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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Sechstes Kapitel.

Gorkum. Die Reise der Tugenden, eine philosophische Erzählung.

Es war ein heller, heiterer Morgen, als sie an Gorkum vorüberfuhren. Die ans Ufer stoßenden Nachen voll Fischern und Bauern in ihrer Landestracht; die eben nur das Wasser kräuselnde Luft, die Klarheit des blauen Himmels; die lauten, lachenden Stimmen aus den Kähnen; Alles trug bei, das Herz zu heben und es mit jener nicht weiter zu bezeichnenden Wonne zu füllen, die blos in der reinen Empfindung des Lebens besteht.

Der Kirchthurm mit seinen langen Fenstern und seinem runden Zifferblatt stieg hoch gegen den klaren, lichten Himmel auf, und auf einer Bank unter einem grünen Busch, hart vor dem Strom, saß ein stämmiger Holländer, die Luft mit dem Rauch des Lieblingskrautes seiner Nation durchdüftend.

»Wie wenig bedarfs, um eine Reise angenehm zu machen, wenn die Gesellschaft aus Freunden besteht,« bemerkte Gertrud im Vorübersegeln. »Nichts unerquicklicher als diese Ufer; nichts freundlicher als diese Reise!«

80 »Und doch, was setzt die Neigung der Menschen zu einander auf eine so strenge Probe, als eine gemeinschaftliche Wanderung!« bemerkte Vane. »Das ewige Beisammenseyn, dem man auf keine Weise entgehen kann, die Kettung an Personen, die uns gern heiter sähen, in Augenblicken der Uebellaune und des Ueberdrusses – wahrlich eine strenge Freundschaftsprüfung! Eine Postchaise muß schon manche Intimität zu Tod gerüttelt haben!«

»Sie sprechen sehr anschaulich, lieber Vater,« bemerkte Gertrud lachend; »und, wie ich vermuthe, ein Bischen im Wunsch uns zu verspotten. Aber ernsthaft, ich denke mir das Reisen wie das Leben, und glaube gute Menschen werden einander stets angenehme Gefährten seyn.«

»Gute Menschen, meine Gertrud?« fragte lächelnd Vane. »Ach ich fürchte die guten langweilen einander gerad eben so sehr, wie die schlimmen. Was sagen Sie, Trevylyan, würde die Tugend in eigener Person eine angenehme Reisegefährtin von Paris nach Petersburg seyn? – Ah, ich merke, Sie beabsichtigen die Partie Gertruds zu nehmen. Wie, wenn ich, da Geschichten doch so an der Tagesordnung bei Euch sind, eine Geschichte erzählte, aus welcher Ihr ersehen würdet, daß die Tugenden wirklich einmal den Versuch einer Reise machten: wollt Ihr mir versprechen, die Moral meiner Erzählung zu beherzigen?«

»Ach, lieber Vater, nichts über eine Geschichte!« rief Gertrud; »besonders von Ihnen, der uns auf dem ganzen Weg noch keine erzählt hat. Komm und höre, Albert, höre auf Deinen neuen Rival.«

Erfreut über die Lebhaftigkeit der Leidenden begann Vane wie folgt:

Die Reise der Tugenden.

Eine philosophische Geschichte.

»Es entschloßen sich einmal mehrere Tugenden, überdrüssig in Einem fort bei dem Bischof von Norwich zu leben, zu einem kleinen 81 Ausflug, und vermeinten demzufolge, obgleich ihnen bekannt, wie übel auf Erden Alles zu ihrem Empfang eingerichtet sey, sie könnten sich mit Sicherheit auf eine Reise von der Westminsterbrücke nach Richmond wagen. Der Tag war schön, der Wind günstig, und was die Unterhaltung betrifft – nun so konnte ja, Gertrudens Ansicht nach, die Möglichkeit eines Mißvergnügens zwischen Tugenden gar nicht stattfinden.

»Sie nahmen an der Westminstertreppe ein Boot. Eben als sie vom Land stoßen wollten, flehte sie eine arme, ganz in Lumpen gehüllte Frau, mit einem Kind in den Armen, um ihr Mitleid an. Barmherzigkeit fuhr in ihren Ridiküle und zog einen Schilling hervor. Gerechtigkeit, die eben noch einmal nach dem Gepäck herumblickte, sah, welch thörichten Streich Barmherzigkeit begehen wollte. »»Himmel!«« rief sie und fiel ihr in den Arm: »»was machst Du? Hast Du nie etwas von der Staatswirthschaft gelesen? Weißt Du nicht, daß unkluges Allmosengeben nur eine Ermuthigung zum Müssiggang, dem Vater aller Laster ist? Du eine Tugend? wahrhaftig ich schäme mich Deiner. Geht Eurer Wege, gute Frau; – doch halt, da ist ein Billet auf eine Fleischbrühe in der Gesellschaft zur Abhülfe des Bettels, dort sollen sie sehen, ob Ihr ein würdiger Gegenstand des Mitleids seyd.«« Aber Barmherzigkeit ist schneller als Gerechtigkeit, und die arme Frau bekam, indem sie ihre Hand der Erstern leis hinter den Rücken brachte, den Schilling sammt dem Billet weg. Sparsamkeit und Großmuth bemerkten die doppelte Gabe. »»Welche Verschwendung!«« rief Sparsamkeit mit finstern Stirnfalten; »»was! ein Billet und ein Schilling! Eines von beiden wäre genug gewesen.««

»»Eins von beiden!«« entgegnete Großmuth. »»Pfui! Barmherzigkeit sollte dem armen Geschöpf eine halbe Krone gegeben haben und Gerechtigkeit ein Dutzend Billete!«« So verstrichen die nächsten zehn Minuten unter einem Gezänk zwischen den vier Tugenden, welches bis Richmond angehalten haben dürfte, hätte Muth ihnen nicht 82 gerathen ans Land zu steigen und den Streit dort auszufechten. Auf Dies hin sahen die Tugenden plötzlich ein, daß sie sich etwas vergessen hatten; da Großmuth die erste Hand zur Versöhnung bot, so folgten die andern dem Beispiel, und es ging die nächsten ein bis zwei Meilen recht angenehm fort.

»Der Himmel umhüllte sich jetzt etwas und ein Regenschauer schien im Anzug. Klugheit, die einen neuen Hut auf hatte, deutete an, es möchte wohl räthlich seyn, sich auf eine halbe Stunde ans Land zu begeben. Muth war dafür, daß man dem Regen trotzen sollte, da aber die Mehrzahl der Tugenden aus Damen besteht, so trug Klugheit den Sieg davon. Eben als man ans Ufer steigen wollte drängte sich ein anderes Boot sehr unhöflich vor, und gab dem ersten einen solchen Stoß, daß Barmherzigkeit beinah über Bord gefallen wäre. Die Gesellschaft in dem unhöflichen Boot, welche die Tugenden offenbar für Leute von ganz niederem Stand hielt, denn sie hatten in ihrem Aeußern nichts sonderlich Salonartiges, brachen über den Unfall der Barmherzigkeit in ein Gelächter aus, besonders als ein großer Korb mit Zuckerbrod, den Jene für hungrig aussehende Kinder mitgenommen, die sie etwa in Richmond treffen möchte, breit ins Wasser plumpte. Muth war Feuer und Flamme; er strich seinen Schnurrbart und würde die Gegner ohne Weiteres angegriffen haben, wär' ihm nicht zu seiner großen Entrüstung Sanftmuth zuvorgekommen, indem sie leis in das feindliche Boot hinüberschritt und den Widersachern beide Wangen darbot. Dies war zu viel für die Unhöflichkeit der Lacher; sie baten die Tugenden um Verzeihung, und Muth, der kein Raufbold ist, hielt sich, verdrießlich genug, verpflichtet, die Entschuldigung anzunehmen. Hättet Ihr aber gesehen, wie er nachher mit der Sanftmuth umsprang, Ihr hättet es nicht für möglich gehalten, daß eine Tugend so wüthend auf eine andere seyn könne! Der Hader zwischen den Beiden warf eine Trübung auf die Gesellschaft und man fuhr, als der Schauer vorüber, keineswegs in einer herzlichen Stimmung weiter. Ich erspare Euch 83 die kleinen Wortwechsel, die in der allgemeinen Unterhaltung noch vorkamen. Sparsamkeit hatte an jeder Villa unterwegs etwas auszusetzen, und Mäßigkeit deutete ihren gebührenden Verdruß über den Luxus auf der städtischen Barke an. Bei der Ankunft in Richmond wurde die Sorge für das Essen der Mäßigkeit übertragen; bis dieses fertig war lustwandelte Gastsinn im Garten, gesellte sich zu einer großen Partie Irländer und bat sie mit zu Tisch.

»Man denke sich die langen Gesichter der Sparsamkeit und Klugheit beim Gewahrwerden dieses Zuwachses. Gastsinn war in der besten Laune; er rieb sich die Hände und rief mit burschikosem Ton nach Champagner. Mäßigkeit nahm bald ein Aergerniß und Verschämtheit erröthete bei einigen der vorgebrachten Scherze; aber Gastsinn, dem der Wein zu Kopf gestiegen, nannte die Erste eine Memme und fluchte auf die Andere als eine Prüde. Die Stunden verstrichen; es schien Zeit zur Rückkehr und man stieg, gänzlich aus der Stimmung gebracht, zum Ufer hinab, indem Sparsamkeit und Großmuth den ganzen Weg mit einander über die Rechnung und das Trinkgeld häckelten. Die Uebellaune bis aufs Höchste zu steigern kam man an einem Boot vorbei, dessen überaus lustige Insassen wie Wahnsinnige schrieen und lachten, und mußte entdecken, daß diese saubern Reisebegleiter einige angenehme Laster waren, die sich unter die Führung der guten Laune begeben hatten. Du siehst daran, Gertrud, daß selbst die Tugenden einander bei den Haaren bekommen, und eine sehr schlimme Zeit unter sich zubringen können, wenn sie zufälligerweise entgegengesetzte Neigungen besitzen und vergessen haben, die gute Laune mitzunehmen.«

»Ach!« rief Gertrud, »Sie haben Ihr Boot überfüllt; zu viele Tugenden mögen mit einander in Streit gerathen, aber wenige nie.«

» Voilà ce que je veux dire,« entgegnete Vane. »Aber höre auf die Folge meiner Geschichte, die jetzt mit einer neuen Moral anrückt.– Gegen das Ende der Fahrt sagte Klugheit nach einem langen, verdrießlichen Stillschweigen, mit gedankenvoller Miene: »»Meine 84 lieben Freunde, ich habe eben bedacht, daß so lang wir so gänzlich zusammenhalten und uns nie unter die übrige Welt mischen, wir unser Leben mit Streitereien unter einander selbst vergeuden und Gefahr laufen dürften, daß man sich noch weniger um uns umthut, als bereits der Fall ist. Ihr wißt, daß Niemand unter uns Popularität besitzt; Jedermann hat so ziemlich genug daran, wenn wir in einem Vaudeville vorgestellt, oder in einer Abhandlung beschrieben werden. Zwar figurirt der Name der Barmherzigkeit oft über einer Subskriptionsliste oder in einem Spital, und eben so oft spricht der Knauser von der Pflicht, die er mir schuldig sey, wenn er den Fremden von der Thür weißt, oder den Enkel ins Gefängniß schickt; aber noch immer sind wir doch nur wie eben so viel wilde Thiere dran, die Jedermann gern sieht, aber Niemand besitzen mag. Deßhalb schlag ich vor, uns insgesammt zu trennen und Jede auf ein Jahr zu irgend einem Sterblichen zu ziehen, mit der Erlaubniß, nach Ablauf dieser Zeit den Aufenthalt zu ändern, falls wir uns nicht behaglich fühlen, d. h. falls wir dort nicht all das Gute thun können, das wir beabsichtigen. Machen wir den Versuch und treffen von heut über zwölf Monaten unter der größten Eiche im Wald von Windsor wieder zusammen, wo wir uns Bericht über unsre Begegnisse abstatten wollen.«« Klugheit schwieg, wie immer, wenn sie genug gesagt hat, und erfreut über den Vorschlag kamen die Tugenden überein, ihn auf der Stelle auszuführen. Der Gedanke, daß fortan Jede ihre eigene Haushaltung führen sollte, entzückte sie, und keine zweifelte an einem glücklichen Erfolg für sich; denn Sparsamkeit hielt in ihrem Herzen die Großmuth eigentlich für gar keine Tugend, und Sanftmuth sah den Muth für wenig besser als einen Heiden an.

»Großmuth, die rührigste und thätigste unter allen Tugenden, machte sich zuerst auf den Weg. Gerechtigkeit folgte nach, und that es Jener ziemlich gleich, doch mit stätigerem Schritt. Barmherzigkeit hörte keinen Seufzer, sah kein ungewaschenes Gesicht ohne anzuhalten und den Leidenden zu trösten; eine Freundlichkeit, die ihr Weiterkommen etwas aufhielt.

85 »Muth sah sich eine Reisekutsche aus, worin ein Mann und dessen Weib aufs Ehemäßigste mit einander haderten, und bat höflich, den leeren Sitz der Dame gegenüber einnehmen zu dürfen. Sparsamkeit zögerte noch und erkundigte sich fortwährend nach den wohlfeilsten Wirthshäusern. Die arme Verschämtheit sah sich um, und seufzte bei dem Gedanken so nah bei London zu seyn, wo sie beinah gänzlich unbekannt war, beschloß aber dennoch sich gerade dorthin zu begeben, und zwar aus zwei Gründen: erstens wegen der Neuheit der Sache, und zweitens weil sie fürchtete, sich bei einer Reise auf den Continent irgend einer Gefahr auszusetzen. Klugheit, dem Vorschlag nach die Erste, war der Ausführung nach die Letzte: sie beschloß diese Nacht über an dem Ort, wo sie sich bereits befand, zu bleiben und erst abzureisen, wenn sie einen ganzen Tag vor sich hätte.

»Das Jahr verging und die Tugenden fanden sich der Abrede gemäß unter dem Eichbaum ein. Sie langten fast insgesammt zugleich an, mit Ausnahme der Sparsamkeit, die eine Retourchaise weggekriegt hatte; die Pferde, welche Vormittags bereits vierzehn Stunden zurückgelegt, waren rehe geworden und verzögerten die Ankunft bis zum Einbruch der Nacht. Die Tugenden sahen traurig und bekümmert aus, wie Leute nach einer langen vergeblichen Reise; ja, wie es nun immer gegangen seyn mag, die einschrumpfenden Folgen ihres Verkehrs mit den Menschen waren so stark, daß die Zurückkehrenden höchst wunderbarer Weise kleiner geworden zu seyn schienen.

»»Ach, liebe Großmuth,«« hob Klugheit mit einem Seufzer an, »»da Du Dich zuerst auf die Reise machtest, so laß uns auch Deine Abenteuer zuerst hören.««

»»So wisset denn, liebe Schwestern,«« hob Großmuth an, »»daß ich schon wenige Stunden, nachdem ich Euch verlassen, in ein Landstädtchen gelangte, worin ein Marsch-Regiment So nennt man in England diejenigen Regimenter, welche stets marschfertig für die Kolonien gehalten werden. — Der Uebersetzer. einquartirt war. Durch ein offenes Fenster sah ich das schönste Mädchen, das die 86 Einbildungskraft sich jemals erschaffen hat, über den Stuhl eines Herrn lehnen. Ihre Augen schienen wie zwei Sonnen vollendeter Glückseligkeit und fast war sie so heiter, um für die gute Laune selbst zu passiren. Der Herr, über dessen Stuhl sie sich lehnte, war ihr Mann; seit sechs Wochen lebten sie in der Ehe; er war Lieutenant mit einem jährlichen Einkommen von hundert Pfund, außer seinem Sold. Höchst gerührt von dieser Armuth beschloß ich ohne weiteres Bedenken, in dem Herzen des reizenden Geschöpfs meine Wohnung zu nehmen. Während der ersten Stunde in meinem neuen Haus stellte ich mancherlei weise Betrachtungen an, z. B. daß die Liebe nie so vollkommen sey, als wenn sie von Armuth begleitet werde; wie gröblich diejenigen irrten, welche den ledigen Stand ein »Glück« nennen; wie übel wir Tugenden gethan, daß wir den ehelichen Stand nie versucht hätten, und wie falsch es sey, daß Ehemänner ihre Frauen vernachlässigten, denn in der ganzen Natur gab es nichts Leidenschaftlicheres als die Liebe jenes Mannes – sechs Wochen nach seiner Heirath.

»»Am folgenden Morgen vor dem Frühstück, als die reizende Fanny auf ihren Gatten wartete, der seine Toilette noch nicht zu Ende gebracht hatte, erschien ein armes, elend aussehendes Weib am Fenster, das die Haare raufte und die Hände rang. Ihr Mann war in der Frühe ins Gefängniß geschleppt worden, und ihre sieben Kinder hatten sich um die letzte, schimmlige Brodkruste gestritten. Von mir angeregt zog Fanny, ohne der Sache weiter nachzufragen, eine Banknote von fünf Pfund aus dem seidenen Beutelchen und reichte sie der Bettlerin, die mit mehr Verwunderung als Dankbarkeit weiter ging. Gleich darauf erschien der Lieutenant.

»»Was zumT–l, noch eine Rechnung!«« murmelt er, als er die gelbe Oblate von einem großen, viereckigen, zusammengefalteten, bläulichen Stück Papier löste. »»Oh, oh! hol der Henker den Kerl, ich darf ihn nicht warten lassen. Ich muß Dich um fünfzehn Pfund bitten, Fanny, um diese Sattlersrechnung zu berichtigen.««

»»Fünfzehn Pfund, Lieber?«« stammelte Fanny erröthend.

87 »»Ja, Theuerste, die fünfzehn Pfund, die ich Dir gestern gab.««

»»Ich habe nur noch zehn Pfund,«« antwortete Fanny zaudernd. »»Eben war so ein armes, elend aussehendes Geschöpf da, daß ich ihr durchaus fünf Pfund geben mußte.««

»»Fünf Pfund! guter Gott!«« rief der erstaunte Gemahl. »»Für die drei nächsten Wochen bekomm ich kein anderes Geld.«« Er runzelte die Stirn, biß sich in die Lippen, ja er ging mit gerungenen Händen im Zimmer auf und ab. Noch ärger! er fuhr endlich also heraus: »»Gewiß, Madame, supponirten Sie bei Ihrer Vermählung mit dem Lieutenant eines Marschregiments nicht, daß Sie bei ihm den Einfall befriedigen könnten, jeder Bettlerin, die Ihnen die Hand hinhält, fünf Pfund zu geben? Sie dachten Das nicht, Madame, sag ich; stellen Sie sich – –«« Aber der Neuvermählte wurde durch das krampfhafte Schluchzen seiner Frau unterbrochen; es war ihr erster Streit gewesen; sie waren erst seit sechs Wochen verheirathet. Er sah sie einen Augenblick streng an; im nächsten lag er zu ihren Füßen: »Vergib mir, theure Fanny, vergib mir, denn ich selbst kann mir nicht vergeben; was ich gesagt, war zu arg. Glaub' mir, meine einzige Fanny, daß wenn ich auch zu arm bin, einer so uneigennützigen, edeln Großmuth Befriedigung zu gewähren, ich sie doch von Herzen bewundere.«« Ich fühlte mich nicht wenig stolz, Ursache der Bewunderung dieses musterhaften Ehmanns für seine liebenswürdige Gattin gewesen zu seyn, und hatte meine innige Freude daran, meinen Aufenthalt bei diesen guten Leuten genommen zu haben. Um Euch jedoch, liebe Schwestern, nicht mit kleinlichen Einzelheiten zu ermüden, will ich nur mit kurzen Worten sagen, daß die Dinge nicht lang auf diesem erfreulichen Stand blieben. Noch waren nicht viele Monate verstrichen, als die arme Fanny stärkere und heftigere Stürme der Leidenschaft von ihrem Mann zu ertragen hatte, welchen keine beschwichtigende Honigmundbitten um Verzeihung nachkamen. Denn auf meinen Antrieb ging jeder Schilling fort, und als kein Geld mehr da war, folgten ihr Schmuck, ja sogar ihre Kleider nach. Der Lieutenant ward gänzlich 88 zum Unhold und erlaubte seiner ungezügelten Zunge mich – mich, Schwestern, mich! sinnlose Extravaganz zu nennen. Seine verächtlichen Kameraden im Offizierkorps und deren trätschende Weiber waren um nichts besser, denn sie thaten nichts, als auf die Großthuerei und den Unverstand meiner Fanny losziehen, unter welchen Namen sie unverschämt genug mich bezeichneten. So in tiefster Seele gekränkt, in mir die Ursache des ganzen Jammers meiner Günstlingin zu entdecken, beschloß ich, gegen Ende des Jahres sie zu verlassen, vollkommen überzeugt, daß so preis- und liebenswürdig ich für mich selbst seyn möge, ich doch schlechterdings untauglich sey zur Busenfreundin und geheimen Räthin bei der Frau eines Lieutenants in einem Marsch-Regiment, der außer seiner Gage blos hundert Pfund jährlich einnimmt.««

»Die Tugenden seufzten ihr Mitleid mit der armen Fanny aus, worauf Klugheit sich zur Gerechtigkeit wandte und sagte: »»Ich möchte wohl hören, wie Du Deine Zeit umgebracht hast, denn ich bin gewiß, Du kannst Niemand Schaden gethan haben.««

»Kopfschüttelnd erwiederte Gerechtigkeit: »»Ach, ich mußte erfahren, daß es Zeiten und Orte gibt, von welchen selbst ich lieber wegbleiben sollte, wie Euch ein kurzer Bericht meiner Begegnisse zeigen wird. Ich hatte Euch nicht sobald verlassen, als ich mich unverweilt nach Indien begab und meinen Aufenthalt bei einem Braminen nahm. Höchlich entrüstet über die schrecklichen Ungleichheiten in den Lebensverhältnissen, je nachdem man dieser oder jener Kaste angehört, trachtete ich die armen Paria's von ihrem schmählichen Schicksal zu erlösen, und machte mich deßhalb aufs Ernstlichste an eine Reform. Ich hob die Unbilligkeit heraus, Menschen von der Geburt an einem unverbesserlichen Zustand der Schmach hinzugeben, aus welchem sie keine Tugend erheben könne. Mit unsäglichem Grauen blickten die Braminen auf meinen Braminen. Sie nannten mich das abscheulichste Laster; Gerechtigkeit und Gottesläugnerei galt ihnen für gleichbedeutend. Ich griff an die Grundlage ihres gesellschaftlichen Zustandes; 89 das erschien ihnen Verbrechen genug. Das Schlimmste aber war, daß die Paria's selbst mich mit Argwohn betrachteten. Sie hielten es für unnatürlich, daß ein Bramine sich eines Paria annehmen sollte! Der Eine nannte mich »Tollheit,« ein Anderer »Ehrgeiz« und ein Dritter »Neuerungssucht«. Mein armer Bramine führte deßhalb ein erbärmliches Leben. Als er endlich eines Tags auf meine Eingebung gar ausgesprochen hatte, daß seiner Meinung nach das Leben eines Paria ein eben so gutes Recht auf Respektirung habe, als das Leben einer Kuh, ward er von den Priestern fortgeschleppt und heimlich auf dem Altar gebraten, als geziemender Lohn für seinen Frevel an dem Heiligsten. In großer Trübsal floh ich hieher, überzeugt, daß in manchen Ländern selbst die Gerechtigkeit Schaden thun könne.««

»»Was mich betrifft,«« sagte Barmherzigkeit, ohne erst auf eine Aufforderung zu warten, »»so muß ich mit Bedauern sagen, daß ich thöricht genug war, meinen Abstand bei einer alten Dame in Dublin zu nehmen, die keinen Begriff von verständiger Unterscheidung hatte, und immer nur nach der ersten Anregung ihrer Natur handelte. Meinen Einflüsterungen konnte kein Widerstand geleistet werden, und so freigebig warf sie das Geld auf ihren Spazierfahrten durch die Vorstädte von Dublin aus, daß es alle Schufte des Weichbilds im Müßiggang und Branntwein erhielt. Zu meinem großen Grauen fand ich, daß ich die Hauptursache einer schrecklichen Seuche wurde, und daß Almosen ohne Umsicht geben, Armuth ohne Hülfe verbreiten heiße. Ich verließ die Stadt nach Ablauf meines Jahrs und, wie mein Unstern es wollte, eben zur Zeit, als ich dort am nöthigsten war.««

»»Auch ich,«« rief Gastsinn, »»ging nach Irland. Ich nahm mein Quartier bei einem Squire, ruinirte ihn in einem Jahr, und verließ ihn blos, weil ihm zu meiner Unterbringung endlich jedes Dach abging.««

»»Was mich betrifft,«« sagte Mäßigkeit, »»so zog ich in die Brust eines englischen Parlamentglieds, welches alsbald eine Bill gegen die Bierhäuser einbrachte. Die Folge war, daß die Arbeiter sich an 90 Branntwein hielten, und ich gestehen mußte, daß die Mäßigkeit ihren Eifer zu weit treiben kann, wenn sie andern Leuten allzuheftig vorschreibt.««

»»Jener Reisewagen,«« hob Muth an, indem er sich mehr im Hintergrund hielt, als er bisher je gethan, und beinah verschämt aussah, »»jener Reisewagen, worein ich zu sitzen kam, gehörte einem regierenden, deutschen General und seiner Frau, die in ihre eigenen Lande zurückkehrten. Unterwegs wurde es sehr kalt, und die Dame hüllte mich in einen Pelzmantel; da jedoch die Kälte immer mehr zunahm, kroch ich unbemerkt in ihren Busen. Einmal dort konnte ich nicht mehr heraus, und der arme General war sofort sehr übel daran. Sie wurde so trotzig, daß ich mich wunderte, wie er eine Explosion zurückhalten konnte. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich bemerken, daß er zuletzt drohte, aus dem Wagen zu steigen, worauf sie, von mir aufgeregt, ihn beim Kragen packte und – siegte. Bei der Ankunft auf dem eigenen Distrikt ward es noch schlimmer, denn sie forderte, daß jeder Adjutant, der ihr Mißfallen auf sich zog, einen öffentlichen Verweis erhalte, und weigerte sich dessen der General, so prügelte sie die Leute mit eigener Hand durch. An den Herzog zu appelliren, half nichts, denn wenn sie sagte, es sey heiß, so wagte der General nicht zu verstehen zu geben, daß er es für kalt halte, und so weit dehnte er seinen Respekt vor der schrecklichen Dame aus, daß er nie einen Armeebefehl erließ, keinen Schnurrbart beschnitt, keinen Rock verlängerte, ohne sie zuerst um ihre Meinung zu fragen. Indessen gab ihr der Zuwachs von Kraft, den sie in mir gewonnen, ein zu großes Uebergewicht gegen den armen General, so daß er ein halb Jahr nach meiner Liaison mit seiner Frau an einem gebrochenen Herzen starb. Nach seinem Tod ward sie dermaßen zum Gegenstand des Schreckens und Abscheus, daß sich eine Verschwörung entspann, sie zu vergiften. Dies erschütterte selbst mich, so daß ich sie ohne Verzug verließ – et me voici.««

»»Hm!«« rief Sanftmuth mit triumphirender Miene: »»ich 91 wenigstens bin glücklicher gewesen als Ihr. Da ich in den Zeitungen so viel von den Grausamkeiten der Türken gegen die Griechen las, dachte ich, meine Gegenwart dürfte die armen Leidenden in Stand setzen, ihr Unglück ruhig zu ertragen. So ging ich denn nach Griechenland, eben als ein wohlbedachter und kluger Plan, sich vom türkischen Joch zu befreien, die dortige Jugend in Bewegung setzte. Ich beschränkte mich nicht auf eine einzelne Person, sondern flatterte von Brust zu Brust; die ganze Nation ward durch mich mild gestimmt, meine Vorstellungen gegen einen Aufstand hatten Erfolg, und es wurde mir die Befriedigung zu Theil, daß ein ganzes Volk der Spießung oder Erdrosselung mit der christlichsten Resignation entgegen sah.««

»Die Tugenden, die durch die unverblümte Selbstgefälligkeit der Sanftmuth ein wenig aufgeheitert worden, wollten zur großen Verwunderung der Letztern nicht zugeben, daß sie im Mindesten glücklicher gewesen sey, als ihre Schwestern, und riefen demnächst Verschämtheit zum Geständniß auf.«

»»Ihr wißt,«« hob die liebenswürdige Dame an, »»daß ich mich nach London begab, um dort eine Kondition zu suchen. Drei Monate von den zwölfen brachte ich damit zu, von Haus zu Haus zu wandern, aber keinen Menschen konnte ich zu meiner Aufnahme bewegen. Die Frauen versicherten, nie sey ihnen eine so altmodische Trampe zu Gesicht gekommen, und wiesen mich höflich an ihre Kammermädchen; die Kammermädchen wandten mich gaffend rings um und beförderten mich dann in die Küche zu den fetten Küchenmägden, die mir bezeugten: »sie hätten bei keiner der achtbaren Familien, in welchen sie zu dienen die Ehre gehabt, meinen Namen je nennen gehört.« Einmal empfing mich eine junge, eben vom Land gekommene Hausmagd mit einer gewissen Höflichkeit; aber auch sie ließ mich in der Gesindestube in sehr kurzer Zeit aus den Augen. Jetzt nahm ich meine Zuflucht zu dem andern Geschlecht als dem weniger ungalanten. Glücklich genug fand ich einen jungen Herrn von ausgezeichneten Talenten, der mich mit offenen Armen bewillkommte. Er war voll Bildung, Milde und 92 Ehrbarkeit. Ich hatte nur eine Nebenbuhlerin – Ehrbegierde. Wir beide stritten uns um seinen Alleinbesitz. Was ihm die Ehrbegierde einflüsterte, das dämpfte ich wieder. Trieb sie ihn an, ein Buch zu schreiben, so überredete ich ihn, es sey der Bekanntmachung nicht werth. Machte er sich, voll von Gelehrsamkeit und aufgereizt von meiner Rivalin, daran, eine Rede zu halten (denn er saß im Parlament), so stürmte ich mit dem Gefühl auf ihn ein, daß er eine unverzeihliche Dreistigkeit begehe, – machte, daß ihm die Stimme sank, und die Aussprache undeutlich wurde. Endlich verließ ihn meine Gegnerin mit einem Seufzer der Entrüstung. Er zog sich aufs Land zurück, fügte sich in meine Vorschriften, und entsagte einer Laufbahn, zu welcher er das feste Vertrauen gehabt, sie würde Andern Nutzen bringen. Da ich jedoch fand, daß ich zu seinem Glück nicht zureiche, schied ich noch vor Ablauf des Jahrs von ihm, er aber hat sich seitdem aufs Trinken geworfen.««

»Die Augen aller Tugenden richteten sich auf die Klugheit. Sie war ihre letzte Hoffnung. »»Ich bin noch eben auf dem Punkt, von dem ich ausging,«« hob diese umsichtige Tugend an: »»ich habe weder Gutes noch Schlimmes gestiftet. Um der Versuchung zu entgehen, gesellte ich mich zu einem Einsiedler, dem ich jedoch, wie ich bald fand, von keinem weitern Nutzen seyn konnte, als daß ich ihn warnte, seine Erbsen und Linsen nicht zu gar zu kochen, seine Thür nicht offen zu lassen, wenn ein Sturm drohte, und seinen Krug an der benachbarten Quelle nicht zu überfüllen. So bin ich die Einzige von Euch, die Niemanden einen Schaden zufügte, aber blos, weil ich die Einzige von Euch bin, die nie eine Gelegenheit dazu hatte! Kurz, meine Freunde,«« fuhr Klugheit nachdenklich fort: »»kurz, äußere Verhältnisse sind selbst für die Tugenden nothwendig. Hätte z. B. Sparsamkeit mit Großmuth die Stelle gewechselt, und sich zu der Frau des armen Lieutenants begeben, und hätte ich statt des Gastsinns bei dem irländischen Squire Wohnung genommen: welches Unglück würde erspart worden seyn. 93 Ach! ich merke, daß wir unsere ganze Wirksamkeit verlieren, wenn wir uns in einer falschen Stellung befinden, und daß wir in solchem Fall, trotz dem daß wir Tugenden, als Laster verfahren. Die Verhältnisse müssen unserem Benehmen angemessen seyn, und im Einklang mit unserer Natur stehen: wir verlieren unsere Göttlichkeit selbst, wenn nicht Weisheit unsere Schritte zu dem Haus lenkt, das wir uns zur Wohnung erwählen und zu den Neigungen, die wir regieren sollen.««

Die Geschichte war zu Ende, und die Reisenden fingen an, ihre Ansichten über die Moralien auszutauschen. Hier laßt uns Abschied von ihnen nehmen.

 

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