Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Bahr >

Die Rahl

Hermann Bahr: Die Rahl - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Rahl
publisherS. Fischer Verlag
printrunDritte Auflage
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080420
projectid814997ff
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel

Genug! Es ist gut,« sagte Herr Professor Samon. Er schrieb in sein Büchlein, der Knabe trat ab, in den Bänken war ein Rücken und Rascheln der Erwartung. Die Knaben hielten sich geduckt, fisperten und flackten und fragten, blätterten in den Heften um. Es waren nur noch zehn Minuten; jeder dachte: vielleicht gehts vorbei; und jeder kroch mit dem Kopf ins Buch und keiner sah auf, um nicht gesehen zu werden. Samon schrieb noch immer, dann las er nach, dann schien er in seinem Büchlein zu suchen, er blätterte, er schrieb wieder, er schlug zurück; und bisweilen sah er, nachdenklich aufblickend, über die ganze Klasse weg in die Wand. Franz sah ihm zu und mußte lachen. Er wußte doch, daß er jetzt kam. Er war gestern geprüft worden und Samon hatte ja jetzt seit einiger Zeit die Marotte, ihn dann stets am nächsten Tage gleich wieder vorzunehmen, aus dem Hinterhalt, wie der kleine Beer es nannte. Franz fand das so kindisch. Er wunderte sich, wie denn erwachsene Menschen an solchen Listen und eitlen Ränken eine Freude haben könnten, ohne zu bemerken, daß ihre Schüler doch wirklich wichtigere Sorgen hatten und, diesen albernen Spielereien entwachsen, davon nur nervös und trotzig und tückisch würden. Was tat der jetzt dort oben geheimnisvoll, in seinem Büchl suchend? Es waren ja nur noch zehn Minuten und Franz wußte doch, daß er ihn fangen wollte. Aber wozu? Schließlich wird es ja doch heißen: Franz Heitlinger, Sie! Und er dachte, daß die Unbildung der Lehrer, ihr lächerlicher Dünkel und diese kindischen kleinen Bosheiten schließlich alle noch erträglich wären, wenn sie nur ein Einsehen hätten und sie nicht immer noch behandelten, als ob junge Leute, die doch in zwei Jahren in's Leben entlassen würden, nicht bis fünfe zählen könnten. Aber da hob Samon, aus seinem Büchlein aufsehend, jetzt richtig den Finger, stach in die Luft und sagte, mit seinen leeren Augen über die spiegelnde Brille nach der Wand blickend, als wenn dort das Gesetz des Lebens abzulesen wäre: »Heitlinger, Sie!«

Franz nahm sein Buch und trat heraus, den kleinen Beer ansehend, der ungeduldig in seiner Bank wetzte; wie Verbündete blickten sie sich einverstanden an, voll Verachtung für die Schule. Die Knaben setzten sich erleichtert auf; nur noch zehn Minuten, jetzt konnte keinem mehr was geschehen. Es war ein Rieseln und Nippeln und Rumpeln in den Bänken. Samon hob beide Hände stach gegen die Klasse hin, was seine Art war, Ordnung und Ruhe zu gebieten. Das Rauschen hielt ein, die Knaben drückten sich nieder. Samon hörte nur noch ein Scharren in der Ecke der ersten Bank. Er wendete den Kopf hin, doch ohne den kleinen Beer anzublicken, den er in Verdacht hatte. Aber er fühlte, wie die heißen Blicke des kleinen Beer auf ihm lagen. Er bemerkte jetzt, daß zu stark geheizt war. Es roch, als hätte der Ofen geraucht. Und draußen der warme Regen, im Nebel! Die Buben waren in nassen Kleidern gekommen. Indem diese trockneten, war ein Dunst. Dem Herrn Professor Samon wurde der Atem schwer und dies alles empfand er, als ob die ganze Klasse mit Renitenz gegen ihn geladen wäre. Und er hatte bloß den einen Gedanken, es ihnen schon zu zeigen. »Also!« sagte er ungeduldig zu Franz, indem er sich mit der linken Hand das Auge verhielt, wodurch er den Eindruck inquisitorischen Aushörens zu machen hoffte; er wurde deshalb vom kleinen Beer auch der Kyklop genannt.

Franz begann erst den Text vorzulesen, worauf er, Wort für Wort, langsam übersetzte. Samon nahm einen langen Bleistift und stieß ihn, wenn ein Satz aus war, immer auf das Pult, als ob er dadurch dem Knaben nachhelfen würde. Als der dritte Satz aus war, fragte Franz, den Bleistift ansehend: »Wie meinen Herr Professor?«

Samon dachte wieder: Renitent! Er beherrschte sich aber, nickte nur und sagte: »Weiter!«

Franz sagte: »Ich habe nur geglaubt, daß vielleicht etwas falsch war, weil Herr Professor geklopft haben.« Und er stand wartend da, Samon ansehend, selbst verwundert, warum er heute so frech war; es machte ihm aber sehr viel Spaß und er hatte ein wunderbares Gefühl, ganz sicher und stark zu sein, weil ihm doch das alles jetzt gleichgültig war. Er wartete noch, neugierig, was der Herr Professor antworten würde.

Samon hatte das Gefühl, daß jetzt die ganze Klasse die Ohren spitzte. Er hob den Kopf, schob das Kinn vor und drückte die Brille fest; wie zwei Kanonenrohre waren die Gläser der blitzenden Brille gegen die Klasse gerichtet. Heuchlerisch aufmerksam sahen ihn die Buben an. Seine Blicke gingen die Reihen ab, ein Opfer suchend. Er fühlte sich plötzlich so verlassen und so verkannt. Warum hatte keiner Vertrauen zu ihm? Er meinte es ihnen doch gut! Warum lauerten sie so? Was tat er ihnen denn? War es nicht seine Pflicht? Wen hatten sie denn als ihn, um in den Gefahren der Jugend beschützt, vor Verlockungen gewarnt, in den Nöten ihres ja natürlich noch unreifen und zwischen so vielen Angeboten des Lebens unschlüssigen Gewissens beraten zu werden? Es gab natürlich Kollegen, die sich es leicht machten! Schmeichler der Kinder und sozusagen ihre Höflinge, welche, wie dies überall leichtsinnigen Charakteren bequem ist, pflichtvergessen die verderblichen Neigungen der ungestümen Jugend walten ließen, ja wohl noch darüber zu scherzen sich nicht entblödeten! Was aber hatte der Staat, was hatte das Volk, was das gesamte geistige und sittliche Leben der kommenden Zeit von einer Generation zu erwarten, an welcher es in den entscheidenden Jahren versäumt worden war, sie die höchsten Errungenschaften aller menschlichen Kultur zu lehren: Entsagung und Gehorsam? Und wie sollten diese jungen Menschen selbst dereinst gewappnet sein, die rauhen Stürme des Lebens zu bestehen, wenn sie nicht in sich gefestet waren und gewissermaßen gestählt, was eben nur in einer unerbittlichen Disziplin des Willens erreicht werden kann! Was halfen Kenntnisse, wenn sie bloße Fertigkeiten des Verstandes blieben, unfähig ins sittliche Gebiet einzugreifen, männliche Fassung zu gewähren und den Trost in Enttäuschungen, in Kränkungen, in Ermüdungen, den der Mensch nur in seinem sittlichen Bewußtsein allein finden kann, bereit zu halten? Ihn selbst, was hielt ihn aufrecht? Was gab ihm Kraft? Was half ihm die Widerwärtigkeiten von Zurücksetzung, Undank, Vereinsamung bestehen, wenn es nicht die früh im Verzichten geübte Geduld und der männlich entschlossene Gehorsam, der die Forderung des Tages immer wieder in neuer Demut auf sich nimmt, gewesen wären, die treugebliebenen Gefährten seiner Jugend? Er verlangte von den Buben nichts, was er nicht sein ganzes Leben von sich selbst verlangt hätte! Dies gab ihm ein Recht darauf. Wollten sie es besser haben als er? Ja, dies war jetzt der neue Sinn. Ja, diesen trotzigen und höhnischen Sinn einer zügellosen Empörung gegen jedes Gesetz, gegen alle Zucht, gegen die geheiligten Grundlagen jeder menschlichen Vereinigung spürte er, wenn er über die lauernd geduckte Klasse sah, nach der breiten weißen Wand hin! Dieser Sinn, unter allen Bänken versteckt, in allen Winkeln kichernd, jetzt in einem unbewachten Blick eines Buben, jetzt in einem frechen Lachen aufspringend, das war sein Feind! Ja, wie einen persönlichen Feind, der ihm an's Leben will, empfindet er ihn. Wenn der recht behält, dann ist sein ganzes Leben vertan, dann hat er verspielt. Wozu dann alles? Arbeit an sich selbst, Mühe jeden Tag, Sorgen, Erniedrigungen, Entbehrungen, und keine Freude je; nein, keine frohe Stunde hat er in seinem ganzen Leben gehabt! Wozu das alles, Opfer um Opfer, Verzicht auf Verzicht, Jahr für Jahr, bis er mit Vierzig graue Haare und Furcht vor den Anzeichen der Verkalkung hatte? Wozu, wenn es nicht das allmächtige Gesetz des menschlichen Daseins war, das in allen Ewigkeiten alle Menschen unter sich zwang? Er wäre betrogen gewesen. Nein, die Nachsicht bequemer Lehrer begriff er nicht. Ihm war es wie ein hohes Spiel, er hatte sein ganzes Leben eingesetzt. Und er kannte die Wutanfälle des Spielers, die plötzliche Todesangst, wenn das Spiel sich wendet, den Zorn, der entschlossen ist, alles zu wagen. Er hätte so einen renitenten Buben erwürgen können. Dabei tat ihm der eigentlich leid. Aber es ging zu hoch. Der Einsatz war: Wer hat recht?

Dies alles fuhr jetzt wieder auf Samon los, während er den Rauch des Ofens, den Dunst der nassen Kleider und den bösen Willen der raschelnden Buben roch. Und er sagte zu Franz: »Worauf warten Sie noch, Heitlinger?« Den kleinen Beer riß es herum, als ob der Franz in's Gesicht geschlagen würde. Unwillkürlich sah Franz auf den kleinen Beer hin, er begriff das gar nicht. Was ging es ihn an, wie Samon aufgelegt war? Das ging ihn doch jetzt alles gar nichts mehr an. Er mußte nur acht geben, nicht laut aufzulachen. So komisch war der Samon! Aber er wollte keinen Verdruß, es stand nicht dafür. Und er begann wieder zu lesen.

»Lesen Sie nicht erst,« sagte Samon, »übersetzen Sie gleich!« Er forderte dies sonst nie, doch jetzt war er entschlossen, den Trotz des Buben zu brechen. Der sollte nur nicht glauben, weil er zufällig einmal die fünfzig Verse gelernt hatte, daß er ihm entkam!

»Gern, Herr Professor,« sagte Franz und fing schon an. Aber Samon fiel ein, indem er den Stift in das Pult stieß: »Diese Bemerkung muß ich zurückweisen! Wie Sie sich subjektiv zu Ihren Pflichten verhalten, hat uns hier gar nicht zu kümmern. Tun Sie, was man von Ihnen verlangt! Ob es gern oder ungern geschieht, ist eine Mitteilung, die nicht in die Schule gehört, welche wohl immerhin sich mit wichtigeren Aufgaben zu befassen hat. Haben Sie verstanden, Heitlinger?« Und er dachte, daß es wirklich weit wichtiger wäre, den Hochmut des jungen Menschen zu brechen, als ob er die fünfzig Verse wußte oder nicht.

»Jawohl, Herr Professor,« sagte Franz hell.

Der kleine Beer sprang auf und bat, austreten zu dürfen. Samon sah ihn an, über seine Brille weg, dann nickte er, obwohl er Mißtrauen hatte, da dies meistens doch eine List der Schüler war. Es hatte sich doch einteilen lassen, aber man gab ihnen zu viel Freiheit, daher kam alles. Der kleine Beer schlug die Türe zu, daß es krachte. Aber er öffnete sie gleich wieder und meldete, draußen auf dem Gang wäre das Fenster auf und so hätte der Wind ihm die Türe aus der Hand gerissen. Und er sah den Herrn Professor Samon an, bis dieser wieder nickte. Dann ging er wieder.

Franz übersetzte. Er war ganz sicher. Es kam ihm vor, er hätte heute auch aus dem Türkischen übersetzen können. Er sah dabei den Samon an, wie der lauerte. Es war lustig. Bald aber vergaß er es. Er konnte über sein Buch weg am Pult vorbei durchs Fenster in den Hof, auf den großen Kastanienbaum sehen. Der stand jetzt noch ganz kahl. Aber er wußte, daß er in vierzehn Tagen dicke schwitzende Knospen haben wird. Und dann später wird er auf einmal ganz voll von schweren roten Kerzen sein, die im Winde nicken. Daran dachte er, während sein Mund übersetzte. Da schlug es draußen, die Stunde war aus. Und jeder Schlag der Glocke tat einen Ruck durch die ganze Klasse hin und schien an ihr zu rütteln und schien sie zu schütteln, bis Samon wieder die Hände flach gegen sie hob, Ruhe gebietend mit seiner letzten Kraft. Und er sagte zu Franz, der schwieg: »Was ist? Ich habe noch nicht anbefohlen, daß wir aufhören.« Franz gehorchte. Und Samon lauerte, wer sich regen würde. Er wünschte sich das eigentlich, er wäre gern losgefahren. Dieser dumpfe Haß, der aus allen Bänken stieg, war ihm unerträglich. Er fühlte sich beschämt, sie jetzt freizulassen. Er haßte die Glocke, die mit ihren Schlägen seine Macht zerbrach. Wenn er jetzt seinen Rock nahm und auf die Gasse ging, wer war er dann noch? Und er spürte, daß die Buben das wußten. Er hatte das Gefühl, daß alle Augen jetzt voll Hohn waren, zur Tür blinzelnd, die er jetzt gleich öffnen muß, und damit legt er seine Macht ab und draußen ist er nur noch irgend ein Herr, nach dem kein Mensch fragt, die Buben aber lachen ihn dann aus. Und es ist ihm, als ob er nicht aufhören könnte, und er wehrt sich, so beschämt abzuziehen, und er lauert, ob unten keiner wetzt, ob Franz nicht einen Fehler macht, ob nirgends einer ist, den er packen kann, um sich zu rächen. Und dabei hat er ein solches Mitleid mit sich. Er fühlt, daß ihm Unrecht geschieht. Er wäre lieber der gute Freund seiner Schüler. Er nimmt es sich doch immer wieder vor. Er hat den besten Willen, das kann er wohl von sich sagen. Wie oft, abends zu Hause, denkt er darüber nach! Wenn er dann aber wieder vor den Buben sitzt und den Hohn überall spürt und die frechen Augen sieht, nein, da kann er nicht, der Zorn stößt alles weg. Er war schon der rechte Lehrer, aber es hätten auch die rechten Buben sein müssen, nicht diese Horde! Sie nahm ihm alle Kraft weg. Er hätte manchmal am liebsten geweint. Und da gab es dann nichts als die Zähne zusammenbeißen, daß sie nur ja nichts merkt!

Samon stand auf. »Genug,« sagte er. »Melden Sie sich morgen wieder, Heitlinger! Wir werden dann sehen, ob Ihre ja immerhin recht anerkennenswerte Übersetzung, die sich wenigstens ganz gut anhört, nicht am Ende etwa, was ich leider nach Ihren sonstigen Leistungen und wie ich Sie überhaupt kenne, befürchten zu müssen manchen Anlaß habe, bloß auf einem vagen Anempfinden des poetischen Gegenstandes beruht, das, bei einer oft merkwürdigen, man könnte mit einer Goetheschen Wendung sagen: fast nachtwandlerischen Sicherheit, es doch niemals über das Ahnen hinaus zu positivem Wissen bringt, oder ob Sie, wie ich hoffen möchte, in der Lage sind, auch wissenschaftlich Rechnung abzulegen, was allein doch hier unsere Aufgabe und unser Zweck sein kann, da nichts in der Welt auch die besten Anlagen so sehr schon im Keime schädigen muß als die leichtsinnige Neigung, den aufgeregten Sinn in eitlen Tändeleien zu vergeuden. Merken Sie sich dies alle, und die paar Minuten, die Sie heute an Ihrer Pause verlieren, werden Ihnen dann für Ihr ganzes Leben gewonnen sein!«

Als er fort war, kam der kleine Beer auf Franz los und sagte: »Ich muß gestehen, daß ich es manchmal schon kaum mehr ertragen kann. Ich weiß nicht, was ich einmal noch tue! Die ganze Sinnlosigkeit aller menschlichen Einrichtungen, welche bloß den Zweck zu haben scheinen, das Beste zu zerstören, wird an diesem boshaften Idioten bis zum Grotesken offenbar. Unsere lieben Herrn Kollegen sind ja meistens auch Ochsen. Aber man kann nicht leugnen, daß auch der Dümmste von ihnen noch, an unserm klügsten Lehrer gemessen, für ein Genie gelten darf. Wenn uns also der Staat acht Jahre lang in ein solches Zuchthaus steckt, kann sein Zweck nur sein, jede geistige Regung auszulöschen, bis wir so den notwendigen Grad von Verblödung für die bürgerlichen Ämter erreicht haben. Wenn aber einer unter uns noch einen Funken Ehrgefühl hätte oder auch nur den natürlichen Trieb der Selbsterhaltung, einer geistigen und sittlichen Selbsterhaltung, so hätten wir den Kerl längst vom Katheder geschossen. Ich tue das nur nicht, weil ich ein jämmerlicher Egoist bin, der sich die Aussicht auf eine Staatsanstellung mit Pensionsberechtigung nicht nehmen lassen will. Für ein solches Linsengericht geben wir unser Heil hin.«

»Ja, es ist lustig,« sagte Franz, der noch immer in den Hof hinaus nach der dunklen Masse des kahlen Kastanienbaums sah. Er war so zerstreut, daß er kaum recht wußte, ob noch immer Samon sprach oder ob es jetzt der kleine Beer war. Und er wunderte sich, daß ihm jetzt dies alles eigentlich fast gleich klang. Alles war so komisch! Und immer war ein solches Geschrei!

»Lustig?« sagte der kleine Beer, indem er stampfend auf ihn eindrang. »Lustig find'st du das? Aha!«

Franz setzte sich auf das Brett des Fensters, um, mit den Füßen baumelnd, den nahen Freund abzuwehren. Und er sagte: »Ich bin halt vergnügt.«

»Der Mensch ist aber nicht dazu da, vergnügt zu sein,« schrie der kleine Beer.

Lachend sagte Franz, vor sich hin: »Das könnte wirklich auch der Samon gesagt haben!« Und er dachte: Was wollen denn alle von mir? Merkwürdig, daß man einen nicht in Ruhe läßt! Und immer muß man wieder was neues erfinden, um sich durchzuschwindeln bei den neugierigen Menschen! Es war aber lustig. Sie hatten alle Verdacht und wußten doch nichts! Nein, sie sollten es nicht wissen! Und jetzt fiel ihm erst ein: er hätte es eigentlich dem kleinen Beer erzählen müssen. Aber nein, unmöglich! Dem Beer? Er sah ihn an. Nein, eigentlich war der kleine Beer doch sehr grauslich, mit seinen abstehenden Ohren! Obwohl er ja eigentlich den kleinen Beer sehr gern hatte, gewiß! Aber dies alles kam ihm jetzt so weit weg vor. Dies alles war dort drüben irgendwo. Er mochte den Samon nicht und er mochte den kleinen Beer sehr, aber beide, der Samon und der kleine Beer, und daß er den einen nicht leiden konnte und den anderen gut, dies alles mit dem ganzen Geschrei der Buben war auf irgend einer anderen Seite drüben, kam ihm vor. Es war ganz lustig, er war aber doch vergnügt, weg zu sein, und er sah lieber den kahlen Kastanienbaum an, er wußte selbst eigentlich keinen Grund dafür, aber das war jetzt so, wozu darüber erst nachdenken? Nein, er wollte nicht nachdenken, er war froh, nicht mehr nachzudenken, er wußte jetzt, daß dies alles nicht nötig war, und auf dem Fenster sitzen und mit den Beinen baumeln und manchmal nach dem Kastanienbaum sehen und dann wieder auf den zornigen kleinen Beer und alle samt dem Samon und samt dem Beer auslachen war ganz genug, um sehr vergnügt zu sein, obwohl ihm ja der kleine Beer eigentlich ein bißchen leid tat, aber dies ließ sich nicht mehr ändern, seit das gestern geschehen war, doch er wollte daran nicht denken, was gestern geschehen war, nein hier in der häßlichen Schule bei den dummen Buben nicht, auch war es nicht nötig, wozu daran erst denken? er wußte doch: es war immer da, es ging überall mit, es wich nicht mehr von ihm.

Der kleine Beer hörte noch immer den Franz sagen: Das könnte der Samon auch gesagt haben! Das brannte ihm noch in den Ohren. Er begriff ihn gar nicht. Was war das? Was wollte der Franz? Was hieß das, daß es der Samon auch gesagt haben könnte? Und der Franz saß auf dem Fensterbrett und ließ die Beine baumeln, der lange Bub, und war vergnügt! Der kleine Beer hätte ihn prügeln mögen. Auf keinen konnte man sich verlassen! Denn natürlich, das saß zu Haus und ließ sich hätscheln und konnte leicht lustig sein! Alle waren Verräter! Und der kleine Beer kam sich so dumm vor, daß er an diesen geglaubt hatte! Alle waren gleich! Geborene brave Bürger, wohlgesinnt bis in die Nieren! Herde! Herde! Das braust auf und schäumt und gebärdet sich, ja, fünf Minuten lang! Und das tut mit seinen blauen Augen und seinen blonden Locken, ja, fünf Minuten lang! Und wir sind immer gefoppt! Er hätte heulen mögen. Er rannte weg. Er fing in seiner Bank mit einem zu zanken an, sie schlugen sich, Franz kam und trennte sie. Noch keuchend, indem er seinen aufgerissenen Kragen schloß, sagte er zu Franz: »Was hast du? Sag mir, was du hast! Oder du sollst dich überhaupt um mich nicht mehr kümmern! Was mischt du dich in meine Sachen? Glaubst du, daß ich einen Ritter brauche? Aber ich verbitte mir das! Hast du gehört? Hast du gehört?« Er schrie sich heiser. Die Buben höhnten ihn krähend aus. Franz ging weg und setzte sich in seine Bank. Der kleine Beer tat ihm leid, aber er konnte ja nichts dafür. Samon schrie, die Buben schrien, der kleine Beer schrie, wie dumm das alles doch war! Aber er hatte das Gefühl, daß er jetzt nicht mehr zuzuhören brauchte.

Da kam ihm der kleine Beer nach. Er setzte sich neben ihn und legte die Hand auf ihn. Franz mochte das nicht. Doch ließ er es sich gefallen, weil ihm leid war. Ganz leise sagte der kleine Beer: »Was hast du denn heut?« Und als Franz nicht antwortete, bat er: »Sag doch, was du hast!« Und dann noch: »Was ist denn geschehen?«

»Du bist wirklich kindisch,« sagte Franz. Ihm war heiß, er rückte weg.

»Und du bist feig,« sagte der kleine Beer zornig. »Feig bist du. Feig bist du.« Und immer zorniger, weil Franz schwieg: »Wenn du was besseres gefunden hast, so sags! Wenn's dir nicht mehr paßt, so sags! Wenn du was gegen mich hast, so sags! Ich werde dich nicht halten. Du bist dein eigener Herr. Du kannst tun und lassen, was dir beliebt. Aber sei nicht feig und sags! Glaubst du, daß ich ohne dich nicht leben kann? Mein Lieber, ich bin nicht sentimental, das ist eine germanische Krankheit. Aber sag's! Man dreht sich nicht auf einmal um und geht von einem Menschen weg und: Adieu! Das ist feig, das ist schlecht, das hätte ich nie von dir gedacht!« Er flüsterte gierig und trommelte dazu mit den Fingern auf die Bank, damit die anderen nichts hören könnten.

Und am liebsten wäre Franz jetzt wirklich aufgestanden und von ihm weggegangen und: Adieu! Er begriff das eigentlich selbst nicht. Er hätte sich das nie denken können. Noch heute früh nicht. Nein, noch vor zehn Minuten nicht. Noch als er eben geprüft wurde, sah er zum kleinen Beer hin und es tat ihm wohl, einen Freund zu haben. Was war denn also jetzt auf einmal? Wie ging das zu? Denn er wunderte sich zwar noch, als der kleine Beer es aussprach, aber er hatte das Gefühl, daß es wahr war. Er wunderte sich. Denn wenn der kleine Beer es nicht ausgesprochen hätte, dachte er, hätte er es gewiß gar nicht bemerkt. Er wußte ja doch eigentlich auch jetzt noch nicht recht, aber seit der kleine Beer es ausgesprochen hatte, war es wahr. Der hatte die Schuld! Doch sagte Franz auch jetzt noch bloß: »Ich weiß gar nicht, was du willst.« Und er dachte sich, daß er auch keineswegs log: denn dies alles trieb sich in ihm herum, ohne daß er es anfassen konnte, und er hatte den kleinen Beer doch gern und wenn man einen gern hat, hört das doch nicht plötzlich auf und alles war doch nur die Schuld des kleinen Beer, weil es kein Mensch aushält, sich überall beriechen zu lassen; und trotzdem war er ja auf den kleinen Beer nicht bös, sondern dies alles war ihm jetzt eigentlich ganz gleich.

»Ich will gar nichts,« sagte der kleine Beer, und seine Stimme war hart und er stand auf. »Es ist ja dein gutes Recht. Ich würde doch an deiner Stelle nicht anders handeln. Es wäre Heuchelei.«

»Jetzt hör' schon endlich auf!« sagte Franz, erbittert, weil er plötzlich Angst hatte, daß der kleine Beer etwas wissen könnte.

Aber der kleine Beer wußte nichts, er fühlte nur, daß seine Macht gesunken war. Er stand noch in der Bank und sah Franz an. Er war sehr traurig. »Das ist doch alles zu dumm,« sagte Franz. »Was soll denn sein? Wenn ich dir doch schon sage, daß nichts ist!«

»Weil du nicht aufrichtig bist,« sagte der kleine Beer, ganz gelassen. »Vielleicht bist du's gegen dich selbst nicht. Ich mag aber halbe Menschen nicht. Und ich mag mit niemandem teilen. Nein, danke! Gaukle du nur auf täuschenden Empfindungen, mit schwärmenden Gedankenlosigkeiten herum! Ich ziehe die Klarheit vor. Wer einmal den Boden der Klarheit verläßt, ist schon auf dem Wege zur Lüge. Ich gehe nicht mit.« Und er trat aus der Bank, schon ein wenig getröstet, weil er fand, daß er es ausgezeichnet formuliert hatte.

»Aber die mathematischen Aufgaben wirst du mir doch noch machen?« rief ihm Franz lustig nach. Eigentlich war er roh. Denn er wünschte sich jetzt nur, ganz allein zu sein.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.