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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Dreißigstes Kapitel.

Kein Theil der Welt ist wirklich einsam. – Elfenlied. – Die heilige Stätte. – Die Windhexe. – Zauber und Amt der Elfen.

Doch an welchem Fleck der Welt herrscht je gänzliche Einsamkeit? Die Eitelkeit des Menschen nimmt an, seine Abwesenheit mache einen Ort einsam. Wer aber kann sagen, welche Millionen geistiger Geschöpfe unsichtbar über die scheinbar verödetsten Orte hinschweben? Oder kennen wir unsern eigenen Organismus so genau, daß wir Wesen, welche wir nicht wahrzunehmen vermögen, die Möglichkeit des Lebens und der Beweglichkeit absprechen dürften?

Beim Mondlicht hörten die düstern Schatten, die Nachts durch die verwitterten Hallen des Heidelberger Schlosses und die dunkeln Höhlen seines Bergs schweifen, folgenden Gesang im großen Hof am Rand des zersprengten, mit Weiden übergrünten Bassins:

Aus Wäldern und aus der grünenden Schlucht,
Die wild der Quendel durchwebt, 129
Von den Flüssen, auf derer kräuselnder Flucht
Das küssende Mondlicht bebt;

Wenn aus der Berghöhle blickt der Gnom,
Und der Erlkönig aus dem Duft,
Und die Nixe aus ihrem klagenden Strom –
Enthuschen wir still in die Luft.

Es lächelt der Wogen Rebengeleit,
Und die Schlösser des ragenden Lands:
Sie träumen zurück die vergangene Zeit
Und nicken auf unseren Tanz!
                                    Ja Tanz!

Leicht tanzen wir durch die Gemächer fort,
Den Boden betreten wir kaum;
Doch siehe, da hat ein einziges Wort
Die Eule verscheucht von dem Baum,
                                    Und den Koboldgeist!
Ha! Ha! wir haben mit Einem Wort
Die Alte verscheucht von dem Baum,
                                    Und den Koboldgeist!

»Sie kommen nicht,« sagte Pipali, »und doch ist das Banket bereit und die arme Königin wird froh seyn, einige Erfrischungen zu erhalten.«

»Welcher Jammer! alle Rosenblätter werden überkocht werden!« rief Schnipp.

»Laßt uns unsere Lust mit dem alten Maler haben!« schrie Tripp und sprang über die Ruinen.

»Recht gesagt!« riefen Pipali und Schnipp. Und alle drei, den Großschatzmeister, entsetzt über solche Leichtfertigkeit, zurücklassend, huschten in des Malers Zimmer. Indem wir ihnen erlauben, die Dinte auf das Papier ihres Opfers umzuwerfen, seine Pinsel zu zerbrechen, seine Farben zu vermengen, seine Nachtmütze zu verlegen, in Gestalt einer großen Fledermaus gegen sein Gesicht anzuschwirren, bis der erstaunte Franzmann zu glauben anfing, die sonst so nachdenklichen Kobolde des Ortes seyen von einer Geisteskrankheit befallen 130 worden, – eilen wir auf ein grünes Plätzchen, nur wenig entfernt von der Stadt, im Neckarthal, am Ufer des silbernen Flusses. Es war, die vom Wasser begrenzte Seite ausgenommen, rund um von dunkeln Bäumen eingehegt. Wilde Blumen sproßten in verschwenderischer Fülle von dem noch weichen und auffallend grünen Rasen. Dort beschrieb der deutsche Elfe einen Kreis rund um den Fleck und sprach seinen Zauber. Und Silpelit saß gramvoll in der Mitte, bedeckte ihr Antlitz, das niedergebeugt war, wie das Haupt einer Wasserlilie, und weinte krystallhelle Thränen.

Da kam ein hohles Gemurmel durch die Bäume und ein Rauschen wie von einem mächtigen Wind, und eine dunkle Gestalt trat aus den Schatten und näherte sich dem Ort.

Das Gesicht war runzlig und alt und stieß durch ein böswilliges und übles Ansehen zurück. Den dürren, gewaltigen Leib stützte ein Stab, und ein kurzer, grauer Mantel deckte die gekrümmten Schultern.

»Geschöpfe des Mondstrahls,« sprach die Gestalt mit kreischender, gespensterhafter Stimme, »was wollt Ihr hier und warum feyet Ihr diesen Fleck gegen meinen und der Meinigen Tritt?«

»Dunkle Zauberin des Mehlthaus und Sturms,« erwiederte der Elfe, »Du, die das Kraut in der zarten Jugend abknickt und das Herz der weichen Knospe abzehrt: sieh, es ist nur ein kleines Plätzchen, das die Elfen von Deinem Erbe in Anspruch nehmen, und worauf sie in Frost und Hitze das Gras grün und die Luft in ihren Seufzern sanft erhalten wollen.«

»Und warum, o Bewohner der Erdklüfte, wirst Du diesen Fleck vor dem Fluch der Jahreszeiten bewahren?«

»Wir wissen durch unsern Instinkt,« antwortete der Elfe, »daß dieser Fleck das Grab von Einer werden wird, welche die Elfen lieben. Hierher werden wir durch unsern unbemerkten Einfluß ihren Schritt leiten, so lang sie noch lebt, und im Hinschauen auf diesen Ort wird Wunsch nach Ruhe und Ergebung in den Tod ihre Seele beschleichen. 131 Sieh durch das Weltganze alle Wesen mit einander im Krieg, den Löwen mit dem Lamm, die Schlange mit dem Vogel, ja das zarte Vögelchen selbst mit der Motte der Luft oder dem Wurm der niedern Erde. Was also ist für Menschen und den Menschen überragende Geister so lieblich und heilig, als ein Wesen, das keinem andern ein Leid thut? Was so schön als Unschuld? was so traurig, als deren vorzeitiges Grab? Und sollte solch Grab nicht heilig seyn? soll es nicht unter unserer besonderen Obhut stehen? Sollen wir nicht darüber klagen, wie über das Hinschwinden eines schönen Wunders in der Natur, zu zart für die Dauer, zu selten, um vergessen zu werden?«

»Darum, o furchtbare Weckerin des Sturms, möchten die Elfen dieses Plätzchen heiligen; darum möchten sie von seinem ruhigen Rasen die wandernde Gule und die bösen Kinder der Nacht wegzaubern. Hieher soll weder die übelkündende Eule, noch die Fledermaus, noch der unreine Wurm kommen. Und Du sollst weder Willen noch Macht haben, die Blüthen des Lenzes zu knicken, oder das grüne Kraut des Sommers zu sengen. Ist es nicht, dunkle Mutter der bösen Winde, ist es nicht unser unvordenkliches Amt, das Grab der Unschuld zu warten und die Blumen um die Ruhestätte jungfräulicher Liebe frisch zu erhalten?«

Da zog die Hexe ihren Mantel um und murmelte für sich hin. Und ohne weitere Antwort wandte sie sich nach den Bäumen und verschwand, indem der Hauch des Ostwinds, der sie als Gefährte begleitet, das trauernde Laub ihrem Pfad entlang streute! 132

 

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