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Die Rahl

Hermann Bahr: Die Rahl - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Rahl
publisherS. Fischer Verlag
printrunDritte Auflage
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080420
projectid814997ff
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Fünftes Kapitel

Noch eine Woche,« sagte der schöne Hofrat Wax, »noch eine Woche, wenn's so bleibt, dann stellen wir die Tische hinaus und sitzen vor dem Café und dann werden Sie erst sehen, was das ist, der Wiener Ring im Wiener Frühling mit den Wiener Frauen! Wenn das wo anders war, gar in Berlin, das Geschrei! Aber wir sind halt bescheidene Leut'!« Und der schöne Hofrat Wax tunkte sein Wiener Kipfel in seinen Wiener Kaffee und fuhr fort, seine Wiener Stadt dem Herrn von Lerroy zu erklären. Dieser, ein bißchen gelangweilt, die langen Nägel an seinen weibischen Fingern betrachtend, müde vorgebeugt, hörte summend zu. Es schien ihn nicht sehr aufzuregen. Aber wenigstens verging der Tag. Und er rauchte russische Zigaretten und trank seinen eigenen Kognak dazu, Kognak Lerroy mit drei Sternen, in Eis. Herr von Lerroy war beim letzten Grand Prix von einem Zuhälter geprügelt worden. Er nannte das: die Affäre. Sein Vater wünschte, daß sie zuwachse. Es kam sonst zu teuer, den jungen Menschen zu verheiraten. So wurde er verschickt. Er sollte im Automobil um die Welt. Man gab ihm einen Journalisten mit, der darüber an französische Zeitungen schreiben würde. So hatte die Firma wenigstens auch eine Reklame davon. »Herr von Lerroy, ein junger Ästhet, der seine besondere Note hat, der Sohn des weltberühmten Kognakhauses Lerroy, der zurzeit in seinem Praxedes über Indien nach China reist –.« Und die Firma Praxedes trug einen Teil der Kosten. Der Abschied von Paris war sehr feierlich gewesen. Der unerschrockene junge Forscher, hieß es; man verglich ihn mit den Kreuzfahrern, und es wurden Betrachtungen angestellt, wie weit doch die Menschheit seit jenen Zeiten vorgeschritten sei. Ein Defekt an der Maschine hielt ihn in Wien auf. Abends ging er ins Theater, sah die Rahl und verliebte sich. Ein Herr von der Botschaft machte ihn mit dem Hofrat Wax bekannt, dem es gelang, ihn der Rahl vorzustellen. Sie lachte ihn aus, und als er dies nicht verstand, schlug sie ihm die Türe zu. Das war ihm noch nicht geschehen; er fand es herrlich. Er kam sich wie bei den Wilden vor! Auch bemerkte er, daß es ihm in der Stadt eine gewisse Stellung gab. Er war jetzt der Franzose der Rahl. Und er lernte zum erstenmal das Gefühl kennen, sozusagen einen Beruf zu haben. Der Journalist fuhr allein in seinem Praxedes weiter. Und während man in den französischen Zeitungen noch immer las, der bekannte Forscher und Ästhet Lerroy, vom weltberühmten Kognakhause Lerroy, sei nun mit seinem Praxedes in Tibet angelangt, ließ er sich vom Hofrat Wax die Wiener Stadt erklären. Dem schönen Hofrat Wax schmeichelte das sehr. Er war für jeden Fremden dankbar. Und dieser hatte gar gezeigt, was man hier doch nicht alles noch erleben kann! Dies erfüllte den Hofrat mit Stolz auf die Rahl und mit Stolz auf seinen neuen Freund und mit Stolz auf die Stadt, in der eben, sagte er, noch nicht alle Romantik erloschen ist. So zog er mit dem Franzosen in allen Gassen herum, sie fuhren in den Prater, sie gingen zu den Volkssängern. Die Leute stießen sich an und tuschelten: Das ist der Franzos' von der Rahl! Im Theater waren alle Gucker auf ihn gerichtet. Man fand ihn so bleich. Man hatte Mitleid. Und manche meinten, daß die Rahl wirklich schon einmal aufhören könnte, immer Reklame für sich zu machen. Der arme junge Mensch! Herr von Lerroy befand sich dabei sehr wohl. Nur dauerte das jetzt doch schließlich bald ein halbes Jahr. So fing es an, ihn ein bißchen zu langweilen. Auch fühlte er, daß man von ihm etwas erwartete. Man fand ja sein Abenteuer höchst spannend. Nun war man aber neugierig. Was wird geschehen? Was wird er tun? Wer wird siegen? Jetzt mußte doch die Fortsetzung folgen. Und er fühlte selbst, dies der allgemeinen Teilnahme schuldig zu sein. Es war nur nicht so einfach. Er hätte damals gleich etwas Ungeheueres vollbringen müssen. Er hätte sich töten können, im ersten Schmerz. Oder sich mit ihrem Mann schießen, in der ersten Wut. Ein bißchen altmodisch freilich. Aber hier unten, an der Türkei? Doch das war einmal versäumt. Oder jetzt noch mit dem Grafen anbinden? Im Theater, auf der Straße, irgendwo. Überfallen, herausfordern! Irgend so etwas erwartete man offenbar von ihm. Sie, mit Ihrem Temperament! hieß es immer. Obwohl er eigentlich gar keinen Anlaß gab. Und wenn sie, Arm in Arm, spazieren gingen, trällerte der schöne Hofrat Wax gern, sein Stöckchen schwingend: Das sind die Gascogner Kadetten! Er war übrigens in Bar-le-Duc geboren, im Departement der Maas, an der flandrischen Grenze; er hatte Verwandte in Frankfurt. Der Hofrat Wax aber sagte immer, sehnsüchtig: Ihr zügellosen Romanen! Er hätte damals einen Dolch zücken oder sie, vermummt, mit Gewalt entführen sollen. So irgend etwas. Er war nur damals doch darauf gar nicht gefaßt. Die Leute stellten sich das ganz anders vor. Er kam ins Theater, und als er sie so stark auf alle Menschen wirken sah und dieses Jauchzen, diesen Rausch vernahm, hatte er, aus angeborener Höflichkeit sozusagen, das Bedürfnis mitzutun, nicht zurück zu bleiben, es noch zu überbieten. Allen schmeichelte das sehr. Nun ließ er sich bei der Rahl einführen. Wie mußte es doch ihr selbst erst schmeicheln! Und er begriff heute noch nicht, wodurch er ihr eigentlich so sehr mißfallen haben konnte. Er wollte ja nichts. Nein, er wollte wirklich gar nichts. Einer gefeierten Künstlerin huldigen. Das darf man doch. Natürlich durch Leidenschaft. So sind sie es ja gewohnt. Oder weil sie eine Gräfin war? Aber er wollte ja nichts. Hinter ihr, in ihrem Gefolge, bewundernd, verehrend, manchmal von einem dankbaren Blick belohnt, durch die Gesellschaft ziehen. Ein paar Tage; bis das Automobil hergestellt war. Er begriff heute noch ihren Zorn, ihren Hohn nicht. Aber er hatte eben Pech. Seine Liane d'Artagnan kostete ein Vermögen. Und sie betrog ihn mit einem Kerl. Er nahm es ihr nicht übel, er fand es ganz im Stil. Er machte sogar ein Sonett darauf. »Dein Zuhälter«, hieß es, und dieser wurde da »der geilen Gosse behaarter Faun« genannt. Was aber doch natürlich eher ruhmvoll gemeint war. Und deswegen die Prügel beim Grand Prix! Er verstand die Menschen wirklich nicht, aber dies schien eben der Fluch der alten Rassen zu sein, der Enkel, der Erben. Immer war man plötzlich in einem Abenteuer! Und es ging nun doch nicht gut, den Leuten dann zu sagen: Es war ein Mißverständnis, Leidenschaft für diese Rahl ist es gar nicht, wirkliche Leidenschaft, keineswegs, sondern – Ja, was? Denn er war ja doch nicht sicher, ob es nicht vielleicht aber dennoch Leidenschaft war. Er konnte das nicht so genau wissen, weil er annahm, zu den komplizierten Menschen zu gehören, in welchen der spöttische Verstand mitten im Gewühle der heftigsten Empfindungen ein gelassener Zuschauer bleibt. Vielleicht war bei solchen die Leidenschaft so. Vielleicht hatte er auch nur einen zu großen, zu mächtigen Begriff von Leidenschaft, dem nun das eigene Gefühl freilich nicht entsprach, worin andere Menschen von geringerer Art gewiß geschwelgt hätten. Er verlangte nur zu viel von sich, das war es. Eine ganze Stadt sprach doch von seiner Leidenschaft! Und bewies er sie nicht? Er gab eine Weltreise dafür auf. Er saß hier, im Pontus, dem Ovid gleich. Er war traurig, er sehnte sich; er hatte schon daran gedacht, Morphinist zu werden, der Hofrat riet ihm ab. In solchen Momenten war es ihm unzweifelhaft, daß es eben doch die große Leidenschaft war, die bloß in den alten Rassen eben eine furchtbare Ruhe, eine drohend zusammengeballte Stille hat. »Meeresstille«, fiel ihm ein. Und er hegte dieses Wort. Meeresstille; kaum eine Welle, die Fläche lächelt, doch unten liegen Ungeheuer lauernd in der Tiefe. So war seine Natur. Offenbar. Er litt auch oft an einem nervösen Druck im Kopf, was offenbar von solchen verhaltenen Affekten kam. Er nannte das: seine Hemmungen. Und er war fast den kleinen Menschen neidisch, die davon nichts ahnten, wie dieser gute, stets vergnügte Hofrat Wax mit seinem schönen schwarzen Bart. Was wußten die? Meeresstille; dann aber wird es schwarz und der Sturm bricht los. Nein, die Leute hatten schon recht: so war er nicht, daß ihm ein Abenteuer in den müden Händen zerrann! Und er wurde selbst neugierig: auf sich. Auch das war, wie er wußte, ein solcher Zug der alten Rassen: gleichsam neben sich zu sitzen und sich abzuwarten und gespannt zu sein, was nun in einem, aus einem, mit einem geschehen wird. Und immer wieder bekam er Lust, es knallen zu lassen. Ein Überfall, ein Duell! Irgend etwas dieser Art erwartete man von ihm. Er wurde sonst lächerlich. So gutmütig ja diese netten Leute hier auch waren. Er glaubte doch schon manchmal, einen leisen Spott zu spüren. Ein Duell mit dem Gatten! Er hatte leider damals nicht daran gedacht. Jetzt war es eigentlich schon etwas spät. Aber ein Vorwand ließ sich immer finden. Er ging auch wirklich einmal in seine Loge. Doch der Graf hatte eine Art, abweisend höflich und unnahbar charmant zu sein, der nicht beizukommen war. Sie führten ein Gespräch über den neufranzösischen Vers, der Graf fand diesen Versuch, das Wogende der Empfindungen einzusaugen, mit den Absichten der pointillistischen Malerei verwandt, und nach ein paar artigen Bemerkungen über den sicheren guten Geschmack, der den Franzosen auch im verwegensten Experiment nicht verläßt, war er entlassen. Er erinnerte sich nicht gern daran. Gegen solche ganz zur Form gewordene Menschen war man wehrlos. Er fand ihn nachher auch eigentlich sehr hochmütig; er hatte das nur nicht gleich bemerkt. Schade, daß er gar nicht dazu kam, von der Rahl zu sprechen; aber da ging der Vorhang wieder auf. Immerhin machte es einen sehr starken Eindruck auf die Leute, die beiden zusammen in der Loge zu sehen. Die Neugierde nahm noch zu. Es mußte jetzt etwas geschehen! Nun spielte die Rahl ja nächstens ihre Sappho zum hundertstenmal. Man bereitete eine Art Jubiläum vor. Man sprach von einer hohen Auszeichnung. Und ihr Bild war für das städtische Museum bestellt worden. Der Hofrat Wax sagte schon täglich: »Da werden Sie erst einmal das Wiener Publikum sehen, das weiß ja niemand!« Das war die letzte Gelegenheit. Aber er wußte noch nicht. »Haben Sie heute vormittag,« fragte der schöne Hofrat Wax, »diese merkwürdige Luft gespürt? Diese wunderbar weiche Luft, in der einem plötzlich ganz warm ums Herz wird! Eine Luft wie Samt, und man greift sie förmlich! Und jetzt passen Sie erst auf! Jetzt kommt der Wiener März, das steht Ihnen noch bevor.« Der Hofrat Wax hatte die Gewohnheit, auch klimatische Vorgänge, alle Erscheinungen der Natur, den Wechsel der Jahreszeiten, das Erwachen der Primeln, den Duft des Flieders und den Schlag der Amseln als ein besonderes Verdienst seiner Vaterstadt anzusprechen. Er war stets freudig bewegt, er war stets hoffnungsvoll erregt. Er sagte in einem fort: Passen Sie auf! Und er paßte selbst in einem fort auf. Dieser ganze Hofrat mit dem schönen langen schwarzen Bart schnupperte fortwährend; wie ein junger Hund, der eine Spur hat. Er schnupperte mit der kurzen breiten Nase, er schnupperte mit den munteren eiligen Augen, er schnupperte mit den großen spitzen Ohren. Für ihn ging immer etwas vor. Und alles war aufregend. Er fand aber, daß es die anderen nicht genug bemerkten. So nahm er auf der Straße jeden beim Knopf und, den Knopf drehend, fragte er: »No, was sagen Sie?« Aber er wartete niemals, bis man etwas sagte, sondern fing gleich zu erklären an: den Sturz des Wetters, ein neues Haus, das gebaut wurde, ein Feuilleton im Morgenblatt; alles war ihm ein Ereignis. Und er mußte immer jemanden haben, dem er sich widmen konnte; dann genoß er es erst. Seit Jahren schlug er im Ministerium vor, ein Departement für Fremde zu schaffen, »zur Entdeckung Wiens«. Der Anfang aber wäre dann mit den Wienern selbst zu machen, die doch ihre Wiener Stadt ja gar noch nicht kannten. Er sagte bei jeder Gelegenheit: »Das weiß man ja gar nicht! Aber ihr seid's undankbar!« Sie hätten den ganzen Tag auf der Straße stehen und bewundern und gerührt sein sollen. Gewissermaßen war er freilich doch auch wieder froh, daß nur er allein die Wiener Stadt verstand. »Da gehört halt auch ein ganz eigenes Studium dazu,« sagte er vergnügt. Er konnte zuweilen aber auch sehr melancholisch sein. Er fühlte sich verkannt. Zwar war er der schöne Hofrat Wax und bekam Orden um Orden, aber er fand noch immer, daß seine Verdienste um die Verdienste der Stadt nicht nach Gebühr gewürdigt wurden. Das meinte er, wenn er sagte: »Wir sind halt zu bescheiden, das ist unser altes Unglück!« Aber seit er jetzt Herrn von Lerroy hatte, lebte er wieder auf. »Ja, wenn man diese Luft,« sagte er, »schön in ein Postpaket stecken und ins Ausland schicken könnte! Hier aber sitzen die Leute in einem rauchigen Café! Wir wissen halt nichts zu schätzen!« Plötzlich aber stieß er den Franzosen, auf einen eiligen jungen Menschen zeigend, der ungeduldig eintrat und, an den Lippen kauend, sich ärgerlich umsah. Und schon hatte der unstete junge Mensch im Winkel einen alten Herrn entdeckt, dem er, an der Türe bleibend, heftig winkte. »Wissen Sie,« fragte der Hofrat Wax geheimnisvoll und triumphierend, »wissen Sie, wer das ist?« Und er sah den Franzosen an, als ob der sich bei ihm bedanken müßte. Aber der Franzose wußte es nicht. »Ja!« sagte der schöne Hofrat stolz, »das ist der Höfelind! Wissen Sie, der jetzt die Rahl für's Museum malt!« Herr von Lerroy wünschte sehr, ihn kennen zu lernen. »Wir werden schaun,« sagte der Hofrat, ein bißchen verlegen. »Der ist ja nämlich ein Narr. Da weiß man nie.« Er stand auf und ging auf Höfelind zu, der noch immer, schon rot vor Zorn und mit schwellenden Adern, nach dem alten Herrn hin winkte. Der alte Herr im Winkel aber lachte und winkte wieder, Höfelind solle kommen. »Erlauben Sie, verehrter Meister!« sagte der Hofrat und nahm seinen Arm, um ihn an den Tisch des Franzosen zu ziehen. Höfelind kaute: »Keine Zeit, Herr Hofrat! Ich habe nur dem Radauner versprochen, daß wir –« Er verstummte, keuchend. Der Hofrat sagte: »Der versäumt ja nichts!« Und er setzte geheimnisvoll hinzu, stolz: »Aber das wird Sie interessieren! Das ist der Franzos' von der Rahl! Wissen Sie?« Und er klopfte ihn lachend. »Ja, bei uns geht halt immer was vor!« Höfelind runzelte die Stirne, als ob er erst heftig nachdenken und sich sehr quälen müßte. Dann, sich plötzlich besinnend, daß es unklug wäre, es sich mit dem mächtigen Hofrat zu verderben, und erschreckend, stieß er aus: »Aha!« Der Hofrat stellte sie vor. Höfelind, ganz steif, daß es schien, als ob auf ein Stück Holz ein in einer Kerbe beweglicher Kopf aufgesetzt wäre, nickte mit diesem. Herr von Lerroy begann, in seiner langsam singenden oder sozusagen melodisch gähnenden Art, dem Maler zu schmeicheln. Er kannte Bilder von ihm aus einer Ausstellung der Elf in Brüssel und nannte ihn einen Mallarmé der Malerei. »Sehen Sie! Sehen Sie!« sagte der schöne Hofrat, als hätte Höfelind bestritten, etwas zu können. Dieser aber sagte nur, es mit Wut ausstoßend: »Sehr liebenswürdig, sehr liebenswürdig! Kenne ich aber nicht. Mallarmé? Weiß ich nicht.« Und indem er wieder grüßend mit dem Kopfe klapperte, wollte er fort, zum alten Radauner hin, der nun doch allmählich gemächlich aufgestanden war und seinen Rock nahm. Der Hofrat aber hielt den Maler an einem Knopf und fragte nach dem Bilde der Rahl. Der Franzose pries ihn, daß er auserwählt sei, die Seele dieser begnadeten Frau zu malen. Da kam eben der alte dicke Radauner angeschlürft und trat zu Höfelind, nachlässig grüßend, ohne den Schlapphut zu rücken, bloß durch eine kurze Gebärde seiner großen alten Hand, die dem Tische seinen Segen zu spenden schien. »Also?« sagte er zu Höfelind. Dieser aber, ohne auf ihn zu hören, ohne jemanden anzusehen, ganz steif und starr, das Gesicht verkneifend, das zwischen der zornig vorfallenden Stirne, die mit stachelichten roten Brauen über die zwinkernden Augen hing, und der aufgezogenen Lippe mit den borstigen roten Stoppeln völlig zu verschwinden schien, wiederholte: »Seele?« Und er nahm das Wort noch einmal, zerriß es und spie die Silben aus: »See–? Le?« Und dieses »Le« mit einem gellenden Ton, an dem er es gleichsam aufzuspießen schien. Radauner lachte herzlich bis tief in seinen großen Bauch hinab. »See–? Le? Nein, Herr–! Wie war der Name?« Und er fragte, wie man einen Beleidiger stellt. Herr von Lerroy nannte sich. Und der schöne Hofrat sagte tadelnd, indem er auf den Kognak wies: »Aber, aber! Abstinent!« Und Höfelind: »Nein, Herr von Lerroy! Das muß ich schon den Dichtern überlassen. Die See-Le!« Und er hatte plötzlich das Bedürfnis, sich zu schneuzen. Und Radauner sagte in seinem drohenden Baß: »Ja, wir Maler sind ein armes Volk, Herr von Lerroy!« Und er zog seinen ungeheueren schwarzen Hut. Höfelind aber sagte knapp und kurz, wie man eine Meldung vorbringt: »Ich habe weiter nichts zu tun, als die Stirnbildung, den Ansatz der Ohren und den Hals der Gräfin der Wahrheit gemäß darzustellen.« Und plötzlich seine Ruhe verlierend, stieß er heftig aus: »Und das ist wirklich gerade genug! Ich wäre ganz zufrieden.« Da fragte Herr von Lerroy fein: »Und, mein lieber Meister, wenn Ihnen Cäsar säße?« Er sah den Maler mit Befriedigung an. »Sehen Sie, sehen Sie!« sagte der schöne Hofrat zu Höfelind. Dieser antwortete gelassen: »Hatte Cäsar keine Nase? Das andere hätte mich auch an Cäsar nicht interessiert.« Und ungeduldig zu Radauner, indem er ihn mit sich zog: »Aber es ist höchste Zeit, entschuldigen Sie, meine Herrn!« Doch an der Tür ließ er den Alten warten, kam zurück und fragte den Hofrat noch geschwind: »Sagen Sie, Herr Hofrat! Da fällt mir ein: wird denn für den Radauner nie was geschehen? Es ist ja wirklich eine Schande. Und ein Mann wie Sie sollte doch, ein Mann wie Sie –« Er wurde rot, stotterte, schämte sich und wiederholte nur noch einmal: »Ein Mann wie Sie!«

»Mein Gott, verehrter Meister,« sagte der Hofrat. »Zaubern können wir im Ministerium auch nicht.«

Zornig sagte Höfelind, an der Lippe kauend: »Nachher aber wird ihm ein Denkmal gesetzt. Bis er verhungert ist.«

Der Hofrat erwiderte philosophisch: »Die einen werden Professoren, die anderen kriegen ein Denkmal. Alles kann man nicht haben. No, aber wir werden schon schauen!«

»Ja, schauen Sie!« sagte Höfelind und rannte dem Alten nach.

»Es ist merkwürdig,« bemerkte Herr von Lerroy, »wie wenig ein so großer Künstler selbst weiß, was er eigentlich bedeutet.«

»Halten Sie denn was von ihm?« fragte der Hofrat ganz überrascht. Aber gleich fuhr er fort: »No ja! Manche sagen: er ist verrückt! Und manche: er ist ein Genie! Da gibt's nur eins: Abwarten. Aber ein guter Kerl ist er! Wirklich!« Und er begann zu erzählen, daß Radauner bei Höfelind wohnte, sein schönes Atelier hatte, bei ihm aß, gar nicht billig, weil das den sehr empfindlichen und hochmütigen Alten gleich beleidigt hätte, aber niemals zahlte, sondern alles schuldig blieb und nur genau jeden Heller aufschreiben ließ, um es »später einmal« zu verrechnen; und heimlich ließ Höfelind manchmal auch ein Bild von ihm kaufen. »Ich bitte Sie,« sagte der Hofrat, »der Mensch malt seit Jahren immerfort dasselbe Kleefeld. Diese Leute haben eben keine Ahnung von dem Reichtum unserer landschaftlichen Schönheiten. Es ist ein Jammer.«

»Trotteln!« sagte Radauner. Sie gingen langsam über den Ring. Radauner schnaufend, den Oberleib zurück, um seinen Bauch auszubreiten, sehr auswärts schreitend, gravitätisch, den Knüttel ins Pflaster bohrend; Höfelind daneben, mit ungleichen Schritten, trippelnd, mit den Fingern schnalzend, um seine Hast auszuschütteln, manchmal plötzlich vorschnellend, dann wieder, indem er sich umdrehte, wartend, bis der Alte sich nachgeschoben hatte. Oft stand er auf einmal still, um, wie verstört, irgendein Haus anzustarren. Er streckte den Finger aus, wartete, bis Radauner neben ihm war, und sagte dann, auf die Karyatiden zeigend: »Bitte!« Und indem es ihn beutelte, wiederholte er: »Bitte, Euer Hochwohlgeboren!« Der Alte hielt an, hob seinen großen Kopf, sah hinauf und fing vor Vergnügen zu grunzen an. Höfelind lief davon, Radauner rief ihm nach mit seinem dröhnenden Baß: »Höre!« Und er wälzte sich bis zu ihm und fragte: »Wie geht das schöne Lied bekanntlich?« Und feierlich hob sein edler Baß an: »Vindobona, du reizende Stadt –!« Höfelind fiel ein und sie sangen beide, bis Radauner abmahnte: »Wir wollen keinen Aufruhr anzetteln! Das Gesetz wacht!« Und Höfelind lief wieder vor, Radauner schnob nach. Von Zeit zu Zeit aber, mit einer Gebärde nach hinten, zum Café zurück, als ob er es verfluchen wollte, sagte er: »Trotteln!«

Höfelind sog die laue Luft ein. Er war ganz rot, wie betrunken von ihr. Radauner wies auf eine Bank, schnaufend. »Setzen wir uns ein bißl! Ich darf das, ich bin kein Professor! Es hat auch seine guten Seiten.« Und er breitete sich aus, mit dem Knüppel in der Erde grabend. »O je!« sagte er plötzlich und hörte zu graben auf. Ein Polizeimann kam vorbei. »Was denn?« fragte Höfelind ärgerlich. »Das ist ja nicht verboten.« Als der Polizeimann, sie strenge musternd, vorüber war, sagte Radauner: »Weißt du, bessere Menschen sitzen überhaupt nicht auf einer Bank. Und einem, der so ausschaut wie ich, ist doch hier eigentlich alles verboten. Ja, bis ich einmal Professor bin! Dann wirst du sehen, daß ich auf den Händen über den Ring gehe. Dann darf ich.« Und nach einer Weile sagte er wieder: »Trotteln!«

»Ja,« sagte Höfelind.

»Überhaupt,« sagte Radauner, »alle Literaten sind Trotteln, es nutzt nichts!« Und er fing herzlich zu lachen an, schüttelte sich und grunzte: »Seele! Hahaha!«

»Und doch!« sagte Höfelind.

»Was hast du denn, armes Tier?« fragte Radauner.

»Euer Hochwohlgeboren können mich auslachen,« sagte Höfelind, »Euer Hochwohlgeboren können mich prügeln, Euer Hochwohlgeboren können mich anspucken!« und er hielt es nicht mehr aus zu sitzen, er sprang auf.

»Aber gern,« sagte Radauner. »Wenn es weiter nichts ist!«

Höfelind schnalzte mit den Fingern. »Natürlich ist der welsche Schuft ein Trottel! Und doch! Und alle unsere schönen Theorien helfen mir nichts! Es ist zum Verzweifeln.«

»Aha,« sagte der Alte grimmig.

»Darum war ich ja so wütend,« sagte Höfelind. »Denn der weiß doch nichts, der redet ja bloß. Aber der Teufel soll ihn holen: recht hat er! Euer Hochwohlgeboren, er hat recht!« Und er rieb sich seine roten Stoppeln, bis ihm die Lippen brannten.

»Aha,« sagte Radauner wieder, mit seinem Knüppel zustoßend. »Da sind dann immer die Theorien schuld, wenn einer nichts kann.« Und vor Zorn wurde sein Baß heiser und krächzend, als er wiederholte: »Nichts kann, mein lieber Herr! Nichts kann!«

»Möglich!« sagte Höfelind, kurz wie einer, der erschöpft ist und es aufgibt. »Vielleicht! Einpacken und ein anderes Geschäft anfangen; ein ehrliches! Vielleicht wär's gescheiter.«

»Dummer Kerl!« brummte der Alte hustend. »Das ist einmal so, das gehört dazu, das bleibt keinem erspart.«

Höfelind griff nach diesem Ton und hielt sich an. »Glaubst du?« fragte er bittend.

»Wehleidig seid's ihr,« schrie Radauner erbittert. »Und das ist es: an der Ehrfurcht fehlt's euch, an der Andacht vor der Natur! Ihr glaubt's, wenn ihr nur ein bißl lieb und schön mit ihr tuts, gehört sie schon Euch. Aber, mein Lieber, die ist ein Luder! Wennst du's ihr nicht jeden Tag wieder zeigst, hast du sie nie. Schon wieder weg! Ein Luder, ein Mistvieh!«

»Ich kann nicht mehr,« sagte Höfelind hoffnungslos.

»Junger Herr,« sagte der Alte langsam, drohend, schwer. »Ich kann schon seit fünfzig Jahren nicht mehr. Das weiß ich jeden Abend. Und jeden Morgen gehts dann wieder weiter. Schau dir die Natur an! Die kann nämlich auch nicht. Darum fängt sie immer wieder an. Und immer wieder. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Immer dasselbe. Sie gibt nicht nach. Einmal, denkt sie, muß es doch gelingen. Und immer gelingt's ihr wieder nicht. Sie hat's immer noch anders im Kopf. Aber sie gibt nicht nach. Da geh hinaus und lern'! Nicht nachgeben! Immer wieder und immer wieder! Und nicht nachgeben! Seit zehn Jahren kenne ich jetzt meinen Klee da draußen. Er lacht mich schon aus. Er soll nur lachen! Wir werden ja sehen, wer zuletzt lacht. Aber Ihr seid's wehleidig und habt's keine Geduld, schäm dich!« Und dann fragte er gemütlich: »Was ist denn eigentlich? Die Skizzen waren ja ganz schön.«

Höfelind hielt es nicht mehr aus. »Gehen wir!« Er fing zu rennen an, dann blieb er stehen, um Radauner zu erwarten, es dauerte ihm aber zu lange, so lief er ihm entgegen, wieder zurück, an der Lippe kauend, die roten Borsten reibend, mit den Fingern schnalzend. Dann sagte er: »Skizzen sind immer schön. Das ist ja die Gemeinheit.«

»So weit ist es schon mit dir,« sagte Radauner. »No ja! An jeden kommt die Reihe. No ja! Reif werden, überwinden und zum – wie sagen die Literaten?« Er stand schnaufend, hielt den zappelnden Freund am Arm fest und schlug mit dem Knüppel aufs Pflaster. »Wie sagt der Schmock? Zum, hahaha, zum –« Er lachte gröhlend und fing zu röcheln, zu schnauben und zu husten an. »Zum geschlossenen Kunstwerk vordringen! Zum geschlossenen Bild! Bimbambum! No ja! Tuts nur fleißig überwinden! Aber da möchte ich dir raten, höre, wenn du schon einmal so weit bist, dann ist es wirklich gescheiter, daß du die Dame zum Photographen schickst! Der kann's besser. Es nutzt nix, der kann's besser.« Und er nahm ihn am Kragen und schüttelte ihn. »Menschenkind! Du auch? Haben sie dich auch schon feig gemacht?«

»So ist es ja nicht,« sagte Höfelind ratlos. Er machte sich los und ging langsam.

Radauner schob sich nach. »Es gibt nichts als die Skizze,« sagte er lebhaft. Dann gingen sie stumm. Nach einer Weile sagte Radauner wieder, fast traurig: »Es gibt nichts als die Skizze.« Und indem er über die kahlen Bäume weg, über die Häuser, wie suchend, mit seinen alten, bösen, grauen Augen in die Ferne sah, schrie er zornig: »Es gibt nichts als die Skizze.«

»Aber das ist es ja gar nicht,« sagte Höfelind leicht abwehrend, ungeduldig. »Aber nein!«

»Und,« sagte Radauner, ohne auf ihn zu hören, »und woher kommt das? Weil ihr gefallen wollt! Die Natur genügt euch nicht, ihr wollt sie noch übertreffen! Geschmackig soll alles sein, das ist so ein rechtes Wiener Wort! Noch schöner als schön womöglich! Nicht? Denn es kommt euch nicht darauf an, daß die Leute spüren, wie die Natur ist, wenn sie dafür nur spüren, was der Herr Höfelind für ein Kerl ist! Donnerwetter ja, der kann's! Aber wenn ich dir schon sag': der Photograph kann immer noch mehr als der Herr Höfelind, nutzt dir nix!« Und er blieb wieder stehen und nahm ihn wieder am Arm und sagte langsam, ganz andächtig: »Nein, junger Herr! Sondern hinsetzen vor die Natur und anschauen und Geduld haben und anschauen und fleißig sein und anschauen! Und nicht fragen, ob es schön genug ist, und nicht fragen, ob es wem gefällt, und nicht fragen, ob es sich nicht verändern, verbessern ließe! Dasitzen vor der Natur und anschauen mit deinen Augen und nachmachen mit deinen Händen genau wie es ist, weil es so schön ist, daß man es gar nicht oft genug haben kann! Aber genau, junger Herr, genau! Genau wie es ist; dann kann dir gleich sein, ob es gefällt, du bist ja nicht schuld! So genau, daß du jeden Zoll beweisen kannst! Jeden Zoll in deinem Bild mußt du beweisen können: an der Natur! Und dann kannst die Leute reden lassen, was liegt daran, da du doch dein Bild beweisen kannst, jeden Zoll beweisen? Aber sonst kommt heute der und morgen der und jeder will es anders und täglich plagst du dich wieder und allen machst du's doch nie recht, denn der Photograph schwindelt ja noch viel besser! Hinsetzen und anschauen und nachmachen und Geduld haben und dir keine Ruhe lassen, bis alles genau stimmt und jeder Zoll bewiesen werden kann! So sitz ich vor meinem Klee, so setz dich vor deine Gräfin, es ist das einzige! Aber natürlich, hahahaha, das kommt davon, wenn man sich in die vornehme Welt mischt, hast es nötig gehabt, hahahaha, denn ich kann mir schon denken, das kennt man ja: die möchte natürlich, die gefeierte Künstlerin, die Frau Gräfin möchte natürlich –«

»Garnichts,« fiel Höfelind heftig ein, abschneidend. »Gar nichts möchte sie! Sie sagt nichts, sie fragt nicht, es ist ihr alles recht. Darüber kann ich mich wirklich nicht beklagen.«

»No also,« sagte Radauner, brummend. »Dann hast ja so noch Glück. Was willst denn?«

»Nein,« wiederholte Höfelind, »sie möchte gar nichts. Sie liegt und raucht Zigaretten und schaut kaum hin; ich glaub', es ist ihr ganz gleich. Und der Graf, der übrigens wirklich was versteht, redet nur, wenn man ihn fragt; und eigentlich ganz gescheite Sachen. Nur, daß er mich oft ärgert, weil er auf alles eingehen und alles begreifen will. Da kommt doch schließlich auch nichts heraus.«

»Ein Graf!« sagte Radauner, entschuldigend, begütigend.

»Nein, nein!« sagte Höfelind nachdenklich. »So einfach ist er nicht! Ich denke mir oft, euch zwei möchte ich eigentlich gern einmal miteinander reden hören.«

»Danke,« sagte der Alte, schnaubend.

»Aber jedenfalls,« fuhr Höfelind fort, »beklagen kann ich mich nicht. Sie reden mir nichts drein. Dein Klee kann auch nicht geduldiger sein. Der Unterschied ist nur: dein Klee ist ein Klee und bleibt ein Klee, während meine Rahl – der Teufel soll sie holen!«

»No was denn?« fragte Radauner nach einer Welle.

»Ich weiß nicht,« sagte Höfelind höhnisch.

Nach einiger Zeit sagte Radauner, tröstend: »Zehn Jahre male ich meinen Klee.«

»Aber er ist da!« sagte Höfelind, verzweifelt. »Gestern, heute, morgen, einmal blüht er, einmal schneit es, aber es ist doch immer dein Klee, und du weißt, wenn der Winter geht und du kommst wieder, find'st du deinen Klee. Was möchtest du denn aber sagen, wenn du kämst und er wär plötzlich weg? Einfach weg! Überhaupt kein Klee mehr da! Nichts mehr da, nichts mehr, nichts! Und jetzt mal! Jetzt bitte gefälligst zu malen, Euer Hochwohlgeboren!«

Radauner lachte gröhlend. »Famos! Famos!« Und er schlug den zuckenden kleinen Freund auf die Schulter, daß es klatschte.

»Findest du?« fragte Höfelind, knirschend.

»Pass auf, das wird famos!« sagte der Alte, gläubig und zärtlich. »Wenn einen was so verrückt macht, so ganz verrückt, das wird immer famos.«

»Ja, die Skizzen!« sagte Höfelind nach einer Weile sehnsüchtig. »Damals in der Loge! Nur so hingehaut, während sie spielte! Da war sie da. Und jetzt noch manchmal, wenn ich im Theater bin: auf einmal ist sie wieder da. Und weg. Ich bin doch kein Blitzmaler! Denn du mußt dir das nur vorstellen! Du siehst eine ungewöhnlich große Frau, größer als alle, die neben ihr auf der Bühne sind. Und dann fängst du zu malen an, und es zeigt sich, daß sie klein ist, geradezu klein. Alle Leute sagen: dieses klassische Profil! Und es zeigt sich, daß sie eine böhmische Nase hat. Und es zeigt sich, während du malst, daß sie eigentlich überhaupt kein Gesicht hat. Wirklich, das kann man gar nicht anders sagen: sie hat kein Gesicht, sondern eigentlich ist das nur ein leerer Platz, wo dann abends ein Gesicht aufgestellt wird. Jetzt mal das! Wenn sie was sagt, ist plötzlich ein Gesicht da. Wenn sie schweigt, ist es wieder weg. Und du hast das Gefühl: das war ja nur die Stimme, die du gesehen hast! Ihre Stimme hat ein Gesicht, nicht sie! Jetzt mal das! Mal das Gesicht einer Stimme! Mal ein Gesicht, das man bloß hört! Kannst du mit den Ohren malen? Während du vor den Augen ein gleichgültiges, fremdes, unbekanntes Gesicht hast, das leer ist und gleich, wie du's anschaust, zu zergehen scheint?« Und da der Alte nun zu grunzen begann, um ihm zu widersprechen, schrie er heftig: »Nein, nein! Ich bitt dich, red nicht! Ich weiß alles. Kannst dir denken, daß ich mir das alles selber sage. Ausdruck! Ich weiß schon. Der Ausdruck wechselt! Brauchst du mir nicht zu sagen. Und: heute scheint die Sonne, morgen geht der Wind über den Klee! Ich weiß, ich weiß. Und: wenn du nur ein einziges Mal aber den Klee wirklich packst, im Wind oder in der Sonne, hast du den ganzen Klee, so daß man ihn zu riechen und auf der Zunge zu schmecken glaubt! Ich weiß, ich weiß. Meinetwegen, ja! Brauchst du mir nicht zu sagen. Hier aber, nein! Das ist anders. Anfangs habe ich auch geglaubt. Aber nein! Es ist anders. Ausdruck? Nein! Das kann man nicht Ausdruck nennen. Es ist nicht der Ausdruck, der wechselt, sondern sie selbst und – und das ist es auch wieder nicht, das ist auch wieder falsch, das stimmt auch wieder nicht!« Er blieb stehen. In den roten Borsten über seinen Augen und an der Nase waren dicke Schweißtropfen. Und sein Gesicht spannte sich, wie wenn einer sich zwingen will, über seine Kraft ein Gewicht zu heben und zu stemmen. »Nein,« sagte er wieder. Und dann noch einmal, mit Wut: »Nein.«

»No ja,« sagte Radauner, sich gemächlich neben ihm ausbreitend und zurück an seinen Knüttel lehnend, so daß er fast auf ihm zu sitzen schien. »No ja! Es gibt halt Sachen!«

Ohne den Freund anzuhören, sondern bloß immer noch sein inneres Gespräch verfolgend, sagte Höfelind langsam, jeden Satz wägend: »Es ist nicht der Ausdruck, der wechselt. Aber es ist auch nicht sie, die wechselt. Nein, das kann man auch nicht sagen. Denn dann müßte doch hinter dem Wechsel noch jemand sein. Es müßte jemanden geben, an dem der Wechsel geschieht. Das habe ich ja geglaubt! Das hat mich ja so gequält! Der Klee wechselt, schön. Er wechselt jeden Monat, er wechselt jeden Tag, er wechselt jede Stunde, schön. Aber es bleibt ein Klee. Es bleibt irgend etwas. Es bleibt doch eben das, woran der Wechsel geschieht. An ihr nicht. Nein, an ihr nicht. Das ist es! An ihr bleibt nichts, nichts, nichts. Und jetzt mal das! Mal eine Frau, von der, während du sie malst, auf einmal nichts mehr da ist! Gerade denkst du dir noch, weil es dir so schwer wird: der Teufel soll sie holen! Und richtig, da hat er sie schon geholt! Weg ist sie! Wie verschwunden. In die Erde hinein. Und da sitzt eine kleine dicke Person mit wässerigen Augen, die Zigaretten raucht und fortwährend an einer Parfümflasche riecht und immer kalt in den Füßen hat. Und der Graf macht dann ein hochmütiges Gesicht und lächelt vornehm und sagt so gewiß geheimnisvoll, daß man ihn lieber prügeln möchte: Vielleicht ist das eben ihr Reiz, ja vielleicht ist es der Reiz alles Lebens. Auch ein Literat! Auch ein Schmock! Die haben es leicht! Aber dann hat man Stunden, da wird man ganz blöd und denkt zuletzt: vielleicht haben sie recht! Und plötzlich sagt man dann selbst auch mit verglasten Augen: Seele! Blöd, was? Ich weiß, ich weiß. Seelenmaler? Schwindler, ich weiß. Ist man erst so weit, fängt der Schwindel an. Ich weiß, Euer Hochwohlgeboren! Aber ich kann mir manchmal schon nicht mehr helfen! Und zu denken, was für schöne Kühe, die ruhig weiden, was für rosige Schweindeln es gibt, die man einstweilen gemütlich malen könnte!«

»No,« sagte Radauner, »gar so gemütlich ist es auch nicht. Aber beim Theater mag das schon noch eine ganz besondere Rass' sein! Hahaha!« Schweigend gingen sie weiter. Dann sagte der Alte noch vergnügt: »Das wird sicher famos! Dich hat's ordentlich. Das gehört dazu.«

»Ein Luder,« sagte Höfelind abschließend, aufatmend.

»Ich bitt dich,« sagte Radauner, eifersüchtig. »Ich bitt dich, glaub nur nicht, daß der Klee kein Luder ist!«

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