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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Einunddreißigstes Kapitel.

Gertrud und Trevylyan, als Erstere von dem Gefühl des herannahenden Todes ergriffen wird.

Am folgenden Tag zog Gertrud mit ihren Begleitern den Ufern des lieblichen Neckars entlang. Sie hatte eine schlaflose, schmerzliche Nacht gehabt, und ihre schwindenden, kindlichen Lebensgeister waren zu einer wehmüthigen, gedankenvollen Stimmung herabgedämpft. In einem offenen Gefährt mit dem ihr nie von der Seite weichenden Trevylyan lehnte sie sich müd zurück, während Du–e und Vane langsam voran ritten. Umsonst suchte sie der Freund aufzuheitern: selbst seine sonst so begierig aufgenommenen Versuche durch eine Erzählung oder ein Mährchen ihre trübern Augenblicke wegzuzaubern, waren diesmal fruchtlos. Sanft schüttelte sie den Kopf, drückte seine Hand und sagte: »Nein, lieber Trevylyan, nein; selbst Deine Kunst verfehlt heut ihren Zweck, aber Deine Liebe niemals!«

Und seine Hand an ihre Lippen pressend, brach sie in einen heftigen Thränenstrom aus.

Erschreckt und angstvoll drückte er sie an die Brust, suchte das auf seinen Ruheplatz gesunkene Antlitz zu erheben, und ihre Thränen wegzuküssen.

»Ach,« sprach sie endlich, »mißachte mich nicht wegen meiner Schwäche; ich bin von meinen eigenen Gedanken überwältigt. Ich blicke auf die Welt und sehe, daß sie schön und gut ist; ich blicke auf Dich und seh' in Dir Alles, was ich zu verehren und anzubeten vermag. Das Leben scheint mir so süß und die Erde so lieblich; – kannst Du Dich wundern, daß ich bei dem Gedanken an den Tod erbebe? Nein, unterbrich mich nicht, theurer Albert; der Gedanke muß ertragen und bestanden werden! Ich hab' ihn nicht genährt, ihm während des langen Anwachsens meines Uebels keine Macht eingeräumt, aber es gab Zeiten, wo er sich mir gewaltsam aufdrängte, und jetzt, jetzt 133 fühlbarer als je. Halte mich nicht für schwach und kindisch; nie fürchtete ich den Tod, bis ich Dich kennen lernte – aber Dich nicht mehr sehen; – nie wieder diese liebe Hand zu berühren; – Dir nie wieder für Deine Liebe zu danken; – nie mehr für Deine Sorgfalt erkenntlich zu seyn – niederzuliegen und zu schlafen und nie, nie noch einmal von Dir zu träumen! – ah, das ist ein bitterer Gedanke! aber ich will ihm trotzen– ja trotzen, als Eine, die Deiner Achtung werth ist.«

Trevylyan, von erwürgenden Gefühlen umklammert, bedeckte das eigene Gesicht mit den Händen, lehnte sich im Wagen zurück und kämpfte umsonst gegen sein Schluchzen an.

»Vielleicht,« hob sie, die mitunter sich noch an der Hoffnung festhielt, die von ihm gänzlich gewichen war, wieder an: »vielleicht, daß ich mich gleichwohl täusche; daß meine Liebe zu Dir, von welcher mir ist, als könnte sie den Tod besiegen, mich gegen diese grausame Krankheit aufrecht erhält. Die Hoffnung, mit Dir zu leben – Dich zu hüten – Deine hohen Plane zu theilen – und – ach vor Allem – Dich in Kummer und Leiden zu trösten, wie Du mich getröstet: – liegt in solcher Hoffnung nicht etwas, das selbst diesen dahinsinkenden Leib zu tragen vermag? Und Wer wird Dich lieben, wie ich Dich liebe? Wer Dich in dem Licht sehen, wie ich Dich gesehen? Wer für Dich unter Dank und Thränen beten, wie ich gebetet habe? O Albert, so wenig bin ich eifersüchtig auf Dich, so wenig denk' ich vergleichungsweise an mich, daß ich meine Augen zufrieden vor der Welt zuschlöße, wenn ich wüßte, daß ein anderes Wesen Dir seyn werde, was ich Dir seyn könnte!«

»Gertrud,« erwiederte Trevylyan, und blickte sie, das farblose Antlitz erhebend, mit ernster, feierlicher Ruhe an – »Gertrud, laß uns jetzt gleich unsern Bund schließen; wenn das Schicksal uns trennen soll, so schneide es auch das letzte, innigste Band der Vereinigung entzwei; fühlen wir wenigstens, daß wir einander auf Erden Alles in 134 Allem gewesen; trotzen wir dem Tod, noch während er uns anstiert. Sey die Meinige morgen – heut. – O Gott! sey die Meine!«

Selbst über die bleichen Züge, unter deren Farben die Lampe des Lebens so schwach flackerte, streifte einen Moment lang eine hohe, strahlende Röthe, die schönen Trümmer mit jungfräulicher Glut und leidenschaftlicher Hoffnung erleuchtend, und starb dann rasch hinweg.

»Nein Albert,« sprach sie mit einem Seufzer, »nein! so soll es nicht seyn; denn leichter wird Dich der Schlag treffen, wenn wir noch nicht gänzlich vereint sind, und was mich selbst betrifft, so ist mirs Selbstsüchtlingin zu Muth, als würd' ich, wenn ich also von Dir scheide, eine zärtere Erinnerung in Deinem Herzen zurücklassen, – eine zärtere, aber nicht so traurige. Auch möcht' ich Dich nicht als einen Wittwer an mein Andenken gebunden wissen; möchte nicht, daß dieses wie ein Mehlthau an Deinen schönen Aussichten für die Zukunft haftete! Denke meiner eher als eines Traumes, als eines Etwas, das nie ganz in Deinen Besitz kam, und daher keine andere Treue als freundliche, verzeihende Gedanken in Anspruch nimmt. Erinnerst Du Dich jenes Abends auf dem Rhein, – o selige, selige Stunde! – als wir vom Ufer aus Musik vernahmen, nicht so künstlich, daß sie an sich selbst des Hinhörens werth gewesen wäre, aber zu der Stunde und dem Ort passend, so daß wir still wurden, um sie besser zu vernehmen; und als sie unmerklich auf dem Wasser dahinstarb, kam eine Art Wehmuth über uns; wir fühlten, daß etwas, das die Landschaft mild gemacht hatte, weg war, und wir sprachen nicht mehr mit so leichten Herzen wie vorher. Eben so, mein einzig geliebter, mein einzig angebeteter Trevylyan, eben so ist der Eindruck, den unsre kurze Liebe – das Daseyn Deiner armen Gertrud Deinem Gedächtniß zurücklassen sollte. Ein Ton – ein Bild – soll Dich eine kurze Zeit und nicht länger verfolgen, bis Du für den Ruhm, der Deiner auf der eingeschlagenen Bahn wartet, wieder empfänglich wirst!«

Als jedoch Gertrud dieses gesagt, wandte sie sich zu Trevylyan 135 und beim Anblick seiner Todesqual konnte sie nicht länger an sich halten. Sie fühlte, daß ein Trost hier ein Hohn sey; sie warf sich an seine Brust und sie vereinigten ihre Thränen mit einander.

 

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