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Die Rahl

Hermann Bahr: Die Rahl - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Rahl
publisherS. Fischer Verlag
printrunDritte Auflage
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080420
projectid814997ff
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Zehntes Kapitel

Mein Gott!« sagte der Graf ganz bestürzt. »Und da haben Sie die ganze Zeit noch nichts gegessen? Seit vierundzwanzig Stunden?«

»Nix! Nix! Nix!« schrie Höfelind und lachte, auf die Kiste mit dem Bilde zeigend. Und er sprang lachend und drehte sich durch das Zimmer und schrie: »Ja, da schaun's! Nix, nix, nix, Herr Graf! Aber fertig! Aber fertig! Aber fertig!« Er sagte das und sang es, lachend und schreiend, und sprang, hopsend und wirbelnd, und wies das Bild. Er war ungewaschen und ungekämmt, in zerdrückten und ungeputzten Kleidern mit Flecken von Farben. Er schwankte, einem Trunkenen gleich, und seine kleinen Augen flackerten aus roten Lidern. Und er lachte wieder springend, auf die Kiste zeigend, immer wieder: »Fertig! Fertig! Fertig!« Und dazwischen immer wieder: »Aber jetzt gebt's mir was z'essen! I fall um!«

Der Graf war verlegen. Laute Stimmen ängstigten ihn immer und er wurde gleich schwindlig. Ein Mensch, der schrie, war ihm unheimlich. Er fand es höchst interessant, hatte aber dabei das Gefühl, sich nicht ganz richtig benehmen zu können. Und gar gegen den Dialekt war er völlig wehrlos. Er hatte eine Vorliebe für den Dialekt, las gern in Idiotiken und stand einem Vereine zur Erhaltung volkstümlicher Trachten und Pflege der alten Mundarten vor. Dies nahm er sehr genau, fehlte niemals in einer Versammlung und war eifrig bemüht, seine Kenntnisse der Mundart auszubilden. Er freute sich auch jetzt, deutlich zu hören, wie in das Wienerisch des Malers die breiteren und tieferen Laute seiner Heimat hereinklangen. Darauf war er sehr achtsam, nur störte ihn, daß es eigentlich in den Stil des ernsten und stillen, fast feierlichen Gemachs mit den zwei großen Gainsboroughs nicht recht paßte. Oder wie er das zu nennen pflegte: es ging mit dem Gemach nicht zusammen. Dies war aber immer seine größte Sorge: alles sollte »zusammengehen«. Wozu noch kam, daß er sich ja jetzt nicht der Beobachtung widmen konnte, sondern helfen und anordnen sollte, was ihm niemals leicht wurde. Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen. So lief er hinter dem springenden, fuchtelnden, taumelnden Höfelind durchs Zimmer her, klingelte dem Diener, rückte Stühle, redete beschwichtigend zu, klingelte wieder, war um den Maler besorgt, war neugierig auf das Bild, war ängstlich, die Festvorstellung zu versäumen, die doch in drei Stunden schon begann, und beruhigte sich erst, als der Diener kam, den er nun vor allem ein Essen auftragen hieß. »Aber geschwind ein bißl!« schrie Höfelind. »Was S' woll'n. Nur kane Geschicht'n. Mir san vom Land! Aber g'schwind, g'schwind!«

Er warf sich in einen großen Stuhl zurück, den Kopf in den Polster gedrückt, den Leib flach ausgestreckt, mit angezogenen Beinen, so daß die Knie hoch aufstanden. Er war so müd, daß er sich kaum mehr regen konnte, aber in seinem Kopf war es, als würden tausend kleine Räder gedreht. Er war so müd, aber er konnte nicht schweigen, er redete fort. Er wußte kaum mehr, was denn eigentlich mit ihm war. Was wollte der lange Herr da, auf seinen dünnen Beinen, mit dem albernen Respekt in den lauschenden Augen? Und er hatte Lust, auf den Tisch zu schlagen und zu brüllen: Heda, Wirtshaus! Aber was denn, fiel ihm plötzlich ein, was ist denn los? Und er dachte: Höfelind, internationaler Künstler, weltberühmt, der in London ausstellt, Mallarmé der Malerei, Feinster von den Feinen, was hast du, wie redst du denn, was ist denn los? Und er sah verwundert den Grafen an. Was war es, das ihn immer trieb, diesen zu höhnen? Was stieß ihm dann gemeine Worte von bäurischer Art aus dem Mund, von denen er sonst doch längst nichts mehr wußte? Und er hörte wieder die tausend kleinen Räder durch sein Hirn sausen und surren. Und ihm war, als wären dort viele Lichter angezündet. Und plötzlich sah er längst vergessene Gedanken dort. Erinnerungen flirrten aus alter Zeit. Er erinnerte sich plötzlich, daß er, noch als kleiner Bub, erzählen gehört hatte, wie einst unter der Haushamer Linde die Bauern geköpft worden waren, für ihren Glauben, der den Mächtigen nicht gefiel. Und er hatte sich, als er zu rauchen anfing, eine Pfeife mit dem Bilde des Stefan Fadinger gekauft. Warum fiel ihm das jetzt ein? Er mußte lachen. Der Graf war eigentlich so nett! Warum stand in seinem Hirn die Pfeife mit dem Fadinger da? Und die Räder schwangen sich und schwirrten. Aber er hatte doch das Bild fertig! Das Bild, das Bild! Und jetzt wird er sich ausschlafen, das alles geht ihn ja nichts mehr an.

Der Diener schob ihm ein Tischchen hin. Er aß gierig. Der Graf erschrak, als er gleich eine Traube nahm, vor der Suppe. Höfelind bemerkte das und sagte dem Diener: »Stellen's mir nur alles miteinander her!« Und er sagte zum Grafen: »Der Napolium hat das auch so g'macht. Prost!«

Der Graf fragte: »Darf ich dann jetzt vielleicht das Bild sehen?«

Höfelind sagte: »Decken's aber zuerst den Schwindel zu!« Und er nickte nach den beiden Gainsboroughs hin.

Der Graf nahm die Tischdecke, stieg auf einen Stuhl und bemühte sich, die Bilder zu verhängen. Es gelang ihm nicht gleich, weil er ungeschickte Hände hatte. Aber er wollte keinen Diener rufen.

Höfelind sah dem langen Herrn auf dem Stuhle turnen zu und wunderte sich wieder, indem er es sich schmecken ließ. Was war denn? Er mochte Gainsborough sehr. Er hatte selbst einen kopiert und war stolz darauf. Und der Graf war doch wirklich so nett! Also warum? Aber er konnte nicht widerstehen, es trieb ihn, etwas in ihm trieb ihn, während die sprühenden kleinen Räder durch sein Hirn schlugen, auszustoßen, roh zu sein, weh zu tun, jemanden zu kränken, sich zu rächen, weil er diese ganzen Tage her so gelitten hatte, an seinem verfluchten Bilde! Aber dabei schämte er sich eigentlich. Und jetzt war er satt, die Räder schienen nur noch ganz in der Ferne zu treiben, er lauschte hin und dachte sich: nur noch sozusagen am Horizont des Gehirns; und er freute sich über diesen Ausdruck, der alte Radauner wird lachen, wenn er es ihm sagt! Aber es wurde ihm dämmerig, die Räder verhallten, gut war es, in diesem stillen abgeschiedenen Gemach zu liegen, es schwamm wie Silber in der Luft und er wußte nur noch, daß er sehr müd war.

»Darf ich jetzt?« sagte der Graf, mit seiner artig gedämpften Stimme, die so weich wie diese silbern fließende Luft war.

Er öffnete die Kiste, stellte das Bild auf und trat zurück. Er näherte sich, er ging wieder weg. Er sah es von allen Seiten an.

Höfelind sagte: »Es war ein Unsinn, uns mit Sitzungen zu quälen, sie und mich. Das ging nicht. Erst als ich sie nicht mehr sah, da –« Er brach ab. Er sprach jetzt ein ganz reines, gewaltsam klares, klirrendes Deutsch. Und so sagte er nach einer Weile nickend: »Ja, so war es, genau. Es mag wunderlich klingen, aber es war so. Erst als ich sie nicht mehr sah, sah ich sie wieder. Weiß der Teufel! Da sah ich sie wieder wie damals, zum erstenmal im Theater. Und da ging's auf einmal. Nur fortwährend mit einer lausigen Angst, sie wieder zu verlieren. Aber es ging.« Er schwieg, tief atmend. Und nach einer Welle sagte er: »Und jetzt reden Sie!«

Der Graf erschrak und sagte ganz leise: »Wunderschön! Es ist wunderschön!«

Hüfelind wartete. Der Graf fühlte das und wiederholte: »Ich kann nur sagen, über alle Maßen schön! Schön und stark und groß! Was sind Sie für ein Künstler!«

Höfelind ärgerte sich. »Das weiß ich ja,« sagte er. Aber ob sie es ist? Ob sie das wirklich ist?« Und er fragte noch einmal, wie mit einem Messer stechend: »Ist?« Und traurig klang es, als er dann noch sagte: »Das kann ich nicht wissen. Ich nicht. Das sollten der Herr Graf mir sagen!«

Der Graf sagte: »Ich kann mich nur an meinen Eindruck halten, der, wie gesagt, ein wunderbar schöner und starker ist. Man fühlt auf den ersten Blick, wie Sie sie sehen!«

»Das ist ganz wurscht!« sagte Höfelind höhnisch. »Es handelt sich nicht darum wie ich sie sehe oder wie Sie sie sehen oder wie sie sich selbst sieht und gesehen sein möchte. Das fragen die Photographen. Das geht aber die Kunst nichts an. Und es handelt sich nicht darum, ob es schön ist oder stark ist oder groß ist und was die Literaten sonst noch für Flausen haben. Es handelt sich einfach bloß darum, ob es wahr ist. Steht sie da so, wie sie wirklich ist? Oder bin ich ein Schwindler? Genieren Sie sich gar nicht, Herr Graf!«

Der Graf sah noch immer das Bild an und sagte wieder, es mit seiner zärtlichen Stimme gleichsam streichelnd: »Wunderschön, wunderschön!« Dann riß er sich los, kam auf Hüfelind zu und sagte, rasch sprechend und als ob er keine Antwort erwarten, sondern eher jemandem diktieren würde: »Sollte das nicht vielleicht überhaupt bloß ein Scheinproblem sein? Ich meine: wenn man fordert, jemanden wirklich zu sehen. Was nennen Sie: wirklich? Ich denke dabei gar nicht daran, daß Ihre Augen anders als meine sind und jeder schließlich das Recht seiner Augen hat. Nein, das will ich gar nicht sagen, sondern es scheint mir noch viel tiefer zu liegen. Wann ist denn ein Mensch wirklich? Was er wirklich ist, spielt sich doch in der Zeit ab, es ist immer nur wieder ein Stück davon sichtbar und alle diese Stücke zusammen erst machen ihn wirklich aus. Wann aber wären sie denn zusammen? Bis zum Tode fehlt immer noch was, nicht? Und wenn dann der Tod das letzte Stück endlich bringt, so daß der Mensch sich nun erst wirklich ganz beisammen hätte, ist es auch schon wieder aus. Denken Sie doch, wie es in der Wissenschaft ist! Ich dilettiere seit Jahren überall ein bißchen herum, nicht wahr? Nein: die Wissenschaft gibt es gar nicht! In einer einzelnen Wissenschaft kann man erkennen. Versuchen Sie aber je die einzelnen zu verbinden, zum Ganzen, so zerrinnt Ihnen alles in den Händen. Jeder kann nur an seiner Ecke, in seinem Winkel erkennen und wissen. Das muß uns genügen.« Er stand nachsinnend. Dann sagte er noch: »Ich finde nie die richtigen Worte dafür, auch der menschlichen Sprache ist es eben versagt, das Eigentliche oder wie Sie das nennen: das Wirkliche auszusprechen. Man kann mit den Worten nur eigentlich immer nur sozusagen höchstens anklopfen. Mit allen Wissenschaften und mit allen Künsten kann man schließlich nur anklopfen, das ist es eben. Aber hoffentlich ist Ihnen doch ungefähr klar, was ich meine.« Er hatte sich sehr aufgeregt, weil er nicht gewöhnt war, so viel im Zusammenhang zu sprechen.

Höfelind sah sich den Grafen neugierig an. Der Graf wurde verlegen und indem er wieder vor das Bild trat, wiederholte er, um nur in der drückenden Stille etwas zu sagen: »Ist es Ihnen klar?«

»Wenn es mir klar wäre,« sagte Höfelind langsam, »glauben Sie, daß ich dann noch malen könnte? Glauben Sie, Herr Graf?«

»Allerdings!« sagte der Graf betreten. »Das kann ich schon verstehen.«

Höfelind, den sehr starken schwarzen Kaffee schlürfend, sagte lustig: »Aber was sind das für Wahrheiten, die keinen Zweck haben? Da hat man doch nichts davon. Wahr ist, was mir hilft. Daran erkennt man es. Wahr ist, was ich brauchen kann. Nicht? Wozu sonst?« Er hatte den Stuhl umgedreht, so daß er jetzt mit dem Rücken zum Fenster saß, um nur ja sein Bild nicht zu sehen. Er lag und trank und rauchte mit einem angenehm streichelnden Gefühl behaglicher Ermattung. Der milde Glanz, der durch das Zimmer rann, der Geruch von vielen Büchern in alten Einbänden, der Dunst des Kaffees, der brandige Geschmack der dicken schwarzen Zigarre, die scheue, gleichsam nur auf den Zehen schlüpfende Stimme des Grafen, in die sein eigener Ton wie mit knarrenden Stiefeln trat, dies alles tat ihm wohl, und dann war ja das Bild fertig! Nur jetzt nicht mehr an das Bild denken! Und nur nicht aufstehen müssen! So liegen und das Bild fertig haben und nichts mehr davon wissen und sich nicht mehr rühren und dem Grafen zuhören, es macht ja nichts, was er sagt, das ist gleich, die Stimme schläfert so schön ein, wie ein still an den Scheiben herabtriefender Regen!

»Nun ja,« sagte der Graf. Er stand vor dem Bilde, sah aber nach dem Maler hin, fast ein bißchen neidisch. Er dachte, wie merkwürdig doch die Menschen waren! Eigentlich konnte man mit ihnen nie reden. Bemühten sie sich denn gar nicht um den Sinn des Lebens? Und sie hatten offenbar auch gar nicht das Bedürfnis, gerecht zu sein. Er aber, der so rang, alles zu verstehen, um das Rechte zu finden, saß mit leeren Händen da. Sie behielten recht, wenn man schließlich ihre Werke sah. Und laut sagte er, indem er jetzt wieder auf das Bild sah: »Da steht sie! Und niemand auf der ganzen Welt kann Ihnen das nehmen! Es muß ein herrliches Gefühl sein.«

»Nicht wahr?« sagte Höfelind vergnügt.

»Was immer auch aus Ihnen wird, sie steht da, sie bleibt stehen! Wie wenn der liebe Gott heute stirbt – er weiß doch, es ist ja die Welt da. Ein göttliches Gefühl.«

»Na ja!« sagte Höfelind gähnend. »Hoffentlich hat er sich nicht so plagen müssen. Denn das pflegen die Herren zu vergessen: Was dazu gehört, bis dann schließlich etwas dasteht! Das ist meistens recht ungemütlich.«

»O nein!« sagte der Graf rasch. »Mir dürfen Sie das nicht nachsagen! Ich vergesse das nicht. Wahrhaftig nicht.« Und ganz leise fügte er noch hinzu: »Ich sage mir das immer und immer: es gehört dazu, es gehört eben dazu!« So traurig klang seine leise Stimme, daß der Maler aufstand, um ihm ins Auge zu sehen. Doch fiel ihm ein, daß er dann sein Bild erblicken würde. Da setzte er sich lieber wieder. Auch sagte der Graf schon, indem er seine Stimme veränderte, ganz leicht hin: »Ich meine, Herr Höfelind, ich beschäftige mich doch viel mit Kunst und Künstlern, nicht wahr? Und da dürfen Sie mir glauben, daß man immer zuletzt an eine Linie kommt, wo einem eben, ganz wörtlich zu nehmen, der Verstand still steht. Und es gibt dann wirklich keine andere Lösung und, für uns Laien, keinen anderen Trost, als sich zu sagen: es gehört halt dazu! Worauf Ihr freilich etwas stark zu sündigen pflegt, nicht? Manchmal wenigstens!« Und er lachte.

Er ist ein armer Kerl, das hört man, dachte Höfelind. Und er nahm sich vor, ihn besser zu behandeln. Aber da ging, blendend im dämmrigen Gemach, die rauschende Stimme der Rahl auf. Noch in der Türe sagte sie, den tragischen Ton nehmend: »Spalier, Ihr Herren! Der Jubilar erscheint!« Und sie hob die Hand, aus dem Gelenk die Finger reckend, mit der drohenden und vernichtenden Gebärde, welche die Menschen schaudern ließ. Höfelind fuhr auf. Das war ihm zu merkwürdig! Immer wenn er nur irgend einen Ton von ihr vernahm, sah er alles um sich blau. Ein tiefes, sehr dunkles, langsam in großen Wogen flutendes Blau, das nach einem starken heftigen Rot rief. Immer und überall. Ich werde daran noch verrückt, dachte er. Denn da war es wieder: die dunkelnde Luft wurde blau, ein blauer Strom floß, am Fenster stand der Graf ganz blau, wie eine Schießfigur an die Wand einer Kaserne gemalt. Trottelhaft, dachte Höfelind, ist mein Bild; ich hätte einen See machen müssen mit schwarzen Tannen am Ufer, die sich spiegeln; das wäre ihr Porträt, aber man denkt an die blöden Leute!

»Was haben Sie denn heute für ein scheckiges Gesicht?« fragte sie ihn.

»Er hat ein ganz neues Bild gemalt, denke dir!« sagte der Graf eilig und führte sie hin.

Sie sagte, langsam, mit verhüllter Stimme: »Das bin ich? So bin ich?« Und indem sie den schweren Mantel an den beiden Seiten hielt, knixte sie tief, nach höfischem Brauch.

»Es ist ja fürs Museum,« sagte Höfelind kurz. »Ihnen brauchts gar nicht zu gefallen, Frau Gräfin.«

»Ihnen gefällt's?« fragte die Gräfin.

»Weiß nicht,« sagte der Maler. »Ich werde mich hüten, es anzusehen.«

Die Gräfin betrachtete das Bild. »Aber wenn nur Ihnen dabei wohl war!« sagte sie. Der Graf war unruhig. Er fand es peinlich.

»Wie meinen Sie das?« fragte Höfelind feindlich.

»Recht haben Sie,« sagte die Rahl. »Ich doch auch! Ich sage mir auch: Wenn nur mir dabei wohl ist! Der Grillparzer mag sich im Grab umdrehen, aber mir tut meine Sappho wohl. Mir, nicht? Und daß man noch eine Gage dafür kriegt, das ist der Spaß dabei!«

»Hier im Haus wird viel philosophiert,« sagte Höfelind. »Ich bin noch nicht so weit. Ich male.«

»Ich muß es aber wissen,« sagte die Rahl. »Ich bin ein Jubilar.«

»Das kann einem auch noch passieren,« sagte Höfelind. Und besorgt fragte er plötzlich, vor den Spiegel tretend: »Warum haben Sie gesagt, daß mein Gesicht scheckig ist?«

»Sie sehen einer gefleckten Tulpe gleich,« sagte die Gräfin. »Oder auch den brennenden Dornbusch stelle ich mir so vor. Es steht Ihnen aber gut.«

»Ist es nicht Zeit?« fragte der Graf, leise drängend.

Als die Gräfin fort war und der Graf wieder kam, sagte Höfelind: »Ich kann mir schon denken, daß es schwer für Sie ist.«

»Wie?« fragte der Graf, aus seinen Gedanken aufgeschreckt.

Höfelind dehnte sich und sagte: »Ich meine nur, mit uns allen. Da gehört schon ein guter Magen dazu. Ich wundere mich eigentlich oft, daß uns die Menschheit frei herum laufen läßt. Noch immer! Aber sagen Sie, Sie wissen doch alles, gibt es kein Mittel gegen Sommersprossen?«

Er trat wieder vor den Spiegel und ärgerte sich und sagte: »Es kommt nur davon, weil ich so schwitze, bei dem verfluchten Malen! Wenn man aber nicht schwitzt, wird es nichts. Seien Sie froh, daß Sie's nicht nötig haben!«

Der Graf, wieder vor dem Bilde, dachte, daß man darüber schließlich gar nichts weiß; es ist eben immer wieder ein Wunder. Kindisch kam ihm der eitle häßliche kleine Mensch vor. Aber das Bild war da!

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