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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 9
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Henriette

Daß unter 25 Erbtanten auch eine Malerin ist, versteht sich von selbst. Die Malerin, die ich meine, ist Tante Henriette. Ihre Tätigkeit bestand ausschließlich im Malen und Schlafen. Häufig tat sie beides zugleich. Sie malte nicht nur Landschaften, männliche Akte, Blumen und andre Porträts, sondern sie malte sich auch selbst. Anders ist wenigstens ihre eigentümliche Gesichtsfarbe nicht zu erklären. Ihr Antlitz, aus dem sie Runzeln, die sich frech eindrängen wollten, geschickt fortretouchierte, schillerte in allen möglichen Farben. Vornehmlich konnte man Lila beobachten. Auch ihr Kleid war lila. Sie sagte, Lila sei ihre Leibfarbe. Ob das stimmte, hatte ich zu prüfen keine Gelegenheit.

Wie gesagt, Tante Henriette beschäftigte sich, wenn sie grade nicht malte, mit Schlafen. Ob sie ging, saß, stand oder lag – sie schlief immer. Und ihre Bilder erweckten in jedem Unparteiischen ohne weiteres den Anschein, als seien sie im Schlaf gemalt.

Ich beobachtete sie mal, als sie beim Malen einschlief. Ihr Pinsel lag fest auf der Leinwand, und da sie im Schlaf auf ihrem Stuhl immer hin und her schwankte, wie ein Blümlein, das der Wind bewegt, so machte der Pinsel diese Bewegung auf der Leinwand konstant mit und ließ breite Lila-Linien in horizontalen Kurven entstehen. Denn sie malte natürlich auch nur in Lila. Als Tante Henriette aufwachte, sah sie, daß ihr Bild fertig war, und sie erklärte mir die Lila-Streifen als kosmische Wanderungen. Sie hatte nämlich mal Scheerbarts »Wilde Jagd« gelesen, in der 10.000 unzufriedene Wurmgeister die merkwürdigsten kosmischen Wanderungen unternehmen – und Tante Henriette stellte sich eben kosmische Wanderungen lila vor. Denn sie konnte Scheerbart natürlich nicht verstehen, der ja für alte Tanten nicht schreibt.

Aber Tante Henriette tat, als ob sie ihn verstände, und zitierte ihn immerzu. So malte sie den kosmischen Wanderungen einen Hintergrund – auch lila. Denn sie fand, daß ihre Bilder anständig aussehen müßten, und bei Scheerbart steht doch: »Ja – ja – das Anständige muß auch seinen Hintergrund haben – sonst wird es gewöhnlich!« – Na, man weiß ja: wenn Malerinnen etwas auslegen – das ist furchtbar.

Kurzum: Deswegen kam ich um Tante Henriettens Erbschaft. Denn sie entrüstete sich mal mit ihren Auslegungen zu diesem Gedicht:

Liebe Tante Henriette!
Schlaf getrost in deinem Bette,
Schlaf auch an der Staffelei.
Mal von Grönland bis Manila
Himmel, Meer und Berge lila –
Aber Scheerbart nicht dabei!
Nicht für Tanten sind die Welten,
Malbeflissnen, schlafbeseelten –
Die verstehn den Kosmos nie!
Was ihr malt, verehrte Tanten,
Ist in tausendlei Varianten
Doch nur Weiberlethargie.

Auf dies Gedicht hin enterbte mich natürlich Tante Henriette. Ich freundete mich nun schnell mit Paul Scheerbart an, weil ich glaubte, er, dessen »Wilde Jagd« die gute Tante doch unausgesetzt im Schlaf verfolgte, würde an meine Stelle kommen. Aber weit gefehlt! Tante Henriette vermachte ihr Vermögen einem Herrn Bürger. Dieser war das Opfer einer Verwechslung. Denn Tante Henriette war es im Schlafe eingefallen, daß auch mal ein gewisser Bürger eine wilde Jagd geschrieben hatte, und so machte sie einen Lokomotivführer Bürger aus Rixdorf zu ihrem Universalerben. Sie sah eben alles lila.

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