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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 6
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Elfriede

Die Psychologie der Erbtante Elfriede machte mir viel Schwierigkeiten. Sie war ein Vollweib – leiblich uns seelisch. Eine Walkürenfigur, vor der ich eine Heidenangst hatte, denn ihre Arme waren kraftvoll wie hundertjährige Eichenäste und ihre Hände groß wie Suppenteller.

Und gerissen war Tante Elfriede. Es ist nicht zu sagen. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit erhobenem Arm dastand und mir mit der mächtigen Stimme, die klang wie eine Posaune, in deren Tuba sich ein Butterbrot verirrt hat, ihre geheimsten Herzenswallungen verriet. Denn diese Herzenswallungen gingen aufs ganze Vermögen der Erbtante Elfriede. O ich Unglücklicher!

Tante Elfriede wurde krank, sehr krank, sterbenskrank. Der Arzt kam und ging dreimal am Tage. Ich wich nicht von ihrem Bett. Das war sehr gefährlich. Denn Tante Elfriede phantasierte viel. Dabei schlug sie mit den Fäusten um sich, schimpfte zum Gottserbarmen auf mich, der ich nur auf ihren Tod wartete, verriet, daß ihr Mann täglich von ihr Keile bekam, bis er starb, und strampelte mit den Beinen derart, daß ich mehrmals unter ihrer Decke Dinge zu sehen bekam, – Dinge, – – na!!

Einmal, als die Tante etwas ruhiger geworden war – ich hielt das für den Anfang vom Ende, nahm ich den Doktor beiseite: »Herr Doktor,« sagte ich »sagen Sie mir die volle Wahrheit! – Wird Tante Elfriede sterben?« Da sah mich der Doktor traurig an und räusperte sich und sagte: »Mein lieber junger Freund!« – Ich atmete hörbar auf. »Bereiten Sie sich auf das Schlimmste vor!« – Ich nahm seine Hand in die meine. »Ihre Frau Tante – –« er schluckte mehrmals und ich markierte einen tiefen Seufzer – »Ihre Frau Tante ist auf dem Wege«– – ins Jenseits! sagte mein Inneres zu mir – – »– auf dem Wege zur Besserung.« Er schwieg. »Ich danke Ihnen,« sagte ich laut, »Schweinehund!« leise. Dann ging ich wieder ins Schlafzimmer zur Tante.

Sie blinzelte mich lauernd an, und mochte wohl auf meinem Gesicht die Enttäuschung lesen. Plötzlich erhob sie sich – furchtbar stand sie da auf dem Kissen. O Gott, ich mag gar nicht mehr daran denken, wie sie aussah. Ihre Beine waren behaart und ihr Hemd gräßlich kurz. Ihre Hände reckten sich zur Decke. Ihre Fäuste waren geballt. Ihr gewaltiger Busen wogte.

»Nichtswürdiger!« schrie sie. »Ich durchschaue dich! Aber warte, ich werde dir den Gefallen nicht tun. Ich werde gesund werden. In acht Tagen stehe ich auf. Aber an dir werde ich furchtbare Rache nehmen, du Heuchler! du Scheinheiliger! der – der – der – – Ich enterbe dich!« japste sie noch hervor. Dann sank sie erschöpft zurück.

»Ich enterbe dich!« Dies furchtbare Wort verfolgte mich in den nächsten 8 Tagen überallhin. Und richtig stand nach 8 Tagen Tante Elfriede auf.

»Ich enterbe dich; – ich enterbe dich!« Sie tat es.

Am nächsten Tage kriegte sie einen Rückfall und eine Woche später starb sie.

Pfui, Tante Elfriede, Pfui!

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