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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 24
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante X

X ist ein Buchstabe, der vornehmlich in der Mathematik eine Rolle spielt. Dort stellt er meistens eine unbekannte Größe dar, die aus den gegebenen Begleiterscheinungen erst gesucht und bestimmt werden muß. Ganz ähnlich verhält es sich mit Tante X, deren Geschichte ich als Beweis dafür erzählen will, daß es auch im Menschenleben solche mathematischen Existenzen gibt, die erst gesucht werden müssen und in denen man sich recht empfindlich verrechnen kann.

Ehe ich anfange, von Tante X zu berichten, muß ich einiges über ihre Nichte Clärchen Meiser vorausschicken.

Diese war ein süßes junges Mädchen von siebzehneinhalb Jahren. Sie hatte prächtiges, silberblondes Flechtenhaar, himmelblaue, schwärmerische Augen, ein allerliebstes Stupsnäschen, und wenn sie erst die große Erbschaft angetreten hätte, wollte sie sich dazu ein violettes Empirekleid machen lassen, so einen richtigen Reformhänger mit weiten halblangen Ärmeln und mit gelbseidenem, eingelegtem Mieder. Sie stellte sich das einfach entzückend vor, und ich glaubte fest, daß es ihr reizend gestanden hätte. Na, und erst Karl – Karl Bohnsack! Der würde doch einfach kopfstehen, wenn er sie in solchem Kleid sähe. Clärchen war nämlich mit Karl Bohnsack verlobt – schon seit einem ganzen Jahre; und wenn sie erst die große Erbschaft bekommen würde, dann wollten sie heiraten. Sie konnten die Zeit dazu natürlich kaum erwarten. Es war auch unangenehm so. Kam Karl abends zu ihr, danns steckten die Leute morgens, wenn er wieder ging, die Köpfe zusammen, und ging sie etwa mal zu ihm, dann war das Getratsch in beiden Häusern, hier, weil sich so ein junges Ding nicht schämte, zu einem jungen Mann ins Schlafzimmer zu gehen, dort, weil sie »schon wieder« nachts nicht zu Hause war. Die dummen Nachbarn wußten sich selbst eben so wenig vorzuwerfen, daß sie sich berufen glaubten, über ein paar junge Menschenkinder, die sich lieb hatten, moralische Verdammungen auszustoßen. Wenn nur die Erbschaft erst da wäre! Das war Clärchens und Karls ganze Sehnsucht. Und kommen mußte sie ja eines Tages.

Als Clärchen vier Jahre alt gewesen, war ihr Vater gestorben, und als sie fünf war, starb auch die Mutter. Da war eine alte Tante gekommen mit langen goldenen Ohrgehängen und einem schwarzen Sammetkleid, die hatte Clärchen auf den Schoß genommen und geküßt und hatte ihr gesagt: »Siehst du, mein Kind, wenn ich einmal sterbe, dann sollst du auch etwas davon haben – dann will ich dir mein ganzes Vermögen hinterlassen.« Nach der Beerdigung war sie wieder abgereist. Die Nachbarsleute aber hatten Clärchen zu sich genommen und sie großgezogen, weil sie gehört hatten, was die alte Tante zu dem Kind gesagt hatte. Wenn sie aber Clärchen fragten, wer die Tante war und wie sie hieß, dann erhielten sie als einzige Antwort »Tante«. So hatten sie die Eltern genannt, und Näheres wußte Clärchen auch nicht über sie.

Jetzt war Clärchen ja ein erwachsenes Mädchen und sagte sich, daß so eine alte Dame doch unmöglich ewig leben könne, und harrte mit ihrem Karl gläubig der Stunde, wo die Todesnachricht und die Erbschaft eintreffen würde. Die Nachricht kam aber nicht, und über dem Harren und Warten riß den beiden Liebenden zuletzt die Geduld. Sie wollten Erkundigungen einziehen über die Erbtante. Aber das war schwierig. Verwandte hatte Clärchen gar nicht, und erst ein gewiegter Advokat stellte nach langer Mühe fest, daß Clärchens Mutter eine Tante gehabt habe, welche vor einigen Jahren nach Amerika ausgewandert war und die mit ihrem Familiennamen Piepenmeier hieß. Der Vornahme war nicht mehr festzustellen.

Jetzt gab Clärchen alles dran, um die rätselhafte Erbtante ausfindig zu machen.

Sie hetzte sämtliche Privatdetektive Amerikas auf sämtliche Piepenmeiers Amerikas, was den Erfolg hatte, daß 24 Tanten Piepenmeier dingfest gemacht wurden. Aber die gesuchte – Tante X – war nicht dabei. Da geschah etwas, was in Clärchen eine große Umwälzung hervorrief und sie veranlaßte, darauf zu dringen, daß Karl sie sofort heiraten sollte. Aber woraufhin? Er hatte kein Geld, und sie hatte noch kein Geld. Wovon sollte er da eine bald dreiköpfige Familie ernähren? - So zog sich die Hochzeit hin, bis das Malheur da war und das unverehelichte Clärchen eines Tages einem kleinen Karl die Brust gab.

Und wie sie das unschuldige Kindchen nun weinend betrachtete und hin und her dachte: Was nun? – da kam plötzlich der Telegraphenbote und überbrachte eine Depesche aus Amerika, in der stand, der Detektiv Schnüffler habe Tante X aufgefunden und sei mit ihr unterwegs nach Deutschland.

Nach vier Wochen kam sie an. Aber o Schreck! Als sie sah, daß sie mittlerweile Urgroßtante geworden war, entrüstete sie sich sittlich und enterbte auf der Stelle ihr einzige Nichte, indem sie ihre Hinterlassenschaft einem Jungfrauenkloster vermachte.

Die freudige Erwartung des erbtantlichen Vermögens aber und die Vaterfreude hatten inzwischen Karl zu einer epochemachenden Erfindung begeistert, die ihm soviel einbrachte, daß er bald sein Clärchen heimführen konnte und ihr auch bei Frau Löscher ein violettes Empirekleid machen ließ mit gelbseidenem eingelegtem Mieder und weiten, halblangen Ärmeln.

Ich persönlich habe aber jetzt ermittelt, wie Tante Piepenmeier mit dem Vornamen hieß, und um der Geschichte von Tante X auch nach dieser Seite hin einen erfreulichen Abschluß zu geben, teile ich es hierdurch der Wahrheit entsprechend mit: Sie hieß – Xenia.

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