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Die Rahl

Hermann Bahr: Die Rahl - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Rahl
publisherS. Fischer Verlag
printrunDritte Auflage
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080420
projectid814997ff
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Achtes Kapitel

Höfelind warf den Pinsel weg. »Kreuzhimmellaudon,« sagte er, »Ihr könnts mich alle –« Er brach ab, knurrte und, die roten Borsten auf der Lippe reibend, sagte er: »Pardon, Frau Gräfin! Aber könnten Sie wirklich nicht lieber um einen Photographen schicken? Billiger ist er auch.« Er konnte vor Zorn nicht reden, er spie die Worte von sich. Er trat an das große breite Fenster des Saals. Der weiße Barsoi fuhr fletschend auf und fing zu heulen an, in langen Klagen, die, durch den Saal hallend, langsam sanken, langsam wieder schwollen, bis die Rahl das Tier zu sich rief. Es schlich hin, sie kraute seinen schmalen spitzen Kopf. Dann nahm sie ihr Fläschchen und gab ihm das Salz zu riechen. Der Hund erschrak, lief winselnd weg und verkroch sich. Sie lachte.

»Ja, lachen Sie mich nur aus, darauf pfeife ich,« sagte der Maler, der es nicht gesehen hatte, in den tiefen Garten starrend.

»Man weiß wirklich nicht, wer komischer ist von Euch zwei,« sagte sie.

Er verstand es nicht, drehte sich um und sah sie fragend an. Gleich aber vergaß er wieder, sie zu fragen, und sah nur auf sie hin, den roten Kopf vorgestreckt, mit bösen und gierigen Augen, die unter den dicken struppigen Brauen nur wie ganz winzige strahlende Stacheln waren. Er hatte den Mund auf, gleichsam nach ihr schnappend, und zog die Nase schnuppernd ein. So stand er und alles an ihm war lauernd. Ausgehungert und verdurstend stand er wie zum Sprunge da. »Man könnte sich vor Ihnen fürchten,« sagte sie lachend. Und dann, während er noch immer stand, sagte sie plötzlich: »Also hopp!« Und sie schlug auf das Sofa. Er wußte nicht, wen sie meinte. Das Tier kam hervor, sprang hinauf und leckte ihre Hand.

Sie lag, Zigaretten rauchend, die sie zerbiß und immer gleich wieder wegwarf, um an einer anderen zu saugen. Sie streichelte den Hund, sie streichelte Tücher und Polster, sie streichelte Blumen. Kriminalromane lagen herum, zerfetzt, denn sie riß die Bücher mit der Hand auf.

Höfelind trat vor das Bild, aber er hatte nicht mehr den Mut es anzusehen. Er fing wieder an. Er hörte wieder auf. Er zog an der Staffelei. Dann stand er wieder, unbeweglich, und vergaß.

Sie sah ihm neugierig zu. Es war lustig. Er tat ihr leid. »Kommen Sie her,« sagte sie, »und schimpfen Sie sich aus, das braucht man.«

Er wurde zornig. Er ging nicht hin. Er sagte, sich vor das Bild auf einen Schemel setzend: »Wissen Sie, Frau Gräfin, daß Sie gar kein Gesicht haben?« Und er lachte höhnisch.

Sie drehte sich um und, auf dem Bauche liegend, die Faust unter dem Kinn, nach dem Maler blinzelnd, lachte sie. Es freute sie, daß er so verrückt war; wenigstens verging die Zeit. Und sie fragte: »Was denn?«

Er sah sie jetzt mutig, ganz gelassen an. Er maß sie, Zug um Zug. Sie fühlte, wie er ihr gleichsam den Zirkel anzusetzen schien. Und dann sagte er boshaft, indem er seine Stimme recht freundlich machte: »Sie dürfen aber nicht beleidigt sein?«

»Nein,« sagte sie, lauernd, indem sie das Kinn vorschob.

»A ja,« sagte er, sich mit den spitzen Augen in ihr Gesicht einbohrend, »das wäre freilich gut! A ja, das wäre ein famoses Kinn! Aber nein, Frau Gräfin, gehns!«

Sie zog das Kinn zurück und sagte ärgerlich, heftig rauchend und blasend: »Was wollen Sie denn eigentlich?«

»Und dann,« sagte er, langsam die Worte dehnend »müssen Sie mir versprechen, Frau Gräfin, es keinem Menschen zu sagen! Es war schad.«

»Aber nein!« sagte sie ungeduldig.

Er sah sie noch immer an, auf dem Schemel sitzend. Dann nickte er befriedigt und sagte gelassen: »Sie haben überhaupt kein Gesicht, sondern da, wo das Gesicht sein soll, haben Sie bloß eine Null.« Er sah sie noch einmal an und nickte. »Eine Null.« Und dann sagte er noch zu seinem Bilde hin: »Wünsche wohl zu malen!« Er starrte das Bild an. Als er aber gar nichts hörte, war es ihm unbehaglich und ohne auf sie hinzublicken, sagte er, an den roten Borsten seiner Lippe kauend: »Sie haben ja versprochen, nicht bös zu sein.«

Sie lag unbeweglich. Es kam nur ein Hauch von ihr: »Nein.« Und dann kam noch ein solcher Hauch, langsam durch den Saal bis an die hohen Scheiben schwebend: »Vielleicht.« Er dachte plötzlich wieder: Diese tiefblaue Stimme! Ein tiefes Blau, mit goldenen Fäden darin! Diese Stimme malen! Ganz still stand er wieder auf. Ganz still trat er an das Bild und fing wieder an. Und er malte jetzt ganz brav.

Sie hob ein zerfetztes gelbes Buch vom Boden auf, las wieder, warf es wieder weg, gähnend, rauchend, das Riechsalz einatmend, den Hund krauend, an den Blumen zupfend. Sie streckte, dehnte, ringelte sich, die Polster ballend und wieder wendend. Sie schellte. Der Diener kam, im Kamin nachzulegen. Die Flamme pfiff, die Balken krachten auf, dann war ein Knacken und Sieden. Sie ließ sich noch einen Pelz über die Füße breiten, die sie, schief im Sofa kauernd, unter den dicken Decken heraufzog.

Höfelind dachte: Wenn ich ein Zimmermaler wäre! Wenn ich es übernommen hätte, das Zimmer auszumalen! Ich würde malen, malen, malen. Muß es mir gefallen? Was braucht es mir zu gefallen? Fertig machen; denn es ist bestellt. Ein braver Handwerker sein. Alles sonst ist Schwindel. Soll mir nur keiner nachweisen können, daß es unrichtig ist. Das andere geht mich nichts an. Bin ich ein Zeichendeuter? Bin ich ein Seelenhändler? Malen, malen, malen! Hoch Radauner! Es lebe der Klee! Sachlichkeit, Pflichtgefühl, Treue zur Natur; alles andere ist Schwindel. Malen, malen, malen, Zoll um Zoll, was du siehst. Du Pfründner! Ja: Pfründner oder Schwindler. Wähle! Es gibt kein Drittes. Handlanger oder Scharlatan. Malen, sagt der alte Radauner, ist Zeugnis ablegen vor dem ewigen Gericht. Willst du bezeugen, was deine Augen nicht sehen? Womit, meineidiger Schuft? Aber ich habe doch, ich habe sie doch anders gesehen, anders, mehr! Und das andere war wahr! Er wußte doch, daß das andere wahr war! Dort auf der Skizze; damals im Theater. Sie log ihn an, wie sie jetzt da lag! Wer war dieses dicke, mürbe, fröstelnde Weib mit den wässerigen Augen? Warum die malen? Wozu? War jene nicht ebenso wahr? Hatte er jene nicht auch gesehen? Mit eben diesen seinen Augen gesehen? So stark gesehen, daß er sie niemals vergessen konnte? Das war es ja doch! In seiner Erinnerung stand immer noch jene da. Hier auf dem Sofa lag die Frau Gräfin vor ihm, er aber sah nur jene. Jene suchend rang er. Das war seine Qual. Aber er wollte nicht mehr daran denken. Malen, malen, malen! Sich wund und weh malen, bis die Knie zittern und es in den Augen flirrt und man nichts mehr weiß! Malen und verblöden und sich dann einen ansaufen! Und er hieb auf das Bild ein. Wie im Prater, dachte er, beim Watschenmann, nur zeigen, daß man stark ist!

Sie lag und sah ihm zu. Sie sah den Schweiß aus seiner weißen gelbgefleckten Haut tropfen. Er erinnerte sie an Jank. Sie fand es ekelhaft, daß die Menschen schwitzen. Sie streichelte den großen Hund mit den langen weichen weißen Haaren. Auf der Stirne des Malers sah sie die dicken blauen Striche seiner Adern bis unter die Stoppeln der roten Haare. Sie hatte das Gefühl, förmlich in sein zuckendes Gehirn zu sehen, das sich vor ihr wand. Es war widerlich. Sie sah seinen offenen Mund. Auf den zerbissenen Lippen waren kleine weiße Punkte von Schleim.

Er sagte plötzlich: »Ich muß das Fenster ein bißchen aufmachen.«

Sie stand auf und trat zum Fenster an das andere Ende. Es war eine merkwürdige Luft, wie weit von braunen Äckern her. Aber sie ging zum Kamin und stieß in die prasselnden Scheite. Ihr war heiß und es fröstelte sie. Sie hätte sich ins Feuer setzen, aber auch in Schnee wälzen mögen. Sie wollte rauchen, aber es widerte sie. Sie wäre gern gelaufen, durch den Garten hinaus in einen weiten Wald, aber sie war zu müd. Sie legte sich wieder hin. Sie horchte, wie dem schlafenden Hund in ungleichen Stößen das Herz schlug. Manchmal schob er die lange spitze Schnauze vor und jammerte leise. Der Maler stand am Fenster, die Schultern hoch, so daß der kurze Hals nicht zu sehen war. Sie fand, daß er einem Bauer glich, der sich stemmt, um einen schweren Schiebkarren zu bewegen. Er war komisch. Da fiel ihr plötzlich ein: Ein Bauernbub aus der Weiser Gegend und eine Hausmeisterische von Ottakring! Das machte ihr Spaß. Eigentlich gehörten sie zusammen. Und in dicken alten Büchern studierte dann der Graf nächtelang über ihre Kunst nach! Alles war so komisch. Plötzlich tat ihr der Maler wieder leid.

»Es kommt doch auch davon,« sagte sie plötzlich, »daß ich ganz entleert und ausgeschöpft bin.«

Höfelind drehte sich um, mit einem gierigen Blick, als ob er sie jetzt ertappt hätte. Und indem er sich zwang und gleichgültig tat, um sich nicht zu verraten, daß er es ihr ablauschen wollte, sagte er: »Wie meinen Sie? In wiefern?« Und er sah von ihr weg und trat an das Bild.

Es sprach aus ihr; und sie wunderte sich selbst, wie die Stimme klang, als ob sie mit fremden Menschen in Gesellschaft wäre, so sprach es aus ihr, mit einer interessanten Müdigkeit: »Ich kann Sie so gut verstehen. Wir kennen das doch auch, diese Qualen der Kunst! Ja, mein Freund, es macht sich teuer bezahlt, das bißchen Kunst!«

Er fühlte, daß sie sich ihm wieder entwand. Er wurde zornig. »Bei uns sagen das nur die, meistens,« antwortete er, »die nichts können.« Und er setzte noch einmal hinzu, achselzuckend: »In unserer Abteilung.«

»Warum plagen Sie sich denn dann so?« fragte sie, boshaft lachend.

Er sah vor sich hin, plötzlich wieder entmutigt, und sagte: »Die Leute werden natürlich auch sagen, daß ich nichts kann. Und mit Recht!« Und indem er wieder heftig zu malen begann, wiederholte er: »Und mit Recht! Es ist ja wahr. Aber –« Er hielt ein, sah sie verwundert an, als ob ihm jetzt erst etwas aufgefallen wäre, und malte. Nach einer Weile trat er zurück und verglich. Dann sagte er: »Aber der Auftrag ist dumm. Er hat die Schuld. Malen Sie die Rahl! Aber dann schicken sie mich zur Frau Gräfin her. Gut, die Frau Gräfin kann ich malen, bitte! Die Leute werden aber bös sein. Denn die Leute werden wollen, daß es die Rahl sein soll. Hier sitzt aber die Frau Gräfin. A!« Er stampfte mit dem Fuß und rieb die roten Stacheln auf der Lippe. Dann sagte er, erbittert: »Es ist ja auch nur so geredet! Das ist es ja auch nicht! Es muß noch irgendwie ganz anders sein!« Und er senkte den Kopf und stand wieder gierig vor ihr.

»Spießen Sie mich nur nicht auf!«, sagte sie lachend. Es war ihr aber angenehm. Fast wie auf der Bühne war es, vor dem großen schwarzen Loch. Sie streckte sich und schien zu wachsen, und indem sie dies an seinen saugenden Augen bemerkte, dachte sie: Eigentlich ist das so, jetzt tritt mein Gesicht auf! Es kam ihr aber albern vor und sie ärgerte sich. Sie war müd und er langweilte sie! Sie wollte sich unterhalten und sagte: »Sie tun ja, als ob das zwei verschiedene wären.«

Er, schon wieder ganz im Malen, verstand sie nicht. Er fragte leise, als ob er plötzlich gar keine Kraft mehr hätte: »Was denn? Was meinen Sie denn?« Und er blinzelte, wie wenn ihm dunkel würde.

Sie sah jetzt, daß seine Lider an den Rändern ganz rot waren. Und die roten Borsten überall! Ein roter Stöpsel, dachte sie. Sie fand aber, daß das in dem weiten strengen feierlichen Saal ganz lustig war. Und, sich behaglich dehnend, sagte sie: »Nun, was heißt das: die Rahl und die Frau Gräfin? Was ist da für ein Unterschied?« Und sie freute sich, daß es so dumm klang, und sie machte ihre Stimme ganz klein und ganz lieb, als sie noch fragte, zirpend: »Bin denn das alles nicht ich?«

Da ging der Maler auf die Schauspielerin los, bis vor sie hin. Und es war, als ob er sie schlagen würde. Sie lag und regte sich nicht. Sie spürte den Dunst seiner Wut über sich. So lag sie wartend. Es fiel ihm auf, daß sie eigentlich grüne Augen hatte. Das gibt es aber gar nicht, sagte er sich.

Und laut sagte er: »Darf ich mir noch eine Zigarette nehmen?« Sie nickte. Ihr Gesicht sank ein. Er fand, daß es alt und wie ganz ausgewischt war. Der weiße Hund fuhr aus dem Schlaf und fletschte.

Höfelind ging auf und ab. Dann trat er zum Fenster, in den tiefen Garten blickend. Er sah die Statuen im Regen. Er dachte, daß der weiße Marmor in unsere Gegend nicht passe. Er ging wieder rauchend auf und ab. Aber, als er sie lachen hörte, blieb er stehen und sagte, ganz ruhig: »Ich habe mir schon manchmal gedacht, ob das nicht das einzige Mittel wäre. Glauben Sie nur nicht, daß ich mir aus den Weibern was mache! Aber vielleicht wäre das noch das einzige. Gar keine Geschichten machen, sondern Sie packen und einfach nehmen. Vielleicht, Frau Gräfin!« Und er sah sie ruhig an, wieder so vorgebeugt mit seinem kurzen Hals, als ob er zustoßen würde. Dann ließ sein böser Blick sie los und er ging wieder auf und ab, den brenzlichen Rauch verschluckend, und sagte noch, in einem höhnischen Ton und einen Prediger nachahmend: »Und er erkannte sie, heißts in der heiligen Schrift; und er erkannte sie.« Und als sie nichts sagte, fügte er nach einiger Zeit ganz lustig hinzu: »Also nehmen Sie sich gefälligst ein bißl in acht. Wir könnten sonst Unannehmlichkeiten haben, alle beide.« Und er ging wieder weiter und wiederholte noch einmal leise, nachdenklich: »Und er erkannte sie.«

Wie ganz weit kam ihre tiefe Stimme her, die sagte: »Glaubt man auch bloß.« Und dann klang es noch durch den Saal hin hallend: »Nein.«

Er sah sich erst um, ob es wirklich sie war, die sprach. Und er wußte nicht, warum er plötzlich Angst hatte. Aber, dachte er, das geht dich ja gar nichts an, du sollst malen! Er trat vor das Bild. Sei froh, dachte er, daß du kein Literat bist! In acht Tagen wird es abgeliefert und du hast Ruh. Nur kein Schmock sein, sagt der alte Radauner. Und er malte.

Lange war es still. Bloß das Schürfen an der Leinwand und das Keuchen des im Schlafe zitternden Tieres wehten durch den hohen Saal. Draußen kam durch den zergehenden Regen wieder die Sonne blaß hervor.

»Und vielleicht,« sagte die Rahl nach einer langen Zeit, als ob sie gar nicht geschwiegen hätte, sondern noch mitten im Gespräche wäre; »vielleicht, sehen Sie, ist es deswegen, daß wir so viele Dummheiten machen beim Theater! Nicht? Man sagt sich halt auch: Packen und einfach nehmen! Weil man halt auch glaubt – ja was glaubt man eigentlich?« Und sie wiederholte nickend: »Er erkannte sie.« Dann lachte sie. »Wer denn? Diese alten Juden müssen andere Herrn gewesen sein! Aber man glaubt doch immer wieder! Man hat ein so merkwürdiges Gefühl, gewissermaßen: Ich möchte mich öffnen! Denn da muß was wunderschönes noch verborgen sein. Deshalb vielleicht!« Ihre Stimme verdunkelte sich, als sie noch einmal sagte, die Worte gleichsam mit den Lippen streichelnd: »Ich möchte mich öffnen.« Und plötzlich wurde sie zornig: »O Ihr feinen Psychologen! Mein Mann doch auch! Aber da lach ich nur!« Sie setzte sich auf und sah den Maler an. »Was wißt denn Ihr? Ja, da!« Sie schnippte mit den Fingern. »Eine Null, nicht wahr? Der man abends erst den Einser vorsetzen muß: die Rolle? Denkt Ihr!«

»Ich habe nur Ihr Gesicht gemeint,« schrie der Maler.

Sie hörte nicht auf ihn. Es war ihr eine Lust alles auszuräumen. »Uns kennt ja jeder durch und durch! Nirgends lernt die Psychologie sich bequemer. Lassen Sie sich's vom Hofrat Wax erklären! Der auch! Jeder, der sich einen Sitz kaufen kann, kennt uns. Denn wir sind selbst nichts, wir können nur alles scheinen. Gelt? Und schwupps habt ihr die Lösung in eurer Hand. Bloßes Material wie Gips oder Ton. Aber dann haucht uns der Dichter an und bläst uns eine Seele ein. Alle Seelen lassen wir uns einblasen, welch ein Wunder! Natürlich, daß für uns selbst zuletzt keine übrig bleibt.«

»Seele, Seele!« ächzte der Maler höhnisch. »Ich will Ihr Gesicht! Möchten Sie jetzt nicht endlich einmal einen Moment ruhig halten?«

»O bitte!« sagte sie gleichgültig, lehnte sich zurück und war still.

Er sagte dann ungeduldig: »Nein, reden können Sie schon. Das ist ganz gut.«

»Sie sehen dann besser?« fragte sie spöttisch. »Nun und wenn Sie mir versprechen nicht zuzuhören –«

»Nein,« sagte er, »das ist nicht mein Geschäft.«

»Also um mein Gesicht etwas zu beleben, gut!« sagte sie. »Nicht wahr, eine Frau Bäckerin, ja das ist was anderes! Da weiß man doch, woran man ist. Und ob man spät abends oder in aller Früh oder wann immer man kommt, sie wird jederzeit die Frau Bäckerin sein. Wir aber schminken uns um elf Uhr ab. Und das ist euch unheimlich. Die Frau Bäckerin soll immer die Frau Bäckerin sein. Glauben Sie wirklich, daß das so schwer ist? Und glauben Sie wirklich, wir spielen bloß, um wenigstens von sieben bis elf was zu sein, die Frau Bäckerin oder die Frau Königin? Bloß aus, wie heißts? aus Lust an den Verwandlungen? Glauben Sie, ich könnte die Königin nicht im Leben sein? Nur daß man, wenn man sie spielt, noch eins voraus hat! Weil man dann nämlich spürt, daß noch mehr im Menschen ist. Ihr Tröpfe! Auf der Bühne spürt man, daß der Mensch mehr hat, als um immer nur sein ganzes Leben lang eine Bäckerin, eine Königin zu machen. Mehr, mehr!« Sie sprach es gierig und stand lauschend.

Er hätte sie gern gebeten, so zu bleiben, aber er fürchtete, sie aufzuwecken, so hob er nur unwillkürlich die Hand und schaute.

Ganz leise, ganz langsam sagte sie: »Es gibt einem plötzlich einen Ruck und dann weiß man es, daß noch mehr im Menschen ist. Die Bäckerin, die Königin, die Rolle, das alles ist es noch nicht, sondern im Menschen muß mehr sein, jetzt weiß man es. Und dann sucht man das.« Sie sah hinaus, dann erblickte sie Höfelind, ihre Augen erwachten und waren verwundert, ihn zu sehen. Und mechanisch, während sie sich langsam entsann, wiederholte sie: »Das sucht man dann überall. Wie seinen Herrn ein verlaufener Hund, sucht man das die ganze Zeit. Was man dort gespürt hat, dieses Mehr, das halt!« Sie griff mit ihrer weißen Hand in die Luft. Und dann sagte sie noch lustig: »Aber es scheint, daß es sonst nirgends zu finden ist. Darum muß man halt beim Theater bleiben. Schön ist es nicht.« Und indem sie wieder zum Divan ging und eine Zigarette nahm, fragte sie: »Jetzt kann ich mich doch aber hoffentlich wieder setzen?«

Nach einiger Zeit sagte der Maler: »Es ist merkwürdig, daß man in jedem Metier andere Flausen macht.«

Sie lag wieder und sagte: »Ja. Es ist merkwürdig.«

»Immerhin,« sagte Höfelind, »haben Sie ja schließlich recht. Ich auch, wenn ich male, und es geht mir zusammen – natürlich hat man dann das Gefühl, daß man mehr spürt, als im Leben je. Und daß man jetzt eigentlich erst alles weiß. Übrigens beim Radfahren, zuletzt beim Spurt, wenn man den anderen hinter sich schon förmlich riecht, hat man es auch. Es hängt vielleicht mit dem Schwitzen zusammen.«

Sie sagte nachdenklich: »Ja, Sie können aber schwitzen, wann Sie wollen.«

Er fragte: »Was meinen Sie?«

»Wir müssen warten, bis der Vorhang aufgeht. Natürlich wird da einem oft der Tag lang. Und dann stellen Sie sich vor, es müßten tausend Menschen zusehen, wenn Sie malen. Denn, Sie hätten das Gefühl, sonst geht es nicht.«

Er lachte. »Nein, das Gefühl hätte ich gewiß nicht. Im Gegenteil. Schrecklich.«

»Denn,« sagte sie, »sonst wären Sie ein Schauspieler.« Und sie sagte noch leise: »Es ist nicht schrecklich. Nein.«

Es klopfte. Sie rief. Der Graf trat ein. »Nein,« schrie Höfelind grob, »es ist noch gar nichts zu sehen. Gar nichts.« Und er stellte sich trotzig vor das Bild.

Der Graf sagte: »Verzeihen Sie! Ich will gar nicht stören.« Er blieb an der Türe und sagte zur Gräfin: »Das Theater fragt an, ob du morgen zu der Probe kommst.«

»Was fällt dir denn ein?« schrie sie zornig. »Ich bin ja nicht verrückt.«

»Ich wollte nur doch fragen,« entschuldigte sich der Graf. »Ich habe ja kein Recht, zu verfügen.«

»Nein,« sagte sie feindlich.

Der Graf sah nach dem Bilde hin und sagte dann: »Als Leonardo die schöne Frau des Messer Giocondo malte, ließ er gern Musik dazu machen, um ihr strenges Gesicht aufzuhellen, weil schöne Frauen leicht übler Laune sind. Was meinen Sie, Herr Höfelind?«

»Na, dös brauchen mer nöt, Herr Graf,« sagte Höfelind. Denn Radauner riet ihm stets, mit hohen Herrn im Dialekt zu sprechen, weil sie für das Volkstümliche sind. Und er setzte hinzu, mit einem bösen Blick auf das Bild: »Vorderhand schauts noch eher einem Pferd gleich.«

Sie sagte lachend: »Jetzt sehe ich, Sie haben mich wirklich erkannt. Ich bin überzeugt, daß ich in einem früheren Leben einmal ein Pferd war. Wie oft denke ich mir das!« Und indem sie sich zum Grafen wendete, sagte sie: »Erinnerst dich an die jungen Pferde, damals am Misurinasee? Im Wind auf der Wiese. Und sie sprangen auf und ließen sich kitzeln vom Wind.« Ihre Stimme war sehnsüchtig.

»Ja,« sagte der Graf leise, traurig, »ich erinnere mich. Aber ich will nicht länger stören.« Und er ging, leicht mit der Hand grüßend.

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