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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Ellfeld. – Mainz. – Heidelberg. – Ein Gespräch zwischen Vane und dem deutschen Studenten. – Ruinen des Heidelberger Schlosses und deren einsamer Bewohner.

Es war jetzt voller Mittag; leichte Wölkchen zogen sich gegen das jenseitige Rheinufer, aber über den gothischen Thürmen von 121 Ellfeld breitete sich der Himmel blau und klar aus; mit sonnigem Wogenschlag tanzte der Strom neben den alten Mauern hin, und ganz in der Nähe gab ein mit Reisenden vollgedrängtes und von lauten Stimmen ertönendes Schiff dem Schauplatz ein heiteres Leben. Vom entgegengesetzten Gestad strichen die Hügel an den fernen Horizont hinüber, und ein kleiner Nachen mitten im Wasser brach den einsamen Glanz der Mittagsstille.

Das Städtchen Ellfeld wurde von Otto dem Ersten an die Kirche von Mainz geschenkt; nicht weit davon ist der klare Quell, welcher der köstlichen markebrunner Rebe seinen Namen gibt.

»Ah!« rief Du–e, »ohne Zweifel wußten sich die guten Bischöfe von Mainz diese Nachbarschaft gar wohl zu Nutze zu machen!«

Die Reisenden hielten sich einen Augenblick in der Stadt auf, und besuchten die Ruinen von Scharfenstein. Sofort kamen sie, den Fluß weiter hinauf, an Walluf vorüber, der Pforte des Rheingaus, und an dem üppigen Garten von Schierstein; und gelangten, nachdem sie am Schloß des Herzogs von Nassau und zwei langen schmalen Rheininseln vorbeigesegelt, nach Mainz, eben als die Sonne ihre letzten Strahlen auf das Wasser warf, den stolzen Thurm der Kathedrale vergoldete und die Nebel durchbrach, die sich im Hintergrund über den Felsen des Rheingaus zu sammeln begannen.

Ewig denkwürdiges Mainz! – gleich denkwürdig für die Freiheit und für die Poesie! – Wie oft erklangen in diesen Mauern die Töne des Minnesängers zum Lob der Frauen, und wie oft bebte an diesem Fluß das Herz des Mädchens beim Dichterlied. Wiederum in diesen Mauern schlug der kühne Walpode seinen großen Entwurf einer Hansa zuerst vor; und vor Allem, erlauchtes Mainz, kannst Du die Erfindung des mächtigsten Hebels des menschlichen Geistes, des großen Gleichners der Gewalten, des Demiurgs der moralischen Welt – der Presse in Anspruch nehmen! Auch lebte hier der verläumdete Held des größten Dramas des modernen Geistes, der mährchenhafte Faust, der, in seiner Person das Schicksal seiner 122 Nachfolger in der Lichtverbreitung vorausverkündend, wegen seiner Weisheit für ein Ungeheuer gehalten und zum Lohn der Wohlthaten, die er den Menschen erwiesen, zu den Höllenqualen verdammt ward.

In Mainz hörte Gertrud so viel und so wiederholt von Heidelberg, daß sie begierig ward, diese bezaubernde Stadt zu besuchen, und da Du–e die Heidelberger Luft für reiner und kräftigender erachtete, als diejenige von Mainz, so beschloß man dort einen längern Aufenthalt zu nehmen. Ach, es war der Ort, der die kurze, schwermüthige Pilgerfahrt enden und für Trevylyans Herz der heiligste Fleck werden sollte, den die Erde enthält – die Kaaba der Welt! Gertrud aber, ihres Verhängnisses unkundig, unterhielt sich im schnell dahin rollenden Gefährt froh mit den Begleitern, und berührte, stets erregbar für jeden neuen Eindruck, mit ihrer bezeichnenden Lebhaftigkeit Alles, was man auf der bisherigen Reise gesehen. In den Bemerkungen eines Wesens, dem die Welt noch neu ist, während wir selbst ihrer alltäglichen Ansichten und Töne etwas überdrüssig geworden, liegt ein großer Zauber: wir hören aus jener Frische heraus eine Stimme unsrer eigenen Jugend.

Im vielbesuchten Thal des Neckars, des krystallhellsten aller Flüsse Einleitung S. 18:

»Gepränglos ist was ich erzähl' und nimmer
»Würd' es das Ohr gemeinerm Erdenton
»Entlocken, lieh die helle Phantasie
»Nicht ihre Regenbogenbilder, gäbe
»Des Ideales Färbung der Geschichte.

Erinnerung für die Umwohner des Neckars vom — Uebersetzer.

steht die Stadt Heidelberg. Schon sammelten sich die Abendschatten über ihr, als der schwere Reisewagen durch die alten Straßen rasselte, und erst am folgenden Tag ward Gertrud die über jeder Vergleichung stehenden Schönheiten recht gewahr, welche den Ort umgeben.

Vane, der früh aufzustehen pflegte, ging des Morgens allein aus, um Einsicht von der Stadt zu nehmen. Indem er den 123 Petersthurm betrachtete, hörte er sich plötzlich beim Namen rufen. Er wandte sich um und erblickte den deutschen Studenten, den sie in den Taunusbergen getroffen, an seiner Seite.

»Sie haben sehr wohl gethan, mein Herr, hieher zu kommen,« rief der Student; »ich hoffe, unsre Stadt wird nicht hinter Ihren Erwartungen zurückbleiben!«

Vane erwiederte mit Höflichkeit; der Deutsche bot sich ihm zum Begleiter auf seinem Spaziergang an, und so fiel denn das Gespräch natürlich auf das Universitätsleben, und die gewöhnliche Erziehung des deutschen Volkes.

»Es ist wunderlich,« bemerkte der Student, »daß die Menschen ewig neue Erziehungssysteme erfinden, und doch bei den alten verharren. Wie viele Jahre ist es schon her, daß Fichte in Pestalozzi's System die Wiedergeburt des deutschen Volks verkündet hat! Was war die Folge? Wir bewundern – wir loben, und stolpern in eben dem Weg fort, welchen Pestalozzi als irrig nachweist. Gewiß,« fuhr der Student fort, »muß eine Unterrichtsmethode, bei welcher Geist die Ausnahme, Stumpfsinn das gewöhnliche Ergebniß ist, an irgend einem Grundgebrechen leiden. Vollends auf unsern deutschen Hochschulen beweist Alles, daß Erziehung ohne entsprechende Institutionen wenig zur allgemeinen Charakterbildung hilft. Die jungen Leute stehen, so lange sie die Hörsäle besuchen, gegen einander auf einem Fuß der vollkommensten Gleichheit; sie sind kühn, romantisch, bis zum Wahnsinn für die Freiheit begeistert. Sie verlassen die Universität; keine politische Laufbahn fördert die dort angenommene Geistesrichtung weiter! sie tauchen in Dunkelheit unter, leben zerstreut und vereinzelt, und der von seinem Schiller trunkene Student sinkt zum passiven Geistlichen oder schläfrigen Landjunker herab. Seine Universitätslaufbahn, weit entfernt ein Vorbild seines künftigen Lebens zu seyn, ist gerad der Gegensatz desselben; er wird auf einem Feld erzogen, um auf einem ganz entgegengesetzten fortzuwandeln. Dies halte ich für das allgemeine Gebrechen der Erziehung in allen 124 Ländern. Man faßt dieselbe als ein Etwas auf, womit es in einem gewissen Alter ein Ende nehme. Man macht sie nicht zu einem Theil der fortwährenden Lebensgeschichte, sondern zu einem Abstecher von derselben.«

»Sie sind in England gewesen?« fragte Vane.

»Ja; ich habe es beinah ganz zu Fuß durchwandert. Ich war damals arm, und in der Einbildung, als bestände zwischen allen wissenschaftlich gebildeten Männern eine Art Freimaurerbund, fragte ich in jeder Stadt nach den Gelehrten und bat sie, als etwas ganz Natürliches, um Geld.«

Vane lachte beinah laut über die Schlichtheit und naive Unkunde der Herabwürdigung, womit der Student sich selbst als einen öffentlichen Bettler hinstellte.

»Und was war in der Regel Ihr Erfolg?«

»In den meisten Fällen ward ich mit den Fußblöcken bedroht, und zweimal ward ich vom Friedensrichter der Dorfpolizei überantwortet, um nach einem mystischen Mekka gebracht zu werden, das man Pfarrgemeinde zu nennen beliebte. »Wirklich,« fuhr der Deutsche mit vieler Gutmüthigkeit fort, »es war zum Erbarmen in einer großen Nation so viel Werth auf ein so elendes Ding, wie das Geld, gelegt zu sehen. – Was mich aber höchlich in Erstaunen setzte, war der Ton Ihrer Poesie. Als Hauptcharakter derselben bezeichnet uns Frau von Staël, die vielleicht so viel von England wußte als von Deutschland, das Chevalereske; allein mit Ausnahme Scotts, der, beiläufig gesagt, kein Engländer ist, fand ich keinen chevaleresken Dichter bei Ihnen.«

»Unter uns gesagt,« sprach der Student weiter, »glaub' ich übrigens, daß auf unserer gegenwärtigen Civilisationsstufe in der Ansicht des größern Publikums über den Werth poetischer Werke ein noch unerörtertes Mißverständniß vorwaltet. Noch immer gereicht die Poesie zur Lust, aber nicht mehr zur Lehre. Eine aus dem Herzen hervorkommende Prosa erleuchtet, belehrt, erhebt weit mehr. Ihre 125 philosophischen Dichter würden, wenn man sie in Prosa übersetzte, sehr alltäglich werden. Der scheinbar so tiefe Childe Harold verdankt seine Tiefe zuletzt nur seiner Sprache; in der That enthält er nichts Neues als den Mechanismus seiner Diktion. Nicht in Verse lassen sich die läuternden, tiefsinnigen Gedanken bringen, für welche ein großer prosaischer Schriftsteller Gestalt und Ausdruck findet; ewig verkrüppelt sie der Reim; dieser paßt für die allgemeinen, jetzt abgedroschen gewordenen Grundwahrheiten der Menschennatur, nicht für die feinen philosophirenden Folgerungen, die aus denselben abgezogen werden. So ist, so paradox es auch auf den ersten Blick scheinen mag, das Alltägliche eher das Element der Poesie als der Prosa. In diesem Gefühl schrieb Schiller die tiefste der neuern Tragödien, seinen Fiesko, in Prosa.«

Eine solche Ansicht entzückte Vane, der nichts von einem Dichter an sich hatte, und mit einer Zuvorkommenheit, die ihn beim zweiten Zusammentreffen mit neuen Bekannten sonst selten anwandelte, lud er den Studenten zum Frühstück im Gasthof ein.

Nachdem dieses eingenommen war, zog unsre Gesellschaft durch die Stadt nach dem wundervollen Schloß, das die Hauptzierde Heidelbergs bildet, und die edelste Trümmer deutscher Größe ist.

Und als sie jetzt, noch vor Ersteigung der Höhe, anhielten, blickte die prachtvolle Ruine, umgürtet von ihren massiven Mauern und frei hervorspringenden Terrassen, an welche sich von Stelle zu Stelle das zwergartige, bunte Laub schmiegte, finster auf sie nieder. Im Hintergrund hob sich der gewaltige Berg hoch empor, bis zum äußersten Gipfel mit dunkeln Bäumen bedeckt, in seinem geheimnißvollen Schloß die Schattengestalten der Mährchenwelt verschließend. Aber gegen die Ruinen zu, auf dem steilen Abhang, mag man einige zerstreute Schafe wahrnehmen, wie sie in dünnen Gruppen sich gegen den unterbrochenen Boden hervorheben. In der Höhe, über dem Bollwerk, steigt verödet und mächtig das Schloß der Kurfürsten von der Pfalz empor. Auf seinen geborstenen Mauern kann man die Spuren des Blitzes 126 verfolgen, der seine alte Pracht zerstörte, aber im gewaltigen Umfang der Masse immer noch ein passendes Denkmal an die Zeit Karls des Großen zurückließ. Für Deutsche braucht es kaum der Nachweisung, daß der Verfasser sich hier in einem doppelten Irrthum befinde. Schon ursprünglich stammte dasjenige Schloß, dessen Ueberbleibsel die jetzigen Ruinen sind, aus einer viel spätern Zeit, als das Jahrhundert Karls des Großen, geschweige, daß die Hauptmasse der gegenwärtigen Reste bis in jene Periode hinaufreichte. Höchstens, daß vielleicht einige Säulen, die Kurfürst Philipp der Aufrichtige aus dem Palast Karls des Großen in Niederingelheim nach Heidelberg bringen ließ, noch jetzt unter den Ruinen vorhanden seyn mögen. – Sodann war es bekanntlich nicht der Blitz, sondern der französische General Melac, welcher, zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts, dem Schloß seine nunmehrige Gestalt gab. – Die Zerstörung durch einen in das Pulvermagazin gefallenen Blitz, deren der Verfasser weiter unten noch ausführlicher gedenkt, kam im Jahr 1537 vor, traf jedoch das obere Schloß, von welchem nur noch einige Steinhaufen übrig sind, und erfolgte nicht während einer Belagerung, sondern im Frieden. Vergl.: »Heidelberg und seine Umgebungen von A. Schreiber.« — Der Uebersetzer. In der Ferne unten dehnte sich die Ebene weit und geräumig aus, bis endlich der umschattete Fluß, mit einem einsamen Segel auf seinem Schoos, das schwermüthige Bild der Erde dem herbstlichen Himmel verband.

»Seht,« sagte Vane und zeigte auf zwei Landleute in ihrer Nähe, die unbewußt der Erinnerungen, die der Ort einflößt, über Angelegenheiten ihres kleinen Handels sprachen; »seht! nach Allem, was man für Menschengröße schon gesagt und gethan, bleibt sie doch immer nur die Größe einiger Wenigen. Jahrhunderte vergehen und lassen die arme Heerde, die Masse der Menschen, ewig als die nämliche zurück – als Holzhauer und Wasserträger. Die Pracht der Fürsten hat ihre Ebbe und Fluth; aber der Landmann verkauft sein Obst dem Fremdling in den Ruinen so wohlgemuth, als dem Kaiser in seinem Palast.«

»Wird es immer so seyn?« fragte der Student.

»Laßt uns für einen dauernden Ruhm das Gegentheil hoffen,« 127 erwiederte Trevylyan. »Hätte ein Volk jenen Palast erbaut, sein Glanz wäre nie erloschen.«

Vane zuckte die Achseln und Du–e nahm eine Prise.

Der ganze Eindruck jedoch, welchen das Schloß in einiger Entfernung hervorbringt, ist noch nichts gegen den Standpunkt innerhalb des gewaltigen Umkreises, wo man die Baukunst aller Jahrhunderte zu einer mächtiger Trümmer verbunden sieht. Die reichen Farben des Gemäuers, die prunkenden Façaden, jede Art von Bauwesen, welches der Mensch je für den Krieg oder für die Behaglichkeit erschuf, trifft man hier mit dem gemeinsamen Ausdruck – der Ruine! Das mittelalterliche Bollwerk, der gähnende Graben, der rauhe Thurm, der prächtige Bogen, die Stärke einer Festung, die Herrlichkeit eines Palastes – Alles zusammen berührt die Seele, wie die Geschichte eines untergegangenen Reichs in all seinen Epochen.

»Einen wunderlichen Bewohner haben diese Ruinen,« bemerkte der Student; »einen einsamen Maler, der schon seit einigen und zwanzig Jahren hier wohnt, blos seine Kunst zur Gefährtin. Kein Gemach als das, welches er inne hat, ist von einem menschlichen Wesen eingenommen.«

»Welche poetische Existenz!« rief Gertrud, entzückt über eine so deutungsvolle Einsamkeit.

»Mag seyn!« entgegnete der grausame Vane, stets bemüht, jede Illusion zu zerstören; »wahrscheinlicher aber noch hat die Gewohnheit für ihn all Das getödtet, was uns mit Schauern überwältigt, und vielleicht wandelt er unter diesen Ueberresten eher mit dem Bestreben umher, irgend ein rohes Stück einer Antiquität wegzubekommen, als daß er seine Einbildungskraft mit den dämmernden Sagen nährte, welche die Trümmer mit einer so erhabenen Poesie umkleiden.«

»Ihre Vermuthung, mein Herr, hat etwas Wahres,« erwiederte der Deutsche; – »übrigens ist der Maler ein Franzose.«

Zu der eigenthümlichen Schwermuth und Hoheit der Heidelberger Ruinen, in welchen die gewaltige Kraft einen auffallenden 128 Gegensatz zu der gänzlichen Verwüstung bildet, trägt auch das sich hier aufdrängende Gefühl des Fatums bei. Zweimal wurden sie vom Blitz getroffen und sind das Wrak der Elemente, nicht der Menschen. Während der großen Belagerung soll das Wetter zufällig in das Pulvermagazin geschlagen haben.

Welch ein Feld für ein großes, auf die Phantasie berechnetes Werk! Welch Beispiel des spottenden Zorns der Natur im winzigen Streit der Menschen. Ein Streich des »rothen Arms« über uns zermalmt den Triumph von Jahrhunderten und höhnt die Macht der Belagerer und den Muth der Belagerten.

Den ganzen Tag verbrachten sie unter den gewaltigen Trümmern, und als sie nach ihrem Gasthof hinunter stiegen, war ihnen, als hatten sie die Höhlen eines mächtigen Grabs verlassen.

 

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