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Die Rahl

Hermann Bahr: Die Rahl - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Rahl
publisherS. Fischer Verlag
printrunDritte Auflage
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080420
projectid814997ff
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Siebentes Kapitel

Auf den Zehen, um die Mutter nicht zu wecken, ganz leise, schlich Franz in sein Zimmer. Die liebe Mutter schlief schon lang. Es fiel ihm immer wieder ein: Nebenan schläft die Mutter. Das war so gut, daran zu denken. Er saß und hatte das Bild der Rahl vor sich, und ihre weiße Rose. Und er ängstigte sich: denn jetzt und jetzt wird er aufwachen und dann wird es gar nicht wahr, sondern nur ein Traum gewesen sein! Aber das war ja dumm: er hielt sie doch, in seiner Hand hielt er die weiße Rose, in seinem Zimmer hier, die Lampe brannte, dort hing der Vater, es kam ihm vor, daß das frohe Gesicht des Vaters zu lächeln schien. Weil du träumst, dachte er wieder. Er stach sich an der Rose, es tat weh, er war froh. Die Rose stach, er saß an seinem Tisch und nebenan schlief die Mutter. Und er dachte plötzlich: Die liebe Mama! Er sagte sonst nie Mama, weil ihm das zu verzärtelt klang. Er sagte Mutter, es war männlicher. Nur in Gedanken, wenn er sie sehr lieb hatte, weil sie so gut war, sagte er manchmal heimlich Mama; sie durfte das aber gar nicht wissen, er hätte sich geschämt. Doch jetzt mußte er sie Mama nennen. Das klang so weich, wie wenn sie ihn manchmal an den Haaren zog. Und er hatte sie jetzt so furchtbar lieb. Da schlief sie nebenan und ahnte nichts! Aber nein, das durfte sie ja nicht wissen, nie. Er hätte es ihr gern gesagt. Nein. Er sah auf das Bild des Vaters, an der Wand über dem Tisch. Es war ihm so leid, daß er keinen Vater mehr hatte. Dem hätte er es sicher gesagt. Und er hielt die weiße Rose noch immer in der Hand. Und er wunderte sich eigentlich. Da saß er in seinem Zimmer und alles war wie sonst, da lagen die Bücher, da hing der Vater an der Wand, ihr Bild stand auf dem Tisch und es war alles wie sonst. Er aber hatte doch eine weiße Rose von der Rahl! Er war durch die Gassen zur Ecke gelaufen, da stand er dann, bis der Wagen kam, und gleich kam der Wagen wirklich, mit den schweren braunen Pferden, und neben dem alten Kutscher sitzt der rasierte Bediente und im Wagen sitzt sie und vielleicht wird sie ihn winken und grüßen sehen und wird nicken, wie neulich, denn neulich hat sie lächelnd genickt; und er wartet nun wirklich, sie sieht ihn, sie lächelt wieder, sie nickt und jetzt erschrickt er, weil sie jetzt eine der großen weißen Rosen nimmt, und sie wirft sie ihm zu und er fängt sie auf und der Wagen ist weg. So war es doch. Er wußte doch, daß es so gewesen war. Er hatte doch die Rose noch in der Hand. Jetzt aber saß er in seinem Zimmer und da war alles wie sonst. Das begriff er nicht. Und er wußte gar nicht mehr, was dann gewesen war! Er sah sie noch nicken und die Rose werfen. Dann sah er sie nicht mehr, er sah noch dem Wagen nach, den Wagen sah er noch in der Ferne. Und er sah, daß er die Rose hatte. Die weiße Rose hielt er in der Hand. Und jetzt saß er in seinem Zimmer und da war alles wie sonst und die weiße Rose hielt er noch immer in der Hand. Sie stach, er träumte nicht. Oder er träumte vielleicht auch, daß sie stach? Aber gar nicht mehr wußte er, was denn dann geworden war, wie denn das dann gewesen war, bis er in sein Zimmer kam. Er hatte doch so weit nach Hause. Aber er konnte sich gar nicht erinnern. Er muß eigens einen anderen Weg gegangen sein, um dem kleinen Beer nicht zu begegnen, der immer auf seinen Vater wartete, weil der mit seinen schlechten Augen nachts nicht mehr allein gehen konnte. Es muß geregnet haben, seine Kleider waren naß. Aber er wußte gar nichts mehr. Er konnte sich nicht erinnern. Er wußte nur, daß er die Rose hatte. Er war in seinem Zimmer und hatte die weiße Rose von der Rahl. Und nebenan schlief seine liebe Mama.

Er nahm ein Glas für die Rose. Nein, das Glas war häßlich. Aber er hatte keine Vase. Drüben war eine Vase. Eigentlich mehr ein kleiner schmaler Krug, mit einem Kränzel von Vergißmeinnicht bemalt. Die hatte noch der Vater einmal mitgebracht. Aber er hätte durch das Zimmer der Mutter müssen. Er wollte sie nicht wecken. Er lehnte die Rose an das Bild der Rahl. Aber da würde sie verwelken. Und jetzt fiel ihm erst ein, daß sie verwelken würde. Auch in der Vase. Er würde sie höchstens vier oder fünf Tage haben. Er erschrak. Es fiel ihm ein, daß er von Stecklingen gehört hatte. Vielleicht, wenn er sie in einen Topf mit der richtigen Erde gab. Vielleicht wuchs dann ein ganzer Strauch. Im nächsten Jahr. Ein ganzer großer Strauch von blühenden Weißen Rosen. Lauter Rosen von der Rahl. Aber dann war er wieder eifersüchtig, daß den auch andere Menschen sehen sollten. Nein, niemand darf sie sehen, seine weiße Rose von der Rahl. Die war nur für ihn ganz allein. Er gab sie in seine Lade und sperrte zu. Mochte sie welken! Sie war doch da. Sie blieb dann doch immer bei ihm. Und er hatte sie, ganz für sich allein.

Kindisch bin ich, dachte er plötzlich. Was ist eine Rose? Ist diese Rose mehr als irgend eine andere, wie man sie bei jedem Gärtner zu kaufen kriegt? Ja, für mich, weil ich sie von der Rahl habe. Eigentlich also nicht die Rose selbst ist es, die mir wert ist. Ein Schnupftuch, eine Nadel, irgendein Band von der Rahl wäre mir dasselbe. Es ist gar nicht das Objekt, das mich freut, sondern daß es mich an die Rahl denken läßt. Durch Assoziation also. Dieses Wort gefiel ihm so, daß er es auf einige Male wiederholte. Eigentlich bedeutet es nicht mehr, als wenn sie mir nur wieder, wie neulich, freundlich zugenickt hätte. Ich habe nur an der Rose jetzt ein sichtbares und greifbares Zeichen jenes Zunickens. Und eigentlich ist es eine Schwäche, dies zu brauchen. Die Rose war schließlich bloß sozusagen ein Eselsohr im Buche seines Lebens. Er freute sich über diesen Vergleich. Der kleine Beer hätte keinen besseren finden können. Und er freute sich, jetzt erst gar nicht mehr den kleinen Beer dazu nötig zu haben. Der war ja sicher sehr gescheit. Nur fand Franz zuweilen jetzt, daß er doch etwas stark damit prahlte. Franz hatte jetzt zuweilen so ein Gefühl, daß ihm der Freund zu nahe kam. Wenn sie zusammen gingen und der kleine Beer ihm was erklärte, war es Franz unangenehm, daß er, neben ihm stampfend, oft im Eifer seinen Ärmel streifte. Franz bog dann ein wenig aus, aber dies half nichts, gleich war der kleine Beer schon wieder dicht an ihm, so daß sie zuletzt, er immer ausweichend, der andere wieder nachdrängend, völlig in der Schräge gingen. Oft mußte Franz darüber lachen, aber dann war es ihm wieder fast unerträglich und er fing jetzt an, lieber allein zu sein, obwohl er sich zuweilen eingestand, daß dies eigentlich sehr undankbar von ihm war, gegen den kleinen Beer, der ja wirklich so gescheit und sich über alles klar war. Auch war ihm, wenn es ihm gelang, einmal ein paar Tage allein zu sein, doch gleich wieder bang nach ihm. Denn merkwürdig war dies: wenn er mit dem kleinen Beer ging und ihm zuhörte, kam ihm vor, das alles auch zu wissen und selbst ebenso gescheit zu sein. Nur hielt es nicht an; war er allein, so schien es plötzlich weg. Das gelassene Denken, das unerbittliche Folgern, das Zerlegen der Probleme mit chirurgischer Sicherheit, worauf er in ihren gemeinsamen Gesprächen so stolz war, dies alles verließ ihn dann. Er konnte nicht allein sein, ohne sich gleich zu verlieren. Der Regen an den Scheiben, ein ferner Ruf unten und wenn sonst gar nichts war, die Stille selbst, die rings lastende, brütende, lauernde Stille, lag dann so schwer auf ihm, daß ihm wurde, als sänke die Decke langsam ein und die Wände schöben sich lautlos zusammen; am meisten diese höhnisch drohende Stille, wenn er allein war, zog ihn immer wieder gleich ab, alles zerstreute sich, er konnte nicht denken, nichts hielt fest, er konnte nicht lesen, alles gab keinen Sinn, er konnte nicht sitzen, es trieb ihn auf, aber wenn er durchs Zimmer ging, war er gleich müd und wenn er auf die Straße lief, war alles verändert und so fremd, daß er sich schämte, weil er Angst hatte. Am liebsten war ihm dann noch, sich hinzulegen mit geschlossenen Augen und das Innere der Augen anzusehen: da tanzten die schönsten Farben. Große tiefblaue Ringe, ganz dünne lichte grüne Fäden, die sich schlängelten, winzige rote Kugeln, die spritzend zersprangen, und plötzlich wieder zischelnde gelbe Zungen, und wenn er die Finger drückend auf die Lider hielt, ungeheure, milchig gestirnte Nächte sah er da. Bis er schlaff war und in einen öden, unruhigen heißen Schlaf fiel, aus dem es ihn plötzlich mit einer aufstoßenden Angst riß, als ob er gestochen wäre und blutete. Und nur rasch zum Tisch, lesen oder lieber noch rechnen, ingrimmig verbissen rechnen, an einer jener alles lähmenden Rechnungen, auf die der kleine Beer so stolz war, bis er ganz heiß und ganz naß vor Aufregung, vor Anstrengung wurde, aber froh, nur nichts mehr von sich zu wissen, denn ganz beschmutzt kam er sich vor. Er schämte sich zu weinen; er war doch kein kleiner Bub mehr. So gern hätte er die Mutter gefragt. Aber er fühlte, daß er es nicht konnte. Er konnte sie nicht fragen. Was denn auch? Was hätte er sie denn fragen sollen? Die Schule mit den höhnischen Lehrern und den häßlichen Buben, das war es wohl bloß. Er sehnte sich hinaus. Draußen war das weite Leben. Ganz laut sprach er dies manchmal aus: Das weite Leben, die weite Welt! Wie das klang! Noch zwei Jahre, dann tat es sich auf. Wenn die Rahl spielte, dann dachte er die ganze Zeit nur immer daran. Das weite Leben! So wird es sein! Noch zwei Jahre! Dann gehört das alles mir! Nicht mehr mit dem kleinen Beer immer nur gescheit sein und sich den Kopf zerbrechen, aber doch bloß reden, reden können! Sondern hinaus, hinein! Und das Leben wird ihn nehmen! Und er dachte manchmal, daß dies ähnlich sein werde, wie wenn er jetzt, mit geschlossenen Augen, die Finger auf die Lider pressend, die Farben tanzen sah. Nur noch viel stärker und noch viel größer. Aber doch auch anders, so daß er dann nicht mehr ein solches Gefühl von Furcht und Reue hätte.

Dies alles war in ihm. Er saß noch immer an seinem kleinen Tisch. Die Rose war versperrt. Er hätte sie so gern noch einmal angeschaut. Aber nur nicht kindisch sein, nur nicht sentimental sein! Scharf denken, sagte der kleine Beer immer, dann kann einem nichts passieren. Da in der Lade die Rose war nichts als eben eine weiße Rose, wie man sie bei jedem Gärtner bekam. Er hatte gar keinen Anlaß gerührt zu sein. Wenn sie verwelkte, konnte man sich morgen eine andere kaufen. Sie hatte nur den Wert eines Zeichens. Aber zum Begriff des Zeichens gehört, daß es, einmal gegeben, einmal vernommen, nun nicht mehr nötig ist; es hat seinen Zweck erfüllt. Alte Jungfern heben solchen Kram auf. Wozu? Weil ihr Gedächtnis alt wird und ein Loch hat und rinnt. Was aber soll ihm die Rose? Ihn erinnern, daß er ein Zeichen hat? Sein Gedächtnis war noch kein Sieb. Und wenn er hundert Jahre alt ist, das wird er noch wissen. Er muß lachen, indem er sich vorstellt, wie es sein könnte, daß er das vergessen sollte! Ihre weiße Hand im Fenster des Wagens und wie sein Herz da plötzlich stand, als sie die Rose warf, und er dachte dann nur noch: wenn es mir jetzt bloß gelingt, daß ich wieder atmen kann! Er erinnerte sich noch ganz genau, daß dies zuerst, als es geschah, sein einziger Gedanke gewesen war. Nein, das wird er nie vergessen. Er braucht die Rose gar nicht. Sie war bloß ein Zeichen. Aber da fragte es jetzt in ihm: Wovon? Er zuckte zusammen. Wer fragte da, was fragte? Er saß in seinem stillen Zimmer, ganz allein. Es konnte nur in ihm sein. Und er hörte wieder fragen. Wovon war es ein Zeichen? Was zeigte das Zeichen denn? Er sprang auf. Er bekam Angst. Es war spät. Er wollte schlafen. Es war ein Unsinn; er konnte doch nicht schlafen. Und plötzlich erinnerte er sich genau, daß er eigens einen langen Umweg gemacht hatte, um nur dem kleinen Beer nicht zu begegnen, aus Furcht vor seinen Fragen. Denn der würde fragen. Es war seine Art, alles durchzufragen. Der hätte das gefragt. Und jetzt war ihm, als wäre der doch wieder da, fragend und fragend. Ganz so wie er dann meistens stand, etwas schief, den Kopf im Reden vorstoßend, ungeduldig wetzend und scharrend. Wovon? Wofür? Welches Zeichen? Was bedeutet es? Was soll es? Und Franz glaubte das ewige Was des kleinen Beer förmlich schnalzen zu hören. Der fragte doch immer: Was soll das? Und sie hatten neulich sehr gestritten, als Franz, dem die Geduld riß, behauptete: es muß ja nicht alles was sollen! Er hatte jetzt fast einen Haß auf den kleinen Beer. Immer kroch der ihm nach mit seinen Fragen und überhaupt, alle fragten. Samon fragte, forschend über die glitzernde Brille weg. Und die andern Lehrer fragten, gierig und hämisch lauernd. Und war das endlich aus, dann fing der kleine Beer zu fragen an. Überall war ein unablässiges höhnisches Fragen, mit schamlosen Fingern über sein Gesicht tastend, in seinen Ohren bohrend. Er haßte das. Er erinnerte sich: vor ein paar Jahren, als er krank war, hatte der Arzt ihm die Nase mit einem Instrument ausgespritzt, er schrie vor Wut und stieß mit den Füßen auf den Arzt. Er fühlte noch kitzelnd das entsetzliche spitze Rohr eindringen. Und ganz so war ihm dieses Fragen. Er wollte nicht. Er hielt es nicht aus. Und ihm war heiß und bang und wirr. Er konnte nicht mehr, er fürchtete sich, er lief zur Mutter.

Sie schrak auf.. Sie dachte, es sei was geschehen. »Nichts,« sagte Franz, »nichts, Mutter! Ich hab dich nur so schrecklich lieb, laß mich ein bißl bei dir!« Und er nahm ihre Hand und fing bitterlich zu weinen an. Aber dazwischen sagte er immer: »Nichts, Mutter, es ist wirklich nichts, laß mich nur, ich weiß nicht, dumm bin ich!« Und sie hörte doch auch gleich, daß es ein gutes Weinen war. Und so hielt sie nur seine Hand und streichelte sie und ließ ihn weinen, bis er lachte. Dann nahm sie das Jäckchen vom Stuhl, zog es an und jetzt machte sie Licht, um in seinen Augen nachzusehen. Aber sie sagte nichts. Sie hielt nur wieder seine Hand und streichelte sie und ließ ihn lachen und weinen. Und er sagte: »Du bist so gut! Du bist immer gleich gut! Und ob ich brav bin oder schlimm, das macht eigentlich gar nichts aus bei dir, du bist doch immer gut! Und da schäm' ich mich oft so vor dir, es nutzt aber nichts, im Gegenteil, dann muß ich dich gerade kränken, weiß nicht, aus Trotz oder was das ist, aber ich muß, sei nicht bös! Ich möchte dir das oft so gern sagen, aber ich würde mir eher die Zunge abbeißen. Ist das grauslich, gelt?« Und sie streichelte nur immer seine gute Hand und dann sagte sie leise, lustig: »Glaubst denn, daß ich das nicht weiß, dummer Bub?« Aber ihr war sehr ernst, ganz heilig. Denn sie fühlte, daß in ihrem Buben etwas Großes, etwas Starkes aufgebrochen war. Und sie schwieg, in Furcht und Seligkeit. Da sagte Franz leise, ganz geheimnisvoll: »Weißt du, Mutter, was ich möchte?« Und sie fragte leise: »Was möchtest du denn, Franz?« Und er bat leise: »Erzähl mir vom Vater!« Und er küßte still ihre Hand. Und dann sagte er: »Schau, Mutter! Du mußt mir jetzt viel vom Vater erzählen. Das tust du nie mehr.« Sie sagte lächelnd: »Was denn noch? Du weißt doch alles schon. Nicht?« Er sagte: »Nein, Mutter, erzähl' nur.« Und ganz leise sagte er noch: »Ich möchte so werden, wie der Vater war.«

»Ja,« sagte die Mutter mit einem tiefen Atemzug; es war wie ein Gebet. Und Franz sagte: »Keinen Menschen weiß ich sonst, dem ich gleich werden möchte. Aber er muß was Wunderschönes gewesen sein. Da braucht man ja dich bloß anzusehen. Und ich spür's an den Leuten, wenn sie von ihm reden, heute noch. Erzähl mir!«

»Ja mein!« sagte sie. »Wenn sich das so erzählen ließ! Er war halt so, daß man eine Freud hatte, bloß ihn anzusehen. Ein anderer ist gescheit oder kann was besonderes und macht sich überall nützlich, nicht wahr? Das ist dann ja leicht für so jemanden. Er aber kam bloß zur Türe herein und man wurde schon vergnügt, ohne daß er erst was zu tun brauchte. Manchmal machte er so ein gewisses listiges Gesicht und sagte: ›Frisch anzapft is‹! Damit, weißt, meinte er, daß er besonders gut aufgelegt war. Und wirklich: wie lauter Schaum kam es dann von ihm heraus. Gott verzeih mir die Sünd, so von ihm zu reden, du wirst das am End gar nicht verstehen! Ihm aber wäre es sicher recht. Nur nicht sich spreizen, hat er immer gesagt, nur keine gespreizten Leut! Einmal war ein Fest und er wurde sehr gefeiert, einer hielt eine Rede auf ihn, da hieß es: Unser Heitlinger, dieser wirklich große Mensch! Er aber lachte den aus und dann sprang er auf und sagte: ›Kinder, jetzt paßt's auf, ich will euch was verraten, das gibts nämlich gar nicht, laßt's euch nur nichts vormachen, es gibt keine großen Menschen, wir sind alle gleich, wir sind alle arme Hascher, aber das Große, Kinder, das gibt es schon, das Große gibt's überall, es fliegt überall herum, es fliegt durch die Welt und manchmal setzt sich's auf den und manchmal auf den und da sitzt's dann eine Zeit, wie Spatzen auf einer Telegraphenstangen, bis es wieder wegfliegt, dann ist die Stangen wieder leer, da kannst gar nichts machen, es kommt schon wieder einmal, aber auf manche setzt es sich halt besonders gern, deswegen wollen wir aber nicht die Stangen leben lassen, sondern das Große, das in der Menschheit herumfliegt, und bald sitzt es da und bald sitzt es dort, das lebe hoch, hoch, hoch!‹ So merkwürdige Sachen hat er oft gesagt. Und so war's mit ihm auch wirklich, Franz. Wenn ich dir das nur beschreiben könnt! Aber jetzt wirst du's ja noch nicht verstehen. Denn ich kann's dir nicht erklären. Ich weiß es nur. Und jeden Tag fast, wenn ich den Menschen zusehe, muß ich an ihn denken und sage mir: Ihr wißt's ja nichts, nur er hat recht! Aber das kannst du jetzt noch alles nicht verstehen, Franz, glaub mir! Und für jetzt ist schon das beste, du tust, was von dir verlangt wird. Mußt halt schon noch ein bißl Geduld haben, die paar Jahr. Und wird's dir einmal gar zu schwer, so sagst es mir, nicht wahr, mir kannst du doch alles sagen, bist ja mein Bub!« Sie sah ihn ängstlich an. Aber sie fürchtete sich, ihn zu fragen. »Das Große fliegt durch die Welt herum, hat er gesagt?«, wiederholte Franz, nachsinnend.

Die Mutter nickte. »Man weiß nie, ob's nicht morgen in der Früh draußen am Fenster sitzt! Das Große und das Schöne und das Glück oder wie man's nennt, denn er hat gesagt, das sind alles bloß verschiedene Namen. Aber gib acht, wenn du das Fenster aufmachst, daß es nicht wegfliegt. Und dann darf man auch nicht traurig sein, vielleicht kommt's ja wieder, wer weiß? Du kannst doch nichts dafür!«

Dann sagte Franz: »Ich möchte so werden, wie der Vater war.«

Die Mutter schwieg und erinnerte sich. Nach einer Weile sagte sie, beklommen und wie mit Trotz gegen sich selbst: »Ja, Franz, das sollst du.« Dann riß sie sich aus ihren Gedanken los und sagte: »Jetzt aber schau, daß du in's Bett kommst, und schlaf dich ordentlich aus! Das wäre was Neues! Frische Augen und ein vergnügtes Gesicht ist die Hauptsache, hat er immer gesagt.« Und sie gab ihm einen Klaps.

»Wart, Mutter, wart noch,« rief er vergnügt und lief geschwind hinüber und kam mit der Rose zurück. »Ich hab dir was mitgebracht. Ja, da schaust du! Und die gehört dir. Mutter! Ich hab' dich so lieb!«

»Wo hast du denn die wunderschöne Rose her?« fragte die Mutter. Aber er lachte nur noch lustig und rief noch hell: Gute Nacht! und war schon hinüber.

Die weiße Rose lag auf der Decke vor ihr. Sie roch ihren seltsamen feinen fremden Duft. Und sie dachte, wie sein Vater manchmal kam, das Hütl mit Blüten bekränzt; und da hatte sie geweint, weil sie doch schon wußte. Und sie fand nach seinem Tod eine Lade ganz mit vertrockneten Blumen voll. Daran dachte sie jetzt im Duft der weißen Rose. Und ihr war bang.

Sie legte die Rose auf das Kästchen und löschte das Licht aus. Dann horchte sie noch, aufsitzend. Der Bub schlief schon. Dann schüttelte sie sich heftig und warf dies alles ab. Nein, dachte sie, er soll werden wie der Vater, er hat recht! Und das wiederholte sie sich immer wieder. Aber ihr war von den alten Zeiten weh und sie mußte sich an alles erinnern und sie konnte nicht einschlafen.

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