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Die Rahl

Hermann Bahr: Die Rahl - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Rahl
publisherS. Fischer Verlag
printrunDritte Auflage
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080420
projectid814997ff
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Fünfzehntes Kapitel

Das ist wie die Masern,« sagte Fräulein Fanny. »Das muß eins überstehen. Und je eher, je besser. Hat er's wenigstens hinter sich! Den Kopf wird's nicht kosten. Ich mag's gern, wenn eins zeitlich merkt, ob's ein Manndel oder Weibel ist. Möcht'st, daß er ein Duckmäuser wär? Da hätt'st du den Herrn Samon heiraten müssen. Ich sag dir: sei froh! Das zeigt wenigstens, daß er kein Latsch ist. Froh kannst sein.« Aber Frau Marie wollte nicht getröstet sein. Ihr war bang. Sie hatte sich so vor Franz erschreckt. Sie konnte sich noch immer gar nicht fassen. War denn das noch ihr Franz?

Er war sehr vergnügt nach Hause gekommen und sie freute sich noch, was für einen schönen Buben sie hatte, während er lustig allerhand erzählte, Geschichten und Späße, daß sie nur immer mahnen mußte: »Jetzt iß aber schon endlich, es wird ja ganz kalt, du mußt doch Hunger haben!« Und sie dachte, wie gut es dem Buben tat, einmal ein bißchen vom dummen Lernen zu verschnaufen; und wenn er dann nur erst seinen Zorn auf Samon vergaß, fand sich schon ein Mittel, er war ja nicht schlecht und der Direktor half ihr doch, der war klug und hatte ihn gern. So saß sie mit ihm und sie kamen auf die Tante Fanny zu sprechen, die wieder, die ganzen Tage schon, über solche Stiche im Rücken klagte. Da lachte Franz. Frau Marie sah auf, das böse Lachen tat ihr weh, sie verstand es nicht. »Na ja,« sagte Franz. »Ich weiß schon, was sie sticht.« Frau Marie fragte verwundert: »Was denn?« Franz sagte höhnisch: »No was sticht denn die Weiberleut? Der Doktor soll ihr einen Mann verschreiben.« Er lachte wieder und sagte noch: »Es braucht ja nicht für die Ewigkeit zu sein. Die Weiberleut sind alle gleich.« Und lachend fing er zu deklamieren an: »Es ist ihr ewig Weh und Ach, so tausendfach, aus einem Punkte zu kurieren.« Und er sprang auf und schrie: »Das hat der Weise gemeint, als er sagte: Gib mir einen Punkt und ich werde die Welt bewegen! Jetzt hab ich den Punkt! Jetzt paß auf!« Und er sprang durch das Zimmer und rief nur immer: »Ich werde die Welt bewegen. Es ist gar nicht so schwer. Wenn man's nur erst weiß. Man muß es nur wissen. Aber ich weiß es ja jetzt. Arme Tante Fanny! Ja weiß sie denn nicht? Die Weiberleut sind alle gleich.« Und er schrie lachend. Frau Marie war erst so bestürzt und so beschämt, daß sie gar nichts sagen konnte. Die Gabel in der Hand, saß sie zitternd da, mit offenem Mund, bis es plötzlich aus ihr schrie: »Du frecher und unverschämter Bub! Was glaubst du denn?« Und im Schrecken über sich selbst, weil sie noch niemals so zornig gewesen war, fing sie vor Wut und Scham zu weinen an. »Hinaus! Ich will dich gar nicht mehr sehn! Ich kann dich gar nicht sehen, wenn du so bist!« Und sie schrie zornig auf, drohend: »Wenn du so bist –!« Und schluchzend wiederholte sie, klagend: »Wenn du so bist!« Erst sah er sie nur ganz erstaunt an. Dann fragte er leise: »Mutter?« Und ihm wurde bang und er bat: »Mutter! Mutter!« Und er fiel vor ihr hin und sagte ganz leise, ganz langsam: »Mutter! Ich kann nichts dafür. Denk' dir nur –« Seine Stimme brach und er weinte. »Ich kann ja nichts dafür. Ich kann ja nichts dafür.« Da wußte sie, was ihm geschehen war. Sie nahm ihn wie ein kleines Kind. Sie dachte seines Vaters; so kehrte das jetzt wieder! Dann erzählte Franz ihr alles. Und sein ganzes Leid brach aus und er klagte und höhnte und weinte und wollte nicht mehr leben, wenn es so war. Sie saß ganz still und hörte zu. Dann sagte sie: »Jetzt geh ins Bett, ich komm dann noch zu dir.« Als er lag, kam sie, setzte sich ans Bett und nahm seine Hand. Dann sagte sie: »Weißt, mein lieber Franz, jetzt mußt aber auch ruhig anhören, was ich dir sag. Versprich mir!« Er schloß die müden Augen zu und sagte leise: »Ja, Mutter.« Sie hielt seine Hand und sagte: »So einfach geht das aber nicht. Ich muß es mir erst alles zusammen suchen. In meinem alten Kopf.« Sie lächelte. Er nickte, schläfernd. Sie sah es und hielt seine Hand und saß still, bis er eingeschlafen war, ruhig atmend. Dann schlich sie leise weg und ging hinüber zur Tante Fanny.

Aber jetzt hatte sie solche Furcht. War denn das noch ihr Franz? Sie hörte noch immer, wie er das über die Tante Fanny gesagt hatte. Sie hörte noch immer den schmutzigen Hohn in seiner Stimme. Ganz besudelt war ihr Bub! Sie haßte diese schändliche Frau, diese Diebin! Ja, wie Diebinnen schleichen sich solche Weiber ein! Gab es denn keinen Schutz? Die anständigen Frauen sollten sich wirklich zusammen tun! Sie hatte Lust, zu der Person zu gehen und es ihr zu sagen! Soll denen denn alles erlaubt sein! Warum denn? Was ist denn an ihnen so Großes? Als ob es nicht schwerer wäre, mit tausend Sorgen ein Kind aufzuziehen, als sich das Gesicht anzuschmieren und aufs Brettel zu springen! Und dafür wurde denen dann alles verziehen! War das nicht ungerecht? Und wohin kam man denn, wenn sie das Gemüt der Jugend ungestraft vergiften durften? Sie redete sich heiß vor Zorn. Aber die Tante Fanny lachte sie aus.

»Also was willst du denn eigentlich?« sagte sie. »Hätt sie den Buben heiraten sollen? Vor der Matura, glaub' ich, geht das gar nicht. Sie ist an die vierzig, eine schöne G'schicht'! Stell dir den armen Kerl nach ein paar Jahren in seinem Käfig vor!«

»Daran denkt doch niemand,« sagte Frau Marie.

»Also dann sei doch froh,« sagte Fräulein Fanny, »daß es so schnell gegangen ist! Ist denn das nicht noch ein Glück? Hätt sie mit ihm ein Jahr herumziehen sollen, daß er die ganze Zeit nichts lernt und alles versäumt? Stell dir das nur vor! Und schließlich wär es ja dann doch dasselbe gewesen. Jetzt hat er's in drei Tagen wenigstens hinter sich. Es ist ja noch ein wahres Glück! Oder was willst du? Willst einen Geistlichen aus ihm machen? Er schaut mir nicht danach aus. Also wer weiß, ob es nicht noch das beste für ihn war. Und sie hat dir ja nix ruiniert an ihm!«

»Das ist es ja,« sagte Frau Marie traurig.

»Was?« fragte Fräulein Fanny.

»Schlecht hat sie mir ihn gemacht,« sagte Frau Marie.

»Aber geh!« sagte Fräulein Fanny ungeduldig. »Schlecht macht sich der Mensch nur selbst.«

Frau Marie hörte gar nicht auf sie. Sie wiederholte: »Schlecht! Das ist es. Und ich hab es ja immer gewußt! Ich hab mich ja immer so gefürchtet davor! So war's bei seinem Vater, so wird's beim Buben auch sein, ich hab das ja immer gewußt! Allen lauern schlechte Weiber auf.«

»Sagen die Männer, das ist bequem,« sagte Fräulein Fanny gereizt.

»Du hätt'st ihn nur hören sollen!« sagte Frau Marie und indem sie sich erinnerte, fing sie wieder zu weinen an.

»Er hat einen albernen Spaß gemacht,« sagte Fräulein Fanny. Der Mensch redt viel.«

»Nein,« sagte Frau Marie schluchzend. »Was Böses und was Tückisches, was Grausliches ist in ihm, was er nie gehabt hat! Du hätt'st ihn nur hören sollen!«

»Vielleicht!« sagte das Fräulein. »Es ist ja möglich. Aber dann wird wohl die Schauspielerin nicht schuld sein. Die Männer schieben's auf die Frauen, die Frauen schieben's auf die Männer, und ich denk, die Männer können nichts dafür und die Frauen können nichts dafür, aber der beste Mann mit der besten Frau zusammen, die beste Frau mit dem besten Mann: wenn's zusammen kommen, dann wird's bös, da ist der Teufel los, für alle zwei. Ich denk mirs. Denn ich kann's ja nicht wissen. Was weiß denn ich? Eine alte Jungfer! Gott sei Dank!« Sie ging durchs Zimmer und wiederholte: »No Gott sei Dank! Schön ist es ja nicht, aber ich bin froh. Ich bin doch ganz froh.« Sie blieb stehen und sagte lachend: »Aber für deinen Buben war das ja doch nichts. Sicher nicht. Also mußt schon die Kosten zahlen, nutzt nix!«

Nach einer Welle sagte Frau Marie leise vor sich hin: »Ich hätt ihn noch so gern behalten, eine Zeit.«

»Siehst, jetzt bist wenigstens aufrichtig,« sagte Fräulein Fanny. »Eltern sind die größten Egoisten. Du willst den Buben nicht hergeben, darum geht's dir! Aber wenn's die nicht wär, wär's eine andere, sei nur ruhig! Weg muß der Bub von dir, da kannst nichts machen. Ich versteh' schon, daß es dir schwer wird. Es ist halt das Letzte, was du von deinem Mann noch hast. Und jetzt geht das auch noch weg! Ich versteh dich schon. Eine Mutter hat dann immer das Gefühl, als ob der Bub ihr untreu würde. Das ist es, eifersüchtig seid's! Ganz gemein eifersüchtig! Aber da darfst nicht auf den Buben bös sein, und nicht auf die Rahl, der das übrigens gleichschaut, man sieht's ihr an, daß sie keine langen Geschichten macht, Donnerwetter, du kennst sie nicht, aber ich kann mir das schon denken, die ist so! Aber wie gesagt, da mußt auf den lieben Gott bös sein, der das alles so verordnet hat, er wird's schon wissen.« Sie setzte sich, legte die Hand auf die traurige Frau und sagte: »No schau! Ein bißl gescheit sein, Mariedl! Denk dir, der Bub war ins Wasser gefallen, herausgefischt hat er sich ja selbst und du hast ihn schon trocken gelegt. Jetzt ist die Hauptsache nur, daß er keinen Schnupfen davon kriegt.« Sie sah die Freundin lachend an und sagte dann: »Verstehst, was ich mein? Wenn ich so den Menschen zuschau, denk ich mir oft, es kommt vielleicht gar nicht so sehr darauf an, was einem geschieht, als was daraus wird. Kennst den Lumpazivagabundus? Drei gewinnen das große Los, aber bei jedem schlagt es anders aus. Es kommt halt auf den Menschen an. Und wozu hat denn schließlich einer eine alte Mutter zu Haus, als daß sie ihm ein bissel dabei hilft? Gib acht, daß es deinem Buben gut anschlagt! Dann kann es noch der größte Segen für ihn sein. So!« Sie gab ihr einen Klaps und stand auf. »Und jetzt sei so gescheit wie er und schlaf dich auch zunächst ordentlich aus! Reden hilft nichts, weinen schon gar nicht, aber täglich in der Früh fangt ein neuer Tag an. Gute Nacht, Tschaperl, meine Hund wollen auch ihre Ruh.«

Beim Frühstück sprach Franz kein Wort. Die Mutter ließ ihn. Manchmal sahen sie sich an, er war ein wenig verlegen, sie lächelte. Nachher sagte er: »Ich werde ja aber doch wieder einmal in die Schule müssen. So geht das ja nicht weiter. Nicht wahr, Mutter?« Sie sagte: »Nun, davon können wir ja noch reden. Heute ist es ja doch schon zu spät. Geh lieber ein bißl aus, bei dem schönen Wetter, oder hol nachmittag den Beer ab.« Er antwortete: »Nein, Mutter, ich bin lieber allein.« Er saß den ganzen Tag in seinem Zimmer. Sie sah manchmal nach und fand ihn fleißig; eigentlich war es ihr seltsam, aber sie sagte nichts. Als es dämmerte, kam sie wieder und setzte sich. Er las noch. Sie saß wartend. Nach einiger Zeit sagte sie: »Verdirb dir nicht die Augen!« Er schloß das Buch. Er stand auf, ging zum Fenster und sah über die Dächer hin. Sie sagte leise: »Komm doch ein bißl zu mir! In der Dämmerung sitzt es sich so schön.« Er kam. Sie nahm seine Hand. So saßen sie. Dann sagte er: »Ja, Mutter! Liebe, liebe Mutter!« Sie drückte still seine kalte Hand. Dann strich sie das Haar aus seiner Stirne und sagte: »So widerspänstige Locken hast du.« Und dann noch, ganz leise: »Weißt du, Franz, ich möchte dir was sagen.« Er antwortete: »Ich dir auch.« Sie fragte: »Was denn?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, zuerst du, Mutter.« Sie ließ sich noch ein wenig bitten, dann sagte sie: »Weißt, was ich mir heut gedacht hab? Wenn jetzt der Sommer kommt und wenn dann alles gut ausgegangen sein wird, dann könnten wir heuer eine kleine Reise machen, vielleicht in die Schweiz. Reisen ist jetzt so billig, etwas haben wir ja gespart, es wird schon gehen. Und du könntest dich einmal ein bissel in der Welt umschauen und für mich wär's wohl auch gut, einmal herauszukommen, sonst wird man alt und hat gar nichts gesehen. Gelt?« Er sagte nur: »Ja.« Er hörte geduldig hin, ohne sich zu freuen. Sie schilderte nun, nach Erzählungen seines Vaters, die Wanderungen in den Gletschern des Roseg und des Bernim. »Angst wird mir schon sein, während ich unten auf dich warte. Aber das bin ich ja gewohnt.« Sie schwieg, sich erinnernd. Leise sagte sie: »Ich mache halt jetzt alles noch einmal durch.« Und dann erklärte sie den Plan der Reise, Tag für Tag, wo sie fahren und wo sie gehen und wo sie rasten sollten, alles ganz genau. Und sie fragte bittend: »Ist's dir recht, Franz?« Er sagte nickend: »Wenn du willst, Mutter!« Sie sagte: »Also jetzt red aber du! Was hast du mir sagen wollen?« Da sah er sie lächelnd an und sagte: »O nein, zuerst du!« Und bevor sie noch antworten konnte, fuhr er fort: »Denn ich weiß doch, das war es ja gar nicht, du hast noch ganz was anderes auf dem Herzen.« Sie tat verwundert, er ließ es nicht gelten. »Ich weiß es, Mutter, ich seh dir das am Nasenspitzl an. Sag's doch! Sei lieb und sag's!« Sie wurde verlegen, ärgerte sich ein wenig und sagte lachend: »Man kann sich vor dir nicht verstellen, das hast du auch vom Vater.« Und sie fing wieder vom Vater an, schnell erzählend, weil ihr bang war. Franz aber saß wartend und sie fühlte, daß er es ihr nicht erlassen würde. Sie hielt ein und sah vor sich hin. Er sagte: »Sei lieb.« Sie stand auf und trat an den Tisch, auf das Bild des Vaters blickend. Dann sagte sie: »Ich kann mir nicht denken, daß noch jemand einen Menschen so lieb hat. Und heute noch. Ich hab ihn noch immer genau so lieb. Nicht ein bissel ist es schwächer geworden in den langen Jahren. Eher noch mehr. Wenn das möglich wär!« Dem Knaben tat es weh, so traurig war ihre Stimme. »Und nie hätt mir ein anderer Mann gefallen können. Ich war doch noch so jung, als er starb. Und oft hat man mir gesagt, ich hätte schon deinetwegen wieder heiraten sollen. Aber nein! Wie war denn das möglich gewesen?« Sie kam zurück und setzte sich wieder. »Und er,« sagte sie langsam, »ja! Er hat mich wohl auch sehr gern gehabt. Das weiß ich. Aber –« Sie sah Franz an und lächelte still. Dann nickte sie und sagte: »Ja, du sollst es wissen. Von deinem Vater braucht man nichts zu verheimlichen. Er war einmal so. Er hat so sein müssen. Halt deinen Vater in Ehren, Franz!« Und dann lächelte sie wieder so still und sagte: »Ich war aber damals recht dumm und da hat's mich furchtbar gekränkt, wie ich gemerkt hab, daß ihm andere auch gefallen. Er war eben so. Nachher hat er es immer sehr bereut und da sind wir oft gesessen und haben beide geweint. Er hat dann immer gesagt: Lieb hat er doch nur mich. Und ich weiß, daß es wahr war. Er hätte gar nicht lügen können. Verstanden habe ich es ja nicht. Nein, ich kann es nicht verstehen. Aber ich weiß doch, wie er war. Ich weiß, daß er so was Großes und Schönes war, wie ich es an keinem anderen Menschen gefunden habe. Und da muß man sich halt fügen. Denn ich glaub das nicht mehr, daß ein Mensch schlecht sein muß, wenn er einmal was Schlechtes tut. Und gerade solche Menschen, wie dein Vater war, vielleicht müssen die, vielleicht –« Sie schwieg erschreckt. Er bat leise: »Sag' mir alles.« Sie lächelte wieder. Und achselzuckend sagte sie: »Ich weiß ja nicht. Aber manchmal, wenn man so sitzt, jahrelang, und zurück denkt und sich die Menschen anschaut, da kommen einem schon ganz sonderbare Gedanken. Vielleicht ist es so, weißt, wie man von einem Kind sagt: Es muß austoben, dann geht's wieder! Vielleicht gilt das nicht bloß von den Kindern. Und je mehr in einem ist, desto mehr braucht er das vielleicht. Und es ist vielleicht besser, als wenn es einer zurückhält und hinabwürgt, das Wilde, das Schlechte, oder wie man das nennt, was im Menschen halt einmal ist. Ich weiß nicht. Ich sollt dir das wahrscheinlich gar nicht sagen. Aber den ganzen Tag hab ich mir gedacht, daß es dir vielleicht hilft. Und das ist doch die Hauptsache, gelt? Mir wäre es ja viel bequemer, wenn ich dir auch einfach sagen möchte: Das darfst und das darfst nicht, das ist recht und das ist falsch, das ist verboten und das ist erlaubt! Aber dann fällt mir immer ein, wie dein Vater oft gesagt hat, wenn wir im Wirtshaus waren, und es war schon spät und ich wär schon gern nach Haus, weil es ja doch auch nicht gesund für ihn war, aber da hat er mit seinen lieben Augen immer gesagt: »Laß mir diese schöne Viertelstunde! Der Mensch weiß nie, ob er noch eine hat. Drum ist es eine Todsünde, sie ihm zu stören!« Das habe ich mir gemerkt für dich. Merk du dir's auch!« Sie stand auf und ging zum Fenster. Nach einer Welle sagte Franz: »Ja, vielleicht muß man alles so nehmen. Eine schöne Viertelstunde!«

Frau Marie wendete sich um und sah den Knaben besorgt an. Dann sagte sie langsam: »Hoffentlich bist du der richtige Mensch dazu. Denn es paßt nicht für jeden.«

»Sorg dich nicht Mutter,« sagte Franz. »Ich finde mich jetzt schon in die Welt. Mir scheint, es ist gar nicht so schwer.«

»Franz,« sagte Frau Marie, leise bittend. Sein Ton tat ihr weh.

»Aber was denn, Mutter?« sagte Franz lachend. »Ich bin ja ganz vernünftig. Was willst denn noch?«

Es tat ihr weh. Und zum erstenmal dachte sie, daß er vielleicht anders als sein Vater war. Und sie wußte nicht, ob es für ihn zu wünschen oder zu fürchten wäre.

»Und,« sagte Franz, »jetzt will ich dir auch sagen, was ich mir vorgenommen habe.«

»Ja?« sagte Frau Marie, beklommen.

Franz fuhr fort: »Das geht doch so nicht weiter. Ich will morgen wieder in die Schule.«

»Da muß ich aber zuerst noch zum Direktor,« sagte Frau Marie, »damit wir genau besprechen, wie man das eigentlich ordnen könnte. Du hast doch den Professor Samon sehr beleidigt.«

»Ich werde ihn einfach um Verzeihung bitten,« sagte Franz.

Die Mutter kam auf ihn zu und als ob sie falsch gehört hätte, fragte sie: »Wie denn? Wie meinst du denn das?«

Ungeduldig sagte Franz: »Gott, ich werde sagen, daß ich im Unrecht war, daß es mir sehr leid tut, daß ich es einsehe, daß ich bereit bin, ihm abzubitten, und daß ich verspreche, es nicht wieder zu tun. Das wird wohl genügen. Denn vor der ganzen Klasse will ich das sagen. Das schmeichelt Herrn Samon und alles ist gut. Ich kenne ihn, er wird noch froh sein und wir werden noch die besten Freunde.«

»Kannst du denn das?« fragte Frau Marie. »Wirst du denn das können, Franz?«

»Warum denn nicht?« sagte Franz leichthin.

»Was wird denn aber der Beer sagen?« fragte die Mutter. Ihr war leid.

»Der Beer,« sagte Franz, »und meine Herren Kollegen, die können mich alle gern haben! Ich weiß es jetzt, ich kenne mich aus. Man redet manches zusammen, aber schließlich ist es doch besser, vernünftig zu sein. Ich bin kein Bub mehr. Ich will vernünftig sein. Was nutzt denn das alles? No ja, man hat ein Ideal. Aber es geht halt nicht. Soll ich so dumm sein, mir Unannehmlichkeiten zu machen? Es steht mir nicht dafür. Das Ideal kann man ja zu Hause haben. Nein, der Samon hat ganz recht gehabt. Aber jetzt bin ich kein dummer Bub mehr. Nein, Mutter, nein!« Er sagte das hell und lachend.

Ihr tat es weh. Aber sie dachte: Ich muß doch eigentlich froh sein, daß der Bub auf einmal so vernünftig ist! Aber es tat ihr weh.

Nach einer Weile fragte sie: »Wirst du wirklich –?«

»Ja, Mutter!« sagte Franz. »Du kannst ganz ruhig sein. Ich werde dir keinen Verdruß mehr machen. Das ist vorbei.« Und er sah die Mutter an und wiederholte: »Das ist jetzt alles vorbei. Mit der Zeit wird man schon gescheit. Ich werde dir keinen Verdruß mehr machen.«

»Aber Franz!« sagte Frau Marie. »Da liegt doch nichts daran, wenn du mir Verdruß machst. Wozu hat man denn ein Kind?« Und sie lächelte, bittend.

Nach einer Weile sagte sie: »Ich muß aber jetzt das Essen richten. Wir können ja darüber noch reden.«

»Nein,« sagte Franz. »Wir brauchen nicht mehr darüber zu reden.«

Sie ging langsam. Sie dachte, daß er sie zurückrufen würde. Sie sagte sich immer: Sei doch froh, daß er so vernünftig ist! Es half ihr aber nichts, sie war nicht froh. Er rief sie nicht zurück.

Er trat an den Tisch. Da stand das Bild der Rahl. Er sagte vor sich hin: Die Rahl! Ganz langsam sprach er den hallenden Namen aus: Die Rahl! Er wunderte sich, wie das klang. Ganz weit her, aus der Ferne klang es. Und er dachte sich: Jetzt weiß ich erst, was das heißt, ein Ideal haben! Er lachte. Er war traurig. Eigentlich aber war er doch froh.

Und er sagte noch einmal leise vor sich hin, wie zum Abschied von vielen Dingen: Die Rahl!

Ende

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