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Die Puppen des Maharadscha

Siegfried Bergengruen: Die Puppen des Maharadscha - Kapitel 5
Quellenangabe
authorSiegfried Bergengruen
titleDie Puppen des Maharadscha
publisherEden-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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4. Kapitel.
Gewonnenes Spiel.

Francois Doufrais, der alleinige Inhaber der Seidenwerke Doufrais in Marseille, saß im Stadtkontor seiner Firma und starrte entgeistert in eine Depesche, die vor einer halben Stunde aus Mailand eingelaufen war.

»Sämtliche Lieferungen einstellen, da Seide von anderer Firma um zehn Prozent billiger offeriert erhalten.

Spanetti.«

Um zehn Prozent billiger! Das war ja Humbug, Wahnsinn, Unmöglichkeit! Entweder taugte die Ware nichts oder die Lieferanten verloren Tausende.

Er sprang auf und rannte wütend im Zimmer auf und nieder. Zuweilen öffnete sich die Tür zum Nebenraum, wo einige Kontoristen und der Oberbuchhalter arbeiteten, wurde aber sogleich wieder lautlos geschlossen, da die Angestellten es nicht wagten, ihrem erzürnten Chef in dieser kritischen Stunde mit ihren kleinen Anliegen unter die Augen zu treten.

Um halb zwei Uhr endlich trat der Prokurist ein.

Er kam von der Börse und sollte Bericht erstatten. Aber auch sein Gesicht verhieß nichts Gutes.

Ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich in einen der ledernen Klubsessel, zog einen Bleistift hervor und begann eilig und mit zusammengezogenen Brauen zu rechnen.

Doufrais lehnte ihm gegenüber am Fenster und beobachtete jede seiner Bewegungen.

»Ich werde schon früh genug erfahren, was er mir zu sagen hat!« dachte er bei sich.

Es dauerte eine Weile bis der Prokurist mit seinen Berechnungen fertig war. Dann steckte er Stift und Block wieder ein und starrte finster vor sich hin.

»Was ist geschehen?« fragte Doufrais nun doch, da ihm das Schweigen auf die Nerven fiel.

Der Prokurist stand auf. Ehrliches Bedauern klang aus seiner Stimme, als er auf seinen Prinzipal zuging und ihm leise sagte:

»Ich glaube, unser Rennen ist verloren ...«

»Inwiefern?«

»Die Doufraisschen Seidenindustriepapiere sind von heute früh bis jetzt um ganze 25 Punkte gefallen und drohen bis zum Abend noch tiefer herunterzugehen.«

Doufrais nickte langsam und schwer. Die Folgen des verhängnisvollen Mailänder Telegramms machten sich bemerkbar.

»Wissen Sie, worauf das alles zurückzuführen ist?« fragte er heiser.

»Ich vermute, daß Spanetti mit Lyon große Abschlüsse getätigt hat, denn die Aktien des mittelfranzösischen Trustes haben auffallend angezogen.«

Der mittelfranzösische Trust also!

Das war die Firma, die ihn um zehn Prozent unterboten hatte! Er hätte es sich ja gleich denken müssen, daß seine Konkurrenten seine kritische Lage ausnützen und ihm einen Streich spielen würden. Daß aber auch Spanetti auf dieses Manöver einging!? Er hatte seinen alten Geschäftsfreund doch für zuverlässiger gehalten. Man konnte eben auf niemand mehr bauen!

»Was gedenken Sie zu tun?« fragte der Prokurist.

Was? Ja, ... was?

Er wußte es selbst nicht. Seine Guthaben auf den Banken waren sämtlich erschöpft, die nächste große Bareinnahme, mit der er gerechnet hatte, blieb durch die Absage Spanettis aus, und neuen Kredit zu bekommen, war in dieser Zeit der allgemeinen Geldentwertung fast ausgeschlossen.

»Ich weiß nicht ...«, sagte er tonlos. »Ich glaube, wir müssen Konkurs erklären. Immerhin will ich noch einmal beim Direktor der Société Générale vorsprechen, vielleicht gewährt mir die Gesellschaft noch einmal eine größere Anleihe ... sonst ... ja, sonst ... ist eben, wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten ... das Rennen verloren!«

Er nahm Hut und Mantel und schleppte sich hinaus. Der Prokurist sah durch das Fenster, wie er über das Trottoir taumelte und in sein Auto stieg.

Bankrott! Erledigt! Und nur durch das kleine, raffinierte Manöver einer feindlichen Firma, die in ihrer Branche souverän sein wollte und durch den Abfall eines alten Freundes.

Wie leicht, wie schnell so etwas ging! Heute noch bewunderter und beneideter Besitzer mehrerer Autos, zahlreicher Häuser und eines ganz großen Fabrikkomplexes, und morgen schon ein bettelarmer Mann, der in einer dumpfen Mietskaserne wohnen und seine Bekannten um das Fahrgeld für die Straßenbahn anpumpen würde.

So war das Leben! Ein ständiger Wechsel, eine wiegende Schaukel.

Doufrais ließ den Chauffeur vor einem Seiteneingang der Société Générale halten und begab sich, ohne die öffentlichen Geschäftsräume zu berühren, in das Privatbureau des Direktors. Er hatte zwar nicht die geringste Hoffnung, irgend etwas zu erreichen, wollte aber andererseits auch nichts unversucht lassen, um sich nachträglich keine Vorwürfe machen zu müssen.

Nach zehn Minuten ließ der Direktor bitten.

Doufrais trat ein.

Ein Blick auf den breiten, weißhaarigen Mann überzeugte ihn davon, daß er nichts zu erwarten hätte.

Sie schüttelten sich die Hände.

»Ich kann mir denken, weswegen Sie kommen,« begann der Direktor, »und Sie können versichert sein, daß die ganze Geschäftswelt von Marseille Sie bedauert. Aber helfen kann ich Ihnen leider nicht mehr. Ihr Kredit ist heute mittag an allen Banken auf Veranlassung der Behörden gesperrt worden.

Der alte Doufrais erbleichte. Seine Knie begannen zu zittern und ihm wurde so schwindelig, daß er sich setzen mußte.

»Gesperrt von den Behörden? ... Warum ... warum?« – knirschte er.

»Laut amtlichen Feststellungen übertrifft die Gesamtsumme Ihrer Schulden bereits jetzt um eine halbe Million den Wert Ihres unbeweglichen Vermögens. Und andere Sicherheiten könnten Sie doch wohl augenblicklich nicht stellen ...?!«

Doufrais antwortete nicht. Er stützte den Kopf in die Hände und starrte vor sich hin.

Nun war alles zu Ende!

Ein Räuspern des Direktors weckte ihn nach einer Weile aus diesem Zustand dumpfer Verzweiflung. Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, wankte er hinaus, setzte sich in sein Auto und befahl heimzufahren.

Im Bureau hatte er doch nichts mehr zu suchen!

Aber dann, wenige Minuten von seiner Villa entfernt, durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke. Ivonne Martinet!! – War diese Frau nicht vor zwei Tagen bei ihm gewesen und hatte von einem Freunde erzählt, der die Firma kaufen wollte? Und hatte er sie damals, auf Spanetti vertrauend, nicht glatt abgewiesen? – Es war nicht anzunehmen, daß jener Mann seine Wünsche mittlerweile geändert hatte. Wenn es gelang, seiner sofort habhaft und mit ihm über den Verkauf einig zu werden, so waren immerhin Chancen vorhanden, wenn auch nicht gerade glänzend, aber doch mit einem blauen Auge aus dieser gänzlich verfahrenen Affäre herauszukommen.

Also, auf zu Ivonne Martinet!

Er wußte noch ihre Adresse. Gelegentlich eines intimen Künstlerfestes, das sie zu Silvester gegeben hatte, war er bei ihr gewesen. Es war zu hoffen, daß sie noch dort wohnte, wenngleich sie ihr Domizil oft wechselte. Durch das Sprachrohr rief er dem Chauffeur das neue Ziel zu.

Erstaunt sah der Mann am Steuer sich um. Die Stimme seines Prinzipals klang plötzlich so fest und bestimmt wie früher.

Als der alte Doufrais schellte, lag Ivonne Martinet auf ihrer Chaiselongue, die mit einem echten Tigerfell und ungezählten, sehr farbenfreudigen Kissen bedeckt war und ließ sich von einem jungen Künstler die raffiniert manikürten Fingernägel mit winzigen Miniaturbildchen bemalen. Dieser Scherz kostete ein horrendes Geld, war aber hochmodern und daher notwendig.

Ohne sich stören zu lassen, reichte sie dem Eintretenden die linke Hand hin, die bereits fertig war, und wies dann auf einen Sessel an ihrer Seite.

»Nehmen Sie Platz, alter Freund! – Nett von Ihnen, daß Sie sich noch meiner erinnern. – Trinken Sie Hennessy oder Chartreuse ...?«

»Wenn es schon sein muß – dann Hennessy!«

»Ja, es muß sein! – Ich habe es mir einmal zum Prinzip gemacht, keinen Gast ungetränkt hinauszulassen. – Annette! Eine Karaffe Hennessy und drei Gläser!«

Man trank und unterhielt sich über gleichgültige Dinge. Das heißt, eigentlich wurde diese ganze Unterhaltung von Ivonne bestritten, die hunderterlei bunt durcheinander erzählte und zufrieden war, wenn einer der Herren nur hie und da einen verwunderten oder zustimmenden Einwurf machte.

Nach einer halben Stunde war auch die rechte Hand fertig und der Maler empfahl sich. Doufrais atmete auf, denn er hatte wie auf Kohlen gesessen.

Kaum war der junge Mann zur Tür hinaus, so begann er.

»Ivonne, Sie werden sich erinnern, daß Sie vor zwei Tagen die Güte hatten, mir einen Besuch abzustatten ...«

»... bei dem Sie so ungalant waren, mir ein Geschäft zu verderben, in dessen Verlauf ich mindestens hunderttausend Franken hätte verdienen können! – Jawohl, ich erinnere mich!«

»Was würden Sie sagen, wenn ich nun zu Ihnen gekommen bin, um Ihnen mitzuteilen, daß ich mir die Sache überlegt habe und bereit bin, mit dem betreffenden Käufer in Verhandlungen zu treten?«

»Was ich sagen würde? – Nun, daß es mir leid tut, da es höchstwahrscheinlich bereits zu spät ist. Soviel ich weiß, hat Herr Gerardi schon seit gestern ein anderes Objekt an der Hand ...«

»... aber jedenfalls noch nicht gekauft?«

»Kann ich Ihnen wirklich nicht sagen, lieber Doufrais! – wenn ich Herrn Gerardi treffe, werde ich ihn fragen. Sollte er noch Interesse haben, dann kann er sich mit Ihnen in Verbindung setzen. Im übrigen hat die Sache ja wohl Zeit ...«

Doufrais wurde sehr unbehaglich zu Mut. – Diese Frau hatte eine Lässigkeit bei der Behandlung geschäftlicher Dinge, die einen zur Verzweiflung bringen konnte. Er durfte doch unmöglich sagen, daß er pleite war, daß er sofort verkaufen mußte, bevor noch die Meute der Gläubiger sich auf ihn stürzte! Das hieß doch einfach von vornherein alle Waffen aus der Hand geben.

Ivonne wußte genau, in welcher Klemme ihr Gast steckte, und wenn er ein besserer Beobachter gewesen wäre, hätte er des öfteren bemerken können, wie kalte, triumphierende Blitze in ihren schwarzen Augen aufsprühten, während sie sich mit ihm unterhielt. Diesen Mann hatte sie so weit, wie ihn Erwin brauchte.

Sie ließ ihn noch eine Weile zappeln und sagte dann leichthin:

»Übrigens, falls Ihnen daran liegt, die Sache schnell zur Entscheidung zu bringen – so oder so – dann würde ich Ihnen raten, heute mit mir im Maison Doree zu dinieren. Herr Gerardi pflegt dieses Lokal ebenfalls des öfteren aufzusuchen.«

Ein Zentnergewicht fiel von der Seele dieses unglücklichen Doufrais. Noch hatte er Chancen!

Nach einer halben Stunde machten sie sich auf den Weg. – Ivonne hatte nicht verfehlt, noch heimlich Erwin Gerardi anzutelephonieren und ihn von Doufrais' Anwesenheit zu verständigen. Gleichzeitig verabredeten sie sich, während der Verhandlung »Sie« zueinander zu sagen und möglichst fremd zu tun, damit Doufrais nicht Verdacht schöpfte, einem abgekarteten Spiel gegenüberzustehen.

Alles verlief programmäßig.

Bald nachdem Ivonne und Doufrais einen ungestörten Ecktisch belegt hatten, erschien Erwin Gerardi, tat sehr erstaunt, Ivonne anzutreffen und noch erstaunter, Doufrais vorgestellt zu werden. Ohne sich vorläufig in irgendeiner Weise über das Geschäft zu äußern, machte man sich daran, der reichhaltigen Speisenfolge des Menüs gerecht zu werden, wobei es auffiel, daß Herr Doufrais sehr wenig aß.

Erst als die Herren ihre Havannas und sie selbst eine Zigarette in Brand gesteckt hatte, lenkte Ivonne das Gespräch nach und nach auf das Thema, um deswillen man sich eigentlich versammelt hatte.

»Herr Doufrais hat sich die Sache überlegt und will verkaufen ...« sagte sie schließlich.

Erwin blieb ungerührt und paffte mit der Virtuosität eines routinierten Rauchers kunstvolle Ringe in die Luft.

»Wie teuer ...?« geruhte er endlich zu bemerken.

Doufrais nannte eine Summe. – Sie war gewiß nicht zu hoch gegriffen, entlockte aber Erwin nur ein abweisendes, etwas höhnisches Lächeln.

»Niemals, Herr ... Ich habe gestern ein Angebot erhalten, das um hundert Prozent günstiger ist als das Ihre. Und ich kann Sie versichern, daß ich unter diesen Umständen nicht zögern werde, noch im Laufe des heutigen Nachmittags dort abzuschließen.«

Doufrais ging innerlich weinend erst um eine halbe und dann um eine ganze Million herunter. Aber Erwin blieb hart. Als er sah, daß sich die Verhandlungen unnötig in die Länge zu ziehen drohten, woran ihm aus naheliegenden Gründen ebenfalls nichts gelegen war, ging er kurz und bündig aufs Ganze.

»Herr Doufrais,« sagte er sachlich. »Es hat keinen Zweck, daß wir hier Blindekuh miteinander spielen. Ich weiß positiv, daß Sie vor der Pleite stehen oder vielmehr schon pleite sind und daher verkaufen müssen! Ich biete Ihnen für Ihren gesamten Besitz zehn Millionen Franken und übernehme außerdem die Hälfte Ihrer Verpflichtungen. – Drei Millionen Franken erhalten Sie morgen früh als Anzahlung auf Ihr Konto an der Société Générale überwiesen und die restlichen sieben Millionen werden im Laufe der nächsten drei Monate bezahlt. Ist Ihnen das recht?«

»Geben Sie mir wenigstens zwölf Millionen!« bettelte Doufrais verzweifelt. »Sie erhalten ja auch dann die Werke halb geschenkt!«

»Keinen Sou mehr als ich sagte. – Und dann noch eine Bedingung. Sie stellen nach Eingang der Anzahlung ein Papier aus, daß ich ab morgen der alleinige Besitzer Ihres ehemaligen Terrains bin und damit tun und lassen kann, was ich will. – Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, meine Vorschläge zu überdenken und einen endgültigen Entschluß zu fassen!«

Doufrais stand auf und ging hinaus.

Zwanzig Minuten Zeit! – Gab es denn niemand auf der Welt, der ihn durch ein Darlehen retten konnte? Drüben im Casino de Paris saßen allabendlich dutzendweise steinreiche Leute, die im Laufe weniger Stunden Riesenkapitalien verschleuderten! Nur drei, vier dieser Millionen besitzen und man konnte sich wieder herausrappeln, konnte neu anfangen, brauchte nicht als verachteter und bestenfalls bemitleideter Bankrotter von Haus und Hof zu gehen.

Die zwanzig Minuten verstrichen, aber kein rettender Engel tauchte auf.

Schweren Herzens kehrte er um, ging zurück in das Restaurant und unterschrieb stumm den Vorvertrag, den Erwin Gerardi ihm hinschob.

Dabei war ihm zumute wie einem zum Tode Verurteilten!

Erwin Gerardi und Ivonne Martinet aber triumphierten! Nun waren sie Sieger!

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