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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 15
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Olly

Viktor Eberhard Dachreiter war in Tante Ollys Testament zum Universalerben bestimmt worden und trat tatsächlich in die Rechte eines solchen ein, indem er das sehr stattliche Vermögen der Dame Olga Weidenbaum, verschieden am 27. Oktober 19.., in Besitz nahm.

Als ich das hörte, war ich geknickt. Schon bei der Nachricht, daß Tante Olly sich aus unbekannten Gründen erhängt habe, fühlte ich den Erbtanten-Grund, auf dem sich doch mein Ruhm für die Unsterblichkeit aufbauen soll, unter mir schwanken. Aber ich hoffte noch, daß sich auch hier, wie schon so oft, ein Wunder hilfreich ins Mittel legen werde, um das Furchtbare zu verhüten. Umsonst. Viktor Eberhard Dachreiter war Tante Ollys Erbe.

Und doch – durfte ich daraufhin glauben, daß meine Lehre einen Riß bekommen habe? – Durfte ich mich dem zwar schönen, aber doch schon etwas verbrauchten Satz trösten: Keine Regel ohne Ausnahme? – Ich durfte es nicht. ich dachte, grübelte, forschte. DIe Sache mußte ihren Haken haben.

Ich fand den Haken. es war derselbe, an dem Tante Olly aus unbekannten Gründen ihrem Dasein ein Ende gemacht hatte.

Wenn die unbekannten Gründe keine unbekannten Gründe mehr sind – so sagte ich mir – dann sind es bekannte Gründe, und auf bekannten Gründen baut man besser als auf unbekannten. Es galt meine Erbtanten-Lehre zu retten. Da durfte keine Mühe gescheut werden, da heiligte der Zweck jedes Mittel: ich mußte den Gründen auf den Grund kommen.

Ich brach also mit Hilfe eines Dietrichs nächtlicherweile in Tante Ollys verflossene Wohnung ein, und durchstöberte alles, was noch an ihre Lebzeiten gemahnte.

An materiellen Schätzen war mir nichts gelegen – mein Einbruch hatte ideale Motive – und so steckte ich nur einen Hundertmarkschein ein, den ich zufällig unter ihren Briefschaften fand, und der mir für meine weiteren Forschungen vielleicht von Nutzen sein konnte. Gott sei Dank! ich konnte ihn als Lohn für meine Bemühungen ungeteilt behalten. Denn ich fand unter den Briefschaften außerdem folgendes:

  1. eine Anzeige diesen Inhalts:

    Als Verlobte empfehlen sich
    Marianne Liebenstern
    Konrad Leo Dachreiter, Rittmeister a.D.

  2. einen Geburtsschein vom 7. Mai 18.., in dem der unverehelichten Olga Weidenbaum die Entbindung von einem Knaben amtlich bestätigt wird

  3. ein Protokoll, in dem festgestellt wird, daß der Oberleutnant Konrad Leo Dachreiter den am 7. Mai 18.. der unverehelichten Olga Weidenbaum geborenen Sohn Viktor Eberhard als von ihm stammend anerkennt, und in dem fernerhin besagtem Sohn für Lebenszeit die Erlaubnis erteilt wird, den Familiennamen seines Vaters zu führen

  4. etliche Briefe, in denen der Oberleutnant, dann Rittmeister, dann Rittmeister a. D: Konrad Leo Dachreiter seiner »geliebten Olly« die Ehe verspricht

  5. etliche Briefe meines Freundes, des beneideten Erbneffen Viktor Eberhard Dachreiter an Fräulein Olga Weidenbaum mit der Überschrift: »Liebe Tante Mama!«

Aha! dachte ich nur, als ich den Punkt 1 mit dem Punkt 4 verglich und nach dem Haken schielte, an dem Tante Olly ihrem Leben ein Ende gemacht hatte.

Meine Theorie war wieder einmal gerettet.

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