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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Thurmberg. – Sturm auf dem Rhein. – Die Ruinen von Rheinfels. – Fühllosigkeit der Liebe gegen Gefahr. – Das Echo des Lurlei. – St. Goar, Kaub, Gutenfels, Pfalzgrafenstein. – Unendlichkeit des Gemüths in den ersten Einsiedlern. – Gemälde des Rheins bis Bacharach.

Am folgenden Tag, der minder schön als irgend einer, der bisher vorgekommen war, setzte unsere Gesellschaft ihre Reise fort. Dumpf und schwer zogen die Wolken dahin und ließen die Sonne blos in zerstreuten Zwischenräumen durchbrechen. Die Wanderer fuhren durch die gekrümmte Bucht, welche der Rhein in jener Gegend bildet, und schauten auf die Ruinen von Thurmberg mit den reichen Gärten, die unten die Ufer säumen. Das erste Mal als Trevylyan diese gegen den Himmel aufsteigenden Ruinen gesehen, und das grüne Laub am Fuß des Felsen und das drunter versteckte, ruhige Dörflein, das seine Dächer und den vereinzelten Thurm im Wasser spiegelt, wars mit einer frohen Sommerschaar leicht wandelnder Freunde gewesen, die während der Mittagshitze am Ufer Halt gemacht und über Wein und Früchten Gruppen aus Boccacio gebildet, Guitarren, Scherz, improvisirte Liebe und lachende Geschichten durch einander geworfen hatten.

Welcher Unterschied in seinen jetzigen Gedanken – im Zweck der Reise – in seinen gegenwärtigen Gefährten! Geräuschlos ist der Tritt der Jahre; wir bemerken, wir achten ihn nicht, bis wir beim Verfolgen einer Bahn, die wir vor langer Zeit gegangen, mit Bestürzung finden, welche tiefe Spur er hinterlassen hat. Einen Schauplatz unserer Jugend wieder besuchen, heißt mit dem Gespenst unseres Selbsts sprechen.

108 Jetzt eben sammelten sich die Wolken rasch am Himmel und die Reisenden wurden vom ersten Rollen des Donners erschreckt. Plötzlich und schnell kam der Sturm heran und Trevylyan zitterte, als er Gertrudens Gestalt mit den rauhen Schiffsmänteln bedeckte, welche sie mitführten. Das kleine Fahrzeug fing an wild auf den Wellen hin und her zu wiegen. Hoch über ihnen stiegen die gewaltigen, geschleiften Trümmer von Rheinfels auf; der Blitz zuckte durch die geborstenen Kreuzstöcke und zerbrochenen Gewölbe, und erhellte die düstern Bäume, welche, gegen den zürnenden Wind nickend, hie und da die Felsen umkleideten. Schnell kreisten die Wasservögel über den Fluß, tauchten ihr Gefieder in den weißen Schaum und ließen ihr mißtöniges Geschrei ertönen. Ein Sturm auf dem Rhein hat eine Großartigkeit, die über jede Beschreibung hinausgeht. Die Felsen, das Blättergrün, die Ritterburgen, die allenthalben von den luftigen Höhen aufsteigen, und mit den Stimmen der Verwitterung von manchem früheren Kampf gegen Zeit und Sturm sprechen; die breite, schnelle Strömung des sagenreichen Flusses – Alles steht in Einklang mit dem Streit der Elemente, und wohl wird man fühlen, daß Wer den Rhein blos im Sonnenschein gesehen von seinem erhabensten Anblick nichts weiß. Von welchen Fehden sind diese Trümmer Zeugen gewesen! Durch die Räubereien der übermüthigen Dränger in diesen Mauern ging der erste Rheinbund – der große Kampf zwischen der neuen Zeit und der alten – der Stadt und dem Schloß – dem Bürger und dem Ritter hervor. Grau und streng boten die Ruinen dem Sturm die Stirnen; – ein Bild des alten Geistes, der sie einst mit bewaffneten Sklaven bemannte, und noch in Trümmern und Verfall gegen die siegreiche Freiheit, der er nicht länger widerstehen kann, Einsprache führt.

Von Trevylyans schützenden Armen umschlossen, das Haupt an seine Brust gelehnt, fühlte Gertrud nichts von dem Sturm als seine Majestät, und Trevylyans Stimme flüsterte ihr aufhellenden Muth ins Ohr. Sie antwortete mit einem Lächeln und einem Seufzer, 109 aber keinem Schmerzensseufzer. In den Zuckungen der Natur vergessen wir unser eigenes gesondertes Daseyn, unsere Absichten, Plane, Besorgnisse; unsere Träume schwinden in ihre Höhlen zurück. Nur Einen Affekt überwältigt der Sturm nicht: die Liebe gesellt ihre Gegenwart der Stimme des tobendsten Gewitters eben so bei, wie dem Geflüster des Mittagwindes. So empfand denn Jene, während sich Beide fest umschlungen hielten, und sie die Angst aus Trevylyans Blick wegzulächeln suchte, eine Sicherheit, ja eine Freude; denn die Gefahr ist selbst dem ängstlichen Frauenherzen angenehm, wenn sich ihm das Gefühl, geliebt zu seyn, durch sie noch stärker eingräbt.

»Noch einen Augenblick und wir sind am Land,« flüsterte Trevylyan.

»Ich sehne mich nicht danach,« erwiederte Gertrud sanft. Aber noch eh' sie nach St. Goar gelangten, stürzte der Regen in Strömen herab und selbst die dichten Hüllen um der Kranken Körper boten keinen hinlänglichen Schutz gegen denselben. Naß und triefend erreichte sie den Gasthof; aber weder jetzt noch in den nächsten Tagen war sie für den Stoß empfindlich, den ihre abnehmende Gesundheit erlitten.

Das Gewitter dauerte nur wenige Stunden, und nachher brach die Sonne wieder so strahlend hervor, und so einladend sah der Fluß aus, daß man Gertruds angelegenem Wunsch nachgab und die Reise, jedoch in einem geräumigern Fahrzeug, fortsetzte. Man kam an dem eingeengten, gefährlichen Paß des » Gewirres«, und dem furchtbaren Strudel »die Bank« vorbei, und am Ufer stieg zur Linken der mächtige Lurleifels, groß und gestaltlos, vor ihrem Blick auf. An diesem Ort ist ein wunderbares Echo; einer von den Schiffleuten stieß in ein Horn, was eine fast schauderhafte Musik hervorrief – so wild, laut und oft wiederhallend war der Ton.

Sofort krümmte sich der Fluß in ein schmales tiefes Bett zwischen zerrissenen Felsen, auf welche die Abendsonne lange, seltsame Schatten warf. Hier hatte der Einsiedler, von dessen heiligem 110 Namen das Städtchen St. Goar den seinigen ableitet, gewohnt und die Religion des Kreuzes gepredigt. »Es lag,« bemerkte Vane, »eine gewisse Unendlichkeit des Gemüths in der Bevorzugung jener gänzlichen Einsamkeit, welcher die ersten Enthusiasten unserer Religion sich hingaben. Die abgeschiedene Wüste, der öde Fels, die rauhe Wohnung in einer Höhle, der ewige Verkehr mit dem eigenen Herzen, mit der Natur und den Träumen von Gott: – Alles gibt ein Bild strenger, übermenschlicher Größe. Sagen wir was wir wollen von der Nothwendigkeit und den Reizen des geselligen Lebens, der Mensch, der sich der Menschheit entschlägt, bekommt etwas Großartiges.«

»Was Das betrifft,« erwiederte Du–e achselzuckend, »so gab es wahrscheinlich sehr guten Wein in der Nachbarschaft, und die Augen der Mädchen um Oberwesel herum sind ausgezeichnet blau.«

Die Reisenden näherten sich sofort Oberwesel, abermals eine ehmalige Reichsstadt, und erblickten hinter derselben die Ueberreste des Schlosses, von welchem das berühmte Geschlecht von Schomberg, die Ahnenreihe des greisen Helden des Boyne, Boyne heißt ein Fluß in Irland, an welchem der englische König Wilhelm III. den aus Frankreich eingefallenen Jakob II. am 1. Juli 1690 schlug, jedoch dabei den 82jährigen Herzog von Schomberg, einen seiner ausgezeichnetsten Generale, verlor. Die Zahl der Treffen, welchen jener deutsche Held beigewohnt, soll der Zahl seiner Jahre gerad gleich gekommen seyn. — Der Uebersetzer. stammte. Etwas weiter oben, am entgegengesetzten Ufer, hob sich Schloß Gutenfels über dem geschäftigen Städtchen Kaub.

»Wiederum ein Schauplatz,« bemerkte Trevylyan, »der eben so sehr durch Liebe als durch Schlachtenruhm verherrlicht ist, denn das Schloß hat seinen Namen von der schönen Geliebten eines Kaisers Die Sage von einer schönen Erbgräfin Guda, in welche Kaiser Richard verliebt gewesen, ermangelt des historischen Grundes. Schreibers Handbuch. — Der Uebersetzer. und von einem Vorsprung des Hügels nach unten gab der große Gustav Adolph Befehl, den Kampf mit den Spaniern zu beginnen.«

111 »Jetzt sieht es friedlich genug aus,« erwiederte Vane und zeigte auf das auf dem Strom liegende Floß und die grünen, über eine Uferkrümmung gebeugten Bäume. Jenseits, mitten im Wasser, steht das einsame Schloß Pfalzgrafenstein, das als Gefängniß für angesehenere Verbrecher eine traurige Denkwürdigkeit erhalten hat. Wie viele sehnsüchtige Blicke mögen sich von diesen Fenstern aus nach den rebenbekränzten Hügeln am freien Ufer gewandt haben; wie viel ergrimmte Herzen mögen die tiefen Flüche des Hasses in den Kerkern da unten genährt und nach den Wogen, die an die grauen Wände schlugen, geschmachtet haben, daß sie sich Bahn zu ihnen hereinbrächen und sie in Freiheit setzten! Wenn auch in der Pfalz (oder dem » Pfalzgrafenstein«) bisweilen Staatsgefangene aufbewahrt wurden, so ist Dies doch, so viel dem Unterzeichneten bekannt, eben nicht häufig geschehen, und der Ausdruck, daß das Schloß hierdurch eine traurige Denkwürdigkeit erhalten habe, kaum zu rechtfertigen. Eher knüpft die Sage eine heitere Erinnerung an das Gebäude, indem die Pfalzgräfinnen ehmals ihre Wochenbette daselbst gehalten haben sollen. — Der Uebersetzer.

Hier ist der Rhein, von allen Seiten umgrenzt, zu einem jener scheinbaren Seen eingefesselt, in welche er seine lebendige Strömung so oft umzuwandeln scheint. Während der Durchfahrt glaubt man, das Wasser überfließe leis sein Bett und breche sich einen Weg in die Klüfte des bergigen Ufers. Auf der einen Seite an der Insel Werth, auf der andern an Schloß Stahleck vorüber, gelangten unsere Reisenden nach Bacherach, das mittelalterliche Erinnerungen mit römischen verknüpfend, seinen Namen vom Gott des Weines entnimmt, und, wie Du–e mit eigenthümlichem Nachdruck erklärte, indem er einen großen Kelch des eigenthümlichen Nektars hinabschlang, »diese Ehre vollkommen verdient«. 112

 

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