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Die Puppen des Maharadscha

Siegfried Bergengruen: Die Puppen des Maharadscha - Kapitel 4
Quellenangabe
authorSiegfried Bergengruen
titleDie Puppen des Maharadscha
publisherEden-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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3. Kapitel.
Ein kleiner Flirt und ein großer Erfolg.

Erwin wartete.

Er wartete stundenlang. Aber was nicht kam, war der Anruf des Ingenieurs Massot aus Lyon, der über die telegraphische Antwort der Firma Spanetti berichten sollte. Das Schlimmste war: er konnte sich nicht vom Fleck rühren. Er mußte jeden Augenblick gewärtig sein, daß das Telephon klingle. Dreimal hatte er bereits bei Ivonne angeläutet, aber dreimal hatte sich niemand gemeldet. Es war zum Verzweifeln! Endlich, um sieben, als es bereits dämmerte und er nahe daran war, vor Ungeduld alles kurz und klein zu schlagen, tauchte sie wenigstens auf.

Als er ihr Vorwürfe machte, daß sie nicht geantwortet habe, lachte sie ihn aus. »Ja, Liebster ... siehst du, wenn ich mal schlafe, was selten vorkommt und meist nur des Tags, dann schlafe ich eben, da mag es nun klingeln oder donnern oder blitzen soviel das Zeug hält. Das mußt du schon entschuldigen. Und dann, als ich mich ausgeschlafen hatte, bin ich ausgegangen und habe für den schäbigen Rest meiner tausend Franken ein wenig eingekauft, denn wir müssen doch schließlich auch etwas essen, denn von Liebe allein ist noch niemand am Leben geblieben, geschweige denn auf einen grünen Zweig gekommen. Der Boy, der die Sachen bringt, wird gleich hier sein.«

Erwin war sprachlos. Da ging diese schlanke, verwöhnte Frau, der er wohl Sinn für Tanz, Toiletten und großzügige Geschäfte, niemals aber für Hausfrauenpflichten zugetraut hätte, mir nichts dir nichts hin und kaufte ein! Und nun, wahrhaftig, nun deckte sie noch den Tisch und setzte einen Topf mit Wasser auf die Flamme seines nicht mehr ganz blanken Patentgaskochers! Das alles hätte er nicht für möglich gehalten.

Nach einer Weile erschien der Boy. Das heißt, es war nicht ein Boy, sondern ihrer drei. Und jeder brach fast unter der Last seiner Bürde zusammen! Das nannte Ivonne »ein wenig einkaufen!« Im Handumdrehen glich das Zimmer dem Proviantdepot einer Expedition.

Aber Ivonne lachte. »Das verstehst du nicht,« sagte sie fröhlich und schob ihn zur Tür hinaus, »Du kommst nicht eher herein, bis ich dich rufe und alles gerichtet habe, heute wird Verlobung gefeiert!«

Als Erwin gerade dabei war, die einzige Nummer des »Petit Parisien«, die er in seinem Schlafgemach gefunden hatte, zum viertenmal zu lesen, schrillte nebenan das Telephon.

Ein halbverhungerter Tiger hätte sich nicht beutegieriger auf eine ahnungslose Gazelle stürzen können als Erwin nun auf den Apparat. – Tatsächlich, es war Massot aus Lyon.

»Monsieur Gerardi ...?«

»Ja gewiß ...?!«

»Monsieur Gerardi! – Spanetti hat noch nichts von sich hören lassen! Ich bin untröstlich! Was wollen wir tun?«

Ja, was sollte man tun? Auch Erwin Gerardi stand der Verstand still. Am meisten ärgerte es ihn, daß ein ganzer Tag verloren war, und man nur noch vier hatte. Die Chancen standen schlecht, sehr schlecht sogar.

Was sollte man tun?!

Ivonne hatte mitgehört. »Ich habe eine Idee!« sagte sie plötzlich so laut, daß Massot ihre Worte drüben in Lyon aus seinem Mikrophon hörte.

»Wie ist die Idee?« schrie er, Hoffnung fassend, zurück.

»Ja, Ivonne, wie ist die Idee?« fragte auch Erwin, dem es schließlich billigerweise zukam, zuerst zu vernehmen, worum es sich handeln sollte.

»Ich fahre nach Mailand!« sagte Ivonne.

»Jetzt?«

»Ja, jetzt! – Um 10.12 Uhr geht das Flugzeug. Das werde ich benutzen und kann dann Herrn Spanetti persönlich auf die Bude rücken!«

Massot hatte wieder alles gehört. Er jubelte förmlich, »Herrlich, herrlich! – Legen Sie Ihrer ...«

»... Braut vorläufig!«

»... also Ihrem Fräulein Braut meine herzlichsten Glückwünsche zu Füßen. Ich bin davon überzeugt, daß ihr Vorhaben vom schönsten Erfolge gekrönt sein wird. Einer so reizenden Frau wird selbst der alte Spanetti nicht widerstehen können!«

»Wir danken. Wer zuerst Nachricht hat, läutet den anderen an. Au revoir!«

» Au revoir!«

Als sich dieses denkwürdige Gespräch vollzog, war die Uhr acht. Die beiden Jungverlobten hatten also reichlich anderthalb Stunden Zeit.

Was läßt sich mit anderthalb Stunden nicht alles anfangen, wenn man hungrig, unternehmungslustig und vor allem verliebt ist!

Nichts fehlte auf der Tafel, die Ivonne mit Raffinement gedeckt hatte. Schön war das Leben, traumhaft schön! Voll tausend Möglichkeiten und voll lockender Reize! Wie im Fluge verging die Zeit.

Zehn Minuten vor Zehn erhob sich Ivonne und schlüpfte in ihren Mantel. Das Auto hupte ununterbrochen. Fort ging's zum Flugplatz.

Fahrkarten, Paßkontrolle, Einsteigen. Alles in beschleunigtem Tempo!

Dumpf klappten die Türen. Ein mahlendes Schüttern durchlief den Leib des stahlglänzenden Vogels und wuchs zu hellem, schmetterndem Singen an. Leicht und graziös erhob sich das Flugschiff und segelte in östlicher Richtung unter dem dunkelblauen, sternenübersäten Himmel davon.

*

Wenige Stunden später.

Das Lichtmeer von Mailand kam näher, hob sich förmlich den hinabschauenden Passagieren entgegen, wie eine riesige niedergebrannte Feuerstätte, in der noch allenthalben Funken und Kohlen glühen.

Der Motor setzte aus. Pfeifende Luft rauschte an den Fenstern vorüber. Dicht über den Dächern von ein paar niedrigen, langen Bretterschuppen strich das Fahrzeug hin. Im nächsten Augenblick berührten die Räder den Boden, holperten über eine kleine Unebenheit und standen. Menschengewühl, Autos, im Winde schaukelnde Bogenlampen. Während Ivonne sich im Stationsgebäude schön macht, bemüht sich ein Boy, telephonisch den Aufenthalt des Herrn Spanetti festzustellen. Im Bureau war er nicht. Zu Hause auch nicht.

»Der Herr Direktor pflegt nicht so früh heimzukehren ...« erklärte eine Bedientenstimme verschlafen.

»Vielleicht wissen Sie, wo er sich um diese Stunde gewöhnlich aufzuhalten pflegt?«

»Wo? Ja, das kommt darauf an. Was haben wir heute ... was hatten wir gestern vielmehr für einen Tag ...?«

»Donnerstag!«

»Donnerstag ... Donnerstag ... Einen Augenblick, bitte ... Ich hab's! Ich könnte meinen Kopf verwetten, er sitzt in der Alhambra!«

»Alhambra? Schönen Dank. Ich werde anläuten.«

»Alhambra? Herr Direktor Spanetti bei Ihnen?«

»Der dicke Spanetti von der Seidenkonfektion? – Moment! – Ober! ... Ist der dicke Spanetti noch da?«

Knistern, Stimmengeräusch, Musikfetzen, Tellergeklapper. Dann herandröhnende Schritte, wie kleine Kanonenschüsse ...

»Halloooo ... Flugplatz?«

»Jaa ...?«

»Spanetti ist bei uns!«

»Ausgezeichnet!«

Schön wie eine Venus betrat Ivonne Martinet das Vestibül der Alhambra. Sie wußte, wie eine Frau sich zu benehmen hatte, um Eindruck zu machen. Der Portier, der Geschäftsführer, die Ober – alle erstarben in Verbeugungen.

»Eine Diva ...!« ging es flüstern von Mund zu Mund. »Eine französische Diva!«

Obgleich niemand Ivonnes Namen kannte, wußte, noch ehe sie sich den schwarzseidenen Mantel hatte von den Schultern nehmen lassen, die ganze Reihe der Stammgäste, daß irgendein fabelhafter Star das Lokal beehren würde.

Zu diesen Stammgästen gehörte natürlich auch Spanetti!

Und auch er war natürlich, gleich anderen, gespannt wie ein Regenschirm.

Ivonne durchschwebte einige Säle, begab sich in die Haupthalle und nahm in einer Loge Platz, die für sie freigemacht wurde. Dann ließ sie sich vom Ober zeigen, wo Herr Spanetti saß.

»Der dicke rote Mensch mit der großen Chrysantheme und der noch größeren Glatze?! Wenn es weiter nichts ist! Überbringen Sie ihm dieses Billett!«

»Herr Direktor ... von der französischen Diva ...!«

»Für mich?«

»Sehr wohl ...«

Spanetti las. Es dauerte eine kleine Weile, bis er erfaßte, worum es ging.

»Lieber Direktor! (»Lieber« – entzückend!)

Würden Sie die Güte haben und mir auf zehn Minuten Ihre schätzenswerte (kolossal!) ... Ihre schätzenswerte Gesellschaft (herrlich, herrlich, ausgezeichnet! er, Spanetti! Da würden sich die anderen Stammgäste giften!) ... Ihre schätzenswerte Gesellschaft gönnen. Ich habe etwas Wichtiges (etwas Wichtiges? – Na, das kannte man. Er fühlte nach dem Scheckbuch. Es war da ... ) Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.

Ihre (Ihre!!!!)
Ivonne Martinet.«

Nie hatte man Herrn Spanetti so schnell aufspringen sehen. Wie ein kleiner, roter, geölter Blitz durchkullerte er die ansehnliche Breite des Saales und langte schließlich schnaufend in Ivonnes Loge an.

»Ist es erlaubt ...?«

»Es ist erlaubt.«

»Spanetti ist mein Name! ... Direktor Spanetti ...«

»Nehmen Sie Platz. Ich bin die bekannte Tänzerin Ivonne Martinet, von der Sie gewiß gehört oder gelesen ... oder die Sie bereits bewundert haben ...«

»Selbstverständlich ... habe ich ...! Wer kennt Sie nicht, meine Gnädigste ... Sie ... Sie sind ja so berühmt!«

»Sie beschämen mich durch Ihre Komplimente, lieber Direktor ... Die Hauptsache: Sie wissen, wer ich bin ...!«

»Aber ... meine Gnädigste! Wie sollte ich nicht! Sogleich als Sie eintraten, sagte ich zu meinen Freunden ... Donnerwetter! sagte ich ... das ist doch ... das ist doch ...«

»die Martinet!«

»Jawohl ... die große Martinet! Hab' ich gesagt. Sie müssen nämlich wissen, ich bin der einzige Mensch, der sich hier in Mailand auf Kunst und Künstler versteht und der ...«

»... hoffentlich auch für die schwere Lage der Künstler ein warmes Verstehen hat ...!?«

Ivonne sah ihn an. Ernst und tieftraurig. Wenn Sie wollte, konnte sie Augen machen, daß einem neunfachen Mörder das Herz weich werden mußte.

Spanetti war gerührt. »Sie nehmen mir die Worte vom Munde weg, meine Gnädigste! Oh, wie ich die armen Künstler bedauere. Die Rastlosigkeit ihres Lebens, die Unsicherheit ihrer Existenz, heute oben, morgen unten! Ah, ich kenn' das alles aus dem Effeff! Ich habe das Künstlerleben förmlich studiert. Aber ich habe auch – ohne zu prahlen – ich habe auch geholfen, wo ich irgend konnte!«

Ivonnes Gesicht klärte sich ein wenig auf. Der Ahnungsschimmer eines Lächelns lief über ihre Züge.

»Ihre letzten Worte machen mir Mut, lieber Direktor. Denn auch ich ... so schwer es mir wird, das zu gestehen, komme mit einer großen Bitte zu Ihnen.«

»Mit einer Bitte?« Spanetti jubelte innerlich. »Sie ... Sie, die große Diva? Womit kann ich einfacher, schlichter Mann Ihnen dienen? Befehlen Sie, soweit meine Mittel reichen, steht Ihnen alles zur Verfügung!«

Ivonne antwortete nicht gleich. Sie ließ eine lange Pause eintreten, in der Herr Spanettis Ungeduld und Neugierde ins Ungemessene wuchs. Endlich hatte sie die Güte hinzuhauchen:

»Lieber Direktor! Es liegt in Ihrer Macht, mich zu einer sehr reichen Frau zu machen ...«

Das war selbst für den dicken Spanetti etwas zu viel. Entweder war diese Frau sehr naiv oder grenzenlos gerissen.

»Wie meinen Sie das?« fragte er beklommen.

»Nennen Sie die Firma Doufrais?«

»In Marseille? Aber natürlich. Sie ist meine älteste Lieferantin!«

»Was würden Sie dazu sagen, wenn ich die Firma übernähme?«

»Sie? Ich würde meine Aufträge verdoppeln!«

»Sie sind sehr liebenswürdig, Direktor ... allein ...«

»Allein ...?«

»Es hängt von Ihnen ab, ob ich die Firma bekomme.«

»Inwiefern?« Spanetti war es, als ginge ihm ein Mühlrad im Kopfe herum, was er auf den verderblichen Einfluß übertriebenen Sektgenusses schob.

»Sie können den alten Doufrais zwingen, seine Werke zu verkaufen!«

»Ich ...?«

»Ja, Sie! – – Natürlich, wer sonst. Einfach dadurch, daß Sie nicht mehr bei ihm bestellen!« – (Himmel! hatte der Mann eine lange Leitung!)

Nun ging Spanetti endlich ein Licht auf!

»Sie wollen Doufrais, wenn ihm das Wasser bis an den Mund steigt, den ganzen Ramsch für ein billiges Geld abkaufen ...?!«

»Ich bewundere Ihren Scharfsinn, lieber Direktor!«

»Sie sind es auch, die hinter der Offerte aus Lyon steht, die ich heute morgen bekam und in Rücksicht auf Doufrais ablehnen wollte?«

»Natürlich!«

»Aha ...!«

Spanetti lehnte sich zurück und dachte nach. Die Sache war gar nicht so übel. Erstens hatte Lyon viel billiger angeboten als Doufrais, zweitens leistete er dieser schönen Frau einen Dienst ... und drittens ... drittens ... na, das würde sich wohl allmählich von selbst machen! Es gab doch so was wie – Dankbarkeit ...!

Ivonne erriet seine Gedankengänge und kam ihm entgegen.

»Ich brauche wohl nicht zu betonen,« sagte sie, »daß ich hoffe, sobald die Werke in meiner Hand sind, Sie wieder zu den regelmäßigen Kunden der ehemaligen Firma Doufrais zählen zu dürfen, ja, ich nehme sogar an, daß sich dann unsere Beziehungen möglichst eng und freundschaftlich gestalten werden.«

Spanetti war ein erklärter Feind der Ehe gewesen. In diesem Augenblick aber schlug er alle guten Vorsätze in den Wind. Allerdings waren nicht alle Frauen so schön wie die Martinet, die ihm obendrein noch für die Zukunft und im Falle seines geschäftlichen Entgegenkommens die schönsten Hoffnungen machte.

War es nicht Hirnverbranntheit, zurückzuzoppen, wenn einem das große Los so greifbar vor die Nase gehalten wurde?!

»Wollen Sie mir helfen ...?« erklang da die Stimme der Frau. Bittend klang sie und weich.

Spanetti zögerte nicht länger. »Ja,« sagte er, »ich will ...!«

Sie reichte ihm strahlend die Hand. Eine wunderschöne, duftende, ringgeschmückte Hand. Er durfte sie sogar küssen! Oh, er hätte für diesen Kuß noch mehr gegeben als seine Zustimmung zur Vernichtung Doufrais.

»Ich danke Ihnen ...« flüsterte Ivonne. »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Ich werde Ihnen das nie vergessen.«

Schweigend und bewegt tranken sie ihre Gläser aus. Die Gäste brachen auf.

Auch Spanetti bezahlte seufzend.

»Mein Flugzeug geht nach einer halben Stunde. Wollen Sie mich zum Flugplatz begleiten?« fragte Ivonne.

Er wollte. Natürlich. Sein Wagen stand ja vor der Tür.

Bevor sie sich verabschiedeten, nahm ihm Ivonne das Versprechen ab, sofort ein Telegramm an Massot abzusenden, daß er die Offerte des mittelfranzösischen Seidentrusts akzeptiere.

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