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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 7
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Friederike

Viel war es ja nicht, was ich von Tante Friederike erben sollte. Immerhin aber war es das ganze Witwengeld von dem sie ihren zwar bescheidenen, aber doch auskömmlichen Unterhalt bestritt. So konnte für mich daraus jedenfalls eine angenehme Schweizreise oder einige Monate üppigen Lebens ersprießen.

Was aber die Hauptsache war: die Erbschaft war mir sicher – absolut sicher. Ich war ihr einziger näherer Verwandter, dazu der einzige, der sich in ihrer Witwen-Einsamkeit um sie bekümmerte, und der einzige, der jeden Sonnabendnachmittag bei gutem und bösem Wetter in ihrem traulichen Wohnzimmerchen neben ihr saß, um ihre neuesten Musenkinder aus der Taufe zu heben. Tante Friederike dichtete nämlich. Welche Tante, zumal wenn sie eine Erbtante ist, hätte keine Schwächen? Im Hinblick auf ihr Ende, das bei ihrer kränklichen Konstitution unmöglich lange mehr auf sich warten lassen konnte, ließ ich denn ihre Lyrik allwöchentlich unverdrossen über mich ergehen.

Die ersten Ergüsse, die ich von ihr vernahm – kurz nach dem Tode ihres Gatten, der sie übrigens zu Lebzeiten häufig geprügelt haben soll und der dann an den Folgen eines Bierabends zugrunde ging –, behandelten fast alle ihr junges Witwenleid, dessen Schmerz ihr ganz besonders nachts fühlbar zu sein schien.

Ich möchte nicht versäumen, um aus ihrer Kunst auf Tante Friederike selbst einen Rückschluß möglich zu machen, hier eine Probe aus jener Zeit folgen zu lassen:

Streich' ich des Tags durch meine Klause,
Dann suchen meine Blicke dich.
Und warst du sonst schon meistens nicht zu Hause,
Jetzt ist's mir vollends fürchterlich.
Und geh' ich abends dann um zehne
Alleine und betrübt zu Bette,
Dann seufz' ich unter mancher Träne:
O Heinrich, wenn ich dich doch hätte!

Ich mußte ihr genau meine Meinung sagen, was ich von ihren Gedichten hielt, und fand sie natürlich pflichtschuldigst sämtlich wunderbar tief und schön. Einmal riet ich ihr, sich doch auch einmal auf dem Gebiet zu versuchen, das die modernen Lyrikerinnen neuerdings mit soviel Begeisterung kultivierten: auf dem Gebiete der Erotik. »Siehst du, so was will das Publikum heutzutage lesen«, sagte ich zu ihr, »und einer jungen Frau, wie du bist, Tante Friederike, kann das doch unmöglich schwerfallen.« Als ich das nächste Mal zu ihr kam, las sie mir folgendes Poem vor:

»O, wie ist doch mein Herz zerrissen
So mitternachts.
Ich such' dich vergebens in meinen Kissen,
Ja, ja, ich dacht's.
Ich arme Witwe, vergehe vor Harme
Nach dir, mein Schatz.
O fand' ich endlich in meinem Arme
Für dich Ersatz.«

Sie war ganz hin, als sie es gelesen hatte, und ich bin überzeugt, daß es ehrlich gemeint war. Aber diese Art zu dichten griff sie zu sehr an, und bald starb sie. Bei der Testamentseröffnung stellte es sich heraus, daß sie tatsächlich mich zum Erben ihres ganzen Vermächtnisses eingesetzt hatte. Aber wer jetzt etwa glaubt, die Lehre von der Unsterblichkeit der Erbtante sei damit ad absurdum geführt, der irrt.

Tante Friederike hatte nämlich eine Bedingung gestellt. Ich sollte, damit die Nachwelt doch noch etwas von ihrer künstlerischen Tätigkeit erführe, ihre gesamte literarische Hinterlassenschaft, die sich in drei Kommoden und einem Kleiderschrank befand, in Druck geben. Ich tat nach ihrem Willen, und dabei ging nicht bloß die ganze Erbschaft darauf, sondern ich mußte auch noch aus meiner Tasche 123 Mark 75 Pf. zulegen. Dichtende Frauen sind mir seitdem ein Greuel.

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