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Die Prinzessin von Portugal

Alfred Meißner: Die Prinzessin von Portugal - Kapitel 1
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authorAlfred Meißner
titleDie Prinzessin von Portugal
publisherVerlag von S. Schottlaender
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Erstes Capitel

Der Landflüchtige

Am linken Ufer des oberen Rheines, am Fuße des Kamor und der Calanda, stand zu Beginn des zwölften Jahrhunderts und steht noch heute fest und massig, in unzerstörbarer Wucht erhalten, die Burg der Grafen von Werdenberg.

Es war ein mächtiges Geschlecht, das ein weites Gebiet auf beiden Seiten des oberen Rheines beherrschte Sargans, Altstätten und Rheineck auf dem linken Ufer Vaduz auf dem anderen und alles Land von der Landquart bis zur Mündung der Ill, der Wallgau bis gegen Tirol waren den Werdenbergern zu eigen. Bis über den Bodensee hinaus ging ihre Herrschaft, denn auch auf Tetnang saßen ihre Vögte. Es war ein Geschlecht, über welchem nur der Kaiser, unter welchem eine Schaar adeliger Dienstmänner stand, und das sich neben den Herzögen von Schwaben und Bayern fast ebenbürtig zu behaupten wußte.

Seit der Auflösung des karolingischen Weltreiches, das die großen und kleinen Herren mit mächtiger Faust niedergehalten hatte, war eine allgemeine Rauf- und Raublust entfesselt, und die Erde hallte nur von frommem Glockengeläute und wildem Waffengeklirre wider; dennoch war es trotz eines hundertjährigen Blutvergießens Keinem gelungen, auf's Neue ein großes Reich zu begründen.

Graf Heinrich, der »Herr von der weißen Fahn« genannt, weil er eine weiße Kirchenfahne im schwarzen Felde im Wappen führte, hatte seinen Sitz abwechselnd auf Werdenberg und auf der Schattenburg zu Feldkirch. Ehedem ein gewaltiger Herr von unbändiger Rauflust, der manche Fehde mit seinen Nachbarn ausgefochten, war er jetzt ein bejahrter Mann, nicht am Geiste, aber am Körper gebrochen. Seit Jahren bereits mußte er seinem Lieblingsvergnügen, der Jagd auf Bären und Wölfe, entsagen und hätte gern in Frieden gelebt, da er jetzt um so weniger den Anstrengungen des Krieges gewachsen war, – aber das war ihm nicht vergönnt.

Soeben stand er am Vorabend eines Kriegsausbruches.

Ein mächtiger und hartnäckiger Gegner, mit welchem er sich schon oft im Leben in offener Fehde gemessen, und mit dem er überhaupt immer uneins gewesen, der Herzog von Schwaben, hatte ihn abermals herausgefordert. Das war ein furchtbarer Gegner, und es war zu besorgen, daß Graf Heinrichs von früher her feindliche Nachbarn, der Herr von Sax und die mit diesem verbündeten Aebte von Chur und St. Gallen des Werdenbergers Bedrängniß nützen würden. Auf beiden Seiten stand bereits das ganze verfügbare Kriegsvolk auf den Beinen, und die Feindseligkeiten konnten jeden Tag ausbrechen. Einen Theil der Kriegsmacht des Grafen führte Allmanrich von Aspremont an, den anderen Hans von Nürnberg, beides bewährte Feldhauptleute.

Es war im Weinmonat, kurz vor Galli, zur Zeit, da die kalten Herbstnebel einfallen und Regengüsse den kommenden Winter ankündigen. Die Nacht war schon ziemlich weit vorgerückt. Graf Heinrich saß in seiner wohlbefestigten Burg Werdenberg, in einem engen und hohen Gemache, das nur ein prasselndes Feuer wohnlich machte, in Gedanken versunken, ganz allein.

Er war es nicht seit lange. Die Vögte der Schlösser von Hohen-Bregenz und Feldkirch, von Sargans, Jagdberg und Tosters waren bei ihm gewesen; denn es galt, Alles in Vertheidigungszustand zu bringen. Fort und fort wurden schadhafte Mauern ausgebessert, Thürme befestigt, Kriegswerkzeuge zum Angriff und zur Verteidigung angefertigt. Auch mit seinem Sohne und Nachfolger, dem Grafen Albrecht, hatte der Graf eine lange Unterredung gehabt. Dieser war erst vor wenigen Stunden vom bayrischen Hoflager zurückgekommen. Der Vater hatte ihn mit dem heimlichen Auftrage dorthin gesandt, den Herzog von Bayern in diesem Streite zum Bundesgenossen zu werben und ihm die günstige Gelegenheit vor Augen zu führen, dem Schwaben, der nach der höchsten Gewalt im deutschen Reiche strebte, die Flügel für immer zu beschneiden. Der Bayernherzog verlachte die Warnung, die wahrlich rechtzeitig kam; denn schon nach wenigen Jahrzehnten war der erste Hohenstaufe da, der in Bayern eine neue Dynastie, die der Wittelsbacher, einsetzte.

Während Graf Heinrich in der Stille der Nacht über die herannahenden Ereignisse besorgnißvoll nachdachte und den vollen Becher Veltliner, der vor ihm stand, unberührt ließ, wurde ihm ein Klosterbruder angemeldet, der in dieser späten Stunde am Burgthore angekommen sei und ihn in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche.

Der Graf befahl, den frommen Bruder sofort vorzulassen, und erhob sich mit hochgespannter Neugier von seinem Armstuhle. Wenige Minuten darauf stand der Klosterbruder vor ihm, ein großer, vierschrötiger Mann, mit tief herabhängendem grauen Haar und einem mächtigen, bis an die Brust reichenden Barte.

»Gelobt sei Jesus Christus,« sagte er mit gedämpfter Stimme, während seine Augen in dem halbdunklen Gemache unruhig forschend umher fuhren. »Sind wir allein?«

»Vollständig allein,« erwiderte der Graf, der dicht an ihn herangetreten war. »Wer sendet Dich, und was bringst Du für geheime Kunde?«

Statt jeder Antwort warf der Klosterbruder in größter Hast die Kopfbedeckung und das lange Haar, das sich als eben so falsch erwies, wie der Patriarchen-Bart, bei Seite und fing aus der Kutte herauszuschlüpfen an.

»Was sehe ich?« rief der Graf ganz verdutzt. »Ihr seid es, Ritter Walther von Wolfegg? Ich erkenne Euch wohl, – Ihr kommt aus dem Lager meines Feindes! Was muß da vorgefallen sein, daß Ihr es verlassen habt und mit diesem heiligen Kleide Mummenschanz treibt!«

»Ich komme von Ulm und bin auf der Flucht,« erwiderte der so Genannte. »Mein Leben ist auf dem Spiele –«

»Ihr seid bekannt als ein tüchtiger Mann und tapferer Ritter,« sprach der Graf. »Was habt Ihr gethan? Was ist Euch begegnet?«

»Ich habe den Schwabenherzog erschlagen.«

»Was? Den Schwabenherzog erschlagen!« rief der Graf, vor Erstaunen zusammenfahrend, aber, seiner rauhen Natur gemäß, auch nicht ohne eine leise dazwischen gleitende Befriedigung. »Höre ich recht, ist das wahr?«

»Morgen wird man es überall hören,« erwiderte der Flüchtling düster. »Ihr könnt Euch denken, daß ich schneller gegangen, als alle Boten, welche die Nachricht jetzt in alle Weltgegenden tragen.«

»Ihr, Ritter Walther, Ihr,« rief der Graf, »des Schwaben Lehensmann! Sein Vogt! Sein bester Heerführer! Der Mann, der soviel Gnaden und Ehren von ihm empfangen! Wie könnt Ihr die schreckliche That verantworten?«

»Er hat meine Schwester verführt – entehrt – beschimpft – verschmäht! Wir sind an einander gerathen. Als er gegen mich ausholen wollte, traf ihn meine Hand –«

»So ist es!« rief der Graf. »Privatrache, Ehrensache? Da hat das Ding ein ander Gesicht. So habt Ihr den Makel an Eurer Familienehre mit Blut abgewaschen! Das ist etwas Anderes. Was wollt ihr nun bei mir?«

»Sehr wenig, und doch sehr viel,« erwiderte der von Wolfegg. »Gebt mir eine Rüstung, ein Roß und die nöthigste Zehrung; dann geh' ich von hier in die weite, weite Welt –«

»Ich lasse Euch nicht auf's Gerathewohl fahren,« erwiderte der Graf; »bleibt bei mir, – ich kann einen Mann, wie Euch, brauchen! Ich will Euch beschützen, Euch gegen Eure Feinde vertheidigen bis zum letzten Blutstropfen, so wahr der Erlöser für uns am Kreuze gestorben ist.«

»Das ist hochherzig gesprochen,« versetzte der von Wolfegg. »Aber ich wäre ein Elender, wenn ich aus Euren Gesinnungen Nutzen ziehen wollte. Ich mag Euch nicht in die Gefahren mit hineinreißen, die ich durch meine Blutthat über mein Haupt heraufbeschworen habe. Gebt mir ein Roß, eine Rüstung, ein Schwert, – ich gehe. Ein guter Kriegsmann findet auf der ganzen Erde sein Fortkommen.«

»Auch bei mir,« sprach der Graf mit Entschiedenheit. »Ihr bleibt, – ich lasse Euch nicht fort. Ich gebe Euch Vaduz zum Lehen; ich stelle Euch an die Spitze meines Kriegsvolkes. Eure Tapferkeit und Kriegserfahrung sind weltkundig. Ihr werdet mir Haus und Land in den Tagen der Gefahr schützen und Euch erinnern, daß ich Euch auch in Eurer größten Noth beschützt habe.«

Ritter Wolfegg sträubte sich noch lange, nahm aber schließlich die ihm gemachten Anträge mit aufrichtig gemeintem Danke an.

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