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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Erstes Kapitel.

Worin der Leser bei der Königin Silpelit eingeführt wird.

In einem der grünen Wäldchen, die unserer Insel so eigenthümlich angehören (der Kontinent hat Forsten, England Gehölze!) wohnte vor nicht gar langer Zeit eine reizende kleine Elfin, genannt Silpelit. Sie stammte, glaub' ich, von einem jüngern Zweig des Hauses Mab; doch mag dies auch blos eine genealogische Mythe seyn, denn die Elfen scheinen sehr empfänglich für Ahnenstolz, und wirklich läßt sich nicht leugnen, daß sie sich den freisinnigern Ansichten, die heutigen Tags so sehr im Schwung sind, nur mit einigem Widerstreben bequemen.

Wie dem seyn mag, so ist ausgemacht, daß alle hofgerechte Personen in Silpelits Landen (sie war nämlich eine Königin der Elfen) sich eifrigst befleißigten die Ansprüche ihrer Gebieterin auf diese erlauchte Abkunft außer Zweifel zu setzen, weßhalb die Fürstin denn auch das mabische Wappen neben dem ihrigen führte, nämlich drei grüne Eicheln neben einer aufgerichteten Heuschrecke. Es war ein so lustiger kleiner Hof, als man sich irgend vorstellen konnte, und wohl verlohnte sichs in einer schönen Sommernacht einen Ball der Königin mit anzusehen, d. h. wenn man eine Eintrittskarte zu erhalten vermochte; eine Gunst, die nur gegen schwere Gebühren ertheilt ward.

So lang jedoch Elfen wie Menschen den Vorschlag des trefflichen Herrn Owen, in Parallelogrammen zu leben, nicht annehmen, werden sie stets die Opfer der Langenweile seyn. In der That war 20 Silpelit, die eine unglückliche Liebe gehabt und noch stets im unvermählten Stande verharrte, in den letzten fünf oder sechs Monaten sogar des Ballgebens höchst überdrüssig geworden. Sie gähnte sehr häufig und das Gähnen ward demgemäß eine Mode.

»Warum haben wir doch keine neue Tänze, Pipali?« fragte Silpelit ihre begünstigte Ehrendame. »Diese Walzer sind schon entsetzlich lang an der Tagesordnung.«

»Entsetzlich lang!« erwiederte Pipali.

Die Königin gähnte – Pipali folgte dem Beispiel.

Es war Gallanacht; das Hoflager wurde in einer einsamen, schönen Höhle gehalten, um welche sich von allen Seiten wildes Gesträuch herzog, so daß nicht leicht ein menschlicher Fuß an den Ort gelangen konnte. Wo irgend ein Schatten auf das Gebüsch fiel, da machte sichs jedesmal ein Johanniswürmchen zum Geschäft, sein Licht glänzen zu lassen, und oben zog der helle Augustmond langsam hin, erfreut auf eine so reizende Lustbarkeit niederzublicken; denn man thut dem Mond Unrecht, wenn man behauptet, er habe einen Widerwillen gegen den Spaß; für den Spaß der Elfen fühlt er alle erdenkliche Sympathie. Da und dort im Dickig rollte etwas übrig gebliebenes Geisblatt – im August ist die Zeit des Geisblatts ziemlich zu Ende – seine üppigen Gänge herab, in diesem Augenblick der Sammelplatz der ältern Elfen, die das Tanzen aufgegeben und das Verlästern angefangen hatten. Neben dem Geisblatt sah man die gelbe Wegwarte und die weiße Winde gegen das sanfte Grün des Gebüsches abstechen; Pilze, die im Ueberfluß im ganzen Umkreis umher standen, flimmerten im silbernen Mondlicht und waren den Tanzenden über die Maßen willkommen; weiß doch Jedermann wie angenehm ein Zeltdach bei einer Fête champêtre ist! Doch ich irrte, wenn ich sagte, das Gesträuch habe den Kreis ringsum eingeschlossen, denn eine Sterblichen kaum bemerkbare Oeffnung war da. Durch sie konnte mindestens eine Elfe einen Blick auf einen nahen Bach werfen, der im Sternenschein plätscherte und von Zeit zu Zeit durch das reiche, in 21 seinen Spiegel tauchende Gras, worein sich wiederum das zarte Pfeilkraut oder die glänzende Wasserlilie einwob, eine wechselnde Schattirung bekam. Dann die Bäume selbst, mit der verschwenderischen Mannigfaltigkeit ihres bunten Schmelzes geschmückt: – blaue – rothe – gelbe Tinten; – das zarte Silbergrün und die tiefen, ins Schwarz übergehenden Schattenmassen; die Weide, Ulme, Esche, Föhre, Linde und vor Allem Altenglands heimathliche Eiche: all diese Farben brachen sich wiederum in tausend dünnere, zärtere Hauche, je nachdem die funkelnden Sterne durch das Laub schimmerten, oder der Mond mit vollerem Licht auf irgend einer Lieblingsstelle ausruhte.

Es war Gallanacht; die ältern Elfen plauderten, wie schon gesagt, im Geisblatt; die jungen schwärmten und tanzten und liebelten! die Leute von mittleren Jahren politisirten unter den Pilzen, und die Königin mit einem Halbdutzend ihrer Günstlinge gähnte ihre Lust von einem kleinen, mit dem dichtesten Moos bedeckten Hügel herab.

»Wars doch nie mehr amüsant, Eure Majestät, seit Prinz Faisenheim uns verlassen hat!« bemerkte der Elfe Schnipp.

Die Königin seufzte.

»Wie hübsch der Prinz war;« sagte Pipali.

Die Königin erröthete.

»Auf der Welt kleidete sich Niemand geschmackvoller – und welch ein Schnurrbart!« rief Pipali, indem sie sich mit ihrem linken Flügel fächelte.

»Ein Geck war er!« sagte der Großschatzmeister griesgrämig. Der Großschatzmeister war der ehrlichste und unangenehmste Elfe vom ganzen Hof; ein trefflicher Gatte, Bruder, Sohn, Vetter, Oheim. Diese Tugenden hatten ihn zum Großschatzmeister gemacht; unglücklicher Weise machten sie ihn zu keinem scharfsinnigen Mann. In einer Beziehung glich er Karl dem Zweiten; denn er that nie etwas Weises; aber in der andern glich er ihm nicht, denn er sagte sehr häufig etwas Thörichtes.

Die Königin faltete die Stirn.

22 »Ein junger Prinz büßt deßhalb nichts an seinem Werth,« entgegnete Pipali. »Glaubt Eure Majestät, Seine Hoheit werde zu uns zurückkehren?«

»Belästige mich nicht mit Fragen!« erwiederte Silpelit ärgerlich.

Dem Gespräch eine angenehme Wendung zu geben, erinnerte der Großschatzmeister Ihro Majestät, daß die Geschäfte sich zum Erschrecken angehäuft hätten, besonders hinsichtlich der schwierigen Angelegenheit mit dem Ameisenanlehen. – Ihro Majestät stand auf und verfügte sich, auf Pipalis Arm gelehnt, hinab ins Speisezelt.

»Sagen Sie mir doch,« fragte die Elfin Tripp den Elfen Schnipp, »was soll all das Gerede vom Prinzen Faisenheim? Entschuldigen Sie meine Ignoranz, Sie wissen, ich bin eine Neulingin in den Salons.«

»Hm!« erwiederte Schnipp, ein junger Höfling, nicht aufs Heirathen bedacht, aber höchst verführerisch: »die Geschichte ist diese. Vorigen Sommer besuchte uns ein Fremder, der sich Prinz Faisenheim nannte, einer von den deutschen Elfen, mein' ich; eben nichts Sonderliches, walzte aber zum Entzücken. Er trug lange Sporen, aus den Stacheln der Roßmücken im Schwarzwald gemacht; die Mütze saß auf der einen Seite des Kopfs, und sein Schnurrbart kräuselte sich wie die Lippe der Drachenblume. Er war auf Reisen und vertrieb sich die Zeit damit, der Königin den Hof zu machen. Sie haben keine Idee, liebe Tripp, mit welcher Begierde sie ihn von den wunderlichen Geschöpfen Deutschlands erzählen hörte – von wilden Jägern, Undinen und Waare von dergleichen Stoff,« fügte Schnipp verächtlich hinzu, denn Schnipp war ein Freigeist.

»Und das Ende?« fragte Tripp.

»Und das Ende? sie verliebte sich!« rief Schnipp pathetisch aus.

»Und der Prinz?«

»Packte seine Kleider zusammen und schickte seinen Reisewagen voraus, um nach Bequemlichkeit oben auf einer Posttaube abreisen zu können; und das Ende – wie Sie sich ausdrücken – das Ende 23 vom Lied war, daß er die Königin sitzen ließ, und sie hat seitdem das Gähnen aufgebracht.«

»Das war sehr schlecht von ihm!« bemerkte die mitleidige Tripp.

»Hui, mein liebes Kind,« rief Schnipp, »ich wollte sehen, wenn er Ihnen die Cour gemacht hätte!«

Tripp lächelte verschämt, und die alten Elfen auf ihren Sitzen im Geisblatt bemerkten, sie habe eine üble Conduite; aber freilich seyen die Tripps nie allzu ehrbar gewesen.

Mittlerweile hatte die Königin nach kurzem Stillschweigen zu der unterstützenden Pipali gesagt: »Du mußt wissen, daß ich einen Plan gemacht habe!«

»Wie herrlich!« rief Pipali. »Eine neue Galla!«

»Pah! sicherlich mußt selbst du dieser Possen satt seyn; der Zeitgeist dreht sich nicht länger um Frivolitäten, und ich darf wohl voraussagen, daß wir mit dem Vorschreiten eines ernsten Lebens dieser Gallanächte ganz los werden dürften.« Die Königin sprach Dies mit einem Ausdruck unendlicher Verständigkeit, denn die »Gesellschaft für Verbreitung allgemeiner Verdutzung« war kürzlich unter den Elfen gegründet worden, und ihre Abhandlungen hatten alle leichtere Lektüre aus dem Markt getrieben. Nicht wenig hatte auch die »Pfenningprosa« zur Vermehrung der Kenntnisse und des Gähnens beigetragen, die beide damals am Hof so sichtbare Fortschritte machten.

»Nein,« fuhr Silpelit fort; »ich habe mir was Besseres als Galla's ausgedacht; – laßt uns auf Reisen gehen!«

Pipali schlug die Hände jubelnd zusammen.

»Wohin werden wir reisen?«

»Fahren wir den Rhein hinauf,« bemerkte die Königin mit abgewandtem Gesicht. »Wir werden zum Erstaunen gut aufgenommen werden; es leben dort Elfen ohne Zahl, den ganzen Weg am Ufer entlang; desgleichen verschiedene entfernte Verwandte von uns, deren Natur und Eigenschaften einem philosophischen Gemüth Interesse und Belehrung darbieten.«

24 »Der kleine Däumling zum Beispiel!« rief die muntere Pipali.

»Der rothe Mann,« erwiederte die ernstere Silpelit.

»O meine Königin, was für ein herrlicher Plan!« und Pipali war die übrige Nacht hindurch so aufgeregt, daß die alten Elfen in den Geisblattblüthen sich zuflüsterten, die Ehrendame habe einen Becher Maienthau zu viel getrunken.

 

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