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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 8
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Gerta

Ich habe dich Gerte getauft, weil du so schlank bist,
Und weil mich Gott mit dir züchtigen will,
Und weil eine Sehnsucht in deinem Gang ist,
Wie in schmächtigen Pappeln im April.

Richard Dehmel

Man konnte Tante Gerta, obgleich sie bereits hoch in den achtunddreißigern war und gegen den Mann als Geschlechtswesen eine unüberwindliche Idiosynkrasie hegte, nicht eigentlich eine alte Jungfer nennen. Denn der Dehmelsche Vers, den ich mir als Motto über dieses Kapitel zu setzen erlaubt habe, paßt genau auf sie. Sie war schlank und lang, und eine Sehnsucht lag in ihren Augen, obgleich sie einen Kneifer darüber trug, und in ihrem Gang, obgleich sie große Schritte machte. Außerdem war sie durchaus nicht prüde – im Gegenteil, man durfte in ihrer Gegenwart über Dinge sprechen, die andre Damen schamentrüstet aus dem Zimmer gejagt hätten. Tante Gerta war ein sogenanntes »modernes Weib«. Sie war Frauenrechtlerin, dichtete, las die gewagtesten Bücher – außerdem aber auch die besten, und hatte die Eigentümlichkeit, alles das in Kunst und Literatur zu bevorzugen, was möglichst grotesk und eigenartig war. Dabei hatte sie eine ungeheure Vorliebe für schöne Frauenaktbilder und -statuen. Auf ihrem Schreibtisch standen Abgüsse der Venus von Milo und der mannnigfachsten klassischen Skulpturen. An den Wänden hingen Zeichnungen von Beardsley und Behmer, ferner Photographien schöner nackter Frauen. Tante Gertas gelesenste Bücher waren die von Oscar Wilde, Platen, Scheerbart – auch alte klassische Schriften, wie Platons Apologie usw.

Sie kleidete sich einfach und geschmackvoll, trug kein Korsett, aber weiße Wäsche, Stehkragen und Manschetten. Ihre Handschrift war überaus kräftig und von der eines Mannes nicht zu unterscheiden. Auch hatte sie eine schöne Waffensammlung. Ein Revolver lag stets auf ihrem Nachttisch.

Tante Gerta war reich; aber sie knauserte auch nicht mit ihren Ausgaben. Sah sie irgendwo ein gutes Buch, ein schönes Bild, das ihr Interesse erregte, so kaufte sie es. Ihr Verkehr mit den Verwandten war konventionell, herzlicher nur mit einem etwas jüngeren Neffen, Ludwig, der ihre Interessen teilte, aber mehr für männliche Kultur empfand, obwohl oder da er selbst ein ganz weiches Gesicht und ausgesprochen weibliche Eigenschaften hatte. Er war bei Tante Gerta und ihrer Gesellschafterin, Fräulein Hagedorn, häufig zu Gast.

Fräulein Hagedorn war die einzige Freundin Tante Gertas. Sie war stets in ihrer Begleitung. Sie war klein und zierlich, korpulent, hatte schwarzes, kurzes, gelocktes Haar, einen scharfgeschnittenen Mund und kluge, große braune Augen. Sie kleidete sich stets so wie Tante Gerta, so daß die beiden von Fremden oft für Schwestern gehalten wurden. Eines Tages gab es in der ganzen Stadt eine große Aufregung. Während Fräulein Hagedorn auf einige Tage verreist war, hörte man aus Tante Gertas Wohnung einen Schuß fallen. Man erbrach die Tür, und die Tante lag entseelt, den rauchenden Revolver in der Hand, am Boden. Man fand nur einen Brief vor »An die Herren Reporter«. Darin stand lakonisch: »Schreiben Sie nur: unglückliche Liebe!« Aha, sagten die Leute, Neffe Ludwig! – Denn daß die beiden miteinander was hatten, war den lieben Nachbarn ja lange klar.

Zur Testamentseröffnung war Neffe Ludwig gar nicht erschienen. Na ja, meinten die Leute, wenn einem seine Sache so sicher ist----

In dem Testament wurde Fräulein Hagedorn als alleinige Erbin des gesamten Nachlasses Tante Gertas bestimmt. Als sie das hörte, fiel sie schluchzend auf einen Fauteuil und schrie: O, mein guter, guter Gert! – Darüber wunderten sich alle sehr.

Als man aber dem Neffen Ludwig die letzte Bestimmung Tante Gertas erzählte, blieb er zu aller Überraschung ganz ruhig und sagte nur: »›Im Anfang war das Geschlecht, nichts außer ihm, alles in ihm‹, sagt Przybyczewski.« Die Leute schüttelten den Kopf, denn sie fanden, daß im Falle Tante Gertas das Gegenteil zu Tage trat. Doch fanden sie die Geistesverwirrung bei einem enterbten Neffen einer reichen Erbtante begreiflich.

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