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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 22
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Vera

Glauben Sie nicht, daß ich sie nur Tante Veera nenne, weil ich einen Namen mit V gebrauche. Ich könnte sie ja ebensogut Tante Violette, Tante Veronika oder Tante Vespasiana nennen. Sie hieß aber wirklich Tante Vera, so wahr Vera »die Wahre« heißt, und so wahr sie das verlogenste, hinterlistigste und gleisnerischste Geschöpf war, das je Unterröcke getragen hat.

Übrigens war sie erst im Tode verlogen, hinterlistig und gleisnerisch. Zu Lebzeiten war Tante Vera eine liebenswürdige, weißhaarige, sehr vermögende Dame, der all ihre Nichten und Neffen sehr zugetan waren. Und gerade darin zeigte sie ihre verstockte Verlogenheit.

Tante Vera führte ein sehr vornehmes Haus. Sie hatte 3 Zimmer, Küche, Bad und alles Zubehör, und hatte fast zu jeder Mahlzeit Besuch. Besonders ihr Nachmittagskaffee war bei den jungen Leuten, die ihren Verkehr bildeten, berühmt.

»Tante Vera,« hieß es »du bist die herrlichste Frau auf Gottes Welt.«

Dann lachte Tante Vera und freute sich, daß sich die Jugend bei ihr wohl fühlte.

Eines Tages aber starb Tante Vera.

Die Trauer ihrer Neffen und Nichten war tief und echt. Denn mit dem Nachmittagskaffee war es jetzt ein für allemal vorbei. Aber dafür stand eine schöne Erbschaft für die Beteiligten in Aussicht. Acht von Tante Veras Getreuen rechneten sich zu diesen Beteiligten.

Tante Vera wurde beerdigt und tags darauf gingen die acht ans Gericht, um ihre Erbschaftsansprüche zu stellen, da Tante Vera kein Testament hinterlassen hatte.

Aber die Tücke des Schicksals offenbarte sich wieder einmal in ihrer ganzen Häßlichkeit.

Der Richter verlangte von den acht Erben einen nachweis, daß sie wirklich die Neffen und Nichten Tante Veras seien.

Daran hatte natürlich keiner von ihnen gedacht.

Seit ihrer frühesten Kindheit hatten sie Tante Vera »Tante Vera« genannt, und nie hatte einer von ihnen gezweifelt, daß Tante Vera nicht auch wirklich eine Tante Vera sei.

Jetzt waren sie aus allen Wolken gerissen. Die Tante Vera hatte sie schimpflich belogen, indem sie sich alle die Jahre lang »Tante« nennen ließ, ohne es zu sein. Die Erben kochten vor Wut, und statt Tränen und Dank folgten Tante Vera Schimpf und Fluch ins Grab.

Eine sehr entfernt verwandte Großcousine aber konnte ihre Verwandtschaft zu Tante Vera nachweisen, und erhielt deren ganzen Nachlaß.

Nachmittagskaffees gab die nicht.

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