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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Das Doppelleben, – Trevylyans Schicksal. – Schmerz, der Vater des Ruhms. – Niederlahnstein. – Träume.

Jeder von uns hat zwei Leben, die zugleich, aber kaum mit einander verbunden, dahin fließen! – das handelnde Leben und das Leben unseres Gemüths, die äußere und die innere Geschichte; die 54 Thätigkeit der Sinne und das tiefe rastlose Wirken des Herzens. Die, welche geliebt haben, wissen, daß es ein Tagebuch der Seele gibt, das wir jahrelang halten können, ohne Veranlassung zu finden, die äußere Oberfläche des Lebens, unsre lärmenden Beschäftigungen, das Mechanische im Fortgang unserer Existenz, auch nur zu berühren. Gleichwohl werden wir nach dem Letzteren beurtheilt, während das Erstere nie bekannt wird. Die Geschichte enthüllt die Thaten der Menschen, ihren äußerlichen Charakter, aber nicht die Menschen selbst. Es gibt ein geheimes Selbst, das sein eigenes, »von einem Traum umschlossenes,« unerforschtes, ungeahntes Leben führt. Was ging Stunde um Stunde in Trevylyan vor, als er dem Verfall der Kräfte in dem einzigen Wesen zusah, das zu lieben sein stolzes Herz je bestimmt war! Seine wirkliche Rechnung der Zeit wurde durch jedes Wölkchen auf Gertruds Stirn, jedes Lächeln ihres Angesichts, jede, selbst die unbedeutendste Veränderung in ihrer Krankheit bedingt; dem äußern Ansehen nach aber hätte Niemand auf diesen dunkeln Strom wechselnder, ereignißvoller Bewegung geschlossen. Mit gewohnter Regelmäßigkeit erfüllte er Alles, was dem Leben seine äußere Färbung gibt, lächelte und ging wie andere Menschen. Denn mit jenem Heldensinn, womit die wahre Liebe das eigene Selbst besiegt, trachtete er blos, das junge Herz, welchem er sein Alles dahingegeben, zu erheitern und aufzumuthigen, und bewahrte den dunkeln Sturm seiner Angst für die Einsamkeit der Nacht.

Dies war die eigenthümliche Bestimmung, die ihm das Schicksal gesetzt hatte: als ihn dasselbe in späteren Jahren auf das große Meer des Staatslebens hinauswarf, schien es entschlossen aus seinem Herzen jede Sehnsucht nach dem Land ausreißen zu wollen. Für ihn sollte es kein grünes, heimliches Plätzchen im Thal des häuslichen Glückes geben. Seine Barke sollte keinen Hafen, seine Seele nicht einmal den Wunsch nach Ruhe kennen. Denn Thätigkeit ist der Lethe, in welchem wir allein unsere früheren Träume vergessen, und das Gemüth das, zu kräftig um nicht den Kampf mit dem Weh der 55 Vergangenheit zu versuchen, dasselbe zu unterjochen strebt, darf sich zu einem Zurückblick keine Zeit lassen. Wer weiß, welche Schmerzen des Wohlthäters manche der Welt dargebrachte Wohlthaten zum Ursprung gehabt haben mögen! Wie die Ernte, welche den Menschen in der Sonne des Herbstes erfreut, durch die Regen des Lenzes hervorgerufen ward, also mag oft der Gram der Jugend den Ruhm des Mannesalters schaffen.

Entzückt von der Schönheit des Stromes, wünschte Gertrud die Reise bis Mainz fortzusetzen. Der reiche Trevylyan vermochte den Arzt, der die Leidende in Koblenz behandelt hatte, sich der Gesellschaft anzuschließen, und noch einmal machte man sich den Gestaden des mittelalterlichen Rheins entlang auf den Weg. Denn was die Tiber für die antike Zeit, das ist der Rhein für die Zeiten des Ritterthums. Der steile Fels und der graue, geschleifte Thurm, das Kernhafte und rauhe Malerische des Feudalismus bilden die Grundzüge des Schauplatzes, und fast könnte man sich im Dahinsegeln vorstellen, man fahre den Strom der Zeit zurück, und die Denkmale alter Pracht und Kraft stiegen, eins ums andere, an seinen Ufern auf!

Vane und Du–e, der Arzt unterhielten sich im Hintergrund des Fahrzeugs von Steinen und Erdschichten mit jener wunderlichen Pedanterie der Wissenschaft, welche die Natur zu einem Geripp entfleischt und, unbewußt der lebendigen Schönheit der Welt, unter ihren Todtenbeinen nach Beute sucht.

Sie überließen Gertruden und Trevylyan einander selbst, und, »über die plätschernde Wand gelehnt«, gaben Diese sich schweigend dem Trübsinn hin, der Beide erfüllt. Denn Gertrud fing, obwohl nur zweifelnd und vorübergehend, an zum Gefühl zu erwachen, welch kurze Spanne ihrem Leben noch gestattet sey, und der Lieblichkeit ihres Wesens drückte sich jetzt noch eine düstere, unaussprechbare Anziehungskraft auf, die aus dem Vorgefühl des eigenen Todes entspringt. Sie kamen an der fruchtbaren Insel Oberwörth, dem, seiner rothen Trauben wegen berühmten Dorf Hochheim vorüber, und sahen 56 die Lahn aus ihrem Bergbett ihren Zoll an Obst und Korn in den Schatz des Rheins tragen. Stolz stieg der Thurm von Niederlahnstein empor, und tief lag sein Schatten auf dem Strom. Es war spät am Mittag; das Vieh hatte sich von der schrägen Sonne in die Schatten zurückgezogen, und drüben erhob die heilige Markusburg Die Bezeichnung »heilig« scheint auf die Benennung dieser Feste nach dem heiligen Markus anspielen zu sollen. — Der Uebersetzer. ihre Zinnen über rebenbekränzte Hügel. Auf dem Wasser waren zwei Bote neben einander hingezogen und von dem einen aus, das jetzt ans Land stieß, unterbrach der Ruderschlag die weite Stille der Flut. Neben einem alten Thurm machten sich Fischerleute zu thun, aber der Schall ihrer Stimmen erreichte das Ohr nicht. Es war Leben, aber schweigendes Leben, der Mittagsruhe angemessen.

»Im Reisen liegt Etwas,« bemerkte Gertrud, »was uns fortwährend, selbst an den abgelegensten Orten, die Ganzheit des Lebens vor die Seele bringt. Wir kommen in diesen stillen Winkel, und finden ein Geschlecht, von dessen Dasein wir nie geträumt haben. Auf seinem niedern Pfad fühlt es dieselben Leidenschaften, geht dieselbe Bahn wie wir selbst. Die Berge schließen es ab von der großen Welt, aber sein Dorf ist für sich eine Welt. Es weiß und braucht nicht mehr von den stürmischen Auftritten ferner Städte, als unser Planet sich um die Bewohner entlegener Sterne kümmert. Was also ist der Tod als neben der allgemeinen Unbekanntschaft unserer Existenz im großen Weltall noch das Verschwinden aus ein paar Herzen? Die Wasserblase zerspringt lautlos in der weiten Wüste der Luft.«

»Warum vom Tod sprechen?« fragte Trevylyan mit verzerrtem Lächeln: »diese sonnigen Bilder sollten keine so düstere Vorstellungen hervorrufen.«

»Düster,« erwiederte Gertrud mechanisch. »Ja der Tod ist in der That etwas Düsteres, wenn man geliebt wird?«

Sie verweilten einige Zeit in Niederlahnstein, denn Vane wünschte die Mineralien zu untersuchen, welche die Lahn in den Rhein schwemmt, 57 und die Sonne neigte sich zum Untergang, als man die Reise wieder fortsetzte. Im langsamen Weiterfahren sagte Gertrud: »Wie traumartig ist eine solche Empfindung unseres Daseyns, wo jeder Scenenwechsel ohne Mühe oder Bewegung von unserer Seite vor uns gebracht wird; und bin ich bei Dir, Geliebter, so kommt mir Alles nicht minder wie ein Traum vor, denn letzter Zeit hab ich mehr als je von Dir geträumt, und Träume sind ein Theil meines Lebens selbst geworden.«

»Beim Träumen fällt mir ein,« bemerkte Trevylyan im Verlauf ihrer Unterhaltung über diesen geheimnißvollen Gegenstand, »daß ich während meines frühern Aufenthalts in Deutschland einmal mit einem seltsamen Schwärmer zusammentraf, der sich, wie ers nannte, ein »Träumesystem« ausgedacht hatte. Als er mir davon sprach, bat ich um nähere Erklärung, was er darunter verstehe, und er willfahrte mir ungefähr in folgenden Worten.«

 

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