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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Worin der Leser erfahren wird, wie die Elfen von den Metallkönigen aufgenommen wurden. – Die Klagen des letzten Fauns. – Der rothe Jäger. – Der Sturm. – Tod.

Im tiefen Ehrenthal hielten die Metallkönige: der Fürst der Silberpaläste, der Selbstbeherrscher der dumpfen Bleiminen und 98 der Präsident der Vereinigten Kupferstaaten, einen Hof um die Elfenwanderer von der Insel Nonnenwerth zu empfangen.

Prinz Faisenheim trug ein prächtiges Jagdkleid von Eichenlaub zu Ehren Englands und eine Ueberfülle von Elfenorden, die von Zeit zu Zeit zu Ehren der Menschendichter gestiftet worden, welche die Geister und ätherischen Geschlechter verherrlicht hatten. Als der angesehenste unter diesen Orden, süßer Träumer des Sommernachttraums, galt das Zeichen, das aus dem Thau krystallisirt war, der in der Nacht Deiner Geburt – jener großen Epoche in der Welt des Geistes – aus dem flüsternden Rohr des Avons aufhauchte! Auch entbehrtest Du nicht, geliebter Musäus, noch Du, Tiek voll dämmernder Träume, noch der wilde Schöpfer der hellgelockten Undine, oder der launenhafte Genius, der für den düstern Manfred die Zauberin der lautlosen Alpen und die Geister der Erde und Luft anrief: – Ihr Sämmtliche entbehrtet nicht die Ehre der Elfenhuldigung! Euer Gedächtniß mag schwinden aus dem Menschenherzen, der Stab jüngerer Magier mag den Zauber verdrängen, den Ihr einst über das Antlitz der gemeinen Erde gewoben; aber stets ehren Euch in den grünen Hügeln des gefeierten Thals und im tiefen Waldesschatten und in den sterngeschmückten Palästen der Luft die Wesen Eurer Träume als Halbgötter und Könige! Von unsichtbaren Händen werden Eure Gräber gewartet und Eure Geburtsstätten sind geheiligt durch unvergängliche Andacht.

Eben während ich schreibe, Eben zur Zeit, als der Verfasser ans Ende seines Werkes gekommen war, war seiner Kunst großer Meister zum Schluß seiner Laufbahn gelangt. scheidest Du, fern unter den Bergen Kaledoniens, bei dem Wald, den Du mit unsterblichem Grün umkleidetest, Wecker »der Harfe an Glenfillans einsamem Quell«, von der Erde, die Du »mit Wonnen ummalt hast«. So sind die Wechsel menschlichen Ruhms! Unsrer Kinder Kinder mögen neue Idole erheben an der Stätte Deines heiligen Altars, und kritteln, wo ihre Väter anbeteten; aber um Dich wird die Nixe klagend in der Korallengrotte, 99 und der Sylphe in den Wasserfällen wird trauern! Wunderbare Gestalten werden Dein Denkmal in den Schooß einsamer Felsen hauen; stets werden die Elfen unterm Mondlicht in ihrem Reigen anhalten, wenn ein romantischer Klang ihres Lieds sie an das Deinige erinnert; sie werden lassen von ihrem Tanz, um über das Schweigen der mächtigen Leier zu weinen, der eine Enthüllung der Geheimnisse der Geister, wie der Menschen, entströmte.

Der König der Silberminen saß in einer Höhle des Thals, durch welche eben der Mond drang, also daß sein Licht dämmernd schlief auf dem in unzählige Metallgebilde ausgearbeiteten Boden. Unter dem Silberkönig, auf einem niedrigern Thron, saß mit grauem Bart und niedergeschlagenem Aug der alte Zwergenkönig, der Beherrscher des schweren Blei-Reiches, welcher dem . . . die Verse und dem . . . die Prosa einhaucht! Endlich war, ein fantastischer Hauselfe, der Präsident der Kupferrepublik da – ein Geist, der Wirthschaft und Nutzen liebt und selten auf das Schöne lächelt. Mitten in der Höhle, auf Betten von weichem Moos, dem nie von einem Fuß betretenen Gewächs von Jahrhunderten, ruhten die zu Besuch gekommenen Elfen; Silpelit saß neben ihrem Verlobten. Rund umher an den Grottenwänden stand die Zwergdienerschaft der Metallkönige, in tausend seltsamen Gestalten und grotesken Trachten. Auf den abschüssigen Felsenkanten drängten sich in dichtem Gewimmel die ins Schweigen, aber nicht in Schlaf gebannten Fledermäuse, und sahen dem Schauspiel mit starren, verwunderten Augen zu; und eine alte, graue Eule, die Lieblingin der Thalhexe, saß blinzend in einem Winkel, und horchte mit aller Macht, damit sie ihrer Herrin die ganze Lästerkronik mitbringen könnte.

»Sag' mir, Prinz der Rheininsel-Elfen,« sprach der König der Silberminen, – »denn Du bist ein Weitgereister und ein Elfe, der Viel gesehen hat – wie gehen die Menschendinge in der Oberwelt? Was uns selbst betrifft, so leben wir hier in dumpfem Glanz, und 100 hören die Tagesgeschichte nur, wenn Unser Bruder vom Blei den englischen Druckerpressen einen Besuch macht, oder der Kupferpräsident nach seinen Verbesserungen in den Dampfmaschinen sieht.«

»Wahrhaftig,« entgegnete Faisenheim und schickte sich zum Sprechen an, wie Aeneas am Hof von Karthago; »wahrhaftig, ich weiß nur wenig, was Eure Majestät auf dem gegenwärtigen Standpunkt der Menschenangelegenheiten interessiren könnte, ausgenommen, daß Hochdieselben heut zu Tag noch ganz in eben so hohen Ehren stehen, wie zur Zeit, als der römische Eroberer sein Knie in den Taunusbergen vor Ihnen beugte. Eine große Anzahl kleiner, runder Unterthanen von Ihnen wird von den Vermöglichen stets mitgetragen und von den Armen mit hoffnungsloser Anbetung ersehnt. Aber darf ich mir die Freiheit nehmen, Eure Majestät zu befragen, was aus Dero Vetter, dem König der Goldminen, geworden? Wohl weiß ich, daß selbiger keine Herrschaft in diesen Thalen ausübt und wundere mich deßhalb über seine Abwesenheit von Ihrem Hof nicht; aber ich bekomme so wenig von seinen Unterthanen auf Erden zu sehen, daß ich fürchten müßte, mit seinem Reich sey es ziemlich am Ende, säh' ich nicht, daß man einer beinah unsichtbar gewordenen Macht gleichwohl allenthalben die unterwürfigste Huldigung darbringt.«

Der König der Silberminen holte einen tiefen Seufzer. »Ach, Prinz,« erwiederte er, »nur zu richtig schließest Du auf den Untergang des Reichs meines Vetters. So viele seiner Unterthanen sind nach und nach zum Kriegsdienst auf der Oberwelt gepreßt worden und nie zurückgekehrt, daß seine Lande beinah entvölkert stehen. Er selbst lebt in fernen Erdtheilen in schwermüthiger Abgeschiedenheit. Das goldene Zeitalter ist vorüber, das papierne hat begonnen.«

»Papier,« bemerkte Silpelit, die immer noch ein wenig von einer Precieuse an sich hatte; »Papier ist ein wunderbares Ding. Was für hübsche Bücher das Menschenvolk darauf schreibt.«

»Ach, das eben ists, was ich sagen will,« erwiederte der Silberkönig. »Es ist weniger das Zeitalter des Papiergeldes als des 101 Papierregimentes; die Presse ist die wahre Bank.« Bei dem Wort Bank spitzte der Großschatzmeister der englischen Elfen die Ohren, denn er war der Attwood der Elfen; er trug sich mit einem Lieblingsplan, Geld aus Binsen zu machen, und hatte vier große Bienenflügel über die wahre Natur des Kapitalwerthes vollgeschrieben.

Während man also sprach, tönten auf Einmal Klänge wie von einer ländlichen, rohen Musik durch die Luft; nachdem das wilde Vorspiel zu Ende war, vernahmen sie folgendes Lied:

Die Klage des letzten Fauns.

    Der Mond mit Liebeshelle
Auf Latmos Höhen scheint,
Noch stets die Silberquelle
In Doris Thale weint;
Doch nimmer dort Selene
Des Lieblings Träume sucht;
Doch fließt des Bornes Thräne
Jetzt um der Nymphe Flucht.

Um die Arkadereiche
Schlingt sich das Epheu her,
Doch aus dem Glanzgesträuche
Blickt jetzt kein Satyr mehr.
Still sind Silenus Saiten,
Noch wächst des Mänal's Rohr,
Doch Pans Schallmeien gleiten
Nicht mehr ins Hirtenohr.

Das Laub der Rebe zittert
Im Hauch des Mittagblau's,
Und Tibers Woge schüttert
Noch des Silvanus Haus.
Doch zu der Erde Weiten
Vom Brudergrab gewandt,
Träum ich von alten Zeiten
Allein im fremden Land. 102

Kalt blickt die Sonne nieder,
Scharf ist des Nordens Luft –
O Argos, Land der Lieder!
O Tanz in Ida's Duft!
Die Erde deckt jetzt Winter,
Und an der welken Brust
Schwillt nicht mehr ihrer Kinder
Entschlaf'ne gold'ne Lust.

Ihr seyd des Glückes Erben,
Die längst der Welt entfloht;
Viel besser selbst zu sterben,
Als klagen um den Tod;
An fremden Stromes Säumen
Zu geh'n im Dämmerschein,
Und aus der Griechen Träumen
Der letzte Schatten seyn.

Als der Gesang zu Ende, durchkreuzte ein Schatten das Mondlicht, das weiß und strahlend vor dem Eingang der Grotte lag, und die aufschauende Silpelit gewahrte eine anmuthige, obwohl groteske Gestalt, die draußen auf dem Rasen stand und die Gruppe in der Höhle betrachtete. Es war eine buntscheckige Figur mit Ziegenfüßen und Ziegenohren; der übrige Leib aber und die Höhe des Ganzen wie bei einem Menschen. Ein schelmisches, angenehmes, obwohl boshaftes Lächeln spielte um die Lippen; in der Hand hielt sie die Hirtenflöte, von welcher die Dichter gesungen haben: – zu derselben zu singen, dürften sie schwer finden!

»Wer bist Du?« fragte Faisenheim mit einer Heldenmiene.

»Ich bin der letzte Wanderer von dem Geschlecht, das die Römer verehrten. Hieher folgte ich ihren siegreichen Schritten, und blieb in diesen grünen Schluchten zurück. Am stillen Mittag, wenn das Frühlingslaub im flüsternden Hain knospt, komm ich aus meinem Felsenlager hervor und schrecke den Landmann mit meiner fremden Stimme und noch fremdern Gestalt. Dann geht er nach Haus und verwirrt sein dickes Hirn mit Träumen und Einbildungen, bis er sich 103 endlich vorstellt, ich, das Kind des Südens, sei einer seiner nordischen Dämonen: und seine Dichter passen die Erscheinung ihren barbarischen Versen an.«

»Hoho!« sprach der Silberkönig, »gewiß bist Du der Ursprung des Satans, von welchem die Kaputzenmänner, die einst in den Ruinen dort drüben wohnten, fabelten, mit seinen Hörnern und Ziegenfüßen, und der harmlose Faun mußte das Bild für den unversöhnlichsten Feind hergeben. Aber warum, o Wanderer des Südens, bleibst Du in diesen fremden Thälern? Warum kehrst Du nicht zurück zu den Bergen Achajas oder den Ebenen um die gelbe Strömung der Tiber?«

»Meine Brüder sind nicht mehr,« sagte der arme Faun, »und selbst der Glaube, der uns heiligte und schirmte, ist dahin. Hier zu Land aber werden alle nicht sterbliche Geister noch stets geehrt; und trauernd um Silenus wandere ich umher, obwohl unter Reben, die mich für seinen Verlust trösten sollten.«

»Du hast große Wesen gesehen in Deinen Tagen,« bemerkte der Bleikönig, der die Philosophie der nackten Wahrheitssätze liebte (ich werde dereinst die Geschichte seiner Begeisterungen schreiben).

»Ja wohl,« erwiederte der Faun, »meine Geburt fiel in die Jugend der Welt, als der Strom des allgemeinen Lebens Alles mit Göttlichkeit färbte, als keinem Baum seine Dryade, keinem Quell seine Nymphe fehlte. Ich saß am grauen Thron des alten Saturn, eh' er entkrönt wurde (denn er war kein Traumbild, sondern wirklich der oberste Beherrscher der goldenen Zeit). und hörte aus seinem Mund die Geschichte der Weltgeburt. Aber diese Zeiten sind vorüber auf ewig! – sie haben rauhe Nachfolgerinnen zurückgelassen.«

»Es ist die papierne Zeit!« murmelte der Großschatzmeister kopfschüttelnd.

»He da, einen Tanz!« rief Faisenheim, zu königlich fürs Moralisiren, und wirbelte die schöne Silpelit in einen Walzer. Und heraus kamen die Elfen und heraus die Zwerge. Und der Faun lehnte sich 104 gegen eine alte Ulme, und schnell, eh' die Mitternacht lichter ward, tanzten die Elfen ihren Zauberring zum alten Reigen seiner Flöte – zum Reigen der Griechenwelt.

»Hast Du, meine Silpelit,« sprach Faisenheim in den Pausen des Tanzes, »die Schluchten des Harzes schon gesehen und die rothe Gestalt seines mächtigen Jägers?«

»Ein furchtbarer Anblick!« entgegnete Silpelit; »aber wenn Du dabei bist, würd' ich mich nicht fürchten.«

»Hinweg denn!« rief Faisenheim, »hinweg mit dem ersten Hahnenruf in jene zerrissenen Thäler, denn dort brauchen wir der Nacht nicht, um uns zu verstecken; und für die Jagdlust der übermenschlichen Geschlechter ist das zeugenlose Erröthen des Morgens oder die schauerliche Mittagsstille eben so gut die rechte Zeit, als das Licht des Mondes.«

Silpelit, entzückt über den Vorschlag, willigte mit Freuden ein, und zur letzten Nachtstunde, die Sternstrahlen der vielnamigen Frigga Frigga, die Gemahlin Odins, zählt bei den skandinavischen Dichtern sieben bis acht Namen. — Der Uebersetzer. beschreitend, eilte der Elfenzug nach dem Dunkel des geheimnißvollen Harzes.

Gern möcht' ich erzählen, wie sie anlangten in dem dichten Schooß des Forstes; wie sie den Jäger auf einer umgestürzten Fichte neben einer weiten Erdspalte sitzen sahen, indem die gewölbten Aeste der zauberkräftigen Eiche sich ihm zu Häupten wie eine Laube verschlangen, und Bogen und Speer müßig zu seinen Füßen lagen. Gern möcht' ich erzählen von dem Empfang, den er den Elfen angedeihen ließ, und wie er ihnen von seinen alten Siegen über die Menschen berichtete; wie er über die zunehmenden Invasionen in seine Reiche schalt, und wie er freudig von einer großen Erschütterung in den nordischen Staaten sprach, die der wilde Dämon in seinen dunkeln Träumen in diesen einsamen Wäldern brütend voraussah. All das möcht' ich gern erzählen, aber es gehört nicht dem Rhein an, und meine 105 Geschichte duldet keinen Verzug. Während der Unterhaltung mit dem feindlichen Geist war der Mittag herangeschlichen und der Himmel hatte sich mit düstern Wolken umzogen. Stürmisch wogten die Riesenbäume hin und her, und das tiefe Ansammeln des Donners verkündigte das kommende Gewitter. Da erhob sich der Jäger, dehnte die gewaltigen Glieder, faßte seinen Speer und schritt rasch in den Wald, Wesen seiner Art zu treffen, welche der Sturm weckt aus ihrem zerklüfteten Lager.

Plötzlich fuhr ein Gedanke durch Silpelit. »Weh!« rief sie händeringend; »was hab' ich gethan! Ueber die Reise mit Dir hieher hab' ich mein Amt vergessen. Vernachläßigt hab' ich meine Hut über die Elemente und meine menschlichen Schützlinge sind zu dieser Stunde vielleicht der ganzen Wuth des Sturmes ausgesetzt.«

»Sey guten Muths, meine Silpelit,« erwiederte der Prinz, »wir wollen den Sturm legen.« Und er schwang sein Schwert und murmelte den Zauber, welcher die Winde beugt und den schreitenden Donner zurückwälzt. Aber zum ersten Mal schwieg der Sturm nicht auf seinen Spruch, und als die Elfen sofort in der tobenden Luft dahin eilten, begegnete ihnen eine bleiche, schöne Gestalt, und sie hielten an und zitterten. Denn die Kraft dieser Gestalt vermochte selbst Elfen zu besiegen. Es war ein Frauenbild mit goldenem Haar, mit einem Kranz von welkem Laub gekrönt. Ihre ausnehmend schönen Brüste lagen dem Wind blos und sie drückte ein Kind dawider, das in so tiefem Schlaf ruhte, daß weder das Rollen des Donners, noch der blaue, von Wolke zu Wolke zuckende Blitz das schlummernde stören, geschweige wecken konnten. Und das Gesicht des Frauenbildes war unaussprechlich still und lieblich (obwohl nicht ohne einen Zug von Strenge); auf der farblosen Stirn stand keine Linie oder Falte; nie schrieb der Kummer seine entstellenden Züge auf diese ewige Schönheit. Sie kannte weder Schmerz noch Veränderung; geistergleich und schattenhaft schwebte die Gestalt dahin durch den Abgrund der Zeit, die Welt mit unbestreitbarer, lautloser Macht beherrschend. Und die 106 Kinder der grünen Einsamkeiten, die lieblichen Elfen meiner Geschichte, schauderten, denn sie sahen und erkannten die Gestalt – des Todes!

Rechtfertigung des Todes.

»Und weßhalb,« sprach die schöne Gestalt mit einer Stimme so sanft wie die letzten Seufzer eines sterbenden Kindes, »weßhalb beunruhiget Ihr die Luft mit Zaubersprüchen? Mein ist die Stunde und die Herrschaft und der Sturm ist das Geschöpf meiner Macht. Fern im Westen fegt er die See und nicht länger drückt das Schiff die Wellen; er rüttelt den Wald und der Baum, aus den Wurzeln gerissen, fühlt fortan nicht, wie der Winter die Freude aus seinen Zweigen streift! – Das Toben der Elemente ist für ihre Opfer der Herold ewiger Ruhe, und die, welche mich schreiten hören, schaudern thörichterweise über das Nahen des Friedens. Und Du, zarte Tochter der Elfenkönige, was grämst Du Dich über das Schicksal einer Sterblichen? Weißt Du nicht, daß mit den Jahren die Sorgen kommen, und daß leben trauern heißt? Selig ist die Blume, die im frühen Lenz geknickt, den Wind nicht fühlt, der ihre Blüthen eine um die andere umherstreut und nur den dürren Stengel zurückläßt. Selig sind die, welche ich jung an meine Brust drücke und in den Schlummer lulle, den der Sturm nicht brechen, der Morgen nicht zu Sorge oder Mühe wecken kann. Das Herz, das im Frühling seiner ersten Regungen zur Ruhe ging, das mit seinem letzten Schlag sich dem Aug der Liebe zuwandte und noch nichts wußte von der Möglichkeit, daß es anders werden könne – hat den Wein des Lebens bereits geschlürft und ist nur von den Hefen gerettet. Wie die Mutter das Weinen ihres unruhigen Kindes in Schlaf wiegt, öffne ich meine Arme dem gequälten Geist und mein Schooß wiegt den ruhelosen zur Ruhe.«


Die Elfen antworteten nicht, denn ein Schauder und eine Furcht lag über ihnen, und die Gestalt schwebte dahin, und noch lang, wie sie 107 fortschritt durch die Wolkenschleier, hörten sie ihre leise Stimme durch das Brüllen des Sturms singen, wie die Klage des Wassergeistes über das Schiff, das er in Strudel oder Untiefen verlockt hat.

 

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