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Die Puppen des Maharadscha

Siegfried Bergengruen: Die Puppen des Maharadscha - Kapitel 17
Quellenangabe
authorSiegfried Bergengruen
titleDie Puppen des Maharadscha
publisherEden-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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16. Kapitel.
Ivonnes Tanz.

So unzufrieden Akkad anfangs über den unerwarteten Besuch gewesen war, ebenso angenehm sah er sich enttäuscht, als die Fremden sich ihm vorgestellt hatten. Es waren durchweg sehr liebenswürdige Männer, denen ausnahmsweise nichts von der eckigen, unnatürlichen Arroganz, die sonst Europäern im Umgang mit Fremdstämmigen eigen zu sein pflegt, anhaftete. So fand er denn auch keinen Grund, ihre Bitte, sich einige Zeit bei ihm aufhalten und in seinem Gebiet jagen zu dürfen, abschlägig zu beantworten, sondern ließ im Gegenteil einige luxuriöse Gemächer seines weitläufigen Palastes anweisen. Für den Abend aber bat er sie, sich im großen Prunksaal zu einem Feste, das er ihnen zu Ehren geben wollte, einzufinden.

Erwin und seine Kameraden waren mit dem Ergebnis dieser ersten Audienz aufs höchste zufrieden.

»Ich habe mir in der Person des Maharadscha alles andere vorgestellt als einen so freundlichen Jüngling mit so vollendeten europäischen Manieren,« gestand Erwin, nachdem sie ihre Gemächer bezogen und sich die Türen hinter den indischen Bedienten geschlossen hatten. »Man sollte es kaum für möglich halten, daß dieser überschlanke, knabenhafte Mensch mit den großen, verträumten Rehaugen ein so ausgepichter Don Juan oder gar Blaubart sein sollte. Ich fürchte vielmehr, daß er nur das Schutzschild irgendeiner anderen Person ist, die im Schatten seiner Macht allerlei Greueltaten verübt.«

»Auch mir ist dieser Gedanke gekommen,« antwortete Dr. Renee, während er sich daran machte, eine winzige Browningpistole auf das eingehendste nachzusehen. »Auf alle Fälle wird höchstwahrscheinlich das zu heute abend angesagte Fest eine willkommene Gelegenheit bieten, sich unter den Söhnen des Landes umzuschauen und aus ihrem Äußeren und ihrem Verhalten allerlei Schlüsse zu ziehen.«

Auch die anderen Herren machten sich nun daran, ihre Waffen nachzusehen, denn erstens mußte man in diesem geheimnisvollen Lande auf das Schlimmste gefaßt sein, und andererseits war es anzunehmen, daß die Befreiung Ivonnes nicht ohne Zwischenfall vonstatten gehen würde.

Der Abend kam und tiefblaue Dunkelheit senkte sich auf das Gandakdschungel und den von seinen grünen Wänden eingeschlossenen Rajapalast von Sukentala. Eintönig hallte der Ruf der schwerbewaffneten Wächter, die auf den breiten Mauern auf- und niedergingen, durch die Nacht und wurde nur zuweilen durch das langgezogene, blutdürstige Gebrüll beutesuchender Tiger, die in den nahen Bambusdickichten umherschlichen, überstimmt.

»Weh dem, der von hier fliehen muß ...!« sagte Courton leise. »Wer nicht von den Wächtern erschlagen wird, den zerreißen draußen im Dschungel die Tiger!«

Aber Gorbunow lachte.

»Wozu haben wir das Äro?!« meinte er sorglos. »Während ihr die Sache innen perfekt macht, klemm ich mich schon auf die Kiste und kurbele an. Nur hereinzuhupfen braucht ihr, und wir sausen los.«

Sein unverwüstlicher Humor rüttelte auch die anderen wieder auf. Sie waren sämtlich zum erstenmal in Indien und die schwüle, drückende Atmosphäre dieses Landes lastete auf ihnen wie ein Alp. Dazu taten der düstere Prunk der uralten Gemächer, das Gefühl, von aller zivilisierten Welt völlig abgeschnitten zu sein und die Ungewißheit der Situation das Ihre. Wenn sie wenigstens gewußt hätten, wie und wo Ivonne oder gar auch ihre Vorgängerinnen gefangen gehalten wurden. Womöglich befanden sie sich in nächster Nähe.

Etwa um die neunte Stunde nach europäischer Zeit erschien ein von Akkad entsandter Bote und bat die Herren, sich in den Festsaal begeben zu wollen. Durch eine lange Reihe schwach erhellter Säle und Gemächer schritten sie hinter dem lautlos und gespensterhaft vor ihnen hergleitenden Manne hin. Sie bedauerten, den Gang nicht langsamer machen zu können, denn aus dem Halbdunkel lockten so grotesk gestaltete Bildwerke, funkelten so seltsame Geräte und Waffen, daß sie nicht daran zweifelten, sich nach europäischen Begriffen inmitten einer Auslese hervorragender und unbezahlbarer Kunstwerke zu befinden.

Plötzlich sprang der Führer beiseite und schlug einen schweren Teppich, der am Ende der Zimmerflucht angebracht war, zurück. Strahlende Helle flutete ihnen blendend entgegen. An das Dämmer der durchschrittenen Gemächer gewöhnt, mußten sie im ersten Moment die Augen mit den Händen überschatten, um etwas sehen zu können.

Akkad selbst, seinen Gästen zu Ehren in einen Frack nach neuester Pariser Mode gekleidet, trat ihnen entgegen, um sie zu empfangen. Als einzigen indischen Schmuck trug er einen hellgelben Turban, der vorne durch eine riesengroße, über und über mit Smaragden besetzte goldene Schnalle zusammengehalten wurde und die braune, südländische Färbung seines schmalen, schwermütigen Gesichtes besonders betonte.

»Seien Sie mir willkommen ...!« sagte er in tadellosem Englisch und schüttelte ihnen der Reihe nach die Hand. »Sie werden entschuldigen, wenn das, was Ihnen hier heute geboten wird, im allgemeinen nicht mit den Vorführungen und Genüssen Ihrer Heimat wettstreiten kann. Nur bei einer einzigen Programmnummer bin ich davon überzeugt, daß Sie selbst in Paris nichts Entsprechendes finden werden und verspare sie darum als besondere Überraschung bis zum Ende des Festes.«

Sie ließen sich auf einer Anhäufung von Polstern und Kissen rings um den Maharadscha nieder. Dieser Platz war erhöht gebaut, so daß sie die übrige Festgesellschaft, die aus zahlreichen buntgekleideten Männern und Frauen bestand, bequem übersehen konnten, ohne mit ihr direkt in Berührung zu kommen. Nur ein einziger Mann, den ihnen der Maharadscha als den Priester Bandar vorstellte, nahm neben ihnen Platz.

Der Maharadscha klatschte in die Hände. Gleichzeitig wurde es mit einem Schlage fast ganz dunkel. Nur um eine in der Mitte des Raumes ausgesparte, teppichbelegte Kreisfläche brannte ein Kranz fahler Flämmchen.

Was nun folgte, war zu mannigfaltig, um hier im einzelnen beschrieben zu werden. Jedenfalls glaubten sich die fünf Männer aus der Welt der Realitäten in ein zauberhaftes Land der Märchen und Träume versetzt. Schwerttänzer, Feuerfresser und Magier lösten einander ab. Fakire durchbohrten sich die Glieder mit glühenden Nadeln und wälzten sich auf haarscharfen Klingen und Dolchspitzen umher. Schlangenbeschwörer entlockten dünnen Flöten schwermütige Töne und lenkten dadurch die Bewegungen giftiger Kobras. Ein Rudel gertenschlanker, rehbrauner Mädchen führte einen wilden Reigen auf, der sich schließlich zu einer sinnlosen Raserei steigerte. Je nach Bedarf flackerten rings um die improvisierte Bühne rote, blaue oder grüne Brände auf und tauchten die auftretenden Gestalten in ein geheimnisvolles Licht.

Niemand hätte genau angeben können, wie lange dieser Zyklus der Ekstase und Hexerei dauerte. Als es endlich wieder hell wurde, waren die fünf Europäer wie betäubt. Akkad bemerkte diesen Zustand und winkte einigen Sklavinnen. Sie verschwanden hinter einem Vorhang und tauchten gleich darauf mit großen Tabletts auf, die mit köstlichen Delikatessen, Wein und Früchten besetzt waren. Etliche Gläser echten französischen Schaumweins, verbunden mit dem Genuß von Hummermayonnaise, Kaviarbrötchen und Lachs vermittelten wieder das Verständnis für Wirklichkeit und irdische Genüsse.

Nachdem sie sich gestärkt hatten, klatschte der Maharadscha wieder in die Hände. Zum zweitenmal versank der Saal in einem Meer von Dunkelheit. Atemlose Stille erfüllte den Raum. Selbst die Männer wurden von der allgemeinen Spannung bezwungen und hörten, wie ihre Herzen aufgeregt pochten.

Und da trat im schillernden Gewand einer Bajadere ein europäisches Weib ein. Die Gestalt von ebenmäßiger, unvergleichlicher Schlankheit, die Beine wunderschön geformt und die Haut von jener marmorweißen, durchsichtigen Blässe, wie man sie zuweilen auf den Frauenbildnissen italienischer Renaissancemaler bewundert. Langsam, ganz langsam glitt sie mehr und mehr in das begrenzte Lichtreich des Flammenkranzes hinein. Die Schatten des schwarzen Hintergrundes sanken einer nach dem anderen von ihrem Körper wie düstere Schleier, bis urplötzlich auch das Gesicht, der Mund, die Augen, das Haar aus dem Dunkel aufschimmerten und den Blicken der Allgemeinheit zugänglich wurden.

»Ivonne ...!«

Fast hätte Erwin diesen Namen laut herausgebrüllt. Aber Francois, der vom ersten Augenblick an gewußt hatte, daß nur sie es sein konnte, schon als Akkad seine Andeutungen über die letzte Programmnummer machte, packte ihn so fest und warnend am Arm, daß er sich in letzter Minute besann und schwieg. »Ivonne,« flüsterte er nun nur ganz leise und sich selbst verständlich, »liebe, liebe Ivonne ..., du lebst!?«

Unterdessen hatte eine dumpfe, aufreizende Musik eingesetzt. Kesselpauken, Flöten und irgendein rauschendes Saiteninstrument. Anfangs gemessen und beherrscht im Tempo steigerten sich die Melodien nach und nach zu einer förmlichen Orgie sich überstürzender Töne und einander hetzender Rhythmen.

Ivonne aber tanzte!

Ihr altes Künstlerblut, das ihr, bevor sie sich mit Erwin verheiratete zu einer ansehnlichen Reihe bemerkenswerter Erfolge verholfen hatte, schäumte wild auf. Auch die Umgebung war durchaus dazu geeignet, in ihr jene Stimmung hochzupeitschen, die sie brauchte, um faszinierend tanzen zu können. Sie fühlte förmlich, wie sie nach und nach all diese Männer und Frauen, die sie regungslos und erstarrt gleich einer braunen Mauer umgaben, in ihren Bann zog, wie allmählich jede ihrer Bewegungen, jedes tolle Aufjauchzen ihres Temperaments in den Herzen der Zuschauer einen bebenden Resonanzboden fand. Das Abenteuerliche der Situation, die Unsicherheit der Zukunft und die Gewißheit versetzte Ivonne schließlich in einen derartigen Taumelzustand, daß sie nicht mehr zu erkennen vermochte, was rings geschah. Sie tanzte nur ..., tanzte, tanzte ... ohne Aufhören, schneller und schneller, von einem verzweifelten Gefühlswirbel getrieben und sah zuweilen das bleiche Gesicht Erwins verzerrt aus dem Dunkel des Raumes dicht neben der blendenden Hemdbrust und dem hellgelben Turban Akkads auftauchen.

Plötzlich brach sie zusammen!

Dr. Renee sprang auf und eilte zu ihr hinab. Erwin wollte folgen, aber Francois und Gorbunow hielten ihn zurück. Er hätte sich zu leicht durch seine Erregung verraten. Renee dagegen war Arzt und daher seine Teilnahme erklärlich.

Auch der Maharadscha erhob sich. Bevor er aber selbst hinunterging, wandte er sich noch einmal an seine Gäste.

»Wie hat es Ihnen gefallen?«

»Fabelhaft!« antwortete Courton für die anderen. »Übrigens kam mir diese Frau sehr bekannt vor. Wenn ich nicht irre, habe ich sie bereits vor einiger Zeit irgendwo in Südfrankreich auftreten sehen!?«

Der Maharadscha lächelte geschmeichelt.

»Das könnte stimmen. Sie war Tänzerin in Marseille.«

»Und heißt?«

»Ivonne Martinet!«

»Die Martinet!? – Daß ich nicht gleich darauf kam! Sie ist einer der beliebtesten Stars von Europa!«

Courton bemerkte, daß der Doktor Ivonne ins Leben zurückgerufen hatte und daß sie sich leise verständigten. Es konnte also nur von Nutzen sein, wenn er den Maharadscha noch etwas aufhielt.

»Wie aber sind Durchlaucht in den Besitz dieser wirklich einzigartigen Künstlerin gekommen?«

»Wie?« Der Maharadscha lächelte wieder. Dann trat er ganz dicht an Francois heran und flüsterte ihm ins Ohr:

»Ich habe sie mir rauben lassen!«

»Rauben lassen? – Das finde ich einfach kolossal! Das ist direkt romantisch! Ich bewundere Durchlaucht um diese Idee!«

Ivonne war aufgestanden und schwankte am Arm des Doktors unter den nicht endenwollenden Beifallsstürmen des versammelten Volkes hinaus. Der Maharadscha folgte ihnen eilig.

Mittlerweile war das Licht aufgeflammt und die Leute machten sich daran, den Saal zu verlassen. Gorbunow versuchte Bandar in ein Gespräch zu ziehen, was ihm aber nicht gelang. Courton und Gerardi tauschten flüsternd ihre Mutmaßungen aus.

Dann kamen der Maharadscha und der Doktor wieder zurück. Sie unterhielten sich lebhaft über den Gesundheitszustand Ivonnes.

»... wie gesagt, Durchlaucht: möglichst wenig innere Erregung, zuweilen etwas Rotwein und vor allem Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe! Die Nerven sind etwas stark mitgenommen und das Herz dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Aber in ein bis zwei Wochen kann sich natürlich das alles längst wieder gegeben haben!«

»Ich danke Ihnen, Doktor. Wenn Ihre Zeit es erlaubt, bitte ich Sie, morgen noch einmal bei der Patientin vorsprechen zu wollen!«

Dr. Renee verneigte sich tief.

»Ich werde Durchlaucht gern diesen Wunsch erfüllen und freue mich, auf diese Weise meinen Dank für die uns erwiesene Gastfreundschaft abstatten zu können.«

Noch eine Weile standen die Männer beieinander. Courton äußerte lebhaftes Entzücken über die indischen Tänzerinnen. Er hatte selten so tadellos geformte Frauenkörper gesehen.

Der Maharadscha blinzelte ihm schalkhaft zu.

»Welche gefällt Ihnen am besten?«

»Die Große am linken Flügel mit den roten Blüten im Haar.«

»Sie gehört von heute ab – Ihnen!«

»Aber Durchlaucht ...?«

»Oh, bitte, keine Ursache. – Das ist hier nun mal Landessitte. Man schenkt seinen Gästen die Sklavin, die ihnen am besten gefällt. Morgen früh wird sie sich Ihnen vorstellen.«

Man verabschiedete sich in der heitersten Stimmung. Courton konnte sein »Glück« noch immer nicht fassen, worüber der Maharadscha sich aufs beste amüsierte. Für den nächsten Tag wurde eine gemeinsame Tigerjagd in dem Gandakdschungel verabredet. In scheinbar bestem Einvernehmen trennten sich dann die Männer voneinander.

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