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Die Puppen des Maharadscha

Siegfried Bergengruen: Die Puppen des Maharadscha - Kapitel 19
Quellenangabe
authorSiegfried Bergengruen
titleDie Puppen des Maharadscha
publisherEden-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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18. Kapitel.
In letzter Minute!

Man hielt es nicht für notwendig, die Verurteilten für die wenigen Viertelstunden, die ihnen noch bis zur Hinrichtung blieben, in ein besonderes Gewahrsam bringen zu müssen. Sie wurden in ein Zimmer im Erdgeschoß gestoßen und die Türen von außen verriegelt. Wachen gingen lautlos davor auf und nieder und unter den Fenstern drängte sich eine tausendköpfige, rasende Menge, die zu wiederholten Malen den Namen Afrus anklagend in die Luft schrie. An eine Flucht war unter diesen Umständen nicht zu denken.

Die Gefangenen saßen stumm auf den teppichbelegten Fußboden nebeneinander. Ivonne hatte ihren Kopf an Erwins Brust gelegt und die Augen halb geschlossen. Um ihren Mund spielte ein trauriges Lächeln. Jeannette war völlig apathisch geworden. Die Männer hatten harte, bleiche Gesichter.

Nach einiger Zeit – draußen begann es bereits zu dämmern – wurde ein Riegel zurückgeschoben und in der Türe erschien Dr. Renee. Auch er war gefesselt. Aber er sah weder mutlos noch verzweifelt aus. Im Gegenteil, er rieb sich sogar mit übertriebener Vergnügtheit die Hände, was sich zu dieser Stunde und in dieser Umgebung, zumal die Ketten dabei rasselten und klirrten, einigermaßen befremdend ausnahm.

»Haben Sie eine gute Botschaft ... Doktor ...?« fragte schließlich Erwin, um das lastende Schweigen zu brechen.

Der Doktor lachte verschmitzt und vielverheißend. Ganz dicht trat er an die Freunde heran und spreizte dann stolz drei Finger seiner Rechten in die Höhe.

»Drei ...!« kicherte er tückisch.

»Was heißt drei?« erkundigte sich Gorbunow und schob sich die blutgetränkte Binde zurecht, die ihn am Sehen behinderte.

»Drei ... heißt ... drei! – – Drei Tote!« Dabei wies er mit dem Zeigefinger auf sich selbst. »Hört und staunt: drei Tote durch mich!«

Die Gefangenen wurden aufmerksam. Dieser Doktor war ein Teufelskerl. Ihm war dergleichen zuzutrauen. Selbst Jeannette öffnete die Augen und sah interessiert zu ihm hinüber.

»Wer sind die Toten?«

»Erstens Afru! – Übrigens habe ich eine Botschaft von ihm auszurichten, und zwar an Sie, Frau Ivonne. Seinen letzten Seufzer hauchte er in Form Ihres Namens aus. Leider konnte ich es nicht verhindern. Auf alle Fälle scheint dieser Hund Sie entweder sehr gehaßt oder – was ich mehr annehme – Sie sehr geliebt zu haben ...?!«

Er schien von Ivonne eine Erklärung zu erwarten, fuhr aber, da diese ausblieb, fort:

»Der Zweite war einer dieser braunen Teufel, die sich auf mich stürzten, um mich festzunehmen, als ich mit Afru fertig war. Es ist ihm übel bekommen. Ich schlug ihm seinen mürben Schädel so heftig gegen die steinerne Bassinwand, daß er zerspritzte wie ein faules Ei. Dadurch entstand etwas Raum um mich und ich konnte ein Fenster gewinnen, durch das ich mich hinausschwang. Da es recht hoch war und ich mich, unten angelangt, leblos stellte, bildeten sich die von oben herabschauenden Kerle ein, ich habe das Zeitliche gesegnet und begaben sich befriedigt nach der Gerichtsversammlung, deren Verlauf sie scheinbar mehr interessierte als mein Gesundheitszustand. – Als die Luft rein war, kroch ich auf allen Vieren nach dem Flusse davon. – – Im Begriff einen Weg zu überqueren, hörte ich plötzlich ganz in der Nähe Schritte. Ich versteckte mich hinter einem Baume und wartete. Ich sah eine sehr große Männergestalt, die langsam auf mich zukam. Nach einigen Minuten konnte ich im fahlen Licht des untergehenden Mondes ziemlich deutlich erkennen, daß es sich um Bandar handeln mußte. Scheinbar suchte er nach den Anstrengungen der Gerichtsversammlung in der nächtlichen Kühle des Parkes sein Blut zu beruhigen. Eine große Wut packte mich, als ich ihn so kommen sah. Der erste, den ich getötet hatte, war nur ein Mittelsmann gewesen, dieser aber war der Mörder Elisens persönlich. Als er dicht neben mir war, sprang ich hinter meinem Baumstamm hervor und packte ihn an der Gurgel. Er wollte schreien, aber ich drückte ihm die Kehle so fest zu, daß er kaum zu röcheln vermochte. Ein roter Schleier benebelte meine Sinne. Ich sah nichts und wußte nichts! Ringsum wogten blutige Flammen. Als ich aus dem Taumel erwachte, war er tot!«

Der Doktor verstummte. Die gespielte Fröhlichkeit war aus seinem Gesichte verschwunden. Nun, da er all diese Vorgänge erzählte und sie dadurch zum zweitenmal, und zwar intensiver wiedererlebte, wurde ihm erst die ganze Tragweite seiner Handlungsweise bewußt.

»Es war grausig ...«, erzählte er flüsternd weiter und ein Schauer schüttelte seinen Körper. »... wie der lange Mensch dalag, vom Mondlicht übergossen, mit weitoffenen Lippen, zwischen denen die Zähne wie bei einem Raubtier bleckten. Ich warf ihm seinen weißen Mantel auf das Gesicht, hob ihn unter Aufbietung aller Kräfte auf die Schulter und trug ihn zum Fluß. Das Wasser gluckste hungrig auf, als er in seiner gelben Tiefe verschwand. Morgen früh schwimmt er bereits im Ganges, wenn ihn nicht schon früher die Krokodile verzehren.«

»Und wie kommen Sie nun hierher, und warum haben Sie sich nicht gerettet?« fragte Jeannette und sah diesem Mann, der im Laufe einer kurzen Stunde drei Menschen umgebracht hatte, mit einem Gemisch von Bewunderung und Grauen ins Gesicht.

»Warum ... warum? – – Sie fragen mich zu viel, Jeannette. Genügt es Ihnen, wenn ich darauf antworte: ich mußte! Als die Leiche von meinen Schultern in den Fluß geglitten war, zwang mich irgendeine unerklärliche Macht dazu, noch einmal nach der Stelle zurückzugehen, wo ich die Untat verübt hatte. Bereits auf dem Wege dorthin wurde ich von ein paar Wächtern aufgegriffen, die mich, ohne zu wissen, was wenige Minuten vorher geschehen war und in der Annahme, ich wollte fliehen, fesselten und hierher brachten.«

Der Doktor bedeckte das Gesicht mit den Händen. Lange Zeit saß er so ohne sich zu regen. Nur zuweilen erschütterte seinen Körper ein leises, krampfhaftes Beben. Die Aufregungen dieser Nacht und die gewaltige Willensanstrengung, mit der er sich bis zur letzten Minute aufrecht erhalten, ja seinen Gefährten sogar eine gewisse Sorglosigkeit vorgespielt hatte, waren zu groß gewesen. Die Reaktion machte sich geltend. Er schluchzte wie ein kleines Kind.

Ivonne erhob sich und ging zu ihm hinüber. Sie nahm seinen fieberheißen, zuckenden Kopf zwischen ihre schmalen, kühlen Hände und streichelte ihn zärtlich.

»Beruhigen Sie sich, Doktor!« sagte sie dabei weich und mütterlich. »Beruhigen Sie sich! Sie haben nichts Böses getan. Im Gegenteil. Sie erfüllten eine Pflicht, sie übten Gerechtigkeit und Vergeltung. Auch ich hätte es früher einmal tun können und unsagbares Leid wäre mir und uns allen erspart geblieben. Aber ich habe die Stunde versäumt! Das werde ich mir nie verzeihen!«

Auf dem Hofe wurde ein dumpfes Poltern vernehmlich. Dort schichteten die Krieger von Sukentala den Holzstoß, auf dem Brahma das große Blutopfer empfangen sollte. Es war bereits so hell, daß man deutlich die Gestalten der eifrig arbeitenden Männer erkennen konnte. Die Besonnenheit, mit der sie dabei vorgingen, wies darauf hin, daß sie dieses Werk nicht etwa zum erstenmal ausführten, sondern darin bereits über eine gewisse Erfahrung verfügten. Wieviel ähnliche Scheiterhaufen mochten auf diesem Platz im Laufe der Jahrhunderte gelodert, wieviel unglückselige Menschen auf den Befehl einer grausamen und blutdürstigen Religion ihr Leben unter den furchtbarsten Qualen ausgehaucht haben?

Die sieben Todgeweihten hatten sich erhoben und so gut es ging, ihr Haar und ihre Gewänder geordnet. Aneinandergelehnt standen sie in der Nähe des Fensters und beobachteten wie der düstere Holzstoß wuchs und wuchs. Äußerlich erschienen sie nun ganz ruhig und in ihr Schicksal ergeben. Auch der Doktor hatte unter dem Zuspruch Ivonnes seine Beherrschung wiedergewonnen und schaute gleichmütig vor sich hin.

Nach einer Weile erscholl lautes rohes Stimmengewirr vor der Tür. Die Riegel knirschten. Schwerbewaffnete Krieger stürmten herein und zerrten die Europäer auf den Flur. Als sie auf dem Hofe erschienen, erhob sich ein tausendstimmiges Wutgeheul. Akkads Diener und die anwesenden Priester hatten Mühe, die Unglücklichen vor der Rachgier der entfesselten Menge zu beschützen.

Einer nach den anderen erstiegen sie den Holzstoß, paarweise wurden sie an die Pfähle gekettet, die aus dem Gewirr der Baumstämme und Äste emporragten. Ivonne wurde auf ihre flehentlichen Bitten mit Erwin zusammengefesselt. Jeannette stand allein. Gorbunow hatte Juffo und der Doktor Francois Courton zum Todesgefährten.

Als alles zum Opfer bereit war, erstieg Akkad die Tribüne, die man gegenüber dem Richtplatz erbaut hatte. Er sah furchtbar blaß aus und war in ein schwarzes Gewand gekleidet. Auch sein Haupt bedeckte ein schwarzer Turban. Mit niedergeschlagenen Augen schritt er die Treppe hinauf und ließ sich in dem einen der beiden Sessel nieder. Der andere blieb leer.

Es war offensichtlich, daß noch auf jemand gewartet wurde. Diener eilten aufgeregt zwischen den Opferpriestern und dem nahen Tempel hin und her. Dann erklomm einer der weißgekleideten Männer die Tribünen und flüsterte Akkad etwas fragend ins Ohr. Der aber schüttelte kurz und verneinend das Haupt. Allenthalben sah man ratlose Gesichter. Scheinbar war Bandars Verschwinden erst jetzt bemerkt worden.

In diesem Augenblick ging über den endlosen Wäldern des Gandakdschungels die Sonne auf. Die Kuppeln des Himalaja färbten sich purpurn und golden. Die Vögel begannen zu singen.

Nun verstummte selbst das Volk. Alle wußten: die große Stunde war gekommen. Denn Akkads Spruch hatte gelautet:

»Bei Sonnenaufgang verbrennen!«

Der Oberpriester bestieg, ohne noch länger auf Bandar zu warten, mit einem breiten, blitzenden Messer den Scheiterhaufen. Einen Moment zauderte er, wem der erste Todesstoß gelten sollte. Dann schritt er auf Ivonne zu:

»Dich soll Brahma als erste empfangen, denn du hast alles verschuldet!« knirschte er zwischen den Zähnen.

Kein Laut entrang sich den Lippen des Weibes. Mit geschlossenen Augen, den Rücken an die kalte Rinde des Baumstammes gepreßt, erwartete sie krampfhaft das Ende. Aber Erwin reckte den Arm auf gegen den Priester, so weit die Ketten es erlaubten:

»Sie ist unschuldig!« rief er heiser. »Töte mich zuerst. Ich bin ihr gefolgt und wollte sie euch entreißen!«

Unwillkürlich blickte der Priester auf die zitternde, eisenumschlossene Hand, die sich ihm flehend entgegenhob. An dieser Hand funkelte im Feuer der ersten Sonnenstrahlen, von den Leibern goldener Schlangen umringelt, wie ein erstarrter Blutstropfen ein großer Rubin.

»Der Ring des Rithnar!« schrie der Priester so schrill, daß es weit über die atemlos zuschauende Menge hinweggellte.

»Der Ring des Rithnar bewahrt vor dem Tode!«

Akkad sprang auf.

»Bringt ihn mir!« rief er fast jauchzend herüber.

Der Priester zog, demütig auf die Knie niedersinkend, den Ring von Erwins Finger und eilte damit zum Maharadscha.

»Er ist es ... er ist es ...!« keuchte er und legte ihn ehrfurchtsvoll vor Akkad auf die Brüstung. »Ich selbst habe ihn Afru nach Europa übersandt! Ich selbst! Und ich hatte ihn auch vorher in Verwahrung.«

Lange betrachtete Akkad das blitzende Kleinod. Dann glitt ein Blick zu den Verurteilten hinüber. Ein weicher und doch unendlich trauriger Zug glitt über sein schmales, schönes Gesicht.

»Laßt ... sie ... frei ...!« sagte er tonlos.

Die sieben Europäer wußten zuerst nicht, wie ihnen geschah. Kannte doch außer Erwin und Ivonne niemand die Bewandtnis dieses wundertätigen Ketten gelöst wurden.

Erst als Akkad auf sie zutrat, ihnen der Reihe nach die Hände schüttelte und ein über das andere Mal immer wieder die Worte sagte:

»Ihr seid frei! ... Ihr seid frei ...!« begriffen sie das Glück des wiedergeschenkten Lebens und sanken einander unter Tränen lachend in die Arme.

 

Ende.

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