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Die Puppen des Maharadscha

Siegfried Bergengruen: Die Puppen des Maharadscha - Kapitel 8
Quellenangabe
authorSiegfried Bergengruen
titleDie Puppen des Maharadscha
publisherEden-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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7. Kapitel.
Ein merkwürdiger Zwischenfall.

Mehrere Monate nach jenem denkwürdigen Besuch Sanjo Afrus ging Erwin an einem regnerischen Herbstabend vom Place Castellane kommend den Prado hinab, um seine Villa zu erreichen. Es war fast dunkel, feuchte, kalte Nebel trieben durch die Straßen und einzelne herabgewehte Blätter führten auf dem glänzenden, nassen Asphalt ihre Tänze auf.

Ein Frösteln überlief den Mann. Er klappte den Kragen seines Ulsters hoch und schritt schneller aus. Plötzlich aber hatte er das unangenehme Empfinden, daß ihn jemand verfolge. Unwillkürlich drehte er sich um und bemerkte in einiger Entfernung einen Menschen, der sich scheinbar bemühte, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Ein merkwürdiges Gefühl, das aus einem Gemisch von Neugierde und Besorgnis bestand, erwachte in seinem Herzen.

Wer war jener Mann?

Er tastete in der Tasche nach der Waffe, die er seit seinen finanziellen Erfolgen aus Vorsichtsgründen immer bei sich trug, und entschloß sich dann, vorläufig ruhig weiterzugehen. Vor seiner Villa angelangt, überzeugte er sich, daß der Fremde noch da war, schloß schnell das Gartentor auf und verbarg sich in einer Nische des Hofes. Nach wenigen Augenblicken erschien auch sein Verfolger, ging mehrere Male zögernd vor dem Gitter auf und nieder und trat dann ebenfalls durch das offengebliebene Tor ein. Auch hier schaute er sich erst eine Weile vorsichtig um, sprang dann über einige Rabatten bis an die Hauswand und betrachtete dort mit Hilfe einer Taschenlampe das Fenster des Zimmers, in dem gewöhnlich der schwarze Koffer untergebracht wurde. Indessen schienen seine Ermittlungen von keinem Erfolge gekrönt zu sein, denn er schüttelte mißmutig den Kopf, brummte auch etwas vor sich hin und begab sich dann auf demselben Wege auf die Straße zurück.

Als Erwin den Fremden auf das Fenster hatte zuhuschen sehen, war es ihm sofort klar, daß er irgendwie mit der Kofferangelegenheit in Verbindung stehen mußte. Ob freundlich oder feindlich, ließ sich vorläufig zwar nicht ermessen, immerhin aber war das letztere mehr anzunehmen. Jedenfalls beschloß er, den wenig vertrauenerweckenden Burschen nicht etwa an Ort und Stelle dingfest zu machen, sondern ihn nun seinerseits zu beobachten, um, ohne Aufsehen zu erregen, Zusammenhänge von Wichtigkeit aufzudecken.

So eilte er denn, als der Fremde den Bürgersteig gewonnen hatte, hinter ihm her, überquerte den Prado und begleitete ihn unbemerkt auf der anderen Seite des Boulevards.

Es war eine lange, ungemütliche Wanderung, der er sich ausgesetzt hatte. Der Regen sprühte nicht mehr in feinen Schleiern vom Himmel, sondern flutete in Strömen herab und begann sein Schuhzeug aufzuweichen. Dumpf heulte der Sturm, schüttelte Bäume und Fensterläden und ließ das Meer vom Hafenviertel her donnern. Dorthin aber gerade lenkte der Bursche seine Schritte. Immer enger und winkeliger wurden die Gassen, die er benutzte, immer windschiefer die verwitterten Häuser, an deren Mauern er entlang schlich. Schließlich duckte er sich in den schwarzgähnenden Schlund eines Torbogens und war verschwunden.

Es war gut, daß Erwin von seiner abenteuerlichen Vergangenheit her in dieser Gegend jeden Winkel kannte, hierher hatte er auch jene Ausflüge unternommen, in deren Verlauf er das Hasard spielen und lieben lernte, hier ringsum lagen die Kellerkneipen und Kaschemmen, in denen er damals täglicher und gerngesehener Gast gewesen war.

Er wußte genau, was die dunkle Tiefe des Torschlundes barg, die den von ihm verfolgten Mann verschluckt hatte. Dort lag etliche Klafter unter der Erde das berüchtigtste Lokal der Verbrecher- und Grisettenwelt Marseilles, das Café Oriental!

Einen Augenblick war er unschlüssig, ob er ebenfalls diesen inoffiziellen Eingang oder lieber die »Paradetür«, die an einer anderen Straße gelegen war, benutzen sollte, entschloß sich aber zu dem ersteren und tappte auf gut Glück in die Finsternis hinein.

Anfangs hatte er rechts eine feuchte, moderig riechende Wand als Stützpunkt, dann aber wich diese zurück, was ihn davon überzeugte, daß er sich auf dem Hofe, von dem etliche Stufen in einem versteckten Kellergang führen mußten, befand. Ehe er sich jedoch noch auf die Suche nach diesem Keller begeben konnte, sprangen plötzlich zwei Gestalten auf ihn zu und packten ihn an den Armen, während ihm eine heisere Stimme in das Ohr zischte:

»Was suchen Sie hier?«

»Das Café Oriental und gewiß nicht Sie!«

»Unsinn! Sie wollten spionieren!«

»Ich? Dasselbe könnte ich von Ihnen behaupten, meine Herren!«

Ehe die verblüfften Kerle antworten konnten, stieß er dem einen die Faust in die Herzgrube und versetzte dem anderen einen solchen Fußtritt, daß er aufstöhnend zurücktaumelte.

Für den Augenblick war er frei.

Blitzschnell riß er seine Taschenlampe heraus, deren Benutzung er, um nicht aufzufallen, bisher vermieden hatte, knipste sie an, erblickte in ihrem grellen Lichtspiegel den Kellerschacht und sprang hinein, die verquollene Tür hinter sich zuschlagend und verriegelnd.

So! Uff! Das wäre geschafft! – Aber er mußte unbedingt wieder sein Boxtraining aufnehmen, den er, seitdem Reichtum und Ehe über ihn hereingebrochen waren, vernachlässigt hatte. Seine Glieder wiesen doch nicht mehr ganz dieselbe Geschmeidigkeit auf wie früher.

Mit wenigen Schritten durchmaß er den unterirdischen Gang, durchquerte einen Kellerraum, dessen Boden mit Backsteinen ausgelegt war und klopfte an eine triefende, verrostete Eisentür, in der von der anderen Seite ein Schlüssel stak.

Bung, bung, bung ... dröhnten seine Schläge. Bung, bung, bung ...! Dreimal kurz und dann zweimal lang: ... bungggg, bungggg ...! Das war das alte Zeichen.

Tatsächlich, jemand schlürfte auf Pantoffeln heran und drehte lautlos den Schlüssel um. Auf ging die Tür.

»Nanu!« knurrte der Mann, der ihm öffnete, drohend. »Wer sind denn Sie? – So einen kenn ich ja gar nicht!«

Aber Erwin kannte ihn und das war die Hauptsache.

»Du kennst mich nicht!?« rief er vorwurfsvoll. »Du kennst mich nicht!? – Also, da hört doch alles auf!! Du kennst mich nicht, und dabei habe ich den Kerlen bei der letzten Pokerpartie mindestens zwölf Franken in bar abgenommen!«

Der Mann stierte ihn an, als käme er aus einer anderen Welt.

»Es ist allerdings schon eine ganze Weile her!« fuhr Erwin fort, »vielleicht ein Jährchen oder auch etwas darüber. Aber deswegen vergißt man doch alte Freunde nicht. Mensch, kennt ihr denn hier den Jacques nicht mehr?«

Nun ging des Hauses Hüter langsam, aber sicher ein Talglicht auf.

»Also der Jacques bist du!« grunzte er beruhigt und hieb Erwin aus lauter Freude eins auf die Schulter, daß er fast darunter zusammenbrach. »Wer hätte das auch für möglich gehalten! Der kleine Jacques mit dem komischen deutschen Namen, den wir nie aussprechen konnten und den wir darum in Jacques umtauften! Daß ich dich so vergessen konnte! – – Aber das macht, du bist feiner geworden und hast eine vornehme Kluft an, während du früher standesgemäßer gekleidet gingst. Ja, ja ... Nun, du hast gewiß ein paar schwere Kisten gedreht, ohne hinter schwedische Gardinen zu kommen! – Ja, dem einen gelingt's, dem anderen nicht! – – Aber wir haben immer auf dich große Stücke gehalten! – Nun komm herein, die Jungen werden sich freuen und die rote Jeanette, die du damals liebtest, ist auch noch da ...«

»Vielleicht später«, antwortete Erwin Gerardi und verhinderte, daß Pierre, der Hauswart, eine Tür öffnete, hinter der sich Musik und wüstes Stimmengewirr hören ließ. »Zuerst möchte ich mich zwei Minuten mit dir allein unterhalten. Es handelt sich nämlich um eine Vertrauenssache.«

Er griff in die Tasche, förderte ein Zehnfrankstück zutage und ließ es in Pierres willig geöffnete und vielversprechende Tatze gleiten.

Der warf die Münze auf einen großen Stein, probierte dann mehrmals sein Raubtiergebiß an ihr und steckte sie schließlich befriedigt ein.

»Bitte«, sagte er. »Ich stehe zu deinen Diensten!«

»Also, erstmals ... Ist hier durch diese Tür vor zehn Minuten ein Mann eingetreten?«

»Ein Mann? – Warte mal. – Natürlich! Der kleine Italiener Juffo, den sie vor einigen Monaten mit dem Tauende von Bord des »Viktor Emanuel« gejagt haben, weil er sich für den Inhalt des Passagiergepäcks interessierte!«

»Hm. So? – Was macht dieser Juffo für Geschäfte?«

»Schlechte, natürlich! – Er hat kein Talent, weißt du! So viel er sich auch Mühe gibt, es kommt nichts Gescheites heraus. Da bist du doch ein ganz anderer Kerl! Jetzt allerdings prahlt er da mit irgendeiner Sache, aber ... na, der Juffo! ... wir kennen ihn ja ...!«

»Weißt du nicht annähernd, um was für eine Sache es sich handelt?«

Pierre kniff ein Auge zusammen und sah Erwin lauernd an.

»Bist du auch nicht etwa unter die Polypen gegangen?« fragte er.

»Du bist verrückt, mein Lieber. – Ich hätte dann auch Besseres zu tun, als mich in das Bereich deiner zarten Hände zu wagen! Nee ..., lieber nicht! Aber, um auf Juffo zurückzukommen – –, der Kerl interessiert mich!!«

»Warum?«

»Weil ich ihn interessiere! Apropos! Findest du es nicht einigermaßen merkwürdig, daß ich vor einer guten halben Stunde zufälligerweise Gelegenheit hatte, zuzusehen, wie er ein Erdgeschoßfenster meiner Wohnung einer genauen Visitation unterwarf ...?!«

»Deiner Wohnung? Ausgerechnet! – – Na, warte! Das beste ist, ich schicke dir den Kerl mal ein bißchen herein, dann könntet ihr euch ja in aller Ruhe und ganz ungestört aussprechen!«

Pierre verschwand in dem Raum, aus dem der Lärm hereinklang. Es dauerte eine ganze Weile, bis er wiederkam – scheinbar hatte er mit Juffo Schwierigkeiten, – als das dann aber schließlich geschah, schob er einen schmächtigen, braunen Menschen, dem das zottelige Haar ins ungewaschene Gesicht hing, vor sich her und sagte gönnerhaft:

»Da habt ihr euch, meine Lieben! – Ich werde euch nicht stören!«

Die beiden Männer waren also allein. Erwin fixierte den Italiener eine Weile und sagte dann scharf:

»Sie kennen mich ...?«

Juffo sah ihn an und nickte lebhaft mit dem Kopfe.

»Wer bin ich denn?«

»Der Millionär Gerardi!«

»Hm. – Ich gebe Ihnen hier zwanzig Franken. – Wollen Sie mir nun erzählen, warum Sie mich heute verfolgt haben und nachher in meinen Hof gegangen sind?«

Juffo wurde sehr blaß. Scheinbar war ihm die Entdeckung Gerardis durchaus nicht angenehm. Er sah sich scheu im Raume um, als suche er einen Weg, um entwischen zu können.

Erwin bemerkte diesen Blick, griff in die Tasche und legte seinen Revolver und zwei Zehnfrankenstücke vor sich auf den Tisch.

»Wenn Sie ausreißen, knalle ich Sie nieder,« sagte er dabei ruhig, »wenn Sie die Wahrheit erzählen und evtl. in meine Dienste treten, erhalten Sie vorläufig noch diese zwanzig Franken und späterhin ein festes Honorar. Also bitte ...?«

Juffo dachte eine Weile nach, als müsse er sich erst mal über die Situation klar werden, seufzte dann ergeben auf und fragte:

»Sie kennen Dr. Renee ...?«

»Gewiß, wer sollte den nicht kennen. Das ist doch derselbe, dessen Gattin vor einigen Monaten spurlos in Paris verschwand?«

»Davon weiß ich nichts. – Jedenfalls wohnt er an der Rue Bergere 101. Dieser Dr. Renee erschien eines Tages hier im Café Oriental und setzte sich an meinen Tisch. Wir unterhielten uns eine Weile über dies und das, er hatte bald heraus, daß es mit mir nicht zum Besten stand und fragte mich daraufhin, ob ich ihm vielleicht einen Dienst leisten wolle. Gegen Bezahlung natürlich! – Ich sagte zu, falls die Sache nicht zu schwierig sei. – Er lachte mich aus und erklärte, es handele sich nur darum, zwei Persönlichkeiten, für deren Tun und Lassen er sich interessiere, zu beobachten ...«

»Ich bin natürlich die eine Persönlichkeit, und die andere?«

»Ist ein angeblicher Indier, Sanjo Afru mit Namen, der hierher zuweilen aus Paris in einer dunkelblauen Limousine herüberkommt, die dann regelmäßig einen schwarzen Koffer mit sich führt, der in Ihrem Hofe abgeladen wird.«

»Hm. Und weiter ...?«

»Weiter nichts. – Aber alle diese Einzelheiten interessieren den Dr. Renee sehr, und jedesmal, wenn ich ihm berichten konnte, Auto und Koffer seien angekommen, schenkte er mir dreißig bis fünfzig Franken. Das letztemal nun bot er mir sogar hundert Franken, wenn ich es fertig bekäme, die Eisengitter an dem betreffenden Erdgeschoßfenster Ihrer Wohnung durchzufeilen, damit man den Koffer in der Nacht heimlich entführen könne!«

»Donnerwetter! Ist das wahr?«

»Jawohl. – Ich wunderte mich auch, daß ein so feiner, vornehmer Herr wegen eines lumpigen Koffers zum Verbrecher werden wollte, aber als ich ihm das sagte, lächelte er nur merkwürdig und antwortete, das verstände ich eben nicht.«

»Was für Gegenstände vermutet denn der Doktor in dem Koffer?«

»Ja, das weiß ich nicht. – Darüber hat er sich nie ausgesprochen. Auf alle Fälle ist es aber etwas ganz besonderes, sonst würde er wohl nicht solche Anstrengungen machen, in den Besitz des Gepäckstückes zu gelangen ...«

Erwin überlegte. Einen Augenblick hatte er den Gedanken, zu Dr. Renee zu fahren und ihn um Aufklärung zu bitten. Aber das ging nicht. Dr. Renee würde nie daran glauben, daß Erwin selbst nichts Genaues über den Inhalt des Koffers wisse. Er würde vielmehr hinter einem solchen Besuch eine Falle wittern und noch mißtrauischer werden. Man mußte also vorläufig den Dingen ihren Lauf lassen, sorgfältig aber alles, was Dr. Renee unternahm, im Auge behalten. Dazu war Juffo allem Anschein nach die geeignete Persönlichkeit.

Erwin steckte den Revolver ein, entnahm seiner Brieftasche eine Fünfzigfrankennote und schob das Geld dem Italiener hin.

»Hier,« sagte er dabei leise, »hier diese Kleinigkeit für den Anfang. Ich hoffe, es genügt. Sie werden diese Summe allwöchentlich von mir erhalten, aber Sie haben dafür die Pflicht, mich ständig auf das Genaueste darüber zu orientieren, was der Doktor unternimmt. Sie verstehen, auf das Genaueste! Ich will keinen persönlichen und unliebsamen Überraschungen ausgesetzt sein. Der Doktor darf natürlich von all dem nichts merken, sonst ist die ganze Übung zwecklos.«

Juffo griff gierig nach dem Schein, betrachtete ihn einen Augenblick mißtrauisch und stopfte ihn dann mit einer Bewegung, als fürchtete er, der Schatz könne ihm wieder entrissen werden, in eine seiner geräumigen Hosentaschen. Er war noch blässer geworden als gewöhnlich, aber seine Augen sahen bewundernd und dankbar zu Erwin auf.

»Es soll alles geschehen, wie es der Herr befehlen ...!« flüsterte er unterwürfig.

»Gut, gut. Ich möchte Ihnen auch nicht zu dem Gegenteil raten. Ein Wink von mir an den Präfekten, und Sie sitzen samt ihrem Doktor hinter Schloß und Riegel!«

Der Mann zuckte zusammen und hob abwehrend die Hände. Diese Aussicht erschien ihm auf keinen Fall verlockend. Erwin konnte sicher sein, daß er seine Obliegenheiten pünktlich erfüllen werde.

Damit war diese Aussprache beendet. Erwin öffnete die Tür zu den Räumen des Cafés, und Juffo schlüpfte unter tiefen Verbeugungen mit katzenartiger Gewandtheit an ihm vorüber und verschwand im Gewühl des Lokals. Pierre trat hinter dem Schanktisch hervor und kam dem seltenen Gast entgegen.

»Nun, mein Kellner ... alles nach Wunsch?«

Erwin nickte.

»Ich bin zufrieden. Aber behalte den Kerl im Auge und berichte mir gelegentlich, in was für einer Gesellschaft er sich bewegt. Ich habe ihn in meine Dienste genommen.«

Er ließ einige Goldstücke in Pierres erwartungsvoll geöffnete Tatze gleiten. Der steckte die Münzen schmunzelnd fort und stieß dann einen leisen Pfiff aus, den er einige Male wiederholte.

Im nächsten Augenblick fühlte sich Erwin leicht an der Schulter berührt. Er wandte sich um und stand einem großen, schlanken Mädchen gegenüber, dessen alabasterweißes Gesicht von einer roten Haarwelle umlodert wurde.

»Jeannette ...!« stieß er erstaunt hervor, »Jeannette ...! du bist auch noch hier ...?«

»Wo sollte ich sonst sein ...?« lächelte sie. »hier ... hier ist doch wenigstens etwas Leben, weißt du, Aufregungen, Gefahren ... wie ich es liebe. Pierre sagt zwar, ich solle heiraten, aber pah ... Die Männer, die sich heiraten lassen ...!«

»Sind nicht nach deinem Geschmack, Jeannette ... nicht wahr? Ich weiß es. – Übrigens auch ich habe geheiratet.«

»Du?«, sie sah ihn verwundert an. »Ist sie wenigstens hübsch, deine Frau ...?«

»Es geht.« – Er lachte. »Oder meinst du, daß ich eine häßliche Frau genommen hätte? Dazu hattest du mich doch zu sehr verwöhnt!«

Sie wurde rot vor Freude.

»Komm,« sagte sie und ergriff seine Hand. »Dort in der Ecke ist eine freie Nische. Du hast doch eine halbe Stunde für mich Zeit?«

Ohne seine Antwort abzuwarten, zog sie ihn mit sich fort. Pierre schaute ihnen nach, kratzte sich zufrieden grinsend hinter den Ohren und begab sich dann watschelnd in den Keller, um aus demselben eine der wenigen guten Flaschen hervorzusuchen, die er dem Pärchen vorzusetzen beabsichtigte.

Einen Augenblick widerstrebte es Erwin, dem Mädchen an den Tisch zu folgen. Er legte keinen Wert mehr auf das Leben der Kaschemmen, das ihm früher in seiner bunten Abenteuerlichkeit reizvoll und anziehend erschienen war. Dann aber durchzuckte ihn urplötzlich ein Gedanke! Wie, wenn er Jeannette zu seiner Vertrauten machte und sie bat, das Geheimnis des schwatzen Koffers zu ergründen. Ihr als Weib mußte das leichter gelingen, denn sie konnte sich unter Umständen an Afru heranschlängeln, ohne daß er die Absicht hatte. Außerdem war wohl kaum eine Person so dazu geeignet, den dunklen Wegen des Inders nachzuspüren, als gerade Jeannette, deren ganzes Leben in einer Umgebung verstrichen war, wo die Ausführung und dar Verheimlichen von Verbrechen zur Alltäglichkeit gehörten.

Pierre brachte eine bestaubte Flasche und stellte sie auf die unsaubere Platte des Tisches. Dazu zwei plumpe Aluminiumbecher. Gläser waren in diesem Lokal aus naheliegenden Gründen verpönt.

»Trinkt, meine Kinderchen, ...«, grunzte der alte Gauner verschlagen. »Das ist ein Tropfen, wie er selbst im Maison dorée selten sein dürfte.«

Er schlürfte davon. Jeannette goß die Becher voll. Eine Weile tranken sie schweigend, während Erwin das seltsame Treiben der ihn umgebenden Menschen beobachtete. Es waren zu zwei Drittel Verbrecher und Hehler, deren starkknochige Gesichter von den tiefen Furchen übertriebener Genüsse zerrissen wurden, hie und da bemerkte man auch ein paar Fremde. Meist Maler oder Schriftsteller, die ihre Studien machten. In einer Ecke neben dem Ausgang saßen zwei Kriminalbeamte und tranken, von allen erkannt, mit scheinbarer Gleichgültigkeit billigen Porter.

»Welch seltsames Volk!« dachte Erwin und es erschien ihm merkwürdig, daß er vor absehbarer Zeit hier allabendlicher Gast gewesen und von dieser Sippe als ihresgleichen betrachtet worden war.

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Frau zu, die ihm lässig gegenüberlehnte und ihn aus schwarzumrandeten Augen erwartungsvoll ansah. Sie hatte einen eigenartigen Reiz und Erwin konnte es sich wohl vorstellen, daß ihr geschmeidiges, katzenartiges Wesen unter Beihilfe entsprechender Toiletten seine Wirkung auch auf verwöhnte Männer nicht verfehlen werde. Augenblicklich war sie allerdings nur mit einem abgetragenen, giftgrünen Pullover und einem kurzen Tuchröckchen bekleidet, während ihre sehr schönen Beine in hohen Schnürstiefeln steckten. Sie hielt eine Zigarette schief im Munde und stieß zuweilen leise zischend den Rauch zwischen den scharlachrot geschminkten Lippen hervor.

Erwin beugte sich ein wenig nach vorne und sagte halblaut:

»Jeannette, wie ist es ...? Bist du irgendwie gebunden ...?«

Sie sah ihn erstaunt an, scheinbar hatte sie diese Frage nicht erwartet, und erwiderte dann zögernd:

»Ich weiß nicht, wie du das meinst ...?«

»Ich meine, ob du jederzeit dazu bereit wärst, nicht nur diese Menschen hier, sondern auch Marseille zu verlassen, oder ob du dich irgendwie gebunden fühlst.«

Jeannette antwortete nicht gleich, sondern nahm erst einen tiefen Zug aus ihrer fast ausgebrannten Zigarette, stieß den Rauch mit geschlossenen Augen durch die Nase wieder aus und zerdrückte dann umständlich den Stummel auf einem Blechteller. Jedenfalls überlegte sie das Für und Wider.

»Ich bin natürlich gebunden ...,« sagte sie endlich geringschätzig, »aber es besteht kein nennenswertes Hindernis, diese Bande gegebenenfalls zu lösen ...«

»Genügt es, wenn ich dir ein Honorar von zehntausend Franken monatlich aussetze und dich dafür bitte, deine Wohnung vorläufig nach Paris zu verlegen?«

Erwin hatte nicht erwartet, daß diese Worte eine solche Wirkung ausüben würden. – Jeannette sprang mit einem schrillen Freudenschrei auf, drehte sich mehrere Male wie irrsinnig um sich selbst und fiel dann Erwin um den Hals, sein Gesicht mit stürmischen Küssen bedeckend. Er konnte sie nur mit Mühe beruhigen und auf ihren Platz zurückdrängen.

»Du hast noch nicht gehört, was ich für diese Summe verlange«, sagte er, um ihren Enthusiasmus zu dämpfen.

Jeannette lachte hysterisch.

»Was du verlangst? – Verlang was du willst! Zehntausend Franken bleiben zehntausend Franken ... und dazu noch in Paris! – Aber du hast recht, ich benehme mich wie ein Backfisch ... du mußt schon entschuldigen ... die Größe der Summe hat mir ein wenig den Verstand genommen ...!«

Sie goß einen Becher des schweren Weines herunter, als sei es Wasser und wurde dann etwas ruhiger.

»Erzähle weiter!« bat sie.

Und Erwin erzählte. Alles. Auch das seltsame Interesse des Dr. Renee, dessen Gemahlin vor einigen Monaten in Paris verschwunden war, verhehlte er nicht. Sie, Jeannette, die gerissenste aller Marseiller Grisetten, sei nun berufen, sich das Vertrauen des Inders zu erschleichen und den dunklen Schleier zu lüften, den dieser Mann um seine Handlungen wob.

»Ich will dir nicht zureden, den Auftrag zu übernehmen,« schloß Erwin seine Ausführungen, »denn es besteht Grund zu der Annahme, daß du dich in Gefahren begibst. Überleg' dir daher die Angelegenheit bis ...«

Aber Jeannette ließ ihn nicht aussprechen.

»Überlegen ...? – Es scheint, du hast vergessen, daß ich die »Rote Jeannette« bin. Es gibt nichts zu überlegen. Ohne Gefahr hätte die ganze Geschichte für mich keinen Reiz. Und wenn es dir recht ist, fahre ich morgen nach Paris!«

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