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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Zwanzigstes Kapitel.

Gelnhausen. – Die Macht der Liebe, einen Ort zu weihen. – Ein Bild von Friedrich Barbarossa. – Die Ruhmliebe der Männer findet in den Frauen keinen entsprechenden Anklang.

»Sie haben mich mehr als Einmal für Sie zittern gemacht,« sagte Gertrud zu dem Studenten. »Ich fürchtete, Sie würden auf einen geheiligten Boden überspringen, aber Ihr Ende macht Alles wieder gut.«

»Die falsche Religion sucht immer Kleid, Sprache, Aeußerlichkeit der wahren nachzuahmen,« erwiederte der Deutsche. »Aus diesem 49 Grund ließ ich durch meine Erzählung absichtlich die Furcht und Besorgniß erregen, von welcher Sie sprechen, überzeugt, daß am Schlusse des Ganzen das zärteste Gewissen sich befriedigt finden würde.«

Dieser Deutsche war von einer neuen Schule, von welcher England bis jetzt noch nichts bekannt ist. Wir werden dereinst sehen, welche Erzeugnisse sie hervorbringt.

Der Student verließ sie in Friedberg, und unsere Reisenden zogen weiter nach Gelnhausen, einem ansprechenden Ort für Liebende, denn hier ward Kaiser Friedrich der Erste durch die Schönheit Gelas überwältigt, und baute mitten auf einer Insel sein kaiserlich Haus zu Ehren der Dame seines Herzens. Die Stelle ist an sich wirklich sehr gut gewählt. Das Röhnegebirg, Der Verfasser, der in Benennung der in vorliegendem Werk zur Sprache kommenden Oertlichkeiten überhaupt sehr vielfache Verstöße begeht, gibt im Original fälschlich das Rheingebirg an. — Der Uebersetzer. mit der grünen Nacht seiner Wälder, und die glänzenden Wasser der Kinzig schließen sie ein.

»Wo wir uns hinwenden,« bemerkte Trevylyan, »finden wir stets, daß Liebe sich mit der Sage verwebt; daher die Geschichte den Orten nicht dieselbe Weihe mittheilt, wie die Poesie.«

»Sonderbar,« bemerkte Vane moralisirend, »daß die Liebe, die doch nur einen geringen Theil unseres wirklichen Lebens ausmacht, den Hauptschlüssel zu unsern Phantasien bildet. Die Härtesten von uns Menschen, die über jene Leidenschaft lachen, wenn sie dieselbe in der Wirklichkeit vor sich sehen, werden durch eine verwischte Sache vom Daseyn der Liebe in der Vergangenheit angezogen. Es ist als ob das Leben wenig Gelegenheit böte, gewisse Eigenschaften in uns zur Entfaltung zu bringen, so daß sie fortwährend klanglos in uns schlummern, bemerkbar für die geistige Wahrnehmung, aber taub für den Ruf zur eigenen Thatkraft.«

»Sie nehmen die Sache zu spitzfindig und illusorisch,« entgegnete Trevylyan lächelnd. »Kein Mensch trägt irgend eine Fähigkeit, 50 irgend eine Leidenschaft in sich, die, wenn er auch nur einen Tag lang wirklich geliebt hat, nicht zur Entfaltung käme.«

Gertrud lächelte, Trevylyan schlang ihren Arm in den seinigen und überließ es Vane, über die Leidenschaft zu philosophiren; – eine geeignete Beschäftigung für den, den sie nie gefühlt hat.

»Hier laßt uns stillhalten,« sagte Trevylyan nachher, als sie die Ueberbleibsel der alten Kaiserburg besuchten und die Sonne hell auf die Stätte niederglänzte, – »hier laßt uns ruhen, die alten Rittertage des heldenhaften Rothbarts zurückzurufen. Stellen wir ihn uns am Beginn der letzten großen Unternehmung seines Lebens vor; denken wir ihn uns beim Aufbruch ins heilige Land. Rufen wir vor unsere Phantasie, wie er auf seinem weißen Roß aus diesen Mauern zieht, sein flammendes Aug etwas von den Jahren getrübt und sein Haar gebleicht, aber edler eben durch das Gepräge der Zeit; Waffenklang, Pferdestampfen, fliegende Fahnen, Trompetengeschmetter von Hügel zu Hügel, rothe Kreuze und nickende Federn, die Sonne wie jetzt auf jene Bäume scheinend, und dort von den blanken Harnischen der Kreuzfahrer wiederstrahlend; doch Gela – –«

»Ach,« bemerkte Gertrud, »sie sollte nicht mehr seyn, denn sie würde ihre Schönheit jetzt überlebt und gefunden haben, daß die Ruhmbegierde nun auf keine Nebenbuhlerin mehr in Friedrichs Brust stoße. Ruhm entschädigt die Männer für den Tod derer, die sie liebten, aber Ruhmsucht ist eine Treulosigkeit gegen die Lebenden.«

»Nicht so, geliebte Gertrud,« entgegnete Trevylyan schnell; »mein Lieblingstraum von künftigem Ruhm ist die Hoffnung, seine Kränze zu Deinen Füßen zu legen! und sollt ich mich in kommenden Tagen je über die Menge erheben, so würde ich dabei nur forschen, ob Dein Schritt stolz, Dein Herz erhoben sey.«

»Ich hatte Unrecht,« erwiederte Gertrud mit Thränen in den Augen; »um Deinetwillen kann auch ich ehrgeizig werden.«

Vielleicht irrte sie sich hierin gleichwohl, denn es ist eine gewöhnliche, bittere Erfahrung unserer Herzen, daß die Frauen so selten ein 51 verwandtes Gefühl für unser besseres, edleres Emporstreben haben. Ihre Ehrliebe geht nicht auf große Dinge; sie vermögen jene Sehnsucht nicht zu begreifen, »welche die Freude verachtet und mühsame Tage begehrt.« Lieben sie uns, so fordern sie in der Regel zu viel. Sie sind eifersüchtig auf die Ruhmbegierde, der wir so vielfache Opfer bringen und die eine Scheidewand zwischen uns und ihnen zieht; sich abwendend, verweisen sie jene strenge Lust großer Gemüther in eine Einsamkeit, welche allein unter allen Abgeschiedenheiten vom Herzen nicht getheilt werden kann. Emporstreben heißt allein seyn.

 

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