humor verliere – ich muß ihn mir aber hüte, denn wenn ich traurig bin, bin ich krank, und ich muß verdiene und luschtig sein. Ach Gott, Cassalele,« rief sie aus, sich behaglich in ihrem Bette dehnend, »was könnt mir's so wohl sein, wenn die verflammte Rebächle nit wäre! Wie ein Haufe Stein liege sie mir auf dem Herze – Gelt aber, ich bin noch schön?« nickte sie mit einem fröhlichen Auflachen. »Und weisch warum, Cassalele – weil ich noch schön sein will. Ein paar unschuldige äußere Mittele und ein guter Humor – damit isch 's Alter überwunde. D' Alice wird's einmal nit überwinde. Die link Schulter hängt ihr schon jetzt runter wie e nasse Fahn. Lieber Himmel, und wie hasch du das Kind dressiert, Cassalele.«

Diese nickte: »Darum – nach dieser Erfahrung hab' ich's mit meinen jetzigen Zöglingen anders gehalten. Ich lasse sie machen –«

»Wie sollsch denn auch imstand sein, sie nit mache zu lasse,« fiel ihr Frau Grossi lachend in die Rede, »mir gefalle sie, die wilde Fratze – ›Herrgott,‹ hab ich oft bei meim Alicele denkt, ›hat denn das Kind gar nix von seiner Mutter?‹ Einfach überhupft hab ich eine Generation und komm jetzt bei meine Enkele wieder zutag. Wenn nur die Frag nit wär: Was soll aus ihne werde?«

»O Madame, der liebe Gott wird sorgen –«

»Ich weiß nit, Cassalele, ich bin dafür, man sorgt selber – darum hab ich mir ausgedacht – der Mann im Mond will zwar nix davon wisse – aber aus 'm Leithammel ließ sich eine prächtige Schauspielerin mache –«

»O Madame,« schrie Mademoiselle in hellem Entsetzen aus, »um Gottes willen nicht zum Theater –«

»Ja, warum denn nit? 's gibt ja überhaupt nur eins auf der Welt, und das isch's Theater! Ich werd sie in die Lehr nehme. Und kann sie was, so isch sie was, denn der Moment wird komme, daß es dene arme Rebächle ins Dach regnet. Zweimal schon hab ich eine gehörige Rechnung vom Dachdecker kriegt, mei Liebe, und 's könnt halt doch sein, daß ich nit ewig leb – Aber mit den Georgine,« seufzte sie auf, »um 's Himmels wille, was macht man mit dene? Da isch kei Farb, da isch kei Lebe, da rührt und regt sich nix. Kannsch mir denn gar kein Tröstle gebe, Cassalele?«

»Madame,« sagte die Französin, »so ungeschickt sind sie doch nicht. Sie verfertigen ganz wunderhübsche Puppenkleidchen. Niemand hat es ihnen gezeigt – wenn's Leithammel zuließe, am liebsten säßen sie den ganzen Tag über ihrem Nähzeug –«

»So,« freute sich Großmama, »das unterstütz, Cassalele, das unterstütz – Jesses, wer verdient denn mehr, heutzutag, als tüchtige Schneiderinnen –«

»O Madame, die Baronessen Rebach –«

»Red mir nit auch so dumm – Arbeit schändet nit – Als raus ins feindliche Lebe und Hand angelegt. Wenn sie ihr Rebach so gern habe, so solle sie sich's auch erhalte – Unnützle freilich – das Kind hat Auge wie ein Märle – Gelt, den Gefalle tusch mir, fürs Unnützle sorgsch du?«

»Aber, Madame, lebe ich denn ewig –«

»O Cassalele,« wurde sie unterbrochen, »jetzt isch mir's wohl, ganz erlöst bin ich – Die Mädle sind untergebracht – Geh in dein Nescht und schlaf bis morge früh –«

Mademoiselle nahm die Lampe, die ihr wehmütiges Lächeln beleuchtete:

»Wenn mir die Kleine ein paar Stunden Ruhe läßt –«

»Ach du mei lieber Herrgott, isch's denn nit möglich, zu seim bißle Seeleruh zu komme –« seufzte Frau Grossi auf und schlug mit beiden Händen auf die Bettdecke, »hol mir schnell das Bröschle dort auf dem Tisch, Cassalele, du weisch, wie lieb mir das Bröschle isch, und daß ich's schon zwanzigmal verlore und immer wiederkriegt hab – da hasch's – 's gehört dein, nimm's und mach auf der Stell ein freundlichs Gesicht –«

Die Französin riß die Augen weit auf:

»O Madame, diese entzückende Brosche – ich – einen Brillanten tragen – darf ich denn – ist es denn möglich –«

»Quel pays!« murmelte sie, sich zurückziehend, »quel pays,« wiederholte sie den ganzen Gang entlang.

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