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Die Rahl

Hermann Bahr: Die Rahl - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Rahl
publisherS. Fischer Verlag
printrunDritte Auflage
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080420
projectid814997ff
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Dreizehntes Kapitel

»Das ist heuer der erste wirklich schöne Tag,« sagte die Fürstin Uldus.

»Und auf einmal ist der ganze Frühling da,« sagte der Graf.

»Und man weiß es doch und doch kann man es immer wieder kaum glauben,« sagte die Rahl.

»Unerlaubt schön ist es,« sagte Höfelind, unwirsch.

»Ja,« sagte da Hofrat Max, andächtig. »Ja, Wien!«

Sie saßen auf der Terrasse frühstückend und sahen hinaus. An der Mauer schlich der wilde Wein auf roten Zehen. Die flimmernden Wipfel der Pappeln raschelten. Vom nickenden Flieder fiel ein linder Duft. Grasmücken blähten sich im Busch, Baumlerchen stießen zippend auf. Der Wind war wie in Schleiern. Sie schwiegen.

Als der Diener die Teller wechselte, sagte Höfelind zornig: »Dann blühen noch ein paar Tage die Bäume, aber in fünf Wochen ist alles beim Teufel. Und, habe die Ehre! Auch nur ein Schwindel.«

Die Rahl sagte: »Es war doch aber.« Sie trug ein schweres, faltiges, dunkles Kleid. Ihre Stimme floß langsam.

»Wie meinen Sie das?« fragte Höfelind gereizt.

»Natürlich.« sagte die Fürstin Uldus. Sie war klein und dick, mit Ketten und Ringen behängt, in einen bunten Schal gewunden, aus dem der Schnabel ihrer heftigen krummen Nase sprang. Wie ein Papagei saß sie, schmatzend.

»Es war doch,« wiederholte die Rahl.

»Das meine ich auch,« sagte der Graf mit seiner leise streichelnden, traurigen Stimme. »Der Mensch darf nicht unbescheiden sein.«

»Meinetwegen,« sagte Höfelind achselzuckend.

»No und der Wiener Sommer?« fragte der Hofrat mit dem blauen Bart. »No und dann der Wiener Herbst? Ist das vielleicht nix? Da muß ich doch bitten! Sie sind wirklich undankbar!«

Die Fürstin blinzelte mit ihren winzigen schlauen Augen den schönen Hofrat an. Dann wischte sie sich den Mund ab und krähte: »Jetzt sagen Sie mir nur, Hofrat, wer das denn eigentlich eingeführt hat! Mich geht's ja nichts an. Ich bin eine alte Böhmin, wir haben ja bei euch hier nichts mehr drein zu reden. Ist schon gut! Ich bin ja froh, wenn die paar Wochen um sind, daß ich wieder nach Haus kann. Denn, mein lieber Hofrat, dort ist auch noch ein Land.«

»Gewiß, gewiß, Durchlaucht!« versicherte der Hofrat eilig.

Die Fürstin hackte schnarrend zu: »Daß Sie's nur wissen! Da draußen ist auch noch ein Land. Ihr macht's einen ja schon ordentlich nervös. Früher war das nicht. Wir sind aber auch noch auf der Welt, Ihr werd'ts es schon noch merken.«

»Wer leugnet denn das?« fragte der Hofrat, verlegen lächelnd.

»Ihnen kann das gewiß niemand bestreiten,« sagte der Graf.

»No ja,« ächzte die Fürstin. »No ja! Ich weiß schon. Ich bin eine alte Böhmin. Wir haben das Maul zu halten. Aber das sag ich Ihnen, Hofrat, das können's in Ihrer Kanzlei erzählen, was ich Ihnen sag, wär vielleicht ganz gescheit, wenn die dort einmal ein bißl aufmerken möchten, was eine alte Frau sagt, die schließlich auch noch auf der Welt ist, umbringen könnt's mich ja nicht! Also: ich find nicht, daß das gut für Wien ist, ich find nicht.«

Es war eine Weile ganz still. Die Rahl lehnte sich zurück, mit geschlossenen Augen. Der Diener brachte das Obst.

Die Fürstin warf das Messer auf den Teller und sagte noch einmal: »Ich find nicht.«

Der Graf erschrak ein wenig. Die Rahl fuhr aus Gedanken auf und fragte verwundert: »Was ist denn eigentlich?« Und lächelnd sagte sie zur Fürstin: »Pardon, liebe Freundin, ich war ein bißchen weg.« Sie hob die Hand hinaus, über den weißen Flieder zeigend. »Weg. Weit. Da beim Frühling draußen.«

»Sie werden auch schon affektiert, meine Gute,« krähte die Fürstin.

Die Rahl lachte. Die Fürstin sagte vergnügt: »No ja, bei Ihnen liegt aber nichts daran. Bei Ihnen gehört's dazu! Aber, aber, äh!« Sie blies blähend durch die Nase.

»Was denn?« fragte die Rahl lachend.

»Ich ärgere mich,« sagte die Fürstin schnaubend. »Ich ärgere mich.« Sie trank ihr Glas aus, stieß es auf und wischte sich den Mund ab. »Ihr wart's früher wirklich eine nette Stadt. No also wirklich, es war ein Vergnügen. Aber jetzt kriegt man ja schon kein ordentliches Paar Schuh mehr, seit –« Sie hielt ein und sah den Hofrat grimmig an, dann sagte sie: »Seit, seit ein jeder Schuster in die Betrachtung der Wiener Schönheit vertieft ist. Alle sitzens da und bewundern sich. Ja, Kinder, das hält man ja nicht mehr aus!« Sie sah wieder den Hofrat an und sagte: »Wenn ich nur wüßt, wer das eigentlich eingeführt hat. Ihr wart's so eine nette Stadt.«

»Natürlich läßt sich alles übertreiben,« sagte der Hofrat, beschwichtigend. »Ich bin doch der letzte, der Übertreibungen billigen wird. Es ist auch gar nicht wienerisch, zu übertreiben. Aber seien Sie nur auch gerecht, Durchlaucht! Wo gibt's denn das sobald wieder? Wo denn?« Er wies mit der Hand über den Garten hin.

»Drei Stückeln, bitte, drei!« sagte die Fürstin zur Rahl, die den Kaffee zuckerte. Und zum Grafen, der Zigarren brachte, sagte sie: »Haben's nichts Stärkeres? So recht schwarz mag ich sie.« Sie fing zu paffen an, das Ende der breiten Zigarre mit dem Daumen quetschend.

»Ist es denn nicht wirklich schön? Man muß doch nur gerecht sein,« sagte der Hofrat, noch immer die Hand über den Garten hin ausgestreckt. Höfelind sprang auf, ging weg und steckte den Kopf in den Flieder.

»Paris ist auch schön,« sagte die Fürstin, langsam paffend. »Aber die Pariser finden das selbstverständlich. Wissen Sie, wie Ihr mir vorkommt's?« Sie wurde rot vor Zorn, blies steil hinauf den Rauch aus, den Kopf zurück, mit angeschwollenem Hals, und krähte: »Wissen Sie, wie?«

Dem Hofrat war es peinlich; er hatte Angst, daß sie der Schlag treffen könnte. Höfelind dachte: So stelle ich mir den Ätna vor. Der Graf dachte: In diese gigantische Nase hätte sich Leonardo verliebt.

Die Fürstin sagte: »Wie die gewissen Männer, die ihre Frauen immer vor den Leuten abtatscheln müssen! So kommt's Ihr mir vor. Das ist nicht das richtige, Herr Hofrat!« Und nach einer Weile sagte sie noch, sich in das Schicksal ergebend: »Aber da sind ja doch auch wieder nur die Juden daran schuld! Ich wett!«

Der Hofrat beeilte sich halb zuzustimmen: »Gewiß, wenn es übertrieben wird! Übertreiben darf man es natürlich nicht. Da bin ich der erste, Durchlaucht, der Ihnen recht gibt.«

»Und so sind Sie wieder fein heraus,« sagte Höfelind zum Hofrat.

Der Hofrat schmunzelte, für die Anerkennung dankbar.

»Warum lachen Sie denn so verschmitzt?« fragte die Fürstin den Grafen.

»Ich freue mich,« sagte der Graf, »daß wir glücklich wieder bei den Juden sind. Ob man von Gott anfängt oder vom Wetter oder von der Teuerung, am Ende kommt man immer auf die Juden.«

»No ja,« sagte die Fürstin. »Da wird dann wenigstens nicht mehr gestritten.«

»Ja,« sagte der Graf, »es ist das einzige, worin wir einig sind. Es wär schrecklich, wenn wir die Juden nicht hätten.«

Die Fürstin hob ihren Schnabel schnuppernd aus dem dicken Rauch und sagte: »Man weiß bei Ihnen nie, wie Sie's eigentlich meinen. Sie Sterngucker! Sie sind imstand und lachen uns alle aus.«

Der Graf legte die Hand auf das Herz, seinen Ernst beteuernd. Die Fürstin drohte mit dem Finger. »No, no!« sagte sie. »Aber das hab ich ganz gern. Das hab ich gern.« Sie lachte krächzend. »Das ist noch das Gescheiteste. Zu allem ein freundliches Buckerl machen und alles heimlich auslachen. So geht's noch am ehesten.« Und sich wieder zum Hofrat wendend, wies sie mit dem Finger auf den Grafen und sagte: »Das, sehen Sie, Hofrat, das ist Wien, das echte.« Sie nahm die Hand des Grafen und tätschelte sie: »Denn Sie! O Sie kenn' ich ganz genau.« Der Graf sagte: »Da beneide ich sie. Ich kenne keinen einzigen Menschen ganz genau.« Er war plötzlich sehr ernst.

»A freilich!« sagte die Fürstin. »Es ist gar nicht so schwer. Das bildet man sich nur ein.«

Die Rahl sagte: »Du wolltest doch den Herren noch das neue Fernrohr zeigen. Die Fürstin entschuldigt euch gewiß. Oder wenn Sie vielleicht auch –« Sie sah die Fürstin fragend an.

»Nein, nein,« sagte die Fürstin. »Stiegen kraxeln ist nicht mein Fall. Und eure Wirtschaft mit den Sternen ist mir unheimlich. Ich kann's schon noch erwarten, bis ich in den Himmel komm. Geht's nur! Ich krieg' noch einen Kaffee und wir plauschen.«

Die Herren stiegen in den Turm. Der Graf erklärte das Fernrohr. Der Hofrat sagte stolz: »Die Fortschritte der Wissenschaft sind unbezwinglich. Das muß wohl ein herrliches Gefühl sein, Herr Graf!«

»Ich bin ja nur ein armer Dilettant,« sagte der Graf. »Es ist mehr eine Spielerei. Ich komme halt immer aus einem ins andere. Wie wenn man auf dem Land geht und glaubt: Jetzt nur noch über diesen Berg und dann bin ich da. Aber über dem Berg drüben ist dann wieder ein Berg. Ich weiß schon, daß das dilettantisch ist. Man müßte sich bescheiden lernen, statt es überall wieder zu versuchen. So weit bin ich aber eben noch nicht. Ich mache ja auch keinen Anspruch, ein Mann der Wissenschaft zu sein. Das doch gewiß nicht! Es ist mehr eine Liebhaberei.«

»Sie haben es ja auch nicht nötig,« sagte der Hofrat, »nicht wahr? Haha!«

»Nein,« sagte der Graf. »Leider!«

»Aber geh'ns, Herr Graf!« sagte der Hofrat, herzlich lachend.

Höfelind rannte herum und sah sich alles an. Jetzt schoß er auf den Grafen zu und fragte: »Darf ich, kann ich einmal in der Nacht kommen? In der Nacht?!« Er stand erregt, an seinen roten Borsten kauend.

»Sie würden mir die größte Freude machen,« sagte der Graf. »Ich habe jetzt einen jungen Assistenten, einen Schüler von Wilhelm Meyer. Der erklärt und man sitzt und schaut ins Märchenland. Und alle die Märchen lassen sich aber ausrechnen, denken Sie! Sie müssen einmal kommen.«

»Wo haben Sie denn das Ding eigentlich her?« fragte der Hofrat, auf das Instrument zeigend.

»Von Zeiß in Jena,« sagte der Graf.

Der Hofrat war gekränkt. »Das ist alles recht schön,« sagte er, »aber muß denn unser gutes Geld ins Ausland gehen? Und der Adel gibt noch das Beispiel. Dann wundert man sich!«

Der Graf sagte zu Höfelind, flüsternd, als ob es ein Geheimnis wäre: »Und dann werden Sie sehen, wenn man da so sitzt und schaut in der Nacht, rings ist es dunkel und alles ist still und man schaut in diese leuchtenden Welten, wie man sich da ganz klein vorkommt, ganz kleinwinzig und komisch! Das ist ein wunderbares Gefühl. Demütig wird man und es tut einem nichts mehr weh.« Und sich an das Ohr des Malers beugend, sagte er ganz leise, wie zum Troste: »Es tut einem nichts mehr weh, es ist einem alles recht, denn man weiß dann, daß das alles doch nicht so wichtig ist und daß das doch eben alles sein muß.« Und er faßte sich und sagte mit seinem gutmütigen, immer etwas künstlichen Lächeln: »Sie sehen, ich betreibe das recht dilettantisch. Kommen Sie wirklich bald einmal!«

Höfelind lauschte gierig, an den Lippen nagend. Plötzlich riß er sich los und sagte heftig: »Nein, nein! Das wäre nichts. Demut kann ich nicht brauchen!« Er rannte weg, trippelnd, den roten Kopf beutelnd, mit den Fingern schnalzend. Plötzlich kam er zurück und sagte: »Glauben Sie nur nicht, Herr Graf, daß ich das nicht verstehe! Ich kann mir das schon denken. Schön muß es sein! Aber wenn einer malen soll! Ich will malen. Ich soll malen. Glauben Sie, daß man malen kann mit dem Gefühl, kleinwinzig zu sein? Nein, das kann ich nicht brauchen! Das kann ich nicht brauchen!« Er rannte weg, kam wieder und sagte noch, die roten Borsten kratzend: »Sie haben sicher recht. Aber mir tragt's das nicht, verstehen Sie? Ein Maler ist ein Maler. Und ein Maler ist nicht dazu da, daß er gescheit ist, sondern daß er malt. Und es kommt gar nicht darauf an, daß einer recht hat, sondern es kommt nur darauf an, was einer braucht. Sie können das nicht verstehen, weil Sie's nicht nötig haben.«

»Vielleicht verstehe ich Sie schon,« sagte der Graf langsam. Dann nahm er wieder sein artiges Lächeln vor und sagte: »Vielleicht bin ich Ihnen sogar ein bißchen neidisch, wer weiß? Aber wie Sie wollen. Mich würde es jedenfalls sehr freuen.«

Der schöne Hofrat strich seinen blauen Bart und sagte melancholisch: »Ja, Sie haben's gut, Herr Graf! Wenn ich nicht den ganzen Tag in meiner Kanzlei sein müßt! Aber man opfert sich halt, man opfert sich!«

Die Frauen schwiegen, die Uldus rauchend, die Rahl mit einem Zweig vom weißen Flieder spielend. Endlich sagte die Fürstin: »So ein Plausch ist mir das liebste.«

»Ja,« sagte die Rahl, »ich bin nicht sehr unterhaltsam.«

Die Fürstin sah verwundert auf. Dann sagte sie: »Nein, im Ernst! Ich mein es ganz im Ernst. In der guten Luft sitzen, mit einem Zigarrl und einer Schalen Kaffee neben einer Person, die –« Sie sah die Rahl an, blies den Rauch aus und sagte dann: »No, die einem halt nicht zuwider ist. Sehen Sie, das hat man zu meiner Zeit einen Plausch genannt. Und sehen Sie, das hat's halt nirgends so schön gegeben wie in Wien. Jetzt reden sie mir hier zu viel. Und diese neuartige Kreuzung von Jud und Burggensdarm, aus der's jetzt die Hofräte machen, find ich nicht nach meinem Geschmack. Warum ladet man eigentlich so was ein?«

»Gott,« sagte die Rahl, den Flieder einatmend. »In unserem Geschäft braucht man das. Der Wax ist wie eine Kuh, der man ein Glöckerl umhängt. Er lauft dann in der Stadt herum und macht bimbim für einen. Wissen Sie? Reklame!«

Nach einer Weile sagte die Fürstin: »Eigentlich tun Sie mir recht leid.«

»A man gewöhnt's,« sagte die Rahl hochmütig. Sie deckte das Gesicht mit dem Zweig zu.

»Nein, nicht deshalb,« sagte die Fürstin. »Das wär ja schließlich gleich.«

Nach einer Weile fragte die Rahl, unter dem weißen Flieder hervor: »Also warum meinen Sie dann, daß ich Ihnen leid tu?«

Die Fürstin sagte: »Kommens einmal zu mir, auf unser Gut in Böhmen! Das wär für Sie gut. Da können wir den ganzen Tag dann so beieinander sitzen. Und überall sehen Sie weithin nichts als Wiesen und Felder. Und so versumpert man schön langsam.«

»Versumpern,« sagte die Rahl, das Wort liebkosend.

»Ja,« sagte die alte Fürstin. »Glauben Sie mir! Das wär's.«

Nach einer Weile setzte sich die Fürstin auf, sah die Rahl an und sagte: »Mein liebes Kind! Jetzt habe ich Sie wieder ein paarmal spielen gesehen. Schön ist es wohl. No, ich werd Ihnen doch keine Komplimente machen. Aber mein liebes Kind! Sie tun mir eigentlich so leid.«

Die Rahl drückte den weißen Zweig in ihr Gesicht und lachte leise.

Die Fürstin sagte: »Ich war auch einmal jung. Das kommt Ihnen komisch vor, was? Aber sehen Sie, da kenne ich das. Ich kenne das ganz genau. Es gibt dem Menschen einen Schupps, da fliegt er wie hinausgeschossen. Bei mir war's beim Reiten. Eine halbe Stunde reiten, und ich hab auf einmal nichts mehr gewußt. Nur so dahin! Und daran muß ich immer denken, wenn ich Sie spielen seh. Es ist sicher genau dasselbe, ich möcht' wetten. No es ist ja sehr schön! Ich denk mir jetzt oft: es war doch sehr schön! Es ist nur ein Wunder, daß ich nicht verrückt geworden bin. Ja, da schauen Sie! Jetzt sieht man mir halt nix mehr an. Aber mein armer Mann hat nichts zu lachen gehabt. Gott hab ihn selig! Denn natürlich –« sie hielt ein und sagte lächelnd: »No, das werden's ja selber wissen.«

Die Rahl zerbiß eine Blüte, saugend. »Bitte!« sagte sie. »Erzählen Sie's doch! Das tut mir gut.«

»Bei mir,« wiederholte die Fürstin, »war's immer beim Reiten. Merkwürdig. Plötzlich kriegt man einen Schupps und dann weiß man nichts mehr und das ist so schön. Merkwürdig. Wer schuppst? Was schuppst? Unbekannt. Und wo ist man denn dann eigentlich? Man sitzt doch auf seinem Pferd, man weiß es auch noch, man sagt sich: Du reitest ja da! Aber man wundert sich: Bin denn das ich? Alles unbekannt. Anders wird einem halt, anders wird einem! No, schön ist es, schön. Nicht wahr? Es ist doch sicher bei Ihnen genau so.«

»Ähnlich,« sagte die Rahl.

Die Fürstin nickte. »Aber dann! Dann kommt man zurück. Plötzlich schuppst's nicht mehr. Und jetzt ist das Schreckliche, daß man sich durchaus erinnern möchte, wie das eigentlich war, man kann's aber nicht, man weiß nur noch, wie schön es war, und deshalb ist einem alles andere jetzt fad und es kommt einem alles andere daneben zu dumm vor. Jetzt soll man aber Kinder kriegen und das Haus halten und alle diese Sachen, ja das ist ja schließlich wichtiger, so viel Verstand hat man ja noch, jetzt bitt ich Sie! No, ich wär gewiß verrückt geworden. Ich hab das Reiten einfach aufgeben müssen. Bei Ihnen ist das ja sicher ganz anders, das weiß ich schon. Aber ich hätt doch eine große Freud', wenn Sie einmal zu uns kämen. Denn, wissen Sie, eigentlich, das ist auch merkwürdig: wenn man das längst nicht mehr hat, so wie ich jetzt, und sich nur noch daran erinnert, dann ist es nämlich eigentlich noch schöner. Deshalb druckt's mich auch so, daß ich manchmal davon reden muß. Aber denkens nicht erst viel darüber nach, wär wirklich schad! Es plauscht sich nur halt mit Ihnen so gut.«

Die Rahl fragte plötzlich, aus ihren Gedanken: »Wieviel Kinder haben Sie?«

»Elf waren's,« sagte die Fürstin. »Vier sind gestorben, der Eduard ist Generalmajor, der Adalbert im Kloster, die Mädeln verheiratet. Also fürchten Sie sich nicht, wir wären im Schloß ganz allein.«

»Nein,« sagte die Rahl, »ich denke nur nach. Denn dann kann man freilich, dann ist es nicht so schwer, sich –« Und die Blüten ausspuckend, schloß sie lachend: »Sich das Reiten abzugewöhnen.«

»Sie sollen's ja gar nicht,« sagte die Fürstin. »Gott bewahre!«

»Denn das ist ja falsch,« sagte die Rahl. »Es heißt immer: Sie müssen Ruhe haben! Der Arzt quält mich auch damit. Aber nein, die Ruhe macht mich unruhig! Ich muß mich herunterbringen, dann ist mir erst wohl. Deshalb ist halt doch wahrscheinlich das Theater noch das einzige für mich. Drei Wochen bei Ihnen und passen Sie auf: ich zünde sicher das Schloß an. Ja, wenn Sie mir geschwind elf Kinder leihen könnten! Dann vielleicht. Aber da macht einem das Theater doch noch weniger Umstände. Jeder hat halt seine eigene Methode, zu versumpern.« Sie warf den weißen Zweig weg und dehnte sich, in den tiefen Garten sehend. »Mir geht's ja dabei noch eigentlich ganz gut. Es kommt ja doch immer wieder der Frühling und dann kommt der Sommer und dann kommt der Herbst und man glaubt jedesmal, daß es was Besonderes ist, und auf einmal ist das Jahr wieder um und man hat wieder ein paar Dummheiten mehr gemacht und freut sich, daß das alte Jahr vorüber ist, und dann fängt ein neues an und es ist dasselbe und so geht's, so geht's halt.«

»Und doch möchte man nie,« sagte die Fürstin, »daß es aus war.«

»No,« sagte die Rahl, »wer weiß? Man möchte vielleicht schon. Aber man traut sich halt nicht. Es ist doch auch unsicher. Das hier hat man wenigstens sicher.«

Die Fürstin nickte zustimmend und goß sich noch Kaffee ein. »Das sag ich ja auch immer. Es ist halt doch unsicher, da mag eins noch so fromm sein. Ich hab einen riesig netten alten Beichtvater, da reden wir oft davon. Denn sehen Sie, ich glaub ganz fest an den Himmel, aber ich kann nicht sagen, daß ich mich darauf freu, ich müßt lügen. Und dann, was gar das merkwürdigste ist, das werden Sie erst sehen, bis Sie ein bißl älter sind: man gewöhnt sich mit jedem Jahr mehr an das Leben. Warten Sie nur!«

Die Rahl sagte: »Ja, es wird wohl das beste sein, zu warten.« Und ihr flimmerndes Lachen flatterte durch den weichen Wind.

Der Graf kam und entschuldigte die Herren, die schon nach der Stadt waren. »Ich habe sie nicht sehr genötigt, noch zu bleiben,« sagte er, sich die Hände reibend. Und er sagte lächelnd zur Fürstin: »Nicht wahr?« Die Fürstin krähte. Und er fragte seine Frau, plötzlich unsicher: »Es ist dir doch recht?«

Die Rahl ließ die Lippe hängen und sagte zur Fürstin ungeduldig: »Alles war recht, wenn man nur nicht immer gefragt würde, ob es einem recht ist. Glauben Sie nicht?«

Der Graf stand unschlüssig. Er hätte sich so gern zu den Frauen gesetzt. Es kam ihm aber vor, daß er störte. So blieb er an der Türe. Dann fiel ihm ein, den Hund zu rufen; der machte ihr doch immer Spaß. Er trat in den Saal zurück und pfiff. Das Tier sprang atemlos über die Treppe, hielt schnuppernd an der Fürstin und streckte sich vor die Gräfin hin. Sie rieb ihre Füße in seinem weißen Fließ.

»No?« fragte die Fürstin. »Und was hat der blaue Hofrat zum Wiener Firmament gesagt? Das gehört doch sicher auch zu den Errungenschaften der Kultur, die Ihr vor uns voraus habt's.«

Der Graf lachte. »Er meint es ja gut,« sagte er.

»Wie's einer meint,« sagte die Fürstin, »ist mir ganz gleich, wenn er mir auf die Nerven geht. Soll's einer schlecht meinen, mich aber unterhalten!«

»Man muß Geduld haben,« sagte der Graf achselzuckend.

»Aber lieber Freund!« krächzte die Fürstin. »Wird Ihnen denn das nicht fad?«

»Schwer wird es einem schon manchmal,« sagte der Graf mit seinem gefälligen Lächeln.

»Und wozu?« fragte die Fürstin schnaufend. »Wenn man sich nicht täglich wenigstens ein paarmal ordentlich ärgert, was haben's denn dann vom Leben?«

»Ja,« sagte die Rahl mit ihrem plätschernden Lachen. »Der Graf ist ein Philosoph.«

Die Fürstin sah auf, verwundert über den seltsamen Ton, und sagte beschwichtigend: »No, das ist ja weiter keine Schand.«

»Ich weiß nicht,« sagte der Graf, »vielleicht ist es eigentlich eine Schand.« Und er lächelte, wie wenn es ein Witz wäre.

Der Bediente trat verlegen zur Gräfin. »Was ist denn?« sagte sie, zornig. »Machens nicht so ein geheimnisvolles Gesicht!«

Der Bediente sagte leise: »Nämlich, Frau Gräfin, der –«

»Laut!« sagte die Rahl.

Der Bediente meldete: »Herr Heitlinger fragt, ob er die Frau Gräfin einen Augenblick sprechen kann.«

»Heitlinger?« sagte die Rahl, achselzuckend.

Der Bediente sagte: »Der Herr, der schon gestern und vorgestern da war. Er hat auch geschrieben. Ein junger Herr –« Er hielt ein und wartete.

Die Rahl erinnerte sich. Sie sah nachdenklich auf den Grafen. Dann sagte sie: »Nein.«

Der Bediente nickte. Ungeduldig fragte sie: »Was warten Sie denn noch?«

Der Bediente meldete: »Der Herr hat gesagt: wenn die Frau Gräfin nicht zu sprechen ist, möchte er mit dem Herrn Grafen sprechen.«

Die Rahl schob das Kinn vor, mit offenen Lippen. Dann lachte sie gurgelnd. Und sie sagte: »Führen Sie den Herrn in die Bibliothek. Der Graf wird gleich kommen.« Sie nickte noch und sagte zum Grafen: »Sei so gut!«

Der Graf wartete, bis der Bediente fort war. Dann trat er an den Stuhl der Rahl. Die Fürstin sah sie lachend an und sagte: »Wissen Sie, da gibt's jetzt ein Plakat mit Ihrem Bild, ich glaub für eine Zahnpasta, da möchte man eher glauben, daß Sie bei der Operette sind. Aber jetzt sehe ich: wenn Sie so gewiß pfiffig blinzeln und den Mund aufmachen, schauen Sie wirklich so aus.«

»Schad, daß der Höfelind nicht mehr hier ist,« sagte die Rahl. Und dann zum Grafen: »Sei nett mit ihm. Es ist sehr ein lieber Bub. Nur bildet er sich ein, daß er mein Geliebter ist!« Sie dehnte das Wort »Geliebter«, leise die flache Hand ein wenig hebend und sie wieder senkend und es gleichsam darin wiegend. Und indem sie näselnd lachte, sagte sie: »Ja, ja! Auf meinem Tisch liegen die Briefe, mit langmächtigen Gedichten. Also du kannst ihm das ja viel besser erklären als ich. Und er soll auch sehen, daß es nicht wahr ist: du willst mich ja doch gar nicht knechten.« Sie hob das letzte Wort langsam, daß es auf einem Stengel zu schweben schien. Und sie wiederholte es: »Knechten, schreibt er.« Wieder zog sie die Lippen auf, ein leises Lachen durch die Nase blasend. Dann sagte sie noch langsam, in den Garten hin: »Ich möchte ganz gern wissen, wie das eigentlich ist. Knechten!« Sie schloß die Hand, das Wort einfangend wie einen zitternden kleinen Vogel. Und leicht ungeduldig sagte sie zum Grafen, der hinter ihrem Stuhl stand: »Nun? Laß den armen jungen Herrn nicht zu lange warten. Er hat's eilig.«

Der Graf sagte zur Fürstin mit seinem bereit stehenden Lächeln: »Wir sehen uns dann ja noch.« Und er ging, mit der Hand grüßend.

Die Rahl rief ihm noch nach: »Nimm doch den Hund mit!« Sie stieß das Tier und sagte, nach dem Saal zeigend: »Geh' schön mit dem Herrn! Geh mit dem Herrn!« Es stand langsam auf, ihr die Hand leckend, träg nach dem Saal blickend. Sie wiederholte, den langen schmalen Kopf streichelnd: »Geh schön mit dem Herrn.« Der Graf, der draußen wartete, rief das Tier. Es sprang ihm nach. Sie lachte. Dann streckte sie die Arme aus, faltete langsam die Hände hinter dem Kopf und lehnte sich zurück, mit geschlossenen Augen, den Duft des tiefen Gartens einatmend.

Nach einer Weile nickte die Fürstin und sagte mitleidig: »No ja, mein armer Mann hat auch nichts zu lachen gehabt. Es hat halt keine den Rechten.«

Unbeweglich liegend, sagte die Rahl: »O nein. Er wär schon der Rechte.«

Die Fürstin sah auf, neugierig die Nase blähend.

Unbeweglich liegend, sagte die Rahl, mit geschlossenen Augen: »Er wär schon der Rechte gewesen.«

»Er ist ja sehr nett, eigentlich,« sagte die Fürstin.

»Ja,« sagte die Rahl, »das ist es ja!« Sie sprang auf und sagte, die Dame von Welt affektierend: »Und so macht man sich Konfidenzen, ma chère!« Und lustig fügte sie hinzu, höfisch knixend: »Entschuldigen Sie! Ich kenne ja den feinen Ton bloß vom Theater, Euer Gnaden!«

Die Fürstin schüttelte sich lachend und ächzte: »Das hab ich gern! Das hab ich gern!«

»Sagen Sie einmal aufrichtig!« fragte die Rahl, immer spielend. »Finden Sie mich eigentlich comme il faut

»Viel mehr als ihn,« sagte die Fürstin lachend. »Sie können sich darauf verlassen.«

Die Rahl sagte: »Aber sind Sie jetzt lieb und kommens mit mir! Nur ein paar Schritte, gleich hinter dem grünen Gartenhaus dort! Ich zeig' Ihnen meine Schweindln.«

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