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Die Puppen des Maharadscha

Siegfried Bergengruen: Die Puppen des Maharadscha - Kapitel 12
Quellenangabe
authorSiegfried Bergengruen
titleDie Puppen des Maharadscha
publisherEden-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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11. Kapitel.
Aufregende Stunden.

Erwin Gerardi träumte, er fahre auf einem tadellosen Salondampfer des Hamburger Lloyds über See. Neben ihm saß Jeannette und drehte den Ring des Rithnar zwischen den Fingern. Dann plötzlich schlug eine gewaltige, dunkelgrüne Woge über das Deck und riß das Mädchen fort. Gleichzeitig erdröhnte ein raschelndes Geräusch, das immer mehr anwuchs. Sanjo Afru erschien wie aus dem Boden gewachsen neben ihm und legte ihm eine riesengroße Faust auf die Schulter. Dabei schrie er immerzu: Erwach doch! Erwach doch!

Erwin schlug die Augen auf.

Über dem Bett brannte eine dunkelblaue Ampel. Ivonne rüttelte ihn.

»Erwach doch! Erwach doch! Das Telephon klingelt ununterbrochen. Schon eine ganze Weile!«

Es dauerte einige Sekunden bis Erwin Wirklichkeit und Traum voneinander zu scheiden vermochte. Das Telephon ...? Jetzt in der Nacht? Wieviel war es überhaupt? – Über drei Uhr! Wer mochte das sein?!

»Nimm den Hörer, so wirst du's erfahren!« sagte Ivonne lakonisch und kuschelte sich wieder behaglich in die seidenen Kissen.

Erwin tat, wie ihm geraten wurde.

»Hier ... Gerardi ...!«

»Hier Antoine.«

»Freut mich. Was wollen Sie zu dieser nachtschlafenden Zeit ...?«

»Jeannette ist geraubt und wird allem Anschein nach im schwarzen Koffer nach Marseille geführt!«

»Und Juffo?«

»War in sein Zimmer eingeschlossen worden, ist aber trotzdem entkommen und hat mir die Nachricht gebracht.«

»Donnerwetter!«

»Am Nachmittage, bevor dies alles geschah, hat Jeannette in einem Geheimfach ihres Kleiderschrankes einige Briefe und Schmucksachen gefunden, denen ein Zettel von Elise Renee beilag, in dem diese ihre Nachfolgerinnen warnt und Renee grüßen läßt!«

»Hat Juffo die Dokumente in Händen?«

»Nein. Jeannette schloß sie der Sicherheit halber wieder in das Geheimfach zurück.«

»Das ist bedauerlich. – Trotzdem glaube ich, werden diese Nachrichten genügen, um Afru verhaften und sein Haus sowie den Koffer polizeilich durchsuchen zu lassen!«

»Das ist auch meine Ansicht.«

»Schön. – Ich werde sofort zur Präfektur fahren und alles Notwendige veranlassen. Sie bewachen die Villa nach wie vor aufs schärfste!«

Erwin sprang aus dem Bett. Mit einem Schlage war die Müdigkeit fort. Er fühlte eine heftige Erregung, die in den noch schlaftrunkenen Gliedern ein leises Leben erzeugte.

»Was gibt's« fragte Ivonne, die ihrem Manne ansah, daß sich etwas Besonderes ereignet haben mußte. »Warum willst du jetzt in der Nacht auf die Polizei?«

Erwin erzählte, während er sich hastig ankleidete, was ihm Antoine berichtet hatte.

»Glaubst du, daß das wahr ist?«

»Natürlich!« – Erwin war ziemlich erstaunt, daß seine Frau noch zweifeln konnte. »Warum sollte es denn nicht wahr sein?«

»Weil ich mir nicht denken kann, daß Afru, wenn er schon wirklich ein Verbrecher ist, so leicht gefaßt werden könnte!«

»Jeder Krug geht so lang zu Wasser, bis er bricht! – Im übrigen dauert die ganze Affäre schon lange genug, und man kann nicht wissen, wieviel Opfer Jeannette und Elise Renee vorausgegangen sind. – Schließlich werden wir ja sehen, wenn der Koffer geöffnet ist!«

Der alte Diener Louis, den Erwin wie so manches von Doufrais übernommen hatte, brachte Mantel, Hut und Handschuhe. Unter dem Fenster schütterte verschlafen das Auto. Der große Wolfshund Jim, ein Geburtstagsgeschenk Erwins an Ivonne, begann durch den zu dieser nächtlichen Stunde ungewohnten Lärm in Aufregung versetzt, laut zu bellen.

Erwin küßte seine Frau auf den Mund und begab sich nach unten.

»Hoffentlich geht nur alles gut!« rief sie, nun doch ängstlich geworden, hinter ihm her.

Marseille schlief noch.

Am Prado brannten vereinzelte Laternen. Nirgends war ein Fußgänger zu sehen und nur einige verspätete Automobile glitten gespensterhaft durch das Dunkel. An den Kreuzungen standen die Nachtpolizisten mit hochgeschlagenen Mantelkragen und herabgezogenen Käppis, wobei man den Eindruck hatte, daß sie im Stehen schliefen.

Am Place Castellane schaukelte vor der Präfektur hoch in der Luft, von dem heftigen Herbststurm in ununterbrochene Pendelbewegungen versetzt, eine grelle, etwas rötliche Bogenlampe. Zwei Posten traten auf das haltende Auto zu. Sie erkannten sofort Gerardi, der durch seine finanziellen Erfolge stadtbekannt geworden war, salutierten achtungsvoll und geleiteten ihn in das plump und schwarz daliegende Gebäude.

Mit ein paar Worten erklärte er dem wachhabenden Offizier den Grund seines Besuchs und bat, den Präfekten persönlich sprechen zu dürfen.

»Einen Augenblick!«

Der Offizier klirrte hinaus, und Erwin hörte in einem Nebenzimmer das Gerassel des Telephons. Er war ganz sicher, daß er selbst zu dieser Stunde vorgelassen werden würde, denn er hatte den Präfekten bereits vor einer Woche über die Sachlage orientiert.

Da kam auch schon der Offizier zurück.

»Seine Exzellenz bitten den Herrn, eine Viertelstunde warten zu wollen.«

»Danke.«

Erwin nahm in einem Ledersessel Platz und freute sich, als ihm eine Ordonnanz auf Anordnung des Präfekten ein großes Glas Glühwein und einige Keks servierte.

Es begann leicht zu dämmern, als der Polizeigewaltige eintrat. Ein leichter Duft von Eau de Cologne umgab ihn. In seinem Gesicht war nichts von Müdigkeit zu bemerken. Diesem Manne war es zur zweiten Natur geworden, jeden Augenblick auf dem Sprung sein zu müssen.

Er schüttelte Erwin liebenswürdig die Hand, bot ihm eine Zigarre an und ließ sich dann ebenfalls nieder.

»Es muß sich etwas Außergewöhnliches ereignet haben, daß Sie mich zu dieser Zeit aufsuchen!« sagte er und sah seinen Gast gespannt an.

Als er alles gehört hatte, drückte er auf einen Knopf und befahl dem eintretenden Wachtmeister, ein Gespräch nach Paris anzumelden.

»Ich werde sofort eine Durchsuchung der Villa anordnen,« erklärte er Erwin. »Erst wenn sich dabei belastendes Material finden sollte, kann zu einer Verhaftung des Inders geschritten werden, hier in Marseille läßt sich vorläufig natürlich nichts anderes unternehmen, als die genaue Zollkontrolle des Koffers polizeilich zu überwachen.«

»Ich glaube, das wird genügen!« antwortete Erwin befriedigt und erhob sich. »Ich für meinen Teil werde dafür sorgen, daß jeder Schritt, den Afru und seine Leute unternehmen, bis zu ihrer Verhaftung beobachtet bleibt.«

Er fuhr von der Präfektur direkt zu Dr. Renee, um alles Notwendige zu besprechen, und holte unterwegs den Detektiv Henri Lessot ab.

Unterdessen brauste das Automobil Afrus mit großer Geschwindigkeit die Straße Paris–Nevers in südlicher Richtung entlang. Es war mit vier Männern besetzt, deren zwei vorne am Steuer und zwei im Innern des Wagens neben dem mysteriösen Koffer Platz genommen hatten. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Aber auch keiner schloß auch nur eine Minute, von der regendurchströmten Dunkelheit übermannt, die Augen. Wie vier schlanke, wachsame Panther hockten sie, ein wenig gebückt, in dem Auto und versuchten, die Finsternis mit der Kraft ihrer lauernden Blicke zu durchbohren.

Bei Anbruch des Tages erreichten sie die Stadt Briare und überquerten den Loirestrom. Von grauen Nebelschwaden überwallt, lag vor ihnen die wellige Ebene des Departements Cher. Der Regen begann nachzulassen, und im Osten sah man ein Stückchen klaren Himmels.

In diesem Augenblick bemerkte einer der Inder einen Motorradfahrer, der ebenfalls das Städtchen Briare verließ und in einem Abstand von etwa fünfhundert Meter hinter ihnen herfuhr.

Es fiel auf, daß dieses Motorrad – obgleich es ihm hätte leicht werden müssen – nicht die geringsten Anstalten machte, das nur verhältnismäßig langsam fahrende Auto zu überholen.

»Jen-Tsu-Tai! Ein Spion verfolgt uns!« sagte einer der Männer zum Chauffeur.

Der lachte kurz und heiser. Gleich darauf verstärkte sich das Dröhnen der Maschine, schwoll an wie der Ton einer tiefen Orgelpfeife und erfüllte den ganzen Wagen mit donnerndem Beben.

Das Zünglein am Tachometer schlug stark aus und begann dann hurtig an der Zahlenskala emporzuklettern. 70, 80, 90, 95, 100 Kilometer! Auch der Motorradfahrer hatte Tempo zugelegt und versuchte zu verhindern, daß der Abstand größer wurde.

Eine ganze Weile rollten die beiden Maschinen, die kleine und die große, in solcher Geschwindigkeit dahin, ohne daß es sich herausgestellt hätte, welche der anderen überlegen wäre. Dann hinter der Stadt Lancerre steigerte das Automobil seine Fahrt um 25 Kilometer. Gleichzeitig streute einer der Inder eine handvoll scharfer Stahlnägel auf die Chausseesteine.

Zwei Minuten später knallte es unter dem nun ebenfalls mit Vollgas dahinrasenden Motorrad laut wie ein Gewehrschuß. Der Chauffeur sprang ab und stellte fluchend fest, daß beide Reifen durch tiefe Risse beschädigt waren. Die Reparatur konnte einige Stunden in Anspruch nehmen!

Kurz vor Mittag rasteten die Inder, nun von keinem Verfolger mehr belästigt, in St. Etienne. Jen-Tsu-Tai ließ sich mit der Villa Afrus verbinden, um über das Erlebnis mit dem Motorradfahrer zu berichten und eventuelle Aufträge entgegenzunehmen. Allein er erhielt aus Versailles keine Antwort. Die Zentrale teilte ihm mit, einigen anderen Anrufern sei es ebenso gegangen, so daß es den Anschein habe, in der Villa sei niemand zu Hause.

Jen-Tsu-Tai wußte, daß diese Mutmaßung nicht der Wirklichkeit entsprechen konnte, da unter normalen Umständen immer jemand im Telephonzimmer Afrus Dienst hatte. Gleichzeitig bestärkte auch das seltsame Verhalten des Motorradfahrers seinen Verdacht, irgend etwas Besonderes müsse vorgefallen sein. Er beschloß daher, seinen Weg, statt wie gewöhnlich über Avignon, diesesmal über das Städtchen Nimes zu nehmen, wo für alle Fälle noch ein Wagen untergestellt war, der dem augenblicklich unterwegs befindlichen absolut gleichsah. Dort hoffte er auch Befehle Afrus vorzufinden. – All diese Vorsichtsmaßregeln waren schon von früher her verabredet, um sich gegebenenfalls unliebsamen Beobachtungen fremder Elemente mühelos entziehen zu können.

Der Weg über das Sevennengebirge war durch den anhaltenden Regen der letzten Tage derart schlecht geworden, daß das Auto nur sehr langsam vorwärts kam und erst bei Anbruch der Dunkelheit in Nimes eintraf. Ganz wie der Chinese vermutet hatte, fand sich dort beim Garagenwächter ein für ihn bestimmtes Telegramm aus Versailles. Es hatte folgenden Wortlaut:

»Ohne Aufenthalt Koffer nach Cette weitertransportieren. Dort Motorjacht mieten und nach Bonifazio auf Korsika überführen, wo Viktor Emanuele anlegen wird. Größte Vorsicht geboten! Sanjo.«

Jen-Tsu-Tai pfiff leise durch die Zähne, dachte einen Augenblick nach und befahl dann dem Wächter, den Reservewagen herauszuführen. Dieser Wagen unterschied sich in nichts von dem aus Paris angekommenen, denn auch in seinem Inneren stand ein schwarzer, umfangreicher Koffer, dessen ansehnliches Gewicht darauf hinwies, daß er ebenfalls vollgepackt sei.

Die Mannschaft wurde so verteilt, daß der Garagenwächter und zwei indische Diener auf dem Reservewagen nach Marseille fuhren, während Jen-Tsu-Tai mit dem dritten Inder den Weg nach der Hafenstadt Cette einschlugen.

*

Der Antrag des Marseiller Präfekten, die Villa Afru in Versailles zu durchsuchen, war in den Morgenstunden im Pariser Polizeipräsidium eingelaufen. Bald darauf meldete sich ein Kriminalkommissar im Häuschen Antoines und bat um dessen Mitwirkung. Um Mittag war das fragliche Grundstück von allen Seiten umstellt und der Kommissar läutete am Torweg.

Es dauerte eine Weile, bis sich jemand zeigte, und als dies endlich geschah, konnte der indische Wächter erst nach langen Erklärungen und Drohungen dazu bewogen werden, die Türen zu öffnen.

»Wo ist Sanjo Afru?« herrschte ihn Antoine an.

»Mein Herr schläft,« antwortete der Inder, ohne sich zu rühren.

»Wir werden ihn wecken!«

Die Polizisten verteilten sich über das ganze Haus. Der Kommissar blieb im Erdgeschoß, um sich Afrus zu versichern, während Antoine und Juffo nach oben stürmten, um das Geheimfach zu durchsuchen und die Papiere in Sicherheit zu bringen.

Als sie jedoch das Schlafzimmer betraten, stieß der Italiener einen Ruf des Erstaunens aus.

»Was gibt es?« erkundigte sich Antoine befremdet.

»Die Möbel sind vollständig umgestellt worden und das Gepäck Jeannettes ist fort!«

»Ist der Schrank noch vorhanden?«

»Er steht in jener Ecke.«

Da der Schlüssel abgezogen war, brachen sie ohne Umstände die Türflügel auf. Der Schrank war leer. Nach einigem Suchen und mit Hilfe einer Blendlaterne fanden sie das Geheimfach, öffneten es in der von Jeannette beschriebenen Weise und stießen einen Fluch der Enttäuschung aus.

Jemand anderes war ihnen zuvorgekommen und hatte das Fach ausgeräumt!

Wütend gingen sie hinunter.

Dort saß der Kriminalkommissar bereits Afru gegenüber und unterwarf ihn einem Kreuzverhör. Antoine glaubte, als er und Juffo hinzutraten ein grausames, schadenfrohes Lächeln über das Gesicht des Inders huschen zu sehen.

»Wo ist die Gräfin d'Avricourt?« fragte der Kommissar.

»Ich weiß es nicht.«

»Wann haben Sie die Gräfin zum letztenmal gesehen?«

»Gestern abend gelegentlich des hier in diesen Räumen abgehaltenen Festes. Als das Fest zu Ende war, ließ die Gräfin ihr Auto vorfahren und entfernte sich gleichzeitig mit meinen Gästen.«

»Aus welchem Grunde mag sie das wohl getan haben, da sie doch seit geraumer Zeit hier bei Ihnen im Hause wohnt.«

»Oh, das weiß ich nicht. Frauen sind immer unberechenbar. Aber es waren etliche sehr schöne und interessante Männer anwesend, so daß ...«

»Wo sind die Sachen der Gräfin?« unterbrach Antoine diese recht spöttisch hervorgebrachte und nicht mißzuverstehende Andeutung des Inders.

»Die Sachen? – Die hat die Gräfin natürlich mitgenommen. Sie muß vorher die Absicht gehabt haben, zu verreisen, denn als ich meine Diener hinaufschickte, stand bereits alles in Koffer verpackt und fertig zum Abtransport.«

Der Kommissar wandte sich an Juffo.

»Ist es möglich, daß die Gräfin ihre Sachen bereits gestern vor dem Fest gepackt hat?«

Juffo nickte kleinlaut.

»Gewiß wäre es möglich. Jeannette hatte ja sowieso die Absicht, in der Nacht zu fliehen und mag sich daher in jeder Weise darauf vorbereitet haben.«

Ein etwas peinliches Schweigen entstand.

Plötzlich sagte Afru:

»Übrigens wird es die Herren vielleicht interessieren und gleichzeitig auch günstig für die Klärung dieses Zwischenfalles sein, daß ich gestern den Eindruck hatte, die Gräfin habe – na, sagen wir –, einen kleinen geistigen Defekt!«

Obgleich Antoine genau wußte, daß Afru nun eine Lüge vorbringen werde, um den Verdacht von sich abzuwälzen, fragte er doch:

»Worin bestand dieser ... Defekt?«

»Die Gräfin geriet, nachdem sie etwas Champagner zu sich genommen hatte, in einen Zustand merkwürdiger Hysterie. Sie erklärte ganz laut, ich sei ein Mädchenhändler und habe vor ihr bereits eine gewisse Frau Renee, die mir allerdings auch bekannt ist, eingekerkert und verschleppt. Den Beweis dafür wollte sie in einem Geheimfach ihres Kleiderschrankes in Form eines Briefes und etlicher Schmucksachen gefunden haben.«

»Wo ist dieser Brief?« warf nun der Kommissar mit scharfer und drohender Stimme dazwischen und hoffte den Inder auf diese Weise aus dem Konzept zu bringen.

»Ich sagte Ihnen doch, daß es sich um eine Art Hysterie oder Verfolgungswahn gehandelt haben muß, denn als wir heute morgen beim Umkramen des Schlafzimmers jenes Geheimfach untersuchten, war es leer. Auch diese beiden Herren,« er wies auf Juffo und Antoine, »werden das bestätigen können!«

In diesem Augenblick stürzte Juffo außer sich vor Wut mit geballten Fäusten auf den Inder los und schrie:

»Sie sind ein Lügner und Mörder! Sie selbst haben das Fach ausgeräumt, um die Spur zu verwischen! Sie selbst ..«

Er wollte auf den Mann einschlagen, wurde aber von Antoine zurückgerissen. Afru hatte sich während dieser ganzen Szene nicht gerührt. Nur ein merkwürdig trauriges Lächeln umspielte seine schmalen Lippen, als er weich und ruhig sagte:

»Warum beleidigen Sie mich so? – Ihnen ist in meinem Hause nur Gutes widerfahren!«

»Aus ›Güte‹ schlossen Sie mich wohl auch ein, während Jeannette geknebelt und in den Koffer eingeschlossen wurde?!« stöhnte Juffo entrüstet.

»Dahin läuft also Ihr Verdacht hinaus, meine Herren!« rief Afru mit etwas erhobener Stimme und nicht ohne Ironie. »Dahin!? – Nun, ich stelle es Ihnen frei, obgleich Sie vorläufig nicht die geringste gesetzliche Berechtigung dazu haben, mich heute im Polizeigewahrsam zu behalten, und unterdessen den Koffer in der Villa meines Freundes Gerardi, wohin er gebracht worden ist, zu untersuchen. Allerdings wäre ich zu jeder Wette bereit, daß Sie darin nur Puppen finden werden! – Und die habe nicht ich eingeschlossen, sondern Ihre Herrin selbst, die sich scheinbar auf ihren weiteren Reisen nicht mehr von Ihnen beobachtet sehen wollte!«

Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Polizeikommissar erhob sich sogleich und murmelte einige Entschuldigungen. Juffo war wie entgeistert und konnte nur mit Mühe veranlaßt werden, die Villa zu verlassen. Selbst Antoine war derart verblüfft über die Gewandtheit des Inders, daß er sich, ohne einen Widerspruch zu wagen, entfernte. Der erste Anschlag war glänzend ins Wasser gefallen.

Am Abend desselben Tages, aber später als sonst, traf die Limousine mit dem ausgewechselten Koffer in der Villa Gerardi ein. Sowohl Erwin als auch Renee hatten gefürchtet, die Inder hätten irgendwie Lunte gerochen und noch im letzten Augenblick ihre Route geändert. Um so erfreuter waren sie also, als der Wagen schließlich doch vor dem Parktor erschien und gleich darauf in den Hof einfuhr.

»Diesesmal soll uns nichts daran hindern, das Geheimnis zu enträtseln!« erklärte der Doktor und rieb sich erwartungsvoll die Hände. – Er ahnte nicht, daß der richtige Koffer längst in der Hafenstadt Cette angelangt war, und daß der Chinese Jen-Tsu-Tai dort bereits mit einem Motorjachtbesitzer unterhandelte, der ihn und das Gepäckstück bei eingetretener Dunkelheit auf seinem Fahrzeug sicher durch die Kette der französischen Zoll- und Polizeidampfer hindurchschmuggeln und nach Bonifacio bringen sollte.

»Ich biete Ihnen fünfzigtausend Franken, wenn Sie die Sache übernehmen!« sagte Jen-Tsu-Tai zum Kapitän und legte, listig mit den schmalen Äuglein zwinkernd, ein Scheckbuch auf den rohen Brettertisch, der in einer Ecke des Bootshauses angebracht war.

Fünfzigtausend Franken war kein Pappenstiel, aber der Kapitän hatte Angst vor den verflucht scharfen Spürnasen der Seepolizisten, die mit gelöschten Lichtern draußen vor dem Hafen lagen und die ein- und auslaufenden Fahrzeuge belauerten.

»Ich kann nicht,« sagte er daher betrübt. »Ich kann nicht! Wenn wir gekappt werden, bin ich ein ruinierter Mann!«

Jen-Tsu-Tai ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und sein Lächeln blieb stereotyp.

»Siebzigtausend Franken!« sagte er freundlich.

Dem Kapitän trat der Schweiß auf die Stirn. Innerlich wand er sich in Krämpfen. Für eine Fahrt siebzigtausend Franken! Soviel verdiente er sonst, wenn es gut ging, in einem Jahr. Aber er zögerte noch immer.

»Kaufen Sie das Schiff!« schlug er schließlich vor. »Wenn wir in Bonifacio angelangt sind und der Koffer an Bord ist, machen wir das Geschäft wieder rückgängig!«

Dieser Mann war gar nicht dumm. Denn, wenn er nur als angestellter Kapitän fungierte, Jen-Tsu-Tai aber Besitzer und selbst an Bord anwesend war, fiel auch die ganze Verantwortung auf die Schultern des Chinesen.

»Wieviel würden Sie verlangen, wenn ich auf Ihren letzten Vorschlag einginge?« erkundigte sich Jen-Tsu-Tai.

»Hunderttausend Franken! – Den Wert der Jacht könnten Sie dann gleich beim Notar, den wir gleich zur Erledigung der Formalitäten aufsuchen wollen, deponieren.«

Es blieb dem Chinesen nichts anderes übrig, als einzuschlagen. – Nach Verlauf einer Stunde sah er sich bereits im Besitze einer Motorjacht und veranlaßte die Verfrachtung des schwarzen Koffers. – Als die Dunkelheit ihre violetten Schatten über den Golf von Lion gebreitet hatte, und nur noch die Strahlenbündel der Leuchtfeuer in bestimmten Abständen am Horizont aufzuckten, lichtete das kleine Schiff lautlos seine Anker und glitt langsam und geheimnisvoll in die Nacht hinaus.

*

Es war zu Ivonnes Freude beschlossen worden, daß Erwin Gerardi der polizeilichen Kontrolle des Koffers nicht beiwohnen sollte. Afru durfte unter keinen Umständen auf den Gedanken kommen, daß diese Maßnahmen etwa von Gerardi veranlaßt waren. Nur Lessot und Renee begaben sich daher in der Frühe des nächsten Morgens mit zwei Kriminalbeamten in das Zollrevier, neben dem der Indiendampfer »Viktor Emanuele« verankert lag.

Die Nachricht von der Durchsuchung, sowie dem Verschwinden Jeannettes hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet. Sogar der Kapitän des Indienfahrers, ein hagerer, unsympathisch aussehender Mensch mit schwarzen, stechenden Augen und einer großen Hakennase kam hinzu, um dieser Sensation beizuwohnen. Mit einem spöttischen Lächeln um den dünnen, bartlosen Mund, die Hände in den Taschen vergraben, stand er dabei und wartete, bis einer der Inder das komplizierte Schloß geöffnet hatte.

Gerade als der Mann den Deckel aufschloß, ertönte aus der um den Zollhof versammelten Menschenmenge ein dumpfes Gemurmel, das die Beamten einen Augenblick zögern ließ, um den Grund dieser plötzlichen Bewegung festzustellen. – Ein Auto fuhr vor – und diesem Auto entstieg, ruhig und lächelnd, er, gegen den sich dieses ganze Unternehmen richtete – – Afru!

Ohne die Menschen zu beachten, ging er auf den diensttuenden Zollinspektor zu, legitimierte sich und bat dann freundlich, um seinetwillen in der Erledigung der Formalitäten keine Störung eintreten zu lassen.

Zwei Beamte öffneten den Deckel des Koffers. Er war gepolstert. Darunter wurde eine reichgestickte, rote Sammetdecke sichtbar. Afru trat hinzu und zog sie mit einem Ruck fort. Und da lag vor den erstaunten, enttäuschten und doch wieder bewundernden Blicken der Menschen eine künstlerisch gearbeitete, lebensgroße Puppe.

»Genügt das?« fragte Afru höflich.

Der Inspektor nickte.

»Selbstverständlich! – wir wußten ja überdies, daß der Koffer auch diesesmal nur Puppen enthalten würde, da die Kontrolle noch nie etwas anderes ergeben hat. Aber diese Herren ...« er wies auf Lessot und Renee, »... schienen daran zu zweifeln und wünschten, daß die Kontrolle diesesmal unter Assistenz der Polizei vorgenommen würde!«

Afru lächelte.

»Die Herren halten mich für einen Mörder!« sagte er ruhig, Renee dabei fest in die Augen blickend. »Aber sie haben sich getäuscht. Diese Hände haben noch nie einen Tropfen Blutes vergossen!«

Diese Worte sprach er so nachdrucksvoll und überzeugend, daß es in der ganzen Runde wohl keinen Menschen gab, der an Afrus Unschuld zweifelte. Sogar Renee schwankte einen Augenblick und wurde in seiner Überzeugung irre. Dann aber fiel ihm das Verschwinden Jeannettes ein und der seltsame Zettel, den sie gelesen haben wollte, bevor sie aus dem Gesichtskreis Juffos entschwand und der alte Argwohn schlug noch heftiger als zuvor in seinem Herzen empor.

Vier Matrosen erschienen nunmehr und trugen auf Befehl des Kapitäns den Koffer an Bord. Gleich darauf rasselten die Landungsstege und Ankerketten, die Maschinen begannen zu dröhnen und zu stampfen, dumpf quirlten die unsichtbar unter der Flut wirkenden Schrauben das Wasser und der »Viktor Emanuele« glitt, klobige Rauchwolken gen Himmel stoßend, aus dem Hafen von Marseille.

Die wenigsten Passagiere aber bemerkten, daß, als nach Stunden die Küste von Korsika und Sardinien am Horizonte erschien, sich eine kleine Motorjacht dem großen Indienfahrer näherte und schließlich an seiner Leeseite anlegte, worauf ein großer, in Segeltuch gewickelter Kasten an Bord des Dampfers befördert wurde. Auf der Kommandobrücke der Jacht aber stand, als die Schiffe sich wieder voneinander trennten, ein kleiner häßlicher Chinese, der mit einem roten Taschentuch winkte, welche Signale vom Kapitän der »Viktor Emanuele« lächelnd erwidert wurden.

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