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Die Puppen des Maharadscha

Siegfried Bergengruen: Die Puppen des Maharadscha - Kapitel 11
Quellenangabe
authorSiegfried Bergengruen
titleDie Puppen des Maharadscha
publisherEden-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160921
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10. Kapitel.
Die Ereignisse in der Villa Afru.

Jeannettes Übersiedelung zu Afru wurde auf den Montag der folgenden Woche festgesetzt. Bis dahin hatte sie genügend Zeit, um alles vorzubereiten, was notwendig erschien, um nicht völlig der Gewalt des Inders ausgeliefert zu sein.

Juffo mußte zu einem Techniker, um sich in aller Eile über die kunstgerechte Öffnung von komplizierten Schlössern unterweisen zu lassen. Außerdem übte er täglich allerlei Handgriffe, die zur Abwehr von Überfällen und zur Unschädlichmachung etwaiger Gegner dienen sollten. Paul Antoine hatte mehrere bekannte Detektive zu Hilfe genommen und einen dauernden Überwachungsdienst rings um das verdächtige Grundstück eingerichtet. Auch Erwin Gerardi und Dr. Renee waren verständigt worden und warteten mit begreiflicher Spannung auf das Ergebnis von Jeannettes Unternehmen.

Um zwölf Uhr mittags hielt Jeannettes Auto, von Juffo gesteuert, vor der verschlossenen Tür der Villa. Gleich darauf schoben sich die Flügel auseinander und gewährten Einlaß in den geräumigen Hof, der von hohen Mauern umgeben war.

»Wie ein Gefängnis ...!« dachte Jeannette erschauernd, als sich das Tor wieder lautlos hinter dem Wagen geschlossen hatte.

Zwei indische Boys sprangen hinzu, rissen den Schlag auf und halfen Jeannette beim Aussteigen. Im selben Augenblick erschien auch Afru in einem langwallenden indischen Gewand, einen silbernen Dolch am Gürtel, aber ohne Kopfbedeckung.

Afru verneigte sich tief, nahm dann das Mädchen mit einer feierlichen Bewegung an der Hand und führte es die breiten, teppichbelegten Stufen zum ersten Stockwerk hinauf. Juffo folgte ihnen aus dem Fuße.

Als sich die Tür zum ersten Gemach geöffnet hatte, entrang sich Jeannette unwillkürlich ein Schrei der Bewunderung. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Die ganzen Wände und der Fußboden waren mit Teppichen verkleidet, während der Plafond von kostbaren Stoffen bedeckt wurde. Allenthalben hingen seltsam geformte Waffen: Dolche, und Streitäxte. In einer Ecke saß auf einem Postament ein aus Elfenbein geformter Buddha vor einer Bronzepfanne, aus der dunkelrote, wohlriechende Flammen aufloderten. Auf der gegenüberliegenden Seite lagen wahllos verstreut Haufen von bunten Kissen, die einen niedrigen Tisch aus echtem Ebenholz umgaben.

»Dies ist der Vorraum zu Ihrem künftigen Reich!« sagte Afru und machte dabei eine demütige Gebärde.

Jeannette war betäubt von all' der Pracht und Schönheit. Wie im Traum schritt sie durch die vier weiteren Räume, strich zuweilen fast ungläubig über einen besonders eigenartigen Gegenstand und sank schließlich in dem luxuriös nach modernstem europäischen Geschmack eingerichteten Schlafzimmer in einen weißlackierten Sessel nieder.

»Sind Sie zufrieden ...?« fragte Afru und näherte sich ihr lächelnd.

Sie nickte. – Gewiß, sie war zufrieden, sehr zufrieden. Sie hatte etwas Derartiges nicht erwartet. Und doch! Konnte sie wissen, was man mit ihr in diesen Räumen vorhatte?! – Sie blickte sich nach Juffo um. Der hatte scheinbar wenig Sinn für den pompösen Luxus und betrachtete mit finsterer Miene die Fenster. Unwillkürlich lenkte auch sie ihre Aufmerksamkeit dorthin und fühlte im nächsten Augenblick ein kaltes Grauen. Die Fenster waren von außen vergittert.

Afru bemerkte den Umschwung in ihren Zügen und erkundigte sich eifrig nach dem Grunde ihres plötzlichen Unmutes.

»Warum diese Gitter ...?« fragte sie mit bebender Stimme.

»Die Gitter?« – Er tat, als verstände er anfangs gar nicht, worauf sie hinaus wollte. »Die Gitter? – Sie meinen die Eisenstäbchen dort vor dem Fenster? Sehen Sie, das macht die Gewohnheit! Ich für mein Teil merke gar nichts mehr davon. Es handelt sich hierbei bloß um eine ängstliche Marotte des früheren Besitzers, der die Gitter aus Furcht vor Einbrüchen anlegen ließ. Ich persönlich bin also an dieser gewiß störenden Verzierung unschuldig und hätte sie längst entfernt, wenn das nicht so umständlich wäre. Die Stäbe sind nämlich sehr tief in das Mauerwerk eingelassen.«

Jeannette glaubte kein Wort von dem, was ihr der Inder erzählte. Aber es blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

»Wo wird mein Diener wohnen?« erkundigte sie sich, um das Gespräch auf ein anderes Gebiet zu lenken.

»Über der Garage steht noch eine Chauffeurwohnung frei ...«

Aber Jeannette schüttelte den Kopf.

»Das kommt nicht in Betracht!« sagte sie bestimmt. »Ich wünsche diesen Menschen, wie ich es Ihnen schon früher sagte, immer in meiner Nähe zu haben.«

Juffo glaubte an der Stirn des Inders ein kleines Äderchen dunkel anschwellen zu sehen. Aber er mußte sich wohl geirrt haben, denn Afrus Stimme klang liebenswürdig und unverändert.

»Dann ist nur noch eine Stube am Flur frei ...«

Jeannette erhob sich.

»Gehen wir. Ich möchte sie betrachten.«

Sie wandelten wieder zurück durch die hohen Räume, deren Ausstattungen im Glanz der blendenden Sonnenstrahlen funkelten und glühten. Aber Jeannette achtete nicht mehr darauf. Ein beklemmendes Gefühl hatte sich ihrer bemächtigt, ein Gefühl, als rücke irgendeine Gefahr mit grausamer Unabwendbarkeit von Tag zu Tag und Stunde zu Stunde näher, um sie zu zermalmen.

Afru öffnete eine kleine Tür neben dem teppichausgelegten Vorraum und ließ Jeannette vorausgehen. Dieses Zimmer wies keinen besonderen Komfort auf, war aber ebenfalls nicht ungemütlich und erschien zur Dienerwohnung durchaus geeignet. Aber auch hier waren die Fenster vergittert.

Jeannette sah sich um und sagte dann kurz:

»Hier wird Juffo wohnen!«

Afru nickte zustimmend, trat dann auf den Flur hinaus und klatschte in die Hände. Darauf erschienen mehrere dunkelfarbige Leute, die sich daran machten, Jeannettes Gepäck vom Hof in das erste Stockwerk hinaufzuschaffen.

Als Jeannette und Juffo allein waren, klopften sie zuerst die Wände ihrer neuen Wohnung ab, um sich zu vergewissern, daß sich nirgends eine Geheimtür befand.

»Wie willst du Paul Antoine benachrichtigen?« erkundigte sich dabei Jeannette.

»Durch Lichtzeichen, wir haben alles verabredet. Jeden Abend, falls alles in Ordnung ist, lasse ich am Fenster meines Schlafzimmers ein weißes Licht erstrahlen. Ist Gefahr im Verzuge, so wird das Signal rot und wünschen wir sofortige Hilfe, so bleibt es ganz aus.«

»Gut. – Telephonisch darf ich mich mit Paul Antoine natürlich nicht in Verbindung setzen, denn ich könnte belauscht werden. – Glaubst du, daß es dir gelingen wird, eins der Gitter mit der Zeit durchzufeilen!«

»Ich bin davon überzeugt. – Allerdings kommt dafür nur mein Schlafzimmer in Betracht, da dort das einzige Fenster ist, das direkt auf die Straße hinausführt. Die anderen führen auf den Hof, der sicher Tag und Nacht aufs schärfste bewacht wird.«

Ein leises Pochen an der Tür ließ sich vernehmen. Gleich darauf trat eine schlanke, junge Inderin ein und bat Jeannette, ihr zu einer Schale Tee in die Gemächer des Prinzen von Tschandu folgen zu wollen.

*

Als Jeannette nahezu vierzehn Tage in der Villa Afrus gewohnt hatte, ohne daß sich etwas Verdächtiges ereignete, ließ sich der Inder eines Morgens melden und teilte ihr mit, daß er am Abend eine kleine Festlichkeit zu geben beabsichtige, der beizuwohnen er auch sie bat.

»Es werden nur meine besten Freunde anwesend sein,« sagte Afru erklärend. »Ein paar Inder, ein englischer Großindustrieller sowie etliche Franzosen. Letzteren Herren bitte ich Sie, verehrte Gräfin, sich besonders widmen zu wollen und ihnen gegenüber ganz die Hausfrau zu spielen, damit sie sich in diesen Räumen wohlfühlen.«

Es war ein grauer, unfreundlicher Herbsttag, als sich dieses ereignete. Der Regen trommelte ununterbrochen an die Scheiben und ein kalter Wind rüttelte an den Bäumen der umliegenden Gärten. Jeannette wäre am liebsten der Aufforderung Afrus ausgewichen, denn ein derartiges Wetter wirkte von jeher deprimierend auf ihren Gemütszustand. Anderseits aber sagte sie sich, daß diese Gesellschaft vielleicht gerade dazu angetan sei, hinter Geheimnisse zu kommen, die ihr bisher verborgen geblieben waren.

So begab sie sich in ihr Ankleidezimmer, öffnete den breiten Kleiderschrank und begann nach einem Gewand für den Abend zu suchen. Dabei fiel ihr Blick zufällig auf einen kleinen Ring, der an der Rückseite des Schrankes befestigt war und allem Anschein nach zu einem geheimen Schubfach führte. Einen Augenblick zögerte Jeannette bei dieser Entdeckung, dann aber verschloß sie schnell die Tür und machte sich daran, das Rätsel zu ergründen. Nach etlichen mißlungenen Versuchen gelang es ihr schließlich, den Ring dreimal nach links zu drehen, woraus er nachgab und sich nach vorn rücken ließ. Gleichzeitig senkte sich die daran befestigte Klappe und gewährte Einblick in eine kleine Schatulle. Jeannette entzündete das elektrische Licht und durchsuchte das Fach. Obenauf lag ein Spitzentuch, das stark nach Parfüm duftete. Darunter einige mit einem schwarzen Band umwundene Briefe und in einer Ecke ein längliches Futteral. Jeannette öffnete es mit vor Aufregung zitternden Händen und fand eine dünne Platinkette, an der ein großer, sehr schöner Perlentropfen befestigt war, und einen einfachen Goldreifen, in dem ein zusammengefalteter Zettel steckte. Sie faltete das Blättchen auseinander und mußte sich setzen, so sehr überraschte sie der Inhalt.

»Ich weiß, daß ich verloren bin. Mein Weg führt von diesem entsetzlichen Hause in eine schmachvolle Knechtschaft oder den Tod. – Ich warne die Frau, die diese Räume nach mir in Benutzung haben wird! – Sollte sie die Möglichkeit finden, sich zu retten, so habe ich nur die eine Bitte, die anliegenden Briefe und Schmuckgegenstände meinem armen Manne, Dr. Renee in Marseille, übergeben zu wollen.

Elise Renee.«

Wenngleich dieser Brief gewiß nicht dazu angetan war, einem Menschen beruhigende Gefühle einzuflößen, so freute sich Jeannette dennoch, ihn gefunden zu haben. – Sie wußte nun plötzlich, woran sie war, wußte, daß Elise Renee hier gewohnt und auch von hier aus die Reise in ein ungewisses Schicksal angetreten hatte. Diese kurzen Bleistiftzeilen mußten in die Hände der Polizei gespielt, genügen, um eine Verhaftung des Inders und eine polizeiliche Durchsuchung der Villa zu bewirken.

Sorgsam verschloß sie Briefe und Schmuck wieder in das Geheimfach und klingelte dann nach Juffo, um mit ihm das weitere zu besprechen.

»Es ist das beste, wir fliehen noch heute Nacht!« sagte der Italiener, nachdem er alles erfahren hatte.

»Sind die Gitter durchgefeilt?«

»Bis auf eine Kleinigkeit, und die werde ich bewerkstelligen, bis ihr unten feiert. Wenn du heraufkommst, ist alles fertig!«

»Schön. Wenn ich den Eindruck habe, daß alles schläft, werde ich dreimal an deine Tür klopfen. Im übrigen begünstigt das schlechte Wetter und die Wirkung des Alkohols, dem sich Afru heute abend allem Anschein nach aussetzen wird, unser Vorhaben.«

Juffo begab sich in seine Stube, verriegelte sie und machte sich dann mit zähem Fleiß daran, den letzten Eisenstab durchzufeilen. Unterdessen wurde es dunkler und dunkler, während der Regen immer heftiger niederprasselte und der Sturm in den hohen Räumen der vorüberführenden Versailler Chaussee heulte.

Um neun Uhr hörte er die leichten Schritte Jeannettes auf dem Flur vorüber- und die Treppe zum Erdgeschoß hinabhuschen. Sie begab sich zum Fest. Gleich darauf fuhren kurz hintereinander mehrere Autos mit blendenden Scheinwerfern in den Hof. Juffo konnte sehen, wie die indischen Kulis hinzusprangen und den in Gummimäntel gewickelten Herren heraushalfen. – Dann war es lange still. Nur zuweilen, wenn die Türen von der unteren Diele zu den Gemächern Afrus geöffnet wurden, ließ sich fernes Lachen und Radiomusik hören.

Um elf Uhr ließ Juffo drei rote Lichtsignale aufleuchten. Außerdem begann er eine seidene Strickleiter auseinanderzuwickeln und am Fensterkreuz zu befestigen.

Kurz nach Mitternacht erscholl Stimmengewirr auf der Diele, elektrische Lampen erstrahlten im Hof und die Wagen der Gäste sprangen fauchend an. Es wunderte Juffo, daß auch nach ihrer Abfahrt der Hof erleuchtet blieb und plötzlich die Tore der Garage, in der sich Afrus berüchtigtes Auto befand, aufgeschlossen wurden. Ein unangenehmes Gefühl bemächtigte sich seiner, während er sich möglichst weit aus dem Fenster lehnte, um den Hof besser übersehen zu können.

Und dann überlief ihm ein furchtbares Grauen. Der schwarze Koffer wurde von vier Dienern aus dem Hause getragen und in die Limousine verpackt! Nur einen Augenblick war der Italiener unschlüssig, dann wandte er sich um, stürzte zur Tür, schob den Riegel zurück und versuchte zu öffnen. Aber es gelang ihm nicht! Die Tür war, während er arbeitete, und ohne daß er es bemerkt hatte, von außen abgeschlossen worden.

Was sollte er tun? – Aus dem Fenster nach Hilfe rufen? Das hatte keinen Zweck, denn dann würden die Kulis höchstens ihre Arbeit beschleunigt und ihn ein für allemal unschädlich gemacht haben. Das einzige, was er tun konnte, war, das bereits dazu präparierte Gitter leise auszuheben, sich an der Strickleiter hinunterzulassen und Erwin Gerardi in Marseille telephonisch zu benachrichtigen. Der hatte es ja schließlich in der Hand, morgen mit dem Koffer vorzunehmen, was er wollte.

Unten wurde es plötzlich dunkel. Die Lampen auf dem Hof erloschen und die Tür der Limousine klappte dumpf zu. Gleichzeitig knarrte das Tor auf und der große, dunkle Wagen schob sich lautlos und gespensterhaft in die regendurchbrauste Herbstnacht hinein.

Juffo wartete, bis im Hause alles still war. Einmal hörte er deutlich leise nackte Schritte die Treppe emportappen, an seiner Tür halten und sich dann nach einigen Minuten wieder nach unten verlieren. Scheinbar hatte jemand gelauscht, ob er etwas von den Vorgängen bemerkt habe und dadurch unruhig geworden sei.

Um zwei Uhr zog er seine Lederjoppe an, steckte den Revolver zu sich und brach dann leise und mit größter Vorsicht das Gitter aus. Mit einem scharrenden Geräusch glitt die Seidenschnurleiter an der Wand entlang in die Tiefe. Noch einmal lauschte der Mann zurück, überflog dann mit einem kurzen Rundblick das Zimmer und schwang sich hinaus.

Blitzschnell überquerte er die Versailler Chaussee, lief einen schmalen Weg entlang und gelangte schließlich an ein kleines, einsam daliegendes Haus, an dessen geschlossene Fensterläden, durch die ein schwacher Lichtschimmer strahlte, er klopfte. Ein Hund schlug an und wurde von einigen Männerstimmen gerufen. Gleichzeitig öffnete sich die Tür und Paul Antoines Gestalt erschien im hell erleuchteten Rahmen.

»Du, also bist's, Juffo?! – – Teufel! Kerl, du bist ja ganz blaß!! – – Was ist geschehen?«

Den Italiener übermannte eine plötzliche Schwäche, so daß er sich setzen mußte. Die Aufregungen der Nacht waren zu groß gewesen und die Reaktion machte sich nun geltend.

»Sie ist fort ...!« stammelte er schließlich fassungslos.

»Wer ...? Die Jeannette ...?«

»Natürlich! Wer sonst ...? Im schwarzen Koffer!«

»Alle guten Geister, wir läuten sofort Gerardi und Henri Lessot an. Außerdem werde ich gleich ein Motorrad hinter dem Auto herschicken, das beachten soll, ob die Gauner ihre Leute diesesmal nicht womöglich irgendwo andershin transportieren ...!«

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