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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 23
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Werra

Tante Werra – ach so, Sie wundern sich, daß auf Tante Vera Tante Werra folgt. – Sie meinen, ich nenne die Dame so, um zu zeigen, daß mir der Name Werra nicht unbekannt ist. Bitte sehr, ich nenne überhaupt nicht; Tante Werra heißt Tante Werra – jawohl: heißt! – auch nicht: hieß, sondern heißt; – Sie werden schon sehen.

Eigentlich fängt die Geschichte Tante Werras mit deren seligem Gatten, Onkel Philipp, an – und das soll sie auch.

Onkel Philipp also hatte mit 32 Jahren die damals 21jährige Tante Werra geehelicht: weil sie ein hübsches, freundliches, gebildetes und evangelisches Mädchen war; evangelisch war er nämlich auch. Die übrigen Eigenschaften teilte er nicht, mindestens war er nicht hübsch, sondern häßlich, nicht freundlich, sondern knurrig, – und was die Bildung anlangte, die war man so so. Dafür war er aber schwer reich – von Schwindels wegen – und hatte einen krummen Buckel, einen eingefallenen Bauch und wasserfarbene Triefaugen – kurz, den ungeheuren Vorzug angeborener Lebensschwäche.

Wie lange die beiden miteinander verheiratet waren, will ich nicht verraten, damit es keinem beikommt, etwa Tante Werras Lebensalter nachzurechnen. Nur soviel, daß Onkel Philipp im Alter von 46 jahren starb und Tante Werra als kinderlose Witwe mit einem großen Vermögen, einer Anzahl geldbedürftiger Neffen und Nichten, einem liebessüchtigen Herzen und der Testamentsklausel zurückließ, daß das Geld, das sie von ihm ererbt, an dem Tage zum Bau einer Philippkathedrale Verwendung finden solle, wo es ihr etwa einfiele, wiederum in den heiligen Stand der Ehe zu treten.

Tante Werra sah recht sympathisch aus. Sie trug ein rosageblümtes Tüllkleid, mit einer weißen Schürze davor, hatte blondes, dichtes Haar, volle Backen, weiße, spitze Zähnchen, eine Stupsnase, mittlere Größe, starken Busen und eine Taille von Umfang einer zirka 86jährigen Eiche. Man traute ihrem Manne nicht übermäßig viel Liebeswärme zu – Tante Werra um so mehr, und so verbreitete sich das Gerücht unter uns Neffen – ob unter den Nichten auch kann ich nicht sagen, da wir jungen Männer mit den jungen Mädchen so heikle Dinge nur andeutungsweise berührten, was ja so viel reizvoller ist –, daß ihre eheliche Treue in seliger Selbstvergessenheit zu süßen Irrungen ihre Zuflucht nähme. Ich behaupte jetzt fest und steif: das war eine schimpfliche Verleumdung, denn, wie sich später in Tante Werras Witwenstand ereignete, beweist mir, daß Onkel Philipps Geschlecht, wenn unser Argwohn begründet gewesen wäre, nicht mit ihm ausgestorben wäre. Doch ich will nicht vorgreifen.

Als der teure Onkel bestattet war, tauschte Werra ihr rosa Kleid gegen ein tiefschwarzes ein und lebte 4 Monate lang in keuscher Zurückgezogenheit. Dann tat sie um das schwarze Kleid einen weißen Spitzenkragen, um damit zu dokumentieren, daß sie nur noch halbtraurig war und allmählich sah sie wieder bunt und vergnügt und liebesdurstig aus, und so üppig, als ob die 86jährige Eiche mit der ich ihre Taille zu vergleichen mir erlaubte, inzwischen 90jährig geworden wäre.

Ich will im Bilde bleiben: Die Eiche ward 100-, 120- und 150jährig, und da wir bemerkten, daß Tante Werra häufig nicht allein, sondern in Gesellschaft eines stattlichen Herrn war, so entstand unter uns Neffen bald ein recht unehrerbietiges Gemurmel, und selbst meine Cousinen, die Nichten, wisperten allerlei, wovon sie eigentlich gar nichts hätten wissen dürfen.

Doch – was war weiter dabei? – Verhältnismäßig jung war Tante Werra noch, zur Liebe noch lange nicht zu alt: heiraten durfte sie nicht; warum solle sie nicht, nachdem inzwischen ihr Herr Gemahl über ein Jahr in der Gruft lag, ihren natürlichen Gefühlen Rechnung tragen? – –

Eines Tages verreiste Tante Werra und kam nach 6 Wochen mit so sehr verjüngter Taille zurück, daß höchstens noch der Vergleich mit einer 74jährigen Eiche zulässig wäre. Mit ihr zugleich aber kam eine Spreewälderin mit kariertem, lang herabhängendem Hutband, die auf dem Arm ein Steckkissen trug, in dem ein kugelrundes blondes kleines Baby strampelte.

Von der sittlichen Entrüstung der Neffen und Nichten macht sich kein Meinsch einen Begriff. Wir sagten uns allesamt von der Tante los. Ich allein besuchte sie noch manchmal. Denn für meine Erb-Tanthologie kam mir der Fall sehr gelegen.

Außerdem sagte ich mir: habe ich als Neffe der Tante Werra schon keine Hoffnung mehr, dereinst von Onkel Philipps Hinterlassenschaft zu profitieren, so will ich mir wenigstens die Aussicht nicht verbauen, einmal als Schwiegersohn in so lohnende Rechte zu treten – denn Tante Werras Kleines ist ein Töchterchen.

Aber wann Tante Werra das Zeitliche segnen wird, ist mir jetzt höchst schnuppe. Das hat sie davon.

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