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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Drittes Kapitel.

Gefühle.

Gertrud und ihre Begleiter fuhren in langsamen, für Erstere freudereichen Tagreisen nach Rotterdam. Trevylyan saß neben ihr; stets lag ihre Hand in der seinigen und fühlte sich ihr zarter Körper etwas ermüdet, so sank ihr Haupt auf des Freundes Schulter als seinen natürlichen Ruheplatz. Ihr Vater war ein Mann, der lang genug gelebt, um manche Stöße des Schicksals zu erfahren. Diese hatten ihn, wie meines Bedünkens lange Widerwärtigkeiten ihr Opfer in der Regel zurücklassen, etwas kalt und verhärtet gegen die Empfindungen des Herzens gemacht – passiv und resignirt, gefaßt auf das Schlimmste als auf das Gewöhnliche und Natürliche, und vom Besten, als einem unvorhergesehenen Zwischenakt im regelmäßigen Lauf der menschlichen Leiden, wenig erwartend. Er bemerkte die Gefahr seiner Tochter nicht, denn er gehörte nicht zu Denen, welche die Angst der Liebe mit einer Voraussicht der Zukunft begabt. Gleichwohl liebte er sein Kind, sein einziges Kind mit der ganzen Wärme, die ihm nach den mannigfaltigen Schlägen, die sein Herz getroffen, noch übrig blieb, und Gertrudens bevorstehende Verbindung mit einem so reichen und angesehenen Mann, wie Trevylyan, rief ihm sogar ein Gefühl hervor, das der Freude nah' kam. In den affektlosen Gleichmuth seines Wesens gehüllt, lehnte er sich über den Wagen, genoß das schöne Wetter, das die Reise begleitete, und empfand – wie er denn wirklich einen feinen und gebildeten Geschmack besaß – jede Schönheit der Natur oder Schöpfung der Kunst, zu welcher die Gesellschaft ihre 31 wechselnde Bahn führte. Ein Gefährte dieser Art war der Angenehmste, den zwei Menschen, die nie einen Dritten brauchen, sich wünschen konnten. Ungestört überließ er sie dem Entzücken über ihre gegenseitige Nähe: er merkte nicht auf den Austausch ihrer Blicke, horchte nicht auf das Gelispel, das leise süße Gelispel, womit das Herz dem Herzen sein Mitgefühl ausspricht. Nicht brach er die wonnige Stille, die uns überkommt, wenn das Gemüth voll ist und die Worte nichts mehr zu erläutern brauchen – jene Ruhe der Empfindung, jene Gewißheit, daß wir ohne Schall und Ton verstanden werden, in welcher eigentlich die Schwelgerei eines geselligen Verkehrs und der wahre Genuß des Reisens besteht. Welche Erinnerung lassen solche Stunden zurück, wenn wir uns einmal zum ruhigen Geschäft des gemeinen Lebens niedergesetzt haben! wie reizend erscheint uns durch die Fernsicht der Jahre hindurch dieser kurze Streifen Mondlicht auf den Wellen unserer Jugend!

Trevylyans Natur, wie schon gesagt, ursprünglich hart und rauh, war heftig, reizbar, ehrgeizig, und Weltklugheit und Welterfahrung hatten früh in ihr nachgeklungen; aber sein jetziger Gemüthszustand schien ihn gänzlich umgewandelt zu haben; jede Stunde, jede Minute brachte ihm ein Ereigniß; jeder Blick Gertrudens grub sich in das Buch seines Herzens, so daß seine Leidenschaft nicht die leiseste Stockung kannte, keines Wechsels bedurfte; er lebte nur in seiner Liebe; seine Liebe war er selbst! Er war sanft und wachsam, wie der Schritt der Mutter am Bett ihres kranken Kindes; das unbezähmbare Herz hatte den Löwen in ihm gezähmt. Zudem erfüllte ihn die Trauer, die Ahnung, die sich der Zärtlichkeit für Gertrud beigesellte, mit jener Poesie der Empfindungen, dem Ergebniß eines mächtig auf uns lastenden Gedankens, den wir in der gewöhnlichen Sprache nicht ausdrücken dürfen. Während dieses ersten Abschnitts ihrer Reise wurden, wie ich aus dem Datum ersehe, nachstehende Zeilen geschrieben; sie müssen als das Werk eines Menschen betrachtet werden, für welchen Schmerz und Wirklichkeit die einzige Begeisterung waren. 32

Wie dunkelnd sich ein Blatt verschließt dem Licht,
Wenn froher Mittag gaukelt in den Zweigen,
Seh' ich der Erde strahlend Lenzgesicht
Zu mir allein die trüben Schatten neigen.

Was ist des Maies Hauch, der Knospe Bruch,
Was Frühlings Wohllaut, Lebens Stolz und Labe,
Wenn jede Sonne spinnt am Leichentuch,
Und Zeit nur ewig tändelt mit dem Grabe?

So rein, so jung! – wenn auf des Himmels Grund
Noch lachend junge Morgenrosen wallen! –
Der Ton – das Aug' – der liebesüße Mund,
Sind sie nicht Seelen? – und dem Tod verfallen?

Gilt auch für uns der strenge Spruch: dahin!
Muß auf so sanfter Flut die Barke sinken?
Bringt dir dein kurzer Lenz nur den Gewinn
Der Blumen, die von deinem Sarge winken?

O, Gott, daß mich nicht fassen soll die Gruft –
(Hat doch die Welt genug von dunkelm Staube!)
Und sie, die Rose, deren holder Duft
Die Flur beseelte, wird dem Sturm zum Raube!

Und ich, an dessen liebetrunken Herz
In deinem Hauch des Himmels Wellen beben,
Ich muß hinunterlächeln meinen Schmerz,
Daß er nicht trübt dein letztes, süßes Leben!

Ja, ich will freundlich an der stillen Brust
Den Wurm, den überwundenen, verstecken,
Brich, brich, mein Herz; – laß mir die arme Lust,
Daß meine Klagen sie vom Traum nicht wecken!

Wo ihn der Sterne Engel mild bewacht,
Zieht leis der Meerstrom über seine Höhle;
So auch mein Geist! – da unten tiefe Nacht,
Doch auf den Wassern schwebet deine Seele!

Gertrud selbst hatte das Vorgefühl, das Trevylyans Gemüth füllte, nicht. Sie dachte zu wenig an sich, um ihre Gefahr zu kennen, und die jetzigen Stunden waren für sie Stunden ungemischter Wonne. 33 Mitunter jedoch drückte die Erschöpfung ihrer Kräfte ihren Lebensgeistern eine gewisse Schwermuth ein; sie ward in sich gekehrt und suchte vergebens gegen eine krankhafte Verstimmung anzukämpfen. Diese Anfälle von Niedergeschlagenheit und Verdüsterung griffen Trevylyan in die Seele; unaufhörlich merkte sein Auge auf dieselben, suchte sein Herz sie zu sänftigen. Oft wenn er sie herankommen sah, bemühte er sich Gertrudens Aufmerksamkeit von Dem, was er irriger Weise für Mitempfindung seiner eigenen Ahnungen hielt, abzuleiten und ihre junge, romantische Einbildungskraft auf einige Zeit durch den lieblichen Trug der Dichtung zu führen. Denn Gertrud stand noch in der ersten Jugendblüthe, und noch perlte der ganze Thau der schönen Kindheit frisch aus der jungfräulichen Blume ihres Gemüths. Trevylyan, der einige seiner frühern Jahre unter den Studenten in Leipzig zugebracht hatte und in der bunten Mährchenwelt tief bewandert war, durchwühlte sein Gedächtniß nach solchen Geschichten, die ihm am ansprechendsten für die Geliebte dünkten; oft begann er mit erkünsteltem Lächeln einen lustigen Schwank, öfter noch, mit mehr eigenem Antheil, die ernstere Sage von Herzensproben, welche Verschleierinnen wie – Verkünderinnen derjenigen waren, die ihnen selbst bevorstand. Von solchen Erzählungen habe ich nur wenige ausgelesen; ich glaube nicht, daß sie der Wiederholung am mindesten werth sind; jedenfalls sind sie diejenigen, zu deren Wiedergebung mannigfache Erinnerungen mich am geneigtesten machen. Gertrud liebte diese Geschichten, denn noch hatte ihr die Kälte der Welt kein Blättchen aus der stillen, romantischen Poesie ihrer schönen Seele geraubt. Und mehr noch als die Geschichte liebte sie den Ton der Stimme, die ihrem Ohr täglich mehr zur Musik ward.

»Soll ich Dir,« fragte er eines Morgens, als er jene Schwermuth der Geliebten Züge beschleichen sah, »soll ich Dir, eh' wir in das dumpfe Holland gelangen, eine Geschichte von Mecheln erzählen, dessen Thürme wir in Kurzem erblicken werden?« Gertrudens Gesicht 34 leuchtete plötzlich auf; sie lehnte sich in dem schnell dahin fliegenden Wagen zurück, heftete ihre tiefblauen Augen auf Trevylyan, und er begann.

 

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