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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 5
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Dorothea

Sie lag im Sterben

Endlich!

Siebenundachtzig Jahre ist eine lange Zeit für das Erdenwallen einer Jungfrau gebliebenen Dame. Und Tante Dorothea war siebenundachtzig Jahre alt.

Jetzt lag sie im Sterben.

Wer war vergnügter als ihr einziger Erbneffe Konrad?

Konrad kaufte einen Strauß Levkojen. Damit ging er an Tante Dorotheens Sterbebett. Sie japste noch als er ankam, und sah ihm mit dem Weißen, das von den Augen allein noch sichtbar war, wenn auch nur in einem dünnen Streifen, der rotunter- und -überlaufen war, liebevoll an.

Der gute Neffe nahm eine Stecknadel – er trug immer Stecknadeln unterm Westenkragen bei sich – und steckte damit den Levkojenstrauß an tante Dorotheens Hemd fest. Daß er die Nadel dabei auch durch die pergamentne gelbbraune Haut steckte, die darunter welkte, merkte weder er noch sie. Denn die Haut war nur lose gefaltet.

Tante Dorothea wollte mochmal Blumen riechen, obgleich sie sehr astmatisch war. Sie beugte also die Nase vor, die ohnehin ziemlich weit über die Bettdecke hing, und schnupperte an den Levkojen. Dann sank ihr Kopf zurück. Sie hatte vollendet.

Konrad drückte ihr die Augen ein und ging nach Hause. Abends legte er sich befriedigt schlafen. – –

Als Tante Dorothea begraben war, bekam Konrad von Gerichts wegen die Mitteilung, daß Tante Dorothea ihn zum Universalerben gemacht habe. Er möge sich balsgefälligst darüber äußern, ob er bereit sei, das Erbe anzutreten.

»Brave Erbtante!« grinste Neffe Konrad. Dann nahm er einen Bogen Konzeptpapier und gab darauf dem Gericht huldvoll seine Einwilligung zu erkennen, Tante Dorotheens Erbschaft baldgefälligst in Empfang zu nehmen. Abends ging er sehr befriedigt zur Ruhe. – – –

Die Sache kam dem armen Konrad sehr gelegen. Denn er saß scheußlich im Druck. Von allen Seiten wurde er bedrängt. Nun war er gerettet, denn Tante Dorotheens Vermögen war nicht klein. Allmählich träumte daher Neffe Konrad von dem Eintreffen des Geldes und ging allabendlich in froher Erwartung der Erfüllung des lieben Traumes überaus befriedigt schlafen.

So vergingen drei Wochen. Da kriegte Konrad einen Brief mit einem Amtssiegel, eine portopflichtige Dienstsache, für die er die verlangten zwanzig Pfennig freudig zitternd erlegte. Denn er war überzeugt, er werde darin eingeladen, Tante Dorotheens Hinterlassenschaft abzuholen, und dann hätte der Dalles ein für allemal ein Ende.

Armer Konrad! In dem Schreiben stand, daß Tante Dorothea zwar ein Vermögen von 80.000 Mark hinterlassen habe, daß sie jedoch seit 50 Jahren drei Viertel ihrer Steuern hinterzogen habe, die nachträglich von dem Gelde abgezogen würden, und daß außerdem die Erben – in diesem Falle: der Erbe – benachrichtigt würden, daß sie pro anno der Hinterziehung 1200 Mark Strafe zu zahlen hätten. mache in Summa 60.000 + 6% von 50 Jahren hindurch hinterzogenen 60.000 Mark an regulären Steuern, mache im Ganzen – die Zinseszinsen seien in Gnaden erlassen (wahrscheinlich war's dem Steuerbeamten zu schwierig gewesen sie zu berechnen):

Strafe Mark 60.000
Nachzahlung 3600x50 = Mark 180.000
Mark 240.000

in Buchstaben: Mark Zweihundertundvierzigtausend, zahlbar binnen 8 Tagen.

Konrad sank in sich zusammen.»Pleite« schluchzte er.

Diesen Abend ging er nicht befriedigt ins Bett, sondern betrübt ins Wasser.

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