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Die Psychologie der Erbtante

Erich Mühsam: Die Psychologie der Erbtante - Kapitel 10
Quellenangabe
typeESSAY
authorErich Mühsam
titleDie Psychologie der Erbtante
ISBN3-359-00188-5
pages
senderhille@abc.de
created20040729
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Tante Julchen

Tante Julchen hatte mich sehr in ihr Herz geschlossen. Sie war die einzige aus der Verwandtschaft, die an meine literarischen Fähigkeiten glaubte und die nicht weniger stolz war, eine dichtenden Neffen zu besitzen.

Schon als ich Tertianer war, nahm sie sich meiner liebevoll an, ließ sich von mir die Gedichte vorlesen, in denen ich meine Lehrer schlecht machte, und schenkte mir hier und da zwanzig Pfennige, für die ich mir erst Schokolade, später Zigaretten kaufte – und an meinem fünfzehnten Geburtstage mich zum erstenmal rasieren ließ. Als ich dann größer wurde und sie mich durch die Zuwendung eines Nickels tödlich beleidigt hätte, pumpte ich sie häufig um größere Summen an, freilich meist mit dem Erfolg, daß sie mir bedauernd klar machte, ihr Geld liege irgendwo fest, und es sei ihr zur Zeit leider ganz unmöglich, auch nur über eine übrige Mark zu verfügen. Zweimal aber gab sie mir doch mit großer Feierlichkeit je l Mark 50 Pfennige. Das hat sich mir fest ins Gedächtnis eingeprägt.

Einmal, als ich sie wieder mit etwa zwölf neuen Gedichten überschüttet hatte und sie ganz hingerissen davon dasaß, schlug ich ihr vor, meine Werke auf ihre Kosten drucken zu lassen. Da sah sie mich blinzelnd von der Seite an und meinte: »Wenn ich mal tot bin, mein Junge. Dann sollst du hunderttausend Mark erben, und dann sollst du auch deine Gedichte drucken lassen.«

Ich war natürlich hochbeglückt, zumal, als sie in meiner Gegenwart diese letztwillige Bestimmung schriftlich niederlegte.

Ich hatte jetzt eine Erbtante, auf die hin ich Schulden über Schulden machte und die ich in begeisterten Hymnen ansang.

Tante Julchens Tod ließ lange auf sich warten. Aber endlich stellte sich doch die Altersschwäche bei ihr ein, und als sie fühlte, daß es mit ihr zu Ende ging, ließ sie mich an ihr Lager rufen.

Sie war schon sehr schwach, als sie meinen Kopf zwischen ihre dünnen Händchen nahm. Ihre Lippen bewegten sich, als wollte sie mir etwas Wichtiges sagen. Doch als sie es gar nicht herausbringen konnte, was sie auf dem Herzen hatte, zeigte sich mit schwachem Lächeln nach ihrem Waschtische und stammelte »Schublade«. Dann schloß sie die Augen und hauchte ihre Seele aus.

Ich begab mich eilends an den Waschtisch und zog das Schubfach heraus, in dem ich einen Scheck auf die mir vermachten Hunderttausend Mark zu finden hoffte. Statt dessen lag aber darin ein Brief, der folgenden Wortlaut hatte und mit zitternder Hand geschrieben war: »Mein lieber Neffe! Ich danke Dir herzlich für all die Genüsse, die Du mir durch Deine Kunst bereitet hast. Leider ist es mir nicht möglich, deine Gedichte aus meinem Vermögen drucken zu lassen. Ich denke, Du wirst schon von selbst ein bedeutender Mann werden. Alles, was ich habe, liegt in meinem Geldschrank. Es sind 70 Mark. Nimm sie und laß mich dafür begraben. Das Papier aber, das ich ausschrieb als Testament und in dem ich Dich mit hunderttausend Mark bedacht habe, hebe auf als stete Erinnerung daran, daß Du einmal eine Tante hattest, die zwar kein Geld, aber ein gutes Herz und den guten Willen hatte, Dich so reich zu machen. Ich küsse Dich in Liebe. Deine Tante Julchen.«

Tante Julchen hat zu meinem Mißtrauen gegen die Erbtanten viel beigetragen.

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