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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 17
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Q.

Ich hab' meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach,
Ich hatte bei ihr übernachtet
Und grub in den Kisten, Kasten nach.

Frank Wedekind wird es mir verzeihen, wenn ich ihm vorgreife, und die Geschichte der geschlachteten Tante etwas näher beleuchte. Sie gehört aber unbedingt zu unserer Tanthologie, da auch sie wieder dartut, wie man sich in Erbtanten verrechnen kann. Um indes nicht zu indiskret zu sein, will ich die Heldin dieser Geschichte Tante Q nennen, einmal, weil das so gerade in unser Alphabet paßt, dann auch, weil Q der einzige Buchstabe ist, zu dem der liebe Gott keinen Frauennamen geschaffen hat, un der somit unbefugtes Sich-getroffen-fühlen ausschließt.

Tante Q also war eine Dame, die seit 45 Jahren im dritten Stockwerk eines Hauses in Berlin NW. eine Wohnung bevölkerte, die aus zwei Stuben, Küche und Kammer bestand.

Morgens um 6 Uhr stand Tante Q auf, vermischte etwas Cichorie mit heißem Wasser, trank dies Gemisch als »Kaffee« und begab sich an ihre häuslichen Arbeiten. Diese bestanden im Untersuchen, ob alle Türen gut verschlossen waren, im Nachsehen, ob ihr Geld noch unberührt im dritten Fach ihres eisernen Schrankes lag, im Ausfegen jeder Ecke, ob nicht etwa irgendwo ein Kupferpfennig lag (vor 37 Jahren sollte Tante Q einmal einen unter dem Küchentisch gefunden haben) und im Ausklopfen ihrer Kleider und Möbel, weil niemand wissen konnte, wozu es gut war.

Das alles geschah im Negligé, d.h. in Nachtjacke und Unterrock. Darüber hing eine blaue Schürze, die als Taschentuch Verwendung fand.

Gegen 11 Uhr zog Tante Q sich an. Sie warf sich nämlich über den Unterrock einen schwarzwollenen Überrock, und über die nachtjacke und den darunter gekrümmten Buckel einen roten türkischen Shawl, den sie vorn zusteckte. Auf ihr bißchen grünlichgefärbtes Haar stülpte sie einen Strohhut in Kapotteform mit langen, breiten Bändern, die sie unter dem wackelnden Kinn zuband, und in die Hand nahm sie einen mächtigen, blauen Regenschirm mit einer sehr großen Holzkrücke und ihr Schlüsselbund.

So ging sie Einkäufe machen, versäumte aber niemals, der Portiersfrau beim Fortgehen einzuschärfen, sie möchte um des Himmels willen niemand zu ihr in die Wohnung lassen, was schon deswegen gar nicht möglich war, weil nicht nur die Entreetür, sondern auch jede Stuben- und Kammertür, jeder Schrank und jedes Schubfach mit komplizierten Kunstschlössern versehen waren, die Tante Q beim Fortgehen sorgfältigst verschloß.

Nun hatte Tante Q einen Neffen, den ich mit Rücksicht auf Frank Wedekind nicht näher bezeichnen will. Jedenfalls war dieser Neffe ein armes Luder und der einzige Verwandte der Tante Q.

Da Tante Q jedoch gar keine Neigung kundtat, krank zu werden, und zum Sterben nicht die geringsten Anstalten traf, lag doch nichts näher, als daß besagter Neffe sich als Schicksal fühlte, ein Messer kaufte und Tante Q damit abschlachtete, nachdem er bei ihr übernachtet hatte.

Letzteres aber hatte er so gemacht. Eines Tages traf er Tante Q, als sie Einkäufe machte. Er bot ihr seinen männlichen Schutz an, und da Tante Q von ihrem leibhaftigen NEffen nichts Böses voraussetzte, bat sie ihn angstvoll und gerührt, ihr seinen Beistand zu leihen. Er ging also mit ihr, und erbot sich in liebevoller Neffentreue auch die Nacht ihr Beschützer zu sein. Tante Q ging ins Garn.

Soll ich nun noch ausführlicher schildern, wie der Mörder sein Opfer massakrierte? Ich fürchte, nervöse Leserinnen könnten sich an der Aufregung Schaden tun, und verweise daher hier nur auf Frank Wedekinds bezügliches Gedicht, das man nachlesen kann in seiner »Fürstin Russalka« sowohl, wie auch in Bierbaums »Brettliedern«.

Was mir aber noch wesentlich erscheint, ist, daß der mörderische Neffe in den Kisten-Kasten außer alten Lumpen nichts als einen Scheck auf 1000 Mark fand. Hier hat Wedekind nämlich dichterisch übertrieben. Als er den Scheck einlösen wollte, stellte es sich erstens heraus, daß er längst verfallen war und zweitens nahm man den armen Jüngling fest.

Der Staat strich das Geld der Tante Q ein. Der Mörder aber wurde auf dem Plötzenseer Gefängnishof hingerichtet.

Das ist die Geschichte von der Tante Q, die so grausig ist, daß ich sie hiermit schleunigst abschüttele und von der Tante Rosa erzähle, was auch sehr interessant ist.

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