Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Bahr >

Die Rahl

Hermann Bahr: Die Rahl - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Rahl
publisherS. Fischer Verlag
printrunDritte Auflage
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080420
projectid814997ff
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

»Ist es schon so weit?« fragte der Graf, ganz erschreckt.

»Hast wieder gebüffelt?« sagte die Rahl. Und auf den Stoß von Schriften und Büchern zeigend, indem sie das Gesicht verzog, ehrfürchtig: »O je!« Sie schlug ihren großen schweren Mantel auf und knixte.

»Da sind nämlich jetzt die ganzen Berichte beisammen! Von der letzten Sonnenfinsternis, weißt? Und ganz unheimliche Sachen wieder, man würde das gar nicht glauben.« Er sprach sehr schnell, seltsam erregt und fast ein bißchen beklommen, wie es ganz jungen Leuten geschieht, die verlegen sind, von ihren Angelegenheiten zu sprechen. Und schon brach er ab, eilte zum Fenster und holte die Veilchen. »Ich will sie dir in den Wagen geben,« sagte er, zur Türe schreitend.

»Kommst du nicht mit?« fragte sie leichthin, die Zeichnungen in einem Buch betrachtend.

»Darf ich?« fragte er froh.

»Gewiß, Herr Graf,« sagte sie, noch bei den Zeichnungen. »Es wird mir ein Vergnügen sein.«

Er stand an der Türe, die Veilchen so zärtlich haltend, als ob er einen kleinen Vogel in den Händen hätte. Unschlüssig sagte er: »Das ist sehr lieb von dir.« Er sah nach ihr und zauderte noch. Dann sagte er: »Aber ich müßte mich erst umkleiden, das wäre dir zu lang. Und dann –« Er sah sie wieder an und sagte lächelnd: »Eigentlich ist es dir ja doch lieber, allein zu sein.«

»Ach,« sagte sie, »bei der alten Rolle!« Sie schüttelte sich und verzog den Mund. »Ich werde mich heute nicht besonders aufregen. Wenn du gescheit bist, bleibst zu Haus.«

»Nein, nein,« sagte er, »das kenne ich schon. Man kann bei dir nie sicher sein.«

»Heute schon,« sagte sie, während sie mit ihm über die breite Stiege schritt. »Der dumme Frühling steckt mir in den Gliedern. Und überhaupt wegen der Messalina, nein, danke, steht mir wirklich nicht dafür.«

Er half ihr in den Wagen, gab Decken um ihre Füße, Kissen an ihren Rücken, bis sie ganz eingehüllt und warm verwahrt war, und dann bedeckte er alles mit den großen Sträußen, bis sie wie in einem tiefen Wald von Veilchen saß. Dann küßte er ihr die Hand und sagte rasch, ein bißchen verlegen und eigentlich, als ob er sich dabei schämen würde: »Ich freue mich immer so, dich spielen zu sehen.«

»Immer noch?« fragte sie, leise.

»Immer mehr,« sagte er, sehr ernst.

Sie lächelte, und während er sorgsam den Wagen schloß, rief sie durch das Fenster noch: »Du mußt mir das morgen aber alles erzählen. Von der Sonnenfinsternis. Und was ihr da wieder Neues entdeckt habt.«

Er hielt den langen weißen Barsoi. Mit der anderen Hand deckte er sich den bloßen Kopf zu. So stand er, den langen Hals vorgestreckt, den heulenden Hund haltend, ihr nachblickend, so lang noch die weiße Hand, aus dem Fenster des Wagens winkend, zwischen den alten Pappeln hindurch zu sehen war, und hörte den Kies an den Rädern knirschen. Als aber der Wagen durch das Gitter fuhr und der Gärtner hinter ihm das Tor schloß, ging der Graf, das klagende Tier streichelnd, wieder hinein. In der Halle ließ er es los, und nun sprang es in großen Sätzen, sich duckend, sich biegend, sich reckend, sich einrollend, sich ausschüttelnd, schimmernd, bald einem schleichenden Wolf, bald einer weißen Schlange, bald einem aufschießenden Vogel gleich, über die breite leuchtende Stiege hinauf. Hinter dem Hunde rannte der Herr wie um die Wette. Dann aber lag der Hund am Kamin, eingerollt, leise zitternd, heftig atmend, und der Herr saß in einem großen alten Stuhl, die langen Beine gespreizt, vorgebeugt, die Arme auf die Knie und den Kopf in die Hände gestützt, nachdenklich, gedankenlos. Und man hörte nur den schnellen Atem des Hundes, und wie sein Herz in ungleichen Stößen durch den weiten Saal schlug.

Der große Wagen der Rahl fuhr langsam durch die Gassen der engen Vorstadt. Es dämmerte. Ein leiser warmer Regen tropfte. Sie lehnte sich zurück, den Dunst der Veilchen einsaugend. Von Zeit zu Zeit dachte sie: manchmal mag man halt gar nicht! Und sie wollte sich nicht zwingen. Wozu? Für wen? Wer verdient es denn? Wer versteht es denn? Sie wurde dafür bezahlt, sie war dazu angestellt, ein Geschäft wie ein anderes. Und manchmal mag man halt nicht, das kommt in jedem Geschäft vor. Und die werden ja doch begeistert sein! Wer bemerkt es denn? Wer weiß denn was? Also wozu? Es war genug, wenn sie über die Bühne ging. Für diese Leute war das ganz genug. Was wollten sie noch? Nein, sie wollten ja sonst gar nichts. Sie hatten genug, wenn sie nur über die Bühne ging. Das war es ja gerade, deshalb verachtete sie sie so. Was eigentlich sehr dumm von ihr war. Gott sei Dank, daß die Leute nichts verstanden! Denn es gibt nun einmal solche Tage, wo man einfach nicht mag; und es hilft nichts. Dann aber sagte sie sich wieder, daß das immer im Wagen so war; und dann ging es doch. Und sie lachte sich aus. Es war doch immer dasselbe. Jedesmal diese Schwere, diese Bangigkeit und Ode, dieses entsetzliche Gefühl, als ob sie zu schwach sei, auch nur die Hand zu heben, diese Leere, dieser Ekel und dazu noch dieses ewige: Warum, für wen denn? Und dann ging es doch. Wenn sie nur erst draußen war und wieder in das große schwarze Loch dort unten sah und diesen Dampf von Staub und Leim und Lack und Schminke und Puder und Kleidern und Farbe und Fleisch und Schweiß und Atem und Hitze und Fieber roch, dann ging es doch, das wußte sie ja. Es half aber nichts, es zu wissen. Nachher lachte man sich aus. Aber das nächste Mal kam es wieder.

Sie nahm das Buch und fing an, die Rolle der Messalina durchzulesen. Und plötzlich hatten ihr alle diese Worte gar keinen Sinn. Was war denn eigentlich? Was geschah denn? Und sie bekam Angst. Dann wird noch der alte Larinser neben ihr stehen, der manchmal plötzlich vergißt, welches Stück ist, und aus einer andern Rolle zu stottern anfängt, bis sie ihm aushilft und für ihn spricht, damit man es nicht merkt. Und es geht doch und man merkt nichts! Sie warf das Buch weg. Das steht einem auch noch bevor, sagte sie sich, an den armen alten Larinser denkend. Man wird alt und das Gedächtnis versagt und die Kollegen höhnen. Und unten merken sie noch immer nichts. Denn man ist berühmt. Welche Ehre! Aber den ganzen Tag sitzt der alte Larinser und lernt und lernt und lernt und hat Angst. Und schleppt sich abends doch wieder hin! Denn alles hat er vergessen, das aber hält sein leeres Gedächtnis noch fest, das weiß er noch: Nur nicht aufhören! Keiner will aufhören. Lieber Angst haben und sich quälen Tag und Nacht und ausgelacht werden und alles, alles, nur nicht aufhören! Nur doch abends wieder draußen stehen und in das große schwarze Loch schauen, das sich plötzlich auszudehnen und aufzuklaffen scheint, und diesen merkwürdigen, bösen, betäubenden Geruch spüren! Waren sie nicht alle verrückt? Sie hatte manchmal plötzlich solche Furcht. Sie dachte, daß alle verrückt waren, aber das Glück war, daß es keiner merkte; und sie hatte Furcht, daß sie es einmal, mitten drin, merken würde; und dann, wenn man es merkt, dachte sie, wird man wirklich verrückt. Sie hätte nicht allein fahren sollen! Da kamen dann immer solche Gedanken. Wenn jemand mit war, beherrschte man sich. Aber ihr Mann? Nein. Er machte sie nervös mit seiner demütigen Ehrfurcht vor ihrer Kunst. Sie hätte sich irgendeinen höhnischen und gemeinen alten Komödianten gewünscht, der den ganzen Schwindel kannte und schmutzige Geschichten wußte, irgendeinen spuckenden Clown mit wilden Späßen über ihr trauriges Geschäft!

Sie sah zum Fenster hinaus. Da waren solche häßliche große Häuser der armen Leute. Dort in einem Zimmer brannte Licht, eine blasse junge Frau saß nähend. Bettina fiel ein: So würde ich vielleicht auch sitzen, wenn sich damals nicht der junge Statist, im vierten Stock oben, in mich verliebt und mich nicht zum Chor gebracht hätte; es ist alles Zufall. Und dann hatte sich der Kapellmeister in sie verliebt und ließ sie ausbilden, und weil sie keine Stimme hatte, wurde sie Tänzerin, und als es mit dem Tanzen auch nicht ging, entdeckte der Direktor, der in sie verliebt war, ihre hohe tragische Kunst. Es ist alles Zufall. Und hauptsächlich hängt es davon ab, wer sich in einen verliebt. Sonst saß sie jetzt vielleicht auch in einem dieser großen gelben Häuser und nähte. Es ist alles Zufall. Und wer weiß? Fast war sie der blassen jungen Frau neidisch. Still so sitzen und arm sein und nähen und sich sorgen und sich was wünschen und sich sehnen. Ob das nicht eigentlich viel schöner war? Sich noch sehnen können! Noch glauben können, daß man es sich einmal verbessern wird! Sich noch was wünschen können! In ihr aber war es leer. Ich bin ja die berühmte Rahl! Nächstens ist mein Jubiläum! Und ich bin eine Frau Gräfin! Aber indem sie sich das sagte, schien es ihr eine ganz fremde Person zu sein, von der sie sprach. Und sie wiederholte: Die berühmte Rahl! Die Frau Gräfin! Aber etwas in ihr fragte plötzlich: Und? Und? Sie nahm den kleinen Spiegel, da sah sie sich mit den weißen Händen auf den vielen Veilchen. Und sie erschrak, wie bleich ihr leeres Gesicht war. Und etwas fragte noch immer in ihr, klopfend: Und? Und?

Der Kutscher riß plötzlich die Pferde zurück. Sie sah hinaus. Ein Schwarm von schimpfenden und stoßenden Leuten, die Stöcke und Schirme schwangen, um einen keuchenden jungen Menschen gedrängt, den ein Schutzmann am Kragen hielt. Der Kutscher schrie, die Leute wichen weg, die Pferde zogen; sie sah nur noch den jungen Menschen unter der Laterne, er hatte den Hut verloren und hielt sich die Hände vor, mit einer entsetzlichen Angst in den irren Augen. Es riß sie, aus dem Wagen zu springen und ihm zu helfen. Aber schon waren sie vorbei. Sie fing plötzlich zu weinen an, aus Schreck, vor Zorn, in einer furchtbaren Scham, dem Menschen nicht helfen zu können. Immer noch sah sie diese entsetzliche Angst in seinen flehentlich suchenden Augen. Und sie war voll Wut, daß Menschen so gequält wurden. Und voll Wut dachte sie: Ich aber muß ins Theater! Dann sagte sie sich: Es war vielleicht ein Dieb. Aber immer noch sah sie die furchtbare Not in seinen bittenden Augen. Ein Dieb; aber vielleicht aus Hunger! Und sie sah diese heulenden und stoßenden Menschen mit Stöcken und Schirmen auf ihn schlagen. Waren sie besser als er? Weil sie zu essen und ein warmes Zimmer hatten? Und es fiel ihr wieder ein: es ist alles Zufall. Und sie dachte wieder: Ich aber muß ins Theater, reichen Leuten die Zeit vertreiben! Und sie sah wieder hinaus über die vielen rennenden Menschen, an den großen Häusern empor. Überall stießen sich Menschen und hatten Not und hatten Angst und hatten Gier und litten und suchten und baten. Und dann waren einige, die saßen warm zu Haus und wußten nichts davon, wie das Leben ist, sondern dachten sich manches aus, und das hieß nun Wissenschaft und Kunst. Aber plötzlich sagte sie ganz laut: Ich bin ja dumm, das ist doch schon immer so gewesen, und was geht's mich an? Und sie begann wieder an die Messalina zu denken und den Text aufzusagen. Da gingen auf der Straße drei ganz junge Mädchen Arm in Arm, munter schreitend. Eine, mit einem langen blonden Zopf, erblickte sie, erkannte sie. Sie stieß die Freundinnen und schrie: Die Rahl, die Rahl! Und die Freundinnen drehten sich um und schrien: Die Rahl! Und die drei Mädchen winkten und lachten und schrien. Sie streckte den Kopf aus dem Fenster und blickte nach ihnen zurück und lächelte. So jung waren die! Sie hatte ihnen am liebsten ihre Veilchen zugeworfen. Jung sein und Arm in Arm dahin und lachen! Und wie diese Mädeln sie beneiden mochten! Und sie erinnerte sich. Und plötzlich war sie selbst wieder so ein junges Madl. Und ganz andächtig sagte sie: Da fahrt die Rahl ins Theater! Und ganz seltsam war es ihr, als ihr dann einfiel, daß sie ja doch selbst die Rahl war. Und sie sagte, horchend: Die Rahl! Merkwürdig klang es und ganz unheimlich. Und plötzlich zog sie das Fenster zu. Es wurde kalt. Ihr war auf einmal wieder so leer.

Der Diener sprang ab. Savladil, der alte Portier, trat aus dem Tor und wies die jungen Leute zurück, die vordrängten, um sie zu sehen. Bis er an den Schlag kam, dem Diener öffnen half und die Veilchen, die Decken, die Tücher nahm, saß sie still und hörte nur das Rauschen und Raunen der heißen Stimmen um sich, aus dem immer wieder, feierlich emporgetragen, ihr hallender Name schlug. Der große dicke Savladil, die Veilchen tragend, ging ihr voran. Der Bediente, stier vor sich hin, gelangweilt, regungslos, folgte, den Schirm über sie haltend. Sie schritt langsam, ein wenig gebeugt, wie von ihrem schweren weiten Mantel fast erdrückt, leise lächelnd, die gedrängte Schar mehr fühlend als daß sie jeden gesehen hätte, und doch geschwind die Getreuen gleichsam nachzählend. Und da war richtig auch wieder der liebe blonde Bub! Sie kannte Franz jetzt schon. Er stand immer ganz vorne, gleich beim Tor, und sie wußte, daß er nach dem Theater, während ihr Wagen um den Ring fuhr, quer durch die Gassen lief, um sie dann an der Ecke, wo der Wagen in die Vorstadt abbog, noch einmal zu sehen. Da stand er dann unter der Laterne, spähend, atemlos, und wenn sie nun kam, den Hut schwingend und winkend, mit lachenden Augen, während er sonst, unter den anderen, still und ganz ernst und scheu war. Sie verstand, daß er dem Wagen vorlief, um mit ihr allein zu sein; und es freute sie. Aber als sie jetzt, um den Mantel aufzunehmen, einen Moment vor den Stufen stand und in sein frohes Gesicht sah, war es so starr, daß ihr vorkam, es wäre bloß gemalt, nur mit zwei Löchern, durch welche sie ihm ins Herz der Augen sah; und eben von seinen Augen wären diese Löcher in der Leinwand ausgebrannt, auf der das alles gemalt war: das Tor mit den Säulen und die schwarz wogende Schar und der lange dicke Savladil.

Dann hörte man in den Gängen rennen, Türen schlugen zu, alles wurde laut. »Bagage!« schrie sie gellend. Der Schneider wurde von oben geholt. Sie drohte, nicht aufzutreten. Sie verlangte nach dem Regisseur, nach dem Direktor, nach dem Intendanten. Das alte Kostüm war ihr plötzlich nicht recht. Eilig kam der kleine Schneider über die Stiege gerannt. »Jekusch, jekusch,« sagte er, »was hat denn der Wildling heut wieder?« Er trug einen großen Pack von Stoffen, kostbare Seiden, schweren Samt, alte Meßgewänder, die er in der Eile zusammengerafft hatte; sie sollten sie versöhnen, er kannte das ja. »Es geht ihr halt,« sagte er, »nur leicht der Saft ein bissel über, der Frau Gräfin! Aber wennst ihr ein feines Tüchl zeigst, is's gleich wieder ganz populär.« Er nannte populär, wenn man ihm ein Trinkgeld gab. Nun begann sie leidenschaftlich zu schneidern. Heiße Würstel wurden gebracht, ein Paar für sie, eins für die Garderobiere, eins für den winzigen Schneider. So saßen die drei, zuschneidend, umsteckend, aufbindend, während der kleine Schneider ihre Kollegen kopierte, den brüllenden Ton des dicken Jank und Larinsers heiseres Schnauben, zu ihrem größten Vergnügen; sie hätte nur auch gern sich selbst von ihm gehört, aber das traute er sich nicht. »Das nimmt meistens ein schlechtes End,« sagte er. Schließlich fand sie das Kostüm vortrefflich in seinem hieratischen Prunk mit dem gleißenden schweren Geschmeide, wozu sie dalmatinischen Schmuck nahm. »Nur eigentlich,« meinte sie, »so mehr gewissermaßen assyrisch-katholisch ist es. Dem Chef des Ausstattungswesens muß man halt sagen, daß ja die Messalina nur ein Symbol ist. Dann glaubt er's.« Sie war jetzt sehr vergnügt. Blumen, Briefe kamen. Die Schleifen riß sie von den Sträußen, die Blüten streute sie herum, daß der Teppich einer seltsamen tropischen Wiese glich. Nur drei große weiße Rosen gab sie in ein Glas. Sie nahm eine Zigarette, der Rauch sank in den Duft der welkenden Blüten, sie sog es ein und, zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, hörte sie den Text ihrer Rolle, die sich jetzt meldete, Wort für Wort. Der liebe Herr ist da, nannte sie das. »Abends kommt ein lieber Herr, der fängt in mir an und sagt mir alles ein.« Sie ging noch hinüber ins Konversationszimmer. Auf der Bühne wurde gebaut, die Arbeiter ließen sie durch, vertraulich ehrfürchtig grüßend; sie war beliebt, man nahm sich in acht, weil sie gleich Ochs oder Viech sagte oder zornig zuschlug, aber dafür sagte sie auch Servus oder ließ ein Faß Bier holen. Im Zimmer drüben war die »junge Garde«, wie die Zeitungen sagten. Aber sie nannte sie die dramatischen Säuglinge. Sie trat ein, es wurde still, die Säuglinge standen auf und verbeugten sich. Keiner sprach. Man mußte erst sehen, welcher Laune sie war. Sie wurde sonst gleich sehr unangenehm und verstand bisweilen gar keinen Spaß. Sie fragte, wer Zuckerln hätte, setzte sich auf den Tisch und fing zu naschen an. »Nun, Härrr Jank, wie gäts, wie stäts?« fragte sie, sein helles Ostpreußisch ausspottend. Jank, im Kostüm des jungen Paetus, verneigte sich ernst und sagte sehr konventionell: »Danke, Frau Gräfin. Und Ihnen?« Er ärgerte sich, weil man in der Stadt von seinem Roman mit ihr sprach; er war diskret, aber er mochte den spöttischen Ton vor den lauernden Kollegen nicht. Sie schlug ihm vor, immer noch sein Ostpreußisch übertreibend, die Messalina heute zu sächseln, um, sagte sie, das künstlerische Gleichgewicht herzustellen. Und sie begann die große Szene sächselnd. Die Säuglinge lachten und halfen mit. Und sie gab nicht nach und sprach die Szene wieder in ihrem großen, breit einsetzenden, langsam anschwellenden Ton, aber jetzt jüdelnd. Jank sprach kein Wort, sondern sah sie nur mit umflorten Blicken an. »Ja,« sagte sie plötzlich, »die Augen wären noch ganz schön, aber man sieht ja nichts mehr, du wirst zu dick.« Und sie blies die Wangen auf, mit den Augen zwinkernd, um es zu zeigen. Die Säuglinge brüllten, Jank schwieg achselzuckend. Die Türe ging auf, der alte Larinser trat taumelnd ein, sah sich erschreckt und verirrt um und murmelte, mit den Händen fuchtelnd, bis er sich besann und die Rahl erkannte. Er schoß auf sie zu, nahm tätschelnd ihre Hand und küßte sie, die sich vor ihm neigte, auf die Stirne, langsam und feierlich. Und er räusperte sich und sagte mit seiner heiseren und geheimnisvollen Stimme: »Wie schön du bist! Wie schön du wieder bist, Bettina!« Er ließ sie los und stand verloren da, immer die Hände noch ausgestreckt. Und er wiederholte mit seiner unterirdischen Stimme rasselnd: »Bettina!« Dann sah er sich suchend um, erblickte die Jungen, nickte murmelnd, ging zur Türe, kam zurück, trat vor den Spiegel und betrachtete sein Kostüm, wie verwundert, sich allmählich erinnernd, lange. Wieder zur Türe gehend, hielt er an der Türe wieder und kehrte noch einmal um, durch das Zimmer sehend, mit suchenden und fragenden und irrenden Blicken. An der Rahl blieben sie zuletzt hängen. Er freute sich, winkte ihr mit den Händen wie aus weiter Ferne und sagte wieder mit seiner tief verschneiten Stimme: »Schön! Schön!« Dann zog er an der Türe, wurde zornig und stieß sie mit dem Fuß, bis ihm Jank half und öffnete. Er stand und sah die Türe verwundert an. »A so,« sagte er dann, freundlich lächelnd. »Hinaus! Sie geht hinaus.« Und sie hörten noch seinen schlurfenden Schritt durch den hallenden Gang. Jank schloß die Türe.

Die Säuglinge lachten. Einer sagte: »Armer Kerl!« Und ein anderer meinte tröstend: »Sehr gescheit war er ja nie.«

Die Rahl zog die Füße auf den Tisch und setzte sich türkisch. Sie sah die Säuglinge der Reihe nach an. »Katzen!« sagte sie dann verächtlich. Die Säuglinge duckten sich; man konnte bei ihr nie sicher sein. Sie fuhr fort: »Lacht's nur, Bande! Lacht's nur über ihn! Er steckt euch doch alle mitsammen heute noch ein! Gescheit? Nein, Gott sei Dank! war er nie, hast recht. Hat's nicht nötig. Gescheit seid's ihr!« Sie sah sie wieder der Reihe nach an. Sie schwiegen beklommen. Es war ihnen ungemütlich. »Ihr seid's gescheit! Euch muß man nur reden hören, im Wirtshaus, ja, mit den guten Freunderln oder hier auch, natürlich bevor's angeht! Gott, wie gescheit! Und der kann gar Gedichte machen und schreibt in den Journalen! Gott, wie gescheit! Aber dann muß man euch draußen sehen, wenn's angeht! Gehorsamster Diener! Na!« Sie warf rümpfend den Mund auf und schnalzte mit der Zunge. »Leid könnt's ihr einem tun! Katzen! Hascherln! Aber geht's dann hin und schaut's zu und hört's ihn an, den alten vertrottelten Larinser! Er kennt sich nicht mehr aus, er weiß nichts, er tappt herum. Aber dann! Macht's nur eure dreckigen Ohren auf! Dann dampft's und raucht's in ihm plötzlich wie aus einer heißen Quelle herauf, wenn er zu speien anfängt, daß man Angst kriegt, es verbrüht einen! Und man spürt: da unten brennt's! Heute noch!« Sie sprang auf, schritt die Reihe der jungen Menschen ab und sagte: »Das ist es! Ob's in einem brennt! Ihr gescheiten Herren!« Und an der Türe sagte sie noch: »Katzen! Professoren!«

Sie stand auf der Bühne, durch das Loch im Vorhang sehend. Von den drängenden, schiebenden, schwatzenden Leuten in knisternden Kleidern, auf klappernden Sitzen, kam ein Summen und Surren wie von fern sausenden Rädern. Von der Galerie hing eine schwere schwarze Masse, und die Gesichter, über die Brüstung vorbrechend, im grellen Licht, schienen zu schweben, schwankenden kleinen bunten Luftballonen an einer unsichtbaren Schnur gleich. Da war das kleine schwarze Mädl, das auch dann immer auf sie wartete; es war das letztemal vor sie gestürzt, zitternd und schreiend, die Hände ringend, auf den Knien vor ihr, bis sie sie mitleidig hob und ihr, um nur loszukommen, einen Kuß gab; da schlug das wilde Kind in Krämpfen hin, gellend und kreischend, lachend und weinend, nur immer: »Die Rahl hat mich geküßt, die Rahl hat mich geküßt, die Rahl hat mich geküßt!« Und daneben war ja der dicke schnupfende Pater Borromäus, der jedes halbe Jahr aus seinem Salzburger Stift kam, die neunte Symphonie zu hören und die Rahl zu sehen, was ihm Mut gab, dann wieder geduldig seinen schlimmen Buben den Ariost beizubringen. Und unten, feierlich und prophetisch, der ehrwürdige Kopf des alten Beer. Und ihr Anwalt und ihr Arzt; nun, die stellten das ja sozusagen in Rechnung. Und befrackte Herren und dekolletierte Damen in den Logen; nun, die kamen weniger sie zu sehen, als sich zu zeigen. Und in der ersten Reihe räkelte sich, mit einer grinsenden Orchidee, der Ästhet, ihr bleicher Franzose, den Begeisterung ausschwitzenden Hofrat Wax neben sich, der seinen langen blauen Bart strich. Sie wurde plötzlich zornig. So war sie als Mädl zornig gewesen, wenn sie stehen bleiben mußte, um eine Equipage vorüber zu lassen. Und sie dachte sich schadenfroh: »Gerade nicht! An manchen Tagen mag man halt nicht!« Aber da sah sie, ganz oben neben dem kleinen schwarzen Mädchen mit den gierig verstörten Augen, das ernste, stille, wartende Gesicht des lieben blonden Buben.

Sie saß in der Kulisse, das Stichwort erwartend, auf dem Stuhl neben der Feuerwehr. Sie hörte das Publikum rauschen. Sie husteten, sie wetzten, sie flüsterten: sie war ja noch nicht da. Der alte Larinser ging schlurfend neben ihr hin und her, die ersten Sätze seiner Rolle murmelnd. Der von der Feuerwehr hielt ängstlich die Hand vor sein Gesicht; er hatte Schnupfen und fürchtete sich, zu nießen. Der Inspizient stand, vorgebeugt lauschend, einen grünen Schirm über den alten Augen, die das Licht nicht mehr vertrugen. Plötzlich kam ihr dies alles unsäglich albern vor. Irgendwo sitzen und nähen, dachte sie. Jetzt soll sie hinaus und eine verstorbene lateinische Kaiserin sein! Es wehrt sich in ihr, alles wehrt sich, und sie weiß doch, daß es ihr nichts helfen wird. Der Inspizient wird gleich sagen: Bitte, Frau Gräfin! Und dann muß sie hinaus und sie spricht eingelernte Worte nach und sie weiß, daß diese paar eingelernten Worte sie ihr wegnehmen werden. Und sie weiß, daß sie dann plötzlich nichts mehr wissen wird, nichts mehr. Und sie wehrt sich, aber sie weiß, daß es nichts hilft. Und sie hat plötzlich Hunger. Auf irgendwas recht gemeines. Einen quälenden Hunger. Sie glaubt umzusinken, alles schwankt um sie. Linsen, fällt ihr ein, möchte sie. Sie erinnert sich, wie ihr, als sie noch ein Kind war, die Linsen schmeckten. Irgendwo sitzen und nähen und dann abends Linsen!

Der Beleuchter Simetsch trat neben sie, demütig grüßend. Sie fragte nach seiner Frau und den Kindern. »Mein Gott!« sagte er achselzuckend. Er war voriges Jahr in eine Versenkung gestürzt. Sie nahm ihn damals in ihrem Wagen nach seiner Wohnung mit. Daher kannte sie die Leute. Die Frau schwindsüchtig und sieben kleine Kinder. Sie sah ihn an, wie er jetzt neben ihr stand, mit ängstlich gierigen Blicken nach dem Inspizienten hin. Er durfte an dies alles jetzt nicht denken, an die kranke Frau mit den armen Kindern, sondern nur an das Zeichen, wann er das blaue Licht nehmen muß, zur mystischen Dämmerung, auf die der Chef so stolz war. Das ist wichtiger, dachte sie. Und ihr kam alles hier unsäglich albern vor: Nein, ich mag nicht mehr! Aber da hob der Inspizient die Hand und neigte sich, flüsternd: »Bitte, Frau Gräfin!«

Sie fühlte den Ruck im Publikum. Das ungeheuere schwarze Tier dort unten schien sich scheu zu ducken, ihren Schlag fürchtend. Sie sprach ganz leise, mit geschlossenen Augen. Es machte ihr Spaß, sie bangen zu lassen. Die Worte tropften langsam von ihren flackernden Lippen. Sie glaubte jedes zu hören, wie es in das schwarze Loch fiel, und horchte, wie wenn man einen Stein in einen sehr tiefen Brunnen wirft und hinablauscht, bis er auf das hallende Wasser schlagen wird. Und immer dachte sie nur, diese fremden Worte der verstorbenen Kaiserin aufsagend: Ich mag aber ja nicht, heute mag ich halt nicht! Und sie freute sich wie ein boshaftes Kind. Und sie wehrte sich. Etwas war in ihr, was sich wehrte, was nicht wollte, was widerstand. Sie fühlte den heißen Qualm aus dem schwarzen Loch. In der leeren Hofloge war ein Licht, sie konnte die roten Stühle und den Zeiger der Uhr sehen; also, sagte es in ihr, kann ich doch keine verstorbene Kaiserin sein! Und sie sah den Schweiß auf der Nase des dicken Jank, sie roch seine Schminke, der fette Hals schwoll ihm an. Jank wurde nervös. Er kannte diese Laune. Er wußte, daß sie sich dann, wenn er eben anlief, um loszulegen, plötzlich umkehrte und ihm, den Rücken zum arglosen Publikum, die Zunge zeigte oder Gesichter schnitt, bis er lachen mußte; dann aber sagte sie leise: »Zwergaffe!« und hob ihre Hand aus den weiten Ärmeln, die weißen Finger streckend, und unten erschauerten sie. Ich mag heute halt nicht! Und langsam schlichen die Szenen hin. Das schwarze Tier unten lag kauernd. Da kam der alte Larinser. Er hatte den Auftritt versäumt, weil er an der falschen Türe stand. Verwirrt, bestürzt, verlor er sich gleich im ersten Satz. Unten merkten sie noch nichts. Man hörte nur das Rasseln seiner entfernten Stimme, die unter einem ehernen Schild hervor zu stöhnen schien. Da streckte die Kaiserin die Arme aus und es war, wie wenn ein großer böser Vogel, der gefesselt sitzt, langsam die Schwingen öffnet. Und plötzlich wußte sie nichts mehr. Nichts mehr als eine ungeheuere siedende Lust, sich aufzubrechen und los zu sein und zu rasen. Und der alte Larinser reckt sich auf und nimmt seinen knöchernen Ton und haut auf sie los. Sie fühlt, daß das Blut aus ihr spritzt, und jetzt weiß sie nur noch: Blut, Blut! Überall ist Blut. Sie will Blut. Sie muß würgen, sonst erwürgt es sie. Ihre weißen Hände mit den schmalen Fingern, an welchen die schweren Ringe brennen, um einen Hals spannen und zuziehen und würgen. Sonst weiß sie jetzt nichts mehr als dies. Und dann ist es plötzlich wieder ihr eigener Hals, den die Stimme des Larinser jetzt in ihren Krallen hat, und jetzt wird sie gewürgt, und ihr kommt das Blut und sie hat es überall, und sie weiß, das ist der Tod, der jetzt aus ihrer erstickenden Kehle springt, in diesem Schrei, in diesem blutroten Schrei, in diesem lichterlohen Schrei, von dem jetzt das große schwarze Loch dort unten und alles bis ans Dach prasselnd aufzuflammen scheint. Und sie hört den Schrei und wundert sich und schaut: Wer schreit denn? Und plötzlich ist sie wieder ganz ruhig und es wird ihr nur jetzt sehr wohl. So leicht, so froh, so fliegend ist ihr. Und sie hört ihrer eigenen Stimme zu und hegt ihren weichen, warmen, wogenden Klang und spielt mit ihm, sich auf ihrer niedersinkenden und aufsteigenden Stimme schaukelnd und wiegend. So hört sie sich an und sieht sie sich zu. Und sie hat jetzt das Gefühl, jeden einzelnen unten deutlich zu sehen. Und sie sucht das ernste liebe Gesicht des blonden Buben. Und neben ihr ist eine, die noch immer rast. Und sie steht neben der und wundert sich. Sie steht wie auf einem hohen Berge und der Wind geht hell. Und es ist ihr sehr leid, daß jetzt plötzlich der Vorhang fällt. Da nimmt sie der alte Larinser bei der Hand und horcht, bis von unten das Brausen und Stampfen und Jauchzen herauf kommt. Dann nickt er und umarmt sie und sagt: »Gut is gangen.« Er horcht wieder auf das Dröhnen draußen. Dann schüttelt er sich, nachzitternd. »Famos. So mit dir zusammen zur Hölle fahren! Wär fein.« Er legt den Arm um sie und wird zärtlich. »Warum,« fragt er in einem dunklen Ton, »haben wir zwei uns nie geliebt? Wir wären es uns eigentlich schuldig, Bettina!« Sie sagt: »Hier werden wir aber jetzt gleich erschlagen.« Und sie zieht ihn sorgsam durchs Gewühl der umbauenden Menschen und übergibt ihn seinem Garderobier, der ihn schon erwartet, um ihn zu frottieren.

In der Pause kam der Graf herauf. »Siehst du?« sagte er froh. »Man darf sich auf dich nicht verlassen. Du hast doch geglaubt, daß es heute nichts sein wird.«

Sie saß vor dem Spiegel, das Haar umsteckend. »Und?« fragte sie nebenhin. »War's denn was?«

Er zögerte scheu. Dann sagte er ganz leise, beklommen: »Mir ist, als hättest du doch noch nie so stark auf mich gewirkt. So groß, so rein, so –« Er fand kein Wort mehr und griff nur mit der Hand vor sich hinaus. Aber abschwächend, als ob es doch eigentlich undankbar und treulos an seinen Erinnerungen wäre, fügte er hinzu, verlegen lächelnd: »So kommt es mir wenigstens vor.«

»Dir kommt es immer so vor,« sagte sie spöttisch, fast ein wenig gereizt. Aber lächelnd schlug sie leicht mit zwei Fingern unter sein Kinn, als wäre der hagere lange Mann mit den grauen Haaren da vor ihr ein liebes törichtes Kind. Und sie sagte lustig: »Das ist ja das Nette von dir! Denn ein Mann, der was versteht, nein, das wäre wohl entsetzlich. Nicht acht Tage!«

Er sah erschreckt auf. Das warf er sich ja selbst immer vor! Er hätte ihr so gern raten und helfen mögen! Aber was konnte er ihr sein? Er ihr! Er fand es doch schon frech, ihr seine Bewunderung zu sagen. Er ihr!

Sie spürte, was er dachte. Sie sagte tröstlich: »Es ist ja keine Schand. Dafür kennst du wieder ›der Sterne Lauf‹. Das ist sicher schwerer. Und wenn ich ein Planet wäre, hätte ich eine schreckliche Angst vor dir und wär' dir längst durchgegangen.« Sie stand auf und strich leise mit der Hand über die glatten Haare des Grafen, der vor ihr saß. »Nein, nein!« sagte sie. »So ist es schon alles am besten. So wie es ist.« Und sie reckte sich. Sie ging auf und ab. Sie sah nach der Uhr. Sie war ungeduldig. Sie wollte schon wieder hinaus. Nur wieder draußen sein! In dieser seligen traumsicheren sinnlosen Klarheit und Stille! Nur das dampfende schwarze Loch vor sich und dann packen sie die Wogen und sie versinkt und es ist nur noch das ungeheuere Brausen um sie und in ihr rasen tausend Leben, aber sie sieht zu, sie hört zu, sie ist ganz still, alles jagt an ihr vorbei, sie weiß aber, daß es zum letztenmal ist, und gleich, weiß sie, wird alles aus sein und alles wird versunken sein und alles wird verloschen sein, sie spürt es schon, es zieht sie schon hinab, unten ist das Dunkel, unten ist das Schweigen, da wird sie nichts mehr wissen, da schlägt keine Sehnsucht mehr; und so, denkt sie, muß das Ertrinken sein!

Sie stand, mit geschlossenen Augen, aufgerichtet. Sie vergaß, daß der Graf noch immer auf dem Schemel saß. Sie stand, auf das Zeichen wartend, um sich wieder loszulassen, endlich wieder! Der Graf hatte Furcht, sie zu wecken. Sie schien ihm einer wilden Priesterin zu gleichen, einer Seherin, die harrt, bis der dunkle Geist, der schon in ihr lauert, sie quälen und segnen wird. Da kam der Intendant, um sie mit seiner Bewunderung anzumeckern. Sie fing zu schimpfen an, daß diese langen Pausen ein Skandal wären und ging auf die Bühne. Der Intendant war froh, lieber dem Grafen allein seine Verehrung auszudrücken. Er wunderte sich stets, daß er, der doch Diplomat gewesen war, niemals den rechten Ton für die von ihm so schwärmerisch verehrten Künstlerin zu treffen schien. Im ganz vertrauten Kreise pflegte er noch behutsam hinzuzufügen, als feiner Psychologe, es sei dies eben doch auch eine besondere Komplikation: eine Gräfin, in der eine ehemalige Hausmeisterische steckt!

Und dann war sie nur sehr müd. Sie lag im Sessel und ließ sich entkleiden. Man nahm ihr den schweren Mantel ab, tat den Schmuck weg, löste den Kranz. Und das kalte Wasser tat ihr wohl, als sie sich wusch. Da liegt jetzt dies alles auf dem Boden, dachte sie, und die Frau Gräfin fahrt nach Haus! Es war doch sehr seltsam. Sie wunderte sich immer wieder. Und sie war schrecklich müd. Aber schön war es, so müd zu sein. Und als wäre alles Böse draußen auf der Bühne liegen geblieben und würde jetzt mit den Kulissen weggeräumt. Manchmal als Kind, wenn sie zu viel herumgelaufen war und dann endlich abends in ihrem kleinen Bett lag, hatte sie das auch so gefühlt. Und hatte sich, schon halb im Schlaf, auch immer vorgenommen und so fest gewünscht, jetzt brav zu werden, gehorsam zu sein und niemanden mehr zu kränken. Eigentlich tat ihr jetzt der Intendant leid; er war dumm, aber er konnte nichts dafür. Dem Jank hatte sie noch zuletzt auf der Bühne gesagt, daß er doch unter den jungen Leuten der einzige sei; sie war darüber jetzt sehr froh. Sie ließ den Beleuchter Simetsch holen und gab ihm Geld für seine kranke Frau; die Kinder sollten doch wieder einmal zu ihr kommen. Dann setzte sie sich und schrieb noch Autogramme. Sie hätte so gern allen Menschen was Liebes getan. Aber sie war furchtbar müd. Sie nahm die drei großen weißen Rosen und streichelte sie. Sie fragte nach dem Grafen. Aber er war schon fort; er wußte, daß sie lieber allein fuhr. Er hatte sicher noch Veilchen in ihren Wagen gebracht! Sie lächelte dankbar; er war so gut! Ein ganz seltsames, fast schmerzliches Wohlsein und Frohsein fühlte sie. Es tat ihr leid, daß sie nicht fromm war; es müßte schön sein, jetzt beten zu können. Sie war so müd.

Dann schritt sie hinab. Der lange dicke Savladil ging voraus, den Weg bahnend. Der Bediente folgte. Sie schritt, in den Mantel eingehüllt, die weißen Rosen in der Hand, durch die jauchzende, kreischende, heulende, stoßende, dampfende Schar. Hinten stand ihr alter fetter Pater Borromäus neben dem wilden schwarzen Mädl, das gellend schrie; es hatte den fremden Pater am Arm gepackt und riß ihn, zuckend; er schämte sich. Aber sie sah jetzt gar nichts mehr, alles drehte sich vor ihr, Funken sprangen. Bis sie dann doch wieder im Wagen saß, der langsam über den leeren Ring fuhr, zwischen den einsamen kahlen Bäumen. Sie wußte nichts mehr, sie sank zurück, sie spürte nur noch den Hauch der Veilchen und hielt die weißen Rosen fest. Da bog der Wagen in die Vorstadt ein. Unwillkürlich, ganz aus der Ferne her, erinnerte sie sich. Sie setzte sich auf, ließ das Fenster herab und neigte sich vor. Da stand auch an der Ecke schon ihr lieber blonder Bub, atemlos. Wie der Läufer von Marathon, fiel ihr ein, bei uns im Garten; sie mußte lachen. Er zog den Hut, sie winkte lächelnd mit der Hand, nahm lächelnd eine der weißen Rosen und warf sie lächelnd dem Knaben hin, schon war der Wagen vorbei. Und sie wußte nur noch, daß sie sehr müd war, zum Umsinken müd, so wunderschön müd! Und sie trank den feuchten Dunst der warmen Nacht. Sie hätte gern noch an den lieben Buben gedacht, der jetzt die weiße Rose von ihr hatte. Aber sie war zu müd. Sie wußte nur, daß dies alles doch sehr schön war. Und sie roch die Veilchen und die feuchte Nacht und die weißen Rosen. Jetzt waren es nur noch zwei. Eine hatte der liebe blonde Bub. Das war doch alles sehr schön. Sie war aber sehr müd.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.