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Die Puppen des Maharadscha

Siegfried Bergengruen: Die Puppen des Maharadscha - Kapitel 9
Quellenangabe
authorSiegfried Bergengruen
titleDie Puppen des Maharadscha
publisherEden-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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8. Kapitel.
Eine nächtliche Begegnung.

Dr. Renee, der bekannte Marseiller Psychiater, saß um dieselbe Zeit, da Erwin Juffo und Jeannette für sich verpflichtete, an dem gewaltigen, dunkelgebeizten Eichenschreibtisch seines Herrenzimmers und starrte unverwandt auf ein großes, ölgemaltes Porträt, das ihm gegenüber an der seidenbespannten Wand hing. Das Porträt stellte eine junge Frau dar, deren schmales Gesicht sich blaß und durchsichtig von dem dunklen Hintergrunde abhob und deren Augen eine so unergründliche Tiefe zu bergen schienen, daß oft selbst fremde Menschen minutenlang stehenblieben und sich mit dem seltsamen Zauber dieser unvergleichlichen Frauenschönheit auseinandersetzen mußten.

Eine einzige blaubeschirmte Stehlampe glühte in einer entlegenen Ecke des großen Raumes und umhüllte alle Gegenstände mit einem sanften, mondscheinhaften Schimmer.

Lange saß der Doktor so. Nichts rührte sich in dem schlafenden Hause, und nur zuweilen fauchte das Geräusch vorüberhastender Automobile von der Rue Bergere bis in dieses Stockwerk herauf.

»Wo bist du wo bist du ...??!« flüsterten die Lippen des einsamen Mannes, während sich seine Hände um das Leder der Seitenlehnen des Stuhles krumpften.

»Wo bist du? – wenn ich wenigstens wüßte, daß sie dich getötet haben – Aber es gibt Dinge, die schlimmer sind als der Tod! ... Es gibt Dinge ...!«

Er brach mitten ab und senkte die hohe, weiße Stirn bis auf die kalte Platte des Tisches. Ein verzweifeltes Stöhnen entrang sich seinem Munde, während nervöse Fieberschauer den Körper schüttelten.

»Nur eine Nachricht ... nur ein kurzes Wort, damit ich weiß, woran ich bin! – Aber diese Ungewißheit quält mich zu Tode!«

Eine elektrische Glocke schrillte auf dem Flur. Der Doktor fuhr auf, strich sich das Haar zurück, drehte den Kronleuchter an und ging, um zu öffnen. Es war Henri Lessot, der von ihm beauftragte Detektiv.

»Was haben Sie Neues?« fragte der Arzt gespannt, während er seinen Gast in das Schreibzimmer geleitete und ihm eine Virginia anbot.

Der Detektiv sah sich um, als fürchte er, belauscht zu werden, trat dann dicht an Renee heran und sagte leise: »Erwin Gerardi ist an der Sache unbeteiligt!«

Der Doktor zuckte zusammen und wurde noch blässer.

»Wie haben Sie das herausbekommen?«

»Sehr einfach – Ich habe seine Frau gefragt.«

»Sie sind ein Mordskerl. – Ich dachte immer, Sie kennen die Dame nicht!«

»Bis vor anderthalb Stunden hatten Sie in dieser Annahme recht. Dann aber gelang es mir, sie kennenzulernen.«

»Auf welche Weise?«

»Ich begegnete ihr zufällig im Atelier der Madame Boubet. Sie wissen, daß es nie leichter ist, sich an eine Dame heranzupirschen, als wenn sie dabei ist, sich über ihre künftige Garderobe Sorge zu machen. Binnen einiger Minuten hatte ich durch mein offensichtliches Verständnis für weibliche Toiletten ihr volles Vertrauen erworben. Da ihr Gemahl sie aus irgendwelchen Gründen nicht abholen kam, nahm sie meine Begleitung an. Unterwegs tranken wir im Café Glacier eine Tasse Mokka und zwei Charteusen. Alkohol löst bekanntlich die Zungen, ich lenkte das Gespräch unmerklich auf das geheimnisvolle Auto und erfuhr auch, daß Frau Ivonne und ihr Gemahl den Inhalt des Koffers noch nicht ergründet haben.«

»Ja, zum Teufel, warum verstecken sie dann das Ding bei sich?«

»Warum? – Auch das habe ich halbwegs ergründet. Gerardi hat mal früher irgendeinen Scheck unterschrieben, der nicht gedeckt war, und dieses Papier befindet sich leider Gottes in den Händen des Inders, der es dazu ausnützt, sich Gerardi dienstbar zu machen.«

Eine Weile schwiegen die beiden Männer und pafften nachdenklich den Rauch ihrer Zigarren in die Luft. Die Sache war verwickelt und wurde dadurch noch erschwert, daß sowohl die Marseiller als auch die Pariser Polizei jegliches Einschreiten gegen Sanjo Afru abgelehnt hatten. Elise Renee war zwar in Paris, wohin sie vor einigen Monaten allein gereist war, in der Gesellschaft des Inders gesehen worden, und dieser leugnete auch in keiner Weise, eine Dame dieses Namens zu kennen, aber es ließ sich eben nicht feststellen, daß er auch irgendwie um ihr Verschwinden wußte oder gar daran beteiligt war.

»Wäre es nicht das Beste, wenn ich mit Gerardi spräche und ihn bitten würde, er möge uns helfen. Eine ganze Nacht ist der Koffer in seinem Gewahrsam, und eine solche Zeit dürfte wohl dazu genügen, um das Schloß, und sei es auch noch so komplizierter Konstruktion, kunstgerecht zu öffnen und gegebenenfalls wieder zu schließen.«

Aber Henri Lessot riet ab.

»Noch nicht,« sagte er. »Gerardi liegt nichts daran, mit Afru in Konflikt zu geraten, und bloße Annahmen werden ihn gewiß nicht dazu bewegen, den ihm anvertrauten Koffer gewaltsam zu öffnen. – Anders wäre es natürlich, wenn wir beweisen könnten, Ihre Frau sei am letzten Abend mit dem Inder zusammen gewesen. Das ändert sofort die Situation und spielt uns mit einem Schlage alle Trümpfe in die Hand. Aber bis dahin müssen wir eben, so schwer es auch wird, warten ...«

Dr. Renee erhob sich und ging nervös auf dem Teppich auf und nieder. Er fühlte sich wie gefesselt, überall, wo man etwas tun wollte und konnte, stieß man gegen die Mauern des konventionellen Formenkrams, die die europäische Gesellschaft nach und nach um sich her aufgetürmt hatte.

»Was haben Sie für Nachrichten aus Paris?« fragte er schließlich stehenbleibend.

Der Detektiv zuckte bedauernd die Achseln.

»Meine Leute tun was sie können. Aber gerade, wo es am notwendigsten wäre, hört unsere Macht auf. Wir können zwar beobachten, wie Sanjo Afru sein Haus verläßt und ihn auch zum Teil auf seinen Wegen in der Stadt begleiten, was aber in seiner Wohnung geschieht, bleibt unerforschlich, ebenso wie die Milchglasfenster des Autos jeden Einblick verhindern. Überdies besitzt er mehrere ganz gleich aussehende Wagen, die in verschiedenen Garagen von Paris untergestellt sind, hat er also das Gefühl, verfolgt zu sein, so läßt er einfach sein Auto auf der einen Seite des Gebäudes stehen, in dem er zu tun hat, verläßt es durch Hintertüren und gelangt auf derlei Umwegen zu einem zweiten Wagen, der ihn in einer anderen Straße erwartet.«

»Haben Sie versucht, die Dienerschaft zu bestechen, oder, was noch besser wäre, einen Ihrer Kollegen als Hausangestellten in das Besitztum Afrus einzuschmuggeln?«

»Alles ist geschehen und alles fehlgeschlagen! – Der indische Türhüter, an den wir uns natürlich zuerst heranmachten, hörte alles mit stoischer Ruhe an, ließ sich sogar eine ansehnliche Summe geben, als sei er mit allem einverstanden, und warf dann das ganze Geld, ohne eine Miene zu verziehen, ein paar vorüberlungernden Bettlern vor die Füße.«

»Bleibt also als einziger Ausweg nur mein Plan, den Koffer aus Gerardis Villa zu rauben!«

Es war das erstemal, daß Renee diese Absicht Lessot mitteilte, und die Wirkung war eine dementsprechend große.

»Ist das Ihr Ernst ...! – Ich habe es satt, im Dunkeln zu tappen und bereits vorbereitende Schritte unternommen ...!«

»Herr Renee! Sind Sie sich auch darüber klar, daß, wenn der Koffer nicht das enthält, was Sie voraussetzen – Ihre Handlung vom Gericht als Einbruchsdiebstahl bewertet wird!«

»Auch das habe ich überlegt! – Aber ich bin mit meinen Nerven so herunter, daß ich es vorziehe, im Gefängnis zu sitzen, statt von dieser entsetzlichen Ungewißheit gemartert zu werden!«

»Ich kann nicht mehr tun als Sie warnen!« sagte Lessot und erhob sich. »Schließlich muß jeder selbst wissen, was er tut! Und Sie werden es wohl auch nicht mißverstehen, daß ich mich persönlich an Ihrem Vorhaben nicht beteilige ...!«

Renee lächelte.

»Ich habe es auch nicht erwartet,« antwortete er verbindlich, »und habe nur die eine Bitte an Sie, auch für den Fall, daß ich verhaftet werden sollte, oder daß mir sonst etwas zustößt, Ihre Nachforschungen weiter fortsetzen zu wollen. Die nötigen Summen sind bei einem Rechtsanwalt deponiert.«

Es war mittlerweile elf Uhr geworden und Lessot empfahl sich. Renee begleitete ihn bis auf die Straße, winkte dann eine Autotaxe heran und fuhr zum Café Oriental, wo er von Juffo Neuigkeiten zu erfahren hoffte.

Aber er traf den Italiener nicht mehr an. Statt dessen begegnete ihm an der Tür der Kaschemme Erwin Gerardi, der sich von einem schlanken, rothaarigen Mädchen verabschiedete. Einen Augenblick maßen sich die beiden Männer mit beinahe feindlichen Blicken. Einen Augenblick nur! – Dann trat Erwin – gleichsam dem Gebot einer plötzlichen Eingebung folgend, auf den Arzt zu und sagte:

»Herr Dr. Renee! Ich glaube, es ist gut, daß wir uns getroffen haben! Jedenfalls gibt das auffallende Interesse, das Sie neuerdings meiner Person entgegenbringen, mir die Berechtigung, Sie um eine Aufklärung zu bitten!«

Der Arzt war so verblüfft, daß er nicht sofort antworten konnte.

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen ...!« stieß er schließlich hervor.

Erwin machte Jeannette ein Zeichen, sich zu entfernen, trat dicht an Renee heran und flüsterte:

»Sie haben die Absicht, bei mir einzubrechen ...!?« – Und da der Arzt nicht antwortete: »Vielleicht würden Sie die Güte haben, mir zu erklären, was Sie in dem Koffer Sanjo Afrus vermuten!«

Dr. Renee begriff plötzlich, daß dieser Mann nicht etwa in feindlicher Absicht zu ihm sprach, sondern selbst danach trachtete, ein düsteres Geheimnis zu entwirren. Gleichzeitig wurde ihm klar, daß Juffo abgefaßt sein mußte und alles gestanden hatte. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sich entweder mit Gerardi zu einigen oder aufs Schlimmste gefaßt zu sein.

»Wollen wir uns erst setzen ...,« sagte er schließlich, um Zeit zu gewinnen.

Sie ließen sich in derselben Nische nieder, in der Erwin mit Jeannette verhandelt hatte. Pierre brachte eine neue Flasche und zog sich dann diskret zurück. Auch er ahnte, daß hier schwerwiegende Dinge besprochen werden sollten.

Nach einer Weile beugte sich Dr. Renee so weit vor, daß sein Gesicht Erwin sehr nahe kam und sagte:

»Haben Sie nie den Argwohn gehabt, in dem Koffer des Inders befinde sich irgendein grausiges Geheimnis ...?«

»Nein!«

Erwin log absichtlich, um nicht den Anschein zu erwecken, er habe irgendeine strafbare Handlung begünstigen wollen.

»Haben Sie aber geglaubt, daß der Koffer ausgerechnet nur Puppen enthalte ...?!«

»Ich hatte bisher keinen nennenswerten Grund, etwas anderes anzunehmen. Und wenn ich es doch tat, so ging es mich schließlich nichts an, da es ja nicht mein Gepäckstück war ...«

»Haben Sie beispielsweise nicht daran gedacht, daß dieser Koffer dazu da ist, um ... Leichen ... zu befördern!?«

Erwin überlief ein Grauen. Wollte ihn dieser Mensch ins Bockshorn jagen oder war sein Verstand durch das rätselhafte Verschwinden von Frau Elise getrübt worden?

»Sie belieben zu scherzen,« sagte er daher mit erzwungener Gleichgültigkeit. »Und ich kann Sie allerdings versichern, daß mir derartig phantastische Ideen nie gekommen sind!«

»Die Idee ist nicht so phantastisch, wie es sich im ersten Augenblick anhört. – Ich nehme an, daß Sie von dem rätselhaften verschwinden meiner Frau gelesen haben ...?«

»Natürlich. Und ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß mir dieser Unglücksfall sehr nahegegangen ist. Aber was hat das ...?«

»Einen Augenblick, bitte. – Meine Frau ist in den letzten Tagen vor ihrem Verschwinden häufig in der Begleitung Ihres Freundes Afru gesehen worden!«

»Hm!«

»Am Abend nach ihrem Verschwinden traf das mysteriöse Auto hier ein und brachte den Koffer in Ihre Wohnung, von wo er am nächsten Morgen zum Indiendampfer transportiert wurde. – Können Sie abstreiten, daß unter diesen Umständen ein gewisser Verdacht ... na, sagen wir, sehr naheliegend ist ...?«

Erwin überlegte und mußte zugeben, daß die Gedankenverbindungen des Arztes nicht völlig aus der Luft gegriffen waren. – Anderseits aber: was sollte Afru davon haben, ein Weib zu töten, in den Koffer zu packen und nach Indien zu schicken. Menschenfresser gab es dort nicht und wenn dennoch der Verdacht eines Mordes gewesen wäre, hätte die Polizei längst auf einer Öffnung des Gepäckes bestanden, überhaupt – dergleichen las man höchstens in Romanen, während die Wirklichkeit keinen Raum mehr dafür hatte!

Als er diesen Erwägungen Ausdruck gab, entwaffnete ihn jedoch der Doktor durch einen neuen Einfall.

»Sie brauchen das Wort »Leiche« nicht buchstäblich zu nehmen,« sagte er. »Es gibt lebendige Leichname! – haben Sie nie von Mädchenhändlern gehört, die ihre Opfer betäuben, um sie auf diese Weise leichter transportieren zu können? – Wie, wenn die Puppen jenes sagenhaften Maharadscha von Sukentala, der übrigens, wie ich festgestellt habe, tatsächlich existiert und mit Afru in Verbindung steht, wie – wenn das in Wirklichkeit europäische Frauen sind?«

Der Doktor sah Erwin gespannt an, und konnte zu seiner Genugtuung feststellen, daß seine Worte zum erstenmal ihre Wirkung nicht verfehlt hatten.

»Was meinen Sie dazu ...?« flüsterte er daher erregt und hoffte, sein Gegenüber endlich für seine Absichten gewonnen zu haben.

Aber Erwin gab sich nicht so leicht aus der Hand. Bevor er sich daran machte, eine so heikle Angelegenheit aufzurühren, wollte er stichhaltige Beweise und nicht phantastische Vermutungen zur Verfügung haben. Jene aber konnte ihm erst Jeannette liefern.

»Vorläufig nichts,« antwortete er daher kühl. »Immerhin kann ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung mitteilen, daß ich bereits Schritte eingeleitet habe, um selbst Klarheit über das Pariser Leben des Inders zu erhalten und daß ich gerne bereit bin, falls meine Beauftragten irgend etwas Positives ermitteln, die Öffnung des Koffers durch die Polizei zu veranlassen!«

»Und Sie selbst würden diese Öffnung unter keinen Umständen vornehmen?« fragte Renee enttäuscht. »Ich kann Ihnen einen Schlosser verschaffen, der ein wahrer Künstler in seinem Fach ist und auf dessen Verschwiegenheit Sie sich unter allen Umständen verlassen können.«

Erwin schüttelte den Kopf.

»Derartiges kommt für mich nur in Betracht, wenn sich die Polizei weigert, die Öffnung auf meine Bitte vorzunehmen. Und ich kann mir nicht denken, daß das der Fall sein wird.«

Die Herren erhoben sich. Pierre stürzte herbei, half ihnen in die regenfeuchten Mäntel und nahm unter nicht endenwollenden Bücklingen noch einige Goldstücke in Empfang.

Vor der Tür sagte Erwin, bevor sie ihre Automobile bestiegen: »Sie brauchen mich nicht als Ihren Gegner zu betrachten, lieber Doktor. Sie können sich vielmehr darauf verlassen, daß ich im eigenen Interesse alles unternehmen werde, um die Lösung dieses seltsamen Rätsels zu erzwingen.«

Sie schüttelten sich die Hände und fuhren in verschiedener Richtung davon. Dr. Renee war zwar nicht befriedigt, hatte aber doch das beruhigende Gefühl, nunmehr die Angelegenheit in den Händen einer Persönlichkeit zu wissen, die, wenn auch nicht übermäßig schnell, so doch sicher und besonnen bis zum Ziel vordringen werde.

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