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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 14
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Nanny

Nie war mir eine Tante unsympathischer als Tante Nanny. Schon ihr Äußeres: Sie war baumlang, hatte spärliches graues Haar, eine widerwärtig lange, fühlhornartig bewegliche Nase und ein Organ, das an das Kreischen und Schnauben einer Dampfpfeife erinnerte.

In ihrer Umgebung war es nicht auszuhalten. Ihre Dienstmädchen wechselten wöchentlich, von den Verwandten war ich der einzige, der sie mitunter besuchte;und ich tat dies auch nur in der Erwägung, daß ältliche Damen nicht ewig zu leben pflegen, und daß das Vermögen der alleinstehenden Tante, sofern ich sie nicht vernachlässigte, jawohl mir zufallen würde.

Tante Nannys Lieblingsbeschäftigung war, mir moralische Lehren zu geben, eine Erziehungsmethode, die sie in der Weise ausübte, daß sie über alle die Menschen, von denen sie mal etwas gehört, gelesen, geträumt oder gedacht hatte, was mit den Prinzipien ihrer Alte-Tantehaftigkeit nicht ganz vereinbar schien, in gar nicht wiederzugebenden Ausdrücken schimpfte. Sie selbst mußte wohl sehr mit sich zufrieden sein. Denn sie rühmte ihren gesitteten Lebenswandel bei jeder Gelegenheit, indem sie ihr Bläffen aus dem Hinterhalt »stille Zurückgezogenheit« und ihren schmutzigen Geiz »kluges Maßhalten« nannte.

Über Tante Nannys Vergangenheit wußte kein Mensch etwas genaues. Nicht einmal das stand fest, ob sich infolge ihrer Scheusäligkeit trotz ihrer reichen Mittel nie ein Mann für sie erwärmt habe, oder ob irgendein Unglücklicher, den traurige Vermögensverhältnisse zu einem Verzweiflungsschritt getrieben haben mochten, einmal auf diese Weise Selbstmord verübt habe, daß er sich durch eine Ehe mit Tante Nanny in die Gruft ekeln ließ. Weder Frau noch Fräulein durfte man zu der Tante sagen. Sie wünschte »Gnädigste« genannt zu werden, was ja den verschiedensten Deutungen Raum gab.

Es war ein Glück, daß Tante Nannys Tod nicht allzulange auf sich warten ließ. Unter dem Fenster ihres Schlafzimmers stand nämlich eine Bank, beschattet von einem prächtigen alten Lindenbaum. Auf dieser Bank nun hatte in einer warmen Frühjahrsnacht ein Jüngling einer Jungfrau seine Liebe gestanden, und die Küsse und Zärtlichkeiten der beiden jungen glücklichen Menschenkinder hatten Tante Nannys Nachtruhe gestört. Zwar hatte sie sogleich das Fenster geöffnet und ein selbst für sittsame alte Tanten unentbehrliches Geschirr wutentbrannt auf die Nichtsahnenden entleert; aber die sittliche Entrüstung, vielleicht auch der Neid und sicher eine Erkältung, die sie sich beim Fensteröffnen zuzog, warfen sie aufs Krankenlager, auf dem sie unter meinem treuverwandschaftlichen Beistande binnen wenigen Tagen sanft verschied.

Ich ließ sie so schnell wie möglich einbuddeln, weil mir der Anblick ihrer Leiche fast noch widerlicher war, wie der ihrer Gestalt bei Lebzeiten, und suchte nach ihrem Testament. Sie hatte keins hinterlassen, und da kein näherer Verwandter da war, machte ich sogleich beim Gericht meine Erbansprüche geltend.

Aber was geschah? Eines Tages erschien bei mir ein älterer Herr, der sich mir als Gemahl der verewigten Tante Nanny vorstellte, und der vor 27 Jahren nach etwa 14tägiger Ehe das Weite gesucht hatte. Da der Herr nachweisen konnte, daß Tante Nanny wirklich seine Gattin gewesen war, und daß er so vernünftig gewesen war, sich nicht von ihr scheiden zu lassen, strich er vergnügt den ganzen Nachlaß ein, nicht ohne mir beileidsvoll die Hand geschüttelt zu haben.

Die Stunden, die ich in Tante Nannys Gesellschaft in ihren gesunden Tagen und an ihrem Krankenbett zugebracht habe, waren die verlorensten meines Lebens.

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