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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 11
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Kunigunde

Zwischen dem Studiosus juris Eugen Schmälzel und seiner Tante Kunigunde gab es einmal dieses Gespräch:

Tante Kunigunde: So kann es unmöglich weitergehen, lieber Eugen. Diesmal will ich dir noch das Strafmandat bezahlen, weil du nun einmal der Sohn meines Brüderchens bist. Aber es ist das letzte Mal. Merk dir's!

Eugen: Aber, Tantchen, du hast doch auch gar keinen Humor. Sag doch selbst, war der Witz nicht famos und die fünf Mark wert, die Laterne auszudrehen, als grad die Kleine drunter stand und den Brief vom Liebsten las?

Tante Kunigunde: Nein, offen gestanden, der Witz gefällt mir gar nicht. Wer weiß, wie lange sich das Mädchen auf diesen Brief gefreut hatte, und endlich, wo sie ihn nun lesen durfte, zerstörst du ihr die schöne Stimmung.

Eugen: Ach was, Stimmung! Wie kann man nur so philiströs denken! Stimmungen haben Menschen, denen der Humor fehlt. Und du solltest doch zuallererst Humor haben.

Tante Kunigunde: Wieso ich?

Eugen: Na, ich meine man, wegen deinem ulkigen Namen.

Tante Kunigunde: Eugen, ich verbitte mir –

Eugen: Da sehen wir ja wieder, wie dir aller Witz fehlt!

Tante Kunigunde (nach einiger Überlegung): Du hast recht, lieber Neffe. Ich heiße Kunigunde, und ich will diesem Namen Ehre machen. Wenn ich einmal sterbe, dann will ich in meinem Testament den besten Witz machen, der je einer Erbtante beigekommen ist.

Eugen: O ja, Tantchen. Wieviel lieber will ich das Universal-Erbe antreten, wenn es mir in recht humoristischer Weise kredenzt wird. Mir wird sein, als ob du selbst, wenn ich das erste Glas auf deine sanfte Ruhe leeren werde, dazu Prost! sagen würdest.

Tante Kunigunde: Nun geh, mein Junge! – Laß mich allein. Ich will mein Testament aufsetzen.

Eugen (sie umarmend): Tante! Du bist göttlich! Mit dir hat sich der liebe Gott einen entzückenden Witz geleistet. (Ab.)

Tante Kunigunde: Na, warte –

Eindreiviertel Jahr später ging Tante Kunigunde heim. Neffe Eugen zog spornstreichs zum Gericht zur Testamentseröffnung. Er glaubte, die witzige Tante würde ihm die 100.000 Mark der Erbschaft in blanken Talern auszahlen lassen oder sie habe ihren letzten Willen in fünffüßigen Jamben niedergelegt.

Tante Kunigundes Witz war aber ein boshafter. Eugen Schmälzel ward enterbt. Ob das nicht ein köstlicher Witz sei? Aus einer Stimmung werde er ja nicht gerissen, da humoristisch angehauchte Leute ja nicht an Stimmungen zu leiden pflegen. Statt seiner solle das gesamte Vermögen zur Gründung eines neuen Witzblatts »Tante Kunigunde« Verwendung finden. Eugen solle Redakteur werden mit 1200 Mark Gehalt.[im Jahr (D. V.)]

Eugen verzichtete aber auf diesen Posten. Ihm war der Humor vergangen.

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