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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 16
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Paula

Die Hauptperson dieses Kapitels unsrer Lehre ist nicht Tante Paula selbst, sondern ihr Pudel Schwarz.

Tante Paula hatte nämlich einen Pudel, wie ja ältliche Damen, denen das Schicksal einen Ehegatten versagt hat, häufig in irgend einem süßen Vieh Tröstung finden.

Außer Schwarz, dem Pudel, gab es jedoch auch einen Menschen, dem Tante Paula in zärtlicher Liebe zugetan war. Das war Eduard, ihr Neffe, dem sie ihre Würde als Tante verdankte, und der sich dem trügerischen Glauben hingab, Tante Paula sei seine Erbtante.

Daß Schwarz und Eduard sich nicht vertrugen, versteht sich in einer Geschichte, in der eine Erbtante, ein Pudel und ein Neffe eine Rolle spielen, von selbst.

Freilich, wenn Tante Paula dabei war, dann wedelte Schwarz den Eduard scheinheilig an, und Eduard nahm aus jeder Tasche ein Stück Zucker und gab es mit liebevollen Worten dem reizenden Tierchen. Trafen sich aber die beiden in Tante Paulas Abwesenheit, dann erdröhnte das Haus von des Köters bösartigem Gebläff, und seinem markerschütterndem Geheul, wenn ein Fußtritt Eduards ihn an die Schnauze getroffen hatte.

Gingen alle drei miteinander spazieren, so ging Tante Paula, die sich bei einer erstaunlichen Schlankheit einer märchenhaften Länge erfreute, in der Mitte; zu ihrer Linken ging Eduard, zu ihrer Rechten Schwarz, die sich an der unteren Partie Tante Paulas vorbei haßerfüllte Blicke zuwarfen.

Es war der Haß der Eifersucht, den die beiden gegeneinander nährten. Und zwar war Schwarz auf Eduard eifersüchtig, weil er sich durch jedes Stückchen Zucker, das Eduard in seinen Kaffee warf, benachteiligt fühlte, und weil er jeden zärtlichen Blick seiner Herrin, der Eduard traf, als ihm zugehörig betrachtete. Eduard aber blickte weiter in die Zukunft. Er wußte, daß er zwar der einzige Leibeserbe Tante Paulas war, er sah aber ein, daß ihre Liebe zu dem Pudel noch weit größer war als die zu ihm, und daß die gute Tante daher nicht eher die Augen schließen würde, als bis sie auch den Hund zeitlebens versorgt wüßte. Ja, er fürchtete sogar, daß das Legat, das sie für die Pension Schwarzens aussetzen würde, noch bedeutender sein würde, als das für ihn bestimmte.

Eduard kalkulierte, daß diesem Fürchterlichen nur dadurch vorgebeugt werden könne, daß der Hund vor Tante Paula das Zeitliche segnete. Da aber das Tier noch gesund und rüstig, die Tante dagegen schon runzlich war und bedenklich hüstelte, war es wünschenswert, den Köter baldmöglichst unschädlich zu wissen.

So reifte in Eduard ein schwarzer Plan.

Der tägliche Spaziergang Tante Paulas und ihrer beiden Getreuen führte sie über einen Steg, der ein tiefes Gewässer überbrückte. Hier sollte das Furchtbare vor sich gehen...

Es war ein Sonntagvormittag. Die Sonne spielte mit den Wellen des Bächleins, über den erwähnter Steg führte, Versteck, indem sie sich bald hinter den Wolken verkroch, bald hervorkam, um alles rundum in überquellender Zärtlichkeit zu küssen – kurz: es war eine Stimmung, die ich schildern könnte, wenn ich erstens die Begabung eines Lyrikers und zweitens die Zeit eines Rentiers besäße. Da beides nicht der Fall ist, begnüge ich mich mitzuteilen, daß in diese Stimmung Tante Paula mit den beiden Herzensfreunden würdig gemessenen Schrittes hineintrat.

Eduard gab seiner Freude über das herrliche Wetter und die schöne Gegend in übersprudelnder Lebendigkeit Ausdruck. Er wies die gerührte Tante auf die grünen Abhänge hin, die steil ins Wasser hinabliefen, und zeigte ihr eine Stelle, wo eine große Menge Vergißmeinnicht leicht erreichbar blühten.

Tante Paula flog mit entzücktem Aufschrei darauf zu, ein Stäußlein zu pflücken. Darauf aber hatte der hinterlistige Erbe gewartet. Er versetzte dem Pudel, der bis dahin teilnahmslos nebenher getrottet war, und sich die Zeit mit Fliegenschnappen anmutig vertrieben hatte, hinter Tante Paulas Rücken einen Fußtritt in die Flanke, daß Schwarz laut aufquiekend ins Wasser stürzte.

Beinah wäre Tante Paula vor Schreck dasselbe passiert. Sie vermied es aber, und warf sich lieber dem ungetreuen Eduard zu Füßen, den sie schluchzend anflehte, das arme Vieh zu retten, das heulend herumschwamm und vergebens versuchte die steile Böschung hinaufzuklettern.

Eduard hielt der unglücklichen Tante einen langatmigen Vortrag, in dem er ihr klarzumachen suchte, daß die Rettung des Hundes nur mit eigner Lebensgefahr vollzogen werden könne. Aber Tante Paula hörte nur das Jammergeheul Schwarzens und beschwor ihn nur immer heftiger, das gute Tierchen nicht ertrinken zu lassen. Umsonst.

Da zog sie andere Saiten auf. Sie befahl. Und als das noch nicht half, schrie sie ingrimmig: »So enterbe ich dich, Herzloser!« Das half.

Eduard dachte an Schillers Taucher und war mit einem kühnen Satz im Wasser. Er schwamm auf den Hund los, und als er ihn eben beim Halsband gefaßt hatte – nicht um ihn aus dem Wasser zu ziehen, sondern um ihn das Maul solange unterzutauchen, bis die Luft wegbliebe, da schnappte Schwarz zu, biß ihm tief in die Hand und rettete sich selbst durch einen kühnen Satz hinauf zu Tante Paula, die in ihrer maßlosen Freude, ihr Hündchen wiederzuhaben, nicht bemerkte, wie Neffe Eduard inzwischen verblutete und ertrank.

Als man ihr später die Leiche ins Haus brachte, ließ sie gerührt einen Leichenstein meißeln mit der Aufschrift: »Dem tapferen Retter meines geliebten Hündchens, der sich mir und meinem Pudel zuliebe aufopferte, in Dankbarkeit Tante Paula.«

Schwarz aber ward Universalerbe. Und als er starb, ward aus Tante Paulas Vermögen eine »Eduard-Schwarz-Stiftung zur Rettung Schiffbrüchiger«.

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