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Die Puppen des Maharadscha

Siegfried Bergengruen: Die Puppen des Maharadscha - Kapitel 18
Quellenangabe
authorSiegfried Bergengruen
titleDie Puppen des Maharadscha
publisherEden-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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17. Kapitel.
Ein unheimliches Wiedersehen.

Als die Freunde wieder in ihren Zimmern angelangt waren, schloß Dr. Renee fürsorglich alle Türen, überzeugte sich, daß sie wirklich von keiner Seite beobachtet werden konnten und ließ sich dann inmitten der vier anderen Männer, die bereits in höchster Spannung auf seinen Bericht warteten, nieder.

»Schießen Sie endlich los, Doktor ...!« sagte Francois, da Renee noch immer zögerte. »Der arme Erwin vergeht sonst vor Aufregung!«

In der Tat sah Erwin sehr mitgenommen aus. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren und seine Hände zitierten so stark, daß er die Zigarette, die er angeraucht hatte, um sich zu beruhigen, wieder fortlegen mußte.

»Also, meine Herren ...«, begann der Doktor und schraubte die Klangstärke seiner Stimme auf ein Minimum herab. »Frau Ivonne wohnt in dem sogenannten Gartenpalais, das inmitten des großen Parkes, der durch den Gandak begrenzt wird, liegt. An ein Entkommen konnte sie bisher natürlich nicht denken, da der Fluß von Krokodilen wimmelt und der Park auf allen anderen Seiten von einer unübersteigbaren Ringmauer umgeben ist, deren Tore mit bewaffneten Wächtern besetzt sind. Es liegt also an uns, Mittel und Wege zu finden, um sie zu retten.«

»Der Weg ist längst vorhanden!« warf Gorbunow ein. »Nämlich die Luft! Mein Flugzeug ist zu jeder Zeit startbereit! Frau Ivonne braucht bloß einzusteigen.«

»Sehr schön! – Es handelt sich also noch um die Mittel, wie Frau Ivonne, ohne von der Dienerschaft bemerkt zu werden, das Schlößchen verlassen kann ... und dann um noch etwas, woran wir noch wenig gedacht haben ...!«

»Und das wäre?«

»Die anderen Frauen!«

»Alle Wetter, ja!« sagte Courton und schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. »Hatte Frau Ivonne eine Ahnung, ob noch irgend jemand von den Unglückseligen lebt?«

»Nein. – Sie hat bisher noch nichts Bestimmtes ergründen können. Aber sie glaubt aus den Reden des Maharadscha schließen zu dürfen, daß wenigstens ihre Vorgängerin bisher noch nicht umgebracht wurde.«

»Das ist Jeannette! Wir müssen sie befreien!« rief Juffo nun so laut, daß Gorbunow ihm einen heftigen Rippenstoß gab.

»Wenn sie so unbesonnen und laut sind,« sagte Dr. Renee verweisend, »werden Sie nicht nur Frau Ivonne und Jeannette, sondern auch uns ins sichere Verderben stürzen. Ich empfehle Ihnen, sich etwas zu beherrschen.«

»Haben Sie mit meiner Gattin irgendwelche Verabredungen getroffen?« erkundigte sich Erwin, den Wortwechsel unterbrechend, da es ihm in erster Linie darauf ankam, Ivonne wiederzusehen.

Dr. Renee nickte bedächtig.

»Natürlich, das habe ich. – Wir sollen bald nach Mitternacht das Schloß von der Südseite erklettern und durch ein Fenster einsteigen, aus dem ein weißes Handtuch wehen wird.«

»Sind denn an der Südseite keine Wächter?« fragte Courton zweifelnd.

»Nein. Die Südseite wird von einem kleinen See begrenzt, in dem der Maharadscha seine Zierfische hält.«

»Befindet sich wenigstens ein Boot auf diesem Fischteich?«

»Leider nicht. – Aber am Gandak sollen mehrere leichte Gondeln liegen, deren eine wir mit vereinten Kräften nach dem See hinübertransportieren können.

»Gut. Und was weiter ...?«

»Weiter spendiert Frau Ivonne heute abend ihrer Dienerschaft in Anbetracht ihres künstlerischen Erfolges etwas Alkohol, der außerordentlich einschläfernd wirken wird.«

»Da stecken Sie natürlich dahinter!«

»Es läßt sich nicht abstreiten. Ich gab ihr die Pastillen sogar in Gegenwart des Maharadscha, der sie in bewunderungswürdigem Scharfsinn für ein nervenberuhigendes Mittel hielt.«

»Großartig! Und dann ...?«

»Wenn die Dienerschaft schläft, wird das ganze Schloß nach den übrigen Vermißten, die vielleicht irgendwo in den unteren Räumlichkeiten festgesetzt sind, durchsucht und dann, je nachdem wie das Ergebnis ausfällt, entweder sofort aufgebrochen und fortgeflogen oder ein neuer Plan zur Befreiung der Frauen entworfen!«

Die Freunde fanden die Ausführungen des Dr. Renee hervorragend und bewunderten die Ruhe und Umsicht, mit der er alles in die Wege geleitet hatte. Es wurde beschlossen, daß er, Erwin und Juffo in das Schloß eindringen, Courton dagegen mit einem Boot unter dem Fenster warten und Gorbunow das Flugzeug bereithalten sollte.

Genau um Mitternacht brachen sie auf. Um den Hofplatz zu vermeiden, auf dessen sternförmig gemusterten Fliesen zwei lanzenbewehrte Inder reglos kauerten, ließen sie sich durch ein Fenster auf der anderen Seite direkt in den Park hinab und nahmen, vom Mondlicht begünstigt, den Weg zum Gandak. Hier begegnete ihnen das erste Hindernis in Gestalt einer Kette, mit der das kleinste und daher allein in Betracht kommende Boot an den Anlegesteg festgeschlossen war. Glücklicherweise fand sich aber in Gorbunows umfangreichen Taschen eine Feile, die dieses Übel beseitigte und es ihnen ermöglichte, das Fahrzeug ans Ufer zu ziehen. Es war kein Vergnügen, das triefendnasse, stark geteerte Ding auf die Schultern zu heben und so durch die dunkeln, stellenweise dicht verwucherten Büsche des Parkes zu schleifen. Aber sie schafften es doch. Das Bewußtsein, einem oder vielleicht sogar mehreren Menschen auf diese Weise das Leben retten zu können, flößte ihnen Zähigkeit und Kraft ein.

Glatt und still wie ein großer Spiegel lag der See vor ihnen. Das Mondlicht glitzerte auf seiner Flut und überschüttete sie bei dem geringsten Lufthauch mit einem Schleier funkelnder Brillanten. Lautlos schoben sie das Boot ins Wasser. Gorbunow reichte ihnen die Ruder und stieß sie ab. Dann huschte er selbst wieder in den Schatten der Bäume zurück und suchte sich einen Pfad nach der Grasfläche, auf der die Maschine gelandet war.

Unterdessen wuchs den vier Männern der Palast in düsteren Umrissen entgegen und verdeckte nach und nach mit seinen Flächen die blanke Scheibe des Mondes. Ganz dicht fuhren sie an das steinerne Ungetüm heran, dessen Fenster glanzlos und blind in die Nacht hineinstierten. Nur aus einer Nische in beträchtlicher Höhe wehte, wie die Gestalt eines tanzenden, bleichen Gespenstes, ein Handtuch.

»Dort ...!« sagte Dr. Renee und wies nach oben.

Das Schloß war über und über mit einem großblätterigen dichten Rankengewirr überzogen und daran wollten sie hinaufklettern. Erwin sollte den Anfang machen, Renee und Juffo in kurzen Abständen folgen. Im letzten Augenblick entdeckte Courton ein Tauende, das in das Pflanzengewirr geschmiegt, bis auf den Wasserspiegel hinabhing. Ivonne hatte vorgesorgt.

Unter diesen Umständen entwickelte sich der Aufstieg ziemlich schnell und gefahrlos. Ivonne stand oben an der Brüstung und reichte ihnen die Hand entgegen. Nach einer Viertelstunde waren sie geborgen.

Als der erste Sturm der Wiedersehensfreude bei den glücklichen Gatten verebbt war, wurde beratschlagt. Ivonne hatte aus dem Benehmen Akkads den Eindruck gewonnen, daß der Saal, in dem sich das rote Springbrunnenbecken befand, irgendein Geheimnis bergen müsse. Sie beschlossen daher, dort mit der Durchsuchung zu beginnen.

»Übrigens erschreckt nicht!« flüsterte Ivonne, bevor sie das Gemach verließen. »Es sieht bei mir aus, wie in Dornröschens Schloß ...!«

Tatsächlich boten die Säle, die vom Mondlicht nur schwach erhellt wurden, ein sehr merkwürdiges Bild. Überall lagen schlafende Gestalten in den seltsamsten Posen.

»Seht euch vor, daß ihr auf niemand tretet!« warnte leise der Doktor. »Das Mittel ist zwar recht stark, wirkt aber nicht absolut betäubend!«

Sie betraten den Springbrunnensaal. Ivonne zog die dichten Vorhänge vor die Fenster und sie entzündeten ihre Blendlaternen. Dann ging es ans Suchen, über alle Bemühungen blieben vergeblich. Außer den sichtbaren Türen war nirgends ein geheimer Ausgang zu bemerken. Sie wollten bereits entmutigt ablassen und sich an die übrigen Räume machen, als Juffo den Einfall hatte, mittels eines Kranes, der neben dem roten Steinbecken angebracht war, den Springbrunnen abzustellen. Das Rauschen verstummte mit einem Schlage. Schwere, beklemmende Stille trat ein. Nur unten im Becken gluckste es leise, dort, wo nun das übriggebliebene Wasser ablief. Und dann lag der Boden des Steinbehälters frei. Auf seiner feuchten, glatten Fläche aber bemerkten sie alle gleichzeitig einen großen, eisernen Griff.

Die Männer sahen sich an. Fast hörbar klopften ihre Herzen. Sie hatten das sichere Gefühl, daß nun die Stunde gekommen sei, wo sich ihnen ein großes, vielleicht furchtbares Geheimnis offenbaren werde. Juffo überstieg als erster den Rand des Beckens, ging vorsichtig bis zum Griff und versuchte ihn zu bewegen. Es gelang ihm zuerst in keiner Weise. Erst als ihm Erwin zu Hilfe kam und sie ihre Kräfte vereinigten, ließ sich der Bügel ein wenig anheben und konnte dann ohne bemerkenswerte Anstrengung nach der Seite verschoben werden. Dadurch wurde eine kleine Metallplatte freigelegt, die ein bewegliches Zahlensystem aufwies. Es galt also jedenfalls nur die Nummer zu wissen und das Rätsel war gelöst. Nach langwierigen und zeitraubenden Kombinationen, die zu keinem Erfolg führten, kam Ivonne schließlich auf die merkwürdige Zahl 1313! Man stellte sie ein und im gleichen Augenblick knirschte es hörbar in einer Ecke des Zimmers. Dort hing ein Teppich. Renee schlug ihn zurück und wies triumphierend auf eine offene Tür, die eine in die Tiefe führende Treppe freigab.

Mit Blendlaternen und Pistolen in der Hand schlichen sie vorsichtig einer hinter dem anderen die Stufen hinab. Sie gelangten in einen langen, dunklen Gang, an dessen Wänden das Wasser hinablief. Jedenfalls befanden sie sich unter dem Spiegel des Sees. Schließlich standen sie vor einer verriegelten Tür. Der Doktor öffnete sie umständlich. Ein paar Stufen führten nach oben in einen trockenen und sauberen Raum, dessen Fußboden mit bunten Fliesen ausgelegt war. Im Hintergrunde war eine schwarze Portiere sichtbar.

Es war seltsam, daß sie alle in diesem Augenblick halt machten und sich eines unerklärlichen Gefühls des Grauens nicht zu erwehren vermochten. Keiner wollte als erster das Gewebe zurückschlagen, und doch brannten sie alle darauf, zu erfahren, was sich dahinter verbarg.

Juffo faßte sich endlich ein Herz und schlug den Vorhang auseinander. Vor ihm gähnte ein langer, feuchter, schlauchartiger Raum. Dicht aneinandergedrängt schoben sie sich hinein und blieben im gleichen Augenblick wie erstarrt stehen. Irgendwo in unmittelbarer Nähe und dennoch scheinbar weit entfernt ertönten die halberstickten Laute einer menschlichen Stimme ...!

Mit angehaltenem Atem blickten sie sich um, von einem eisigen Grauen geschüttelt. Sie zweifelten keinen Augenblick, daß sie nun der Enträtselung des Geheimnisses von Sukentala ganz nahe waren und fürchteten dennoch, daß die Wahrheit zu furchtbar sein würde, um mit klaren Sinnen ertragen werden zu können. Besonders der Doktor zitterte wie im Fieber.

Nachdem sie eine kleine Weile den menschlichen Lauten, die sie alsbald als das verzweifelte Weinen einer Frau erkannten, nachgegangen waren, stießen sie endlich auf eine schwere, gußeiserne Falltür, deren Verschluß ohne besondere Mühe geöffnet werden konnte. Eine schmale, hölzerne Treppe führte in die Tiefe. Das Schluchzen klang nun ganz nah und erschütterte die Männer bis ins Herz.

»Ist dort jemand unten?« fragte Erwin halblaut auf Französisch.

Das Weinen verstummte sofort. Dann ließen sich tappende, schlürfende Schritte vernehmen. Näher und näher. Und dann erschien im Lichte der Strahlenkegel eine weibliche Gestalt. Jeannette!

Bei ihrem Anblick konnten sich selbst Erwin und Juffo, die bisher einigermaßen ihre Haltung bewahrt hatten, der Tränen nicht erwehren. Fürsorglich halfen sie der Unglücklichen aus ihrem dumpfen Gefängnis. Sie selbst vermochte nichts zu sagen. Dicht neben der Falltür sank sie bewußtlos zusammen.

Es dauerte eine Weile, bis Dr. Renee, der sich wieder aufgerafft hatte, Jeannette ins Leben zurückrief.

»Wo sind die anderen Frauen, die hierher verschleppt wurden?« stieß Erwin erregt hervor, als das Mädchen die Augen öffnete.

Jeannette wies verzweifelt in die Tiefe.

»Sie sind alle tot! ... Alle ermordet oder »geopfert«, wie sie es hier nennen! ... Ungezählte Mädchen haben dort drunten bereits unter dem Messer des grausamen Unholdes Bandar ihr Leben gelassen! ... O, bitte, bitte bringt mich fort aus diesem entsetzlichen Bluthause und diesem unmenschlichen Lande ...!«

Sie hoben Jeannette unverzüglich auf und trugen sie hinaus. Die schwarze Portiere schloß lautlos ihre grauenbewahrenden Falten hinter ihnen.

Dann durcheilten sie den langen Gang, stiegen die Treppe empor, betraten das Springbrunnenzimmer und hofften bereits gerettet zu sein. Da bemerkten sie zu ihrem Schreck, daß das ganze Schloß erleuchtet war. Waffengeklirr hallte allenthalben. Eine Tür wurde weit aufgerissen. Mehrere bis an die Zähne bewaffnete Männer stürmten unter lauten Flüchen herein. An ihrer Spitze aber stand Afru!

Es war ein seltsamer Augenblick, als sich diese beiden, höchst ungleichen Menschenhaufen begegneten. Auf beiden Seiten erst unwillkürliches Erstarren, Zögern und Mustern des Gegners und dann ein gleichzeitiges wutentbranntes, rachegieriges Aufeinanderlosspringen.

Revolver krachten. Kostbare Gegenstände fielen laut klirrend zu Boden und kollerten über den Teppich. Mit einem röchelnden Schrei wahnwitzigen Hasses sprang Dr. Renee auf Afru zu und verkrallte seine Hände in dessen Hals. Sie wälzten sich auf dem Boden. Es war unmöglich, sie auseinanderzureißen. Sie hatten sich ineinander verbissen wie wilde Tiere.

Unterdessen wurden Erwin, Juffo und die beiden Frauen, trotz tapferster Gegenwehr von der Übermacht im Handumdrehen überwältigt und gefesselt. Als sie hinausgestoßen wurden, bemerkten sie noch wie der Doktor einen zu Boden gefallenen Dolch aufraffte und ihn Afru grausam lachend bis zum Heft ins Herz stieß. Dann schloß sich die Tür und trennte sie von dem entsetzlichen Schauspiel.

Sie wurden durch den Park nach dem Hauptpalast geführt, und zwar in denselben Saal, in dem sie einige Stunden zuvor dem Tanze Ivonnes zugeschaut hatten. Der Platz, an dem sie gesessen hatten, war von Akkad, Bandar und einigen finster blickenden Männern in weißen Gewändern besetzt. Vor den Stufen standen bereits schwer in Ketten geschlossen, Courton und Gorbunow. Letzterer trug eine blutige Binde um die todbleiche Stirn. Ein Beweis, daß der Russe sich nicht ohne Kampf den Häschern ergeben hatte.

»Wo ist Afru und der fremde Arzt?« herrschte Bandar die Krieger an.

»Afru ist tot!« antwortete einer der Männer. »Der Arzt hat ihn erstochen!«

Eine minutenlange Stille trat ein.

Bandars Gesicht wurde noch finsterer.

»Das werdet ihr büßen!« zischte er schließlich wütend. Dann gab er ein Zeichen. Ein Mann erhob sich und begann die Gefangenen zu verhören. Er bezichtigte sie des Landfriedensbruchs und eines feigen Raubversuchs. Sie sollten sich verteidigen.

Aber die sechs Europäer schwiegen. Es war, als sei in dieser furchtbaren Stunde ein unsichtbares Band des Einvernehmens um ihre Herzen geschlungen worden.

Plötzlich sprang Bandar auf.

»Daß ihr schweigt, beweist, daß ihr eure Schuld anerkennt! Ihr seid Mörder und Räuber! Ich, als der höchste Priester von Sukentala verlange Rache für das vergossene Blut unseres treuesten Dieners Afru! In deine Hände, Maharadscha, ist es gelegt, die Art des Todes, den diese Verbrecher sterben sollen, zu bestimmen!«

Alle Augen richteten sich nun auf Akkad, der bisher regungslos und erstarrt dagesessen und Ivonne mit seinen Blicken verschlungen hatte. Man sah, wie es in ihm kämpfte und daß es wohl selten einem Richter so schwer wurde, das Urteil zu fällen. Mehrere Male bewegte er seine Lippen, als wollte er etwas sagen. Aber niemand hörte auch nur das leiseste Wort!

Die Richter wurden ungeduldig. Ein alter Mann, mit wallendem weißen Bart und fanatischen, hageren Gesichtszügen sagte sogar ganz laut:

»Das Unglück lastet lange genug auf den Kindern von Sukentala. Es wird Zeit, daß Brahma ein großes Blutopfer erhält, damit die Schuld abgespült werde!«

Die anderen bekundeten murmelnd ihren Beifall.

Aber Akkad schwieg.

Da trat Bandar einen Schritt auf den Maharadscha zu, maß ihn mit verächtlichen Blicken und rief:

»Akkad! Wenn du zu schwach bist, Gerechtigkeit zu üben, so fällt dieses Amt nach uraltem Göttergesetz auf mich, den obersten Priester!«

Akkad zuckte zusammen. Noch immer hielten seine Blicke Ivonne umfangen, als hoffe er sie dadurch vor dem Unglück bewahren zu können. Und plötzlich füllten sich seine großen, tieftraurigen Knabenaugen mit Tränen. Er fühlte, daß er nichts tun konnte, daß er machtlos war und dem Willen dieses harten, unbarmherzigen Greises gehorchen mußte. Mit gesenktem Kopfe, als schäme er sich seiner Worte, flüsterte er tonlos:

»Bei Sonnenaufgang verbrennen ...!«

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