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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 18
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Rosa

Ich muß gestehen, daß es mir etwas unsympathisch ist, von der Erbtante Rosa zu erzählen. Ich bin nämlich ein bißchen Moralist, und diese alte Dame ist ein so niederträchtiger Charakter, daß man am liebsten nichts mit ihr zu tun haben möchte, zumal, da sie noch lebt und man nicht wissen kann, wie sie sich rächt.

Wenn ein junger Mann oder eine junge Dame eine reiche Tante hat, so ist ein bißchen Erbschleichen natürlich ganz berechtigt, wenn es auch, wie aus diesem Bucher ersichtlich, nichts hilft. Tante Rosa aber ist eine ganz nichtswürdige Kreatur; denn sie schleicht ihr eignes Geld erb. Und das ist nicht wenig.

Als sie einige sechzig Jahre alt war, mahm ihre Nichte Thekla, die sich soeben mit einem Weinreisenden verehelicht hatte, sie zu sich ins Haus, – angeblich, damit die alleinstehende alte Dame in liebevoller Pflege sei, in Wahrheit, damit in den Stunden, Tagen und Wochen, wo der Herr Gemahl seinen Geschäftspflichten oblag, unter Mitwirkung der sich aufopfernden Nichte ein Testament zustande käme, das dieser die Ernährung der guten Tante bis an ihr Lebensende zu einer Freude machte.

Zuerst erwies sich die heimtückische Tante durchaus willfährig. Das Testament kam zustande. Als der Weinreisende einmal wieder von einer Geschäftstour heimkam, fiel ihm seine Thekla, die sich immer wahnsinnig nach ihm sehnte und an jedem siebenten Tag (Sonnabend) vor lauter Sehnsucht krank war – manchmal auch wohl zwischendurch einmal –, um den Hals, weinte erst eine ganze Weile, zwang ihn dann, da es doch schon 8 Uhr abends war, gleich zu Bett zu gehen, und fing dann nach den Begrüßungsformalitäten um Mitternacht herum an, mit ihm auf Grund des Testaments, daß die beiden zu alleinigen Erben der drei Millionen, die Tante Rosa besaß, bestimmte, Pläne für die Zukunft zu schmieden. man beschloß, die gute Tante baldmöglichst liebevoll zu Tode zu päppeln, sich dann zur Ruhe zu setzen und sich ganz der Zärtlichkeit zu widmen, um all das nachzuholen, was durch die langen Geschäftsreisen des Gatten versäumt werden mußte.

Ein neues Leben sollte angehen, und als sichz die beiden Liebenden um dieses noch hinreichend bemüht hatten, schliefen sie um die Morgenstunde ein, und erhoben sich erst mittags etwas bleich und angegriffen vom Lager.

Die in dieser denkwürdigen Nacht systematisierte Verpflegung begann, und als sich kurz nachher in Thekla gewisse Anzeichen für ein freudiges Ereignis bemerkbar machten, da wußten die glückseligen Gatten, daß dem Zwecke ihres Systems auch nicht der Ewigkeitswert ermangle.

Tante Rosa wurde dünner und dünner, und als sie nach dreiviertel Jahren den kleinen Bruno aus der Taufe hob – ach pardon! – als sie also ihre Patenpflicht an ihm erfüllte, da sagten die Leute: na, die macht's nicht mehr lange.

Aber, obgleich sie so dürre wurde wie ein Butterblumenstengel, – ans Sterben dachte sie gar nicht. Jahr um Jahr verrann. Der Weinreisende wurde alt und grau. Frau Theklas Reize vergilbten. Aber ihr Mann reiste noch immer in Wein und Spirituosen, und wenn er über den Sonnabend fortblieb, ward sie sehnsuchtskrank wie ehedem.

Der kleine Bruno ward groß. Was es mit der Tante Rosa auf sich hatte, wurde ihm schon in frühen Jahren gelehrt. So hatten seine Eltern eine rechte Freude daran, wenn er die alte Tante ärgerte und plagte, daß sie immer noch dünner und gelber und klappriger wurde. Hatte sie einmal ausnahmsweise einen etwas fetteren Bissen hineingeschoben bekommen, so kam sicher Bruno noch rasch hinzu, um ihn ihr vor der nase wegzuessen. Zu seiner Unterstützung wurde ein Papagei angeschafft, und Bruno und Lore teilten sich nun die Arbeit, indem bald der Vogel schrie, und sich der Knabe, sobald die Tante sich umdrehte, in den Besitz ihres Futternapfes setzte; oder Bruno johlte, und wenn Tante Rosa sich nach ihm umwandte, Lore geflogen kam und den größten Happen vom Teller pickte.

Tante Rosa war bald so dünn geworden, daß sie nicht mehr gehen konnte. Sie saß also in einem ledernen Lehnsessel, troff aus den Augen, aus der Nase und aus dem Mund und duftete gar lieblich nach komprimiertem Achselschweiß.

Nun war aber das Ehepaar, das die Tante in Pflege genommen hatte, asthetisch kultiviert. Ja, Thekla dichtete sogar an den Sonnabenden, wo ihr Mann auf Reisen war, und ein Gedicht, das besonders sehnsüchtig war, stand auch einmal in der »Gesellschaft«. Da war es denn kein Wuder, daß der Anblick, den Tante Rosa bot, die Geräusche, die ihre nase und ihr Unterleib unausgesetzt von sich gaben, und der Duft, der ihr aus allen Poren strömte, den Wunsch, bald in den Besitz der drei Millionen zu gelangen, noch verstärkte.

Und so ließ man sie ma Hungertuch nagen. Sie nagte daran und nagte, – aber es bekam ihr sehr gut. Je dünner sie wurde, umsoweniger von ihrem Körper konnte verfallen, und Geist hatte sie ohnehin so gut wie gar nicht aufzugeben.

Frau Thekla und ihr Mann sind längst tot. Bruno ist ein alter Mann geworden, der durch Tante Rosens Zähigkeit so mürrisch wurde, daß ihn kein Mädchen haben wollte. Daher stirbt das Geschlecht mit ihm aus.

Tante Rosa aber denkt gar nicht ans Sterben. Sie ist so geizig, daß sie ihr Geld auch nach ihrem Tode keinem gönnt. Deshalb will sie solange leben, bis der Kapitalismus überwunden ist. Dann haben ihre Schätze ja keinen Wert mehr.

Tante Rosa sitzt in dem Lehnstuhl, nagt am Hungertuch, trieft, grunzt und stinkt. Ihr Geld aber stinkt nicht.

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