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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 26
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Zerlinde

Mit Tante Zerlinde ging der letzte Rest meines Glaubens an Erbtanten-Sterblichkeit dahin. Seit ihrem Heimgang bin ich mürrisch, skeptisch, verdrießlich und ungläubig. Sie war die letzte hohe Säule, die noch meine Ehrfurcht vor dem Namen »Erbtante« stützte. Und auch diese Säule stürzte und begrub eines hoffnungsvollen Jünglings, der ich damals war, glühendste Illusion in ihrem Fall. Als ich sieben Jahre alt war, hatte ich Tante Zerlinde in naiver Zutunlichkeit einmal auf 26 geschätzt, und da ich damit ungefähr 30 Jahre zu niedrig griff, so war ich seither der erklärte Liebling der braven Jungfrau. Sie schlug mir keine Bitte aus, sie nahm mich in Schutz, wenn ich von den Eltern Prügel bekam, sie gab mir sogar einmal – von meinen Angehörigen wollte es keiner glauben, als ich es nachher erzählte – 20 Pfennige, daß ich mir dafür Schokolade kaufte, kurz: sie verwöhnte mich in jeder Hinsicht. Als ich größer wurde und einmal den Versuch machte, sie energisch anzupumpen, da gestand sie mir unter Tränen der Rührung, daß sie mir jetzt zwar nichts geben könne – denn sie sei sparsam und halte ihr Geld zusammen, daß sie mich aber zum alleinigen Erben ihres ganzen Geldes eingesetzt habe. Und auf mein Bitten zeigte sie mir das Testament. Es lautete:

»Weil er meine Liebe und Treue nicht anerkannte und mich nicht mit der Achtung und Ehrfurcht behandelte, die ich als Anverwandte beanspruchen durfte, soll mein ganzer Verwandtenkreis, ausgenommen allein mein einziger Neffe Erich von mir enterbt sein. Dieser war mir ein Trost und meines Herzens Kirche, weshalb ich mein ganzes Hab und Gut hiermit ihm zur freien Benutzung vermache.«

Daß hinter meinem Vornamen Erich kein Komma steht, ist kein Druckfehler. Tante Zerlinde hatte es vielmehr unterlassen, eines dort hinzusetzen, und daß ich dies in der Freude des in Aussicht stehenden Kapitals übersah, wurde, wie wir gleich sehen, für meine ganze Zukunft überaus verhängnisvoll.

Ich war im allgemeinen ein sehr vorsichtiger junger Mann. Daher dachte ich gleich an Feuersbrünste, Wassernöte und drgl., die das wertvolle Schriftstück vernichten könnten, und erreichte denn auch durch lebhafte Vorstellungen von Tante Zerlinde das Versprechen, sie werde das Testament tags und nachts bei sich tragen und nie und nimmer bis zu ihrem Ende aus der Hand geben. Und so steckte sie das Papier sogleich in den Schlitz ihrer Taille, die ihre jungfräuliche Wohlbeleibtheit umkleidete.

Es vergingen Wochen und Monate. Eines Tages eröffnete mir Tante Zerlinde, daß sie eine Reise machen wolle, und forderte mich auf mitzukommen. Ich erklärte mich hierzu bereit, überzeugte mich, daß die brave Dame das Testament bei sich hatte, und bald saßen wir im D-Zug. Ich will mich bei der Fahrt nicht lange aufhalten, weil diese an sich mit der Unsterblichkeit der Erbtante nichts zu tun hat, und nur das Wesentliche davon erwähnen, daß nämlich unser Zug gegen einen andern anfuhr und daß Tante Zerlinde hierbei breitgequetscht wurde, während ich mich durch einen kühnen Sprung aus dem Fenster rettete, nachdem ich mich durch einen kühnen Griff in Tante Zerlindes Busen in den Besitz des Testaments gesetzt hatte. Was aber war natürlich, als daß das bejahrte Fräulein, dem nie eine Männerfaust so nahe gekommen war, bei meinem Zugreifen in keuscher Aufwallung aufschrie und entsetzt mit der Hand den angegriffenen Teil ihrer Jungfräulichkeit zu schützten suchte. Daß sie dabei einen Zipfel ihres Testaments erfaßte und abriß, war mein persönliches Pech. Denn als ich sie bitten wollte, die Ecke wieder herauszugeben, lag ich bereits mit verrenkten Gliedern neben den Schienen, und Tante Zerlinde war eine Leiche. Beim Hinsehen gewahrte ich nur noch, wie der Testamentszipfel, der durch die Kraft des Anpralls Feuer gefangen hatte, in ihrer Hand verlohte.

Der Teil des Testaments aber, den ich der unglücklichen Tante in ihrer Sterbestunde entrissen hatte, enthielt nur noch folgende Worte:

»Weil er meine Liebe und Treue nicht aner
und der Achtung und Ehrfurcht be
durfte soll mein
einziger Neffe Erich von mir enterbt sein. Die
Herzens Kirche, weshalb ich mein ganzes Hab und Gut
freien Benutzung vermache.«

Als mir meine Knochen wieder einigermaßen eingerenkt waren, ging ich mit diesem Fetzen ans Gericht. Dort aber glaubte man mir nicht, daß sich der »er« auf den abgerissenen Verwandtenkreis bezog und daß vor dem einzigen Neffen Erich ein »ausgenommen« stand. Denn sonst hätte hinter dem Erich unbedingt ein Komma stehen müssen. Was half s! Die Verwaltung der »Jesu-Herzens-Kirche« kam und strich das ganze Vermögen der guten Tante Zerlinde ein, obgleich zwischen »Herzens« und »Kirche« kein Bindestrich stand.

Den Rest meines eignen Vermögens verlor ich in zahllosen Prozessen gegen die erbschleicherische Kirche zugleich mit dem Rest meiner einst so großen Sympathie für die Erbtanten.

Und sogar die Interpunktionszeichen habe ich seitdem auf dem Strich.

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