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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Neunzehntes Kapitel.

Der gefallene Stern, oder Geschichte einer falschen Religion.

Die Sterne saßen jeder auf seinem goldenen Stuhl, und sahen mit schlaflosem Aug hinab auf die Erde. Es war die Nacht, worin das neue Jahr beginnt, eine Nacht, in welcher jeder Stern von dem Erzengel, der dann das ganze Firmament durchfliegt, seine besondern Befehle erhält. Die Schicksale der Menschen und Reiche für das kommende Jahr werden ausgetheilt, und ohne daß wir darum wissen, lesen die Sterne unser Verhängniß. Eine stille, feierliche Nacht ist es, worin sich die schwarzen Thore der Zeit aufthun, den Geist des todten Jahres zu empfangen, und der junge, strahlende Fremdling aus dem umwölkten Schoos der Ewigkeit hervorspringt. In dieser Nacht, heißt es, haben die Geister, die wir nicht sehen, Freiheit und Gewalt; die Todten werden in ihren vergessenen Gräbern aufgestört, und die Menschen trinken und lachen, während Dämon und Engel um ihr Loos streiten.

Es war Nacht am Himmel; Alles war in lautloses Schweigen versenkt; die Musik der Sphären hatte aufgehört und kein Ton ging aus von den Engeln der Sterne; und derer, die auf den glänzenden Stühlen saßen, waren drei tausend und zehn, Jeder dem Andern gleich. Ewige Jugend schmückte ihre strahlenden Glieder mit himmlischer Schönheit, und auf ihrem Antlitz stand der Schrecken der Ruhe, jene furchtbare Stille, die zu den Geschicken, über welchen sie brütet, 11 kein Gefühl und keinen Herzschlag hat. Krieg, Sturm, Pest, das Steigen und Fallen der Reiche ordnen und begrenzen sie ohne Jubel, ohne Schmerz. Die blutigen, herzdurchrieselnden Frevel, die Nachts umherschleichen, wenn die Welt schläft: der Vatermörder mit leisem Schritt und starrem Haar und erhobenem Messer: die gattenlose Mutter, die hinausschlüpft und zurückblickt und beim Zurückblicken schaudert, und ihr Kindlein in den Fluß wirft und beim Hören des Gewimmers kein Mitleid fühlt, beim Geplatsch nicht zittert: diesen schauen die Sternenfürsten zu, diesen leiten sie den unbewußten Schritt; aber die Sünde bleicht ihren Glanz nicht, kein Vorwurf welkt ihre faltenlose Jugend ab. Jedweder Stern trug ein königliches Diadem, um die Lenden hatte Jedweder einen Gürtel, worauf mannigfache, erhabene Zeichen eingegraben standen; der Fuß eines Jeden ruhte auf einer brennenden Kugel, und der rechte Arm lag auf dem Knie. Kein Glied und keinen Zug des Antlitzes regten sie, als den Zeigefinger der rechten Hand, der langsam deutend sich bewegte und die Schicksale der Menschen leitete, wie die Hand der Sonnenuhr den Lauf der Zeit angibt.

Nur Einer von den drei tausend und zehn hatte nicht dasselbe Ansehen, wie seine gekrönten Brüder; ein Stern, kleiner als die übrigen und minder strahlend. Dem Gesicht dieses Sterns war nicht die furchtbare Ruhe der Andern eingedrückt, sondern Mißmuth und Unzufriedenheit stand auf seiner mächtigen Stirn.

Und dieser Stern sprach zu sich selbst: »Siehe! ich bin minder herrlich geschaffen als meine Gesellen, und der Erzengel theilt mir keine so erhabene Geschicke zu. Nicht für mich sind die Loose der Könige und der Dichter, der Beherrscher der Menschenreiche und der noch edlern Bewältiger und Beschwichtiger der Seelen. Träg sind die Geister und gemein die Schicksale der Menschen, die ich durch ein dumpfes Leben zu einem ruhmlosen Grab zu führen habe. Und weßhalb? ist es mein Fehler, oder ist es ein Fehler, der nicht mir zugerechnet werden kann, daß ich aus minder glanzvollen Strahlen 12 gewoben ward, als meine Brüder? Siehe, wenn der Erzengel kommt, will ich mein gekröntes Haupt seinen Befehlen nicht beugen. Ich will sprechen, wie in der Urzeit Lucifer sprach: er empörte sich wegen seines Glanzes, ich wegen meiner Dunkelheit; er aus der Fülle seines Stolzes, ich aus Unmuth, daß ich nichts habe, um stolz zu seyn.«

Dieweil der Stern also mit sich sprach, zerrissen die obern Himmel wie durch einen langen Lichtstrom, und schnell und lautlos kam der Erzengel zum Besuch der Sterne den Strom herab. Seine Riesenglieder schwammen in dem hellen Schimmer und seine ausgebreiteten Schwingen, jede Feder die Glorie einer Sonne, trugen ihn geräuschlos dahin; aber dichte Wolken verhüllten seine Klarheit vor den Augen der Sterblichen, und während oben Alles in der Helle seiner Erscheinung gebadet war, brachen unten Sturm und Schneegestöber über die Erdenkinder herein: »Er fuhr herab und Finsterniß war unter seinen Füßen.«

Und noch stiller war die Stille auf dem Antlitz der Sterne und die Furchtbarkeit sank ein zur Furcht. Gerad über ihren Stühlen hielt der Erzengel in seiner Bahn an, und seine Schwingen dehnten sich von West nach Ost, umzeichnend mit dem Zeichen des Lichts die Unermeßlichkeit des Raums. Dann begann die donnernde Musik seiner Stimme durch die leuchtende Stille zu rollen und, das Gebot Gottes erfüllend, theilte er jedem Stern Pflicht und Geschäft zu, und jeder Stern beugte sein Haupt, als er den Befehl empfing, noch tiefer, während sein Stuhl vor der Majestät des Wortes schütterte und bebte. Zuletzt, nachdem jeder der lichtern Sterne der Reihe nach bedeutet worden, und die Statthalterschaft über die Völker der Erde, den Purpur und die Diademe der Könige erhalten hatte, wandte sich der Erzengel zu dem kleinern Stern, der weiter entfernt von den Genossen saß.

»Sieh,« sagte der Erzengel, »die rauhen Geschlechter des Nordens, die Fischer des Stroms und die Jäger der Forsten, welche die Berggipfel in ihre grüne Nacht hüllen, sie seyen Dein Geschäft und 13 ihr Schicksal Deine Sorge. Und glaube nicht, o Stern der trüben Strahlen, daß Dein Amt minder ruhmvoll sey, als das Amt Deiner Brüder; denn der Landmann ist vor dem Herrn, der über Dich und mich gebietet, nicht geringer als der Fürst, und das Geschick der Völker hängt nicht mehr von dem Beherrscher als von der Heerde ab. Die Leidenschaften und das Herz sind das Gebiet der Sterne, ein mächtig Reich, so mächtig unter dem Fell, das den Schäfer umhüllt, als unter dem juwelenschimmernden Mantel des Königs der Morgenlande.«

Da hob der Stern sein bleiches Haupt von der Brust und antwortete dem Erzengel:

»Sieh,« sprach er, »Aeonen sind vergangen und jedes Jahr hast Du mir dasselbe unedle Amt zugewiesen. Erlöse mich, ich flehe darum, von Pflichten, die ich verachte; oder wenn Du willst, daß das geringere Menschengeschlecht mein Zukommen sey, so theile mir die Sorge für Einen, nicht für Viele, zu, und laß mich ihm die Sehnsucht einhauchen, welche die Tiefen des Lebens aufregt und seine Höhen erklimmt. Sind die Niedrigen mir zugewiesen, so laß Einen unter ihnen seyn, den ich auf einer Bahn führen möge, welche die Stolzen beschämen soll; denn sieh, o Bestimmer der Sterne, ich, der seit ungezählten Jahren auf meinen einsamen Thron sitze, und sinne über die Dinge unter mir, habe Weisheit gesammelt aus den Wechseln, die da unten vorgehen. Auf die Geschlechter der Erde blickend, hab' ich gefunden, wie die Menge zu beherrschen ist, und bin auf die Schritte gekommen, welche die Schwäche zur Gewalt bringen, und gern möcht' ich der Führer eines Solchen seyn, der aus der Niedrigkeit zur Herrschaft aufstrebt.«

Wie eine plötzliche Wolke über dem Antlitz des Mittags war der Wechsel auf der Stirne des Erzengels.

»Stolzer, düsterer Stern,« sprach der Bote des Himmels, »Dein Wunsch führt Krieg mit der Bahn des unsichtbaren Geschickes, das von fernem, hohen Thron aus Alles beherrscht und ordnet; mit 14 der Quelle, aus welcher die einzelnen Ströme des Schicksals ewig durch das Herz des Alls sprudeln. Denkst Du, Deine Weisheit allein vermöge den Landmann zum König zu erheben?«

Und der gekrönte Stern sah unverwirrt in das Antlitz des Erzengels und antwortete:

»Ja! gesteh' mir nur Eine Probe zu!«

Eh der Engel erwiedern konnte, zerriß der innerste, fernste Mittelpunkt des Himmels wie durch einen Blitz, der göttliche Herold bedeckte sein Gesicht mit den Händen, und eine leise, süße, im Bewußtseyn ewiger Macht milde Stimme sprach zu dem trauernden Stern:

»Die Zeit ist gekommen, wo Du Deines Wunsches gewährt werden sollst. Unter Dir, auf jener einsamen Ebene, sitzt ein Sterblicher, düster wie Du, der, unter Deinem Einfluß geboren, nach Deinem Willen geformt werden kann.«

Die Stimme schwand wie die Stimme eines Traumes. Schweigen ruhte über dem See des unendlichen Raums und der Erzengel, von Neuem in die Höhe getragen, entschwebte langsam nach dem entlegenern Himmel, den göttlichen Willen den Sternen entfernterer Welten zu künden. Aber die Seele des unmuthigen Sterns jubelte in sich und sprach: »vom Thal der Hirten hervor will ich einen König rufen, der die Könige meiner Genossen niedertreten und den Schützling des verstoßenen Sternes glorreicher machen soll, als die Lieblinge seiner begünstigten Brüder: so will ich die Verachtung rächen – so will ich mein Anrecht an das Große auf Erden erweisen!«

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Obwohl die Erde damals schon durch Jahrtausende hingerollt und der Pilgerlauf des Menschen schon durch mannigfache Zustände gewandelt war, von welchen unser dämmerndes. sagenhaftes Wissen keine Kunde aufbewahrt hat, stand doch unser Geschlecht um jene Zeit 15 in den Ländern des Nordens noch auf der Stufe, die wir, nach unserer unvollkommenen Ansicht, für eine der frühesten halten.

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Neben einer rohen, mächtigen Steinschichte, dem Werk vergessener Hände, saß um Mitternacht ein einsamer Mann, den Blick zum Himmel gewandt. Ein Sturm war eben vorüber, die Wolken hatten sich weggewälzt und die hohen Sterne blickten herab auf die schnellen Wogen des Rheins; und kein Laut ward um die Steintrümmer gehört, als das Brausen der Wellen und das Träufeln des Regens von den mächtigen Bäumen; die weißen Schafe lagen zerstreut auf der Ebene, und auf ihnen Schlummer. Jener wachte bei der Herde, damit ein feindlich Nachbarvolk sich nicht unversehens ihrer bemächtige, und also sprach er zu sich selbst: »Der König sitzt auf seinem Thron und wird geehrt von einem Kriegergeschlecht, und der Krieger jubelt über die gewonnenen Siegesmahle; kühn ist der Schritt des Jägers auf der Bergfirste und sein Name wird Nachts bei den Tannenfeuern gesungen vom Munde des Sängers; und dem Sänger selbst wird Ehre in der Halle. Ich aber, der nicht zum Geschlecht der Könige gehöre; ich, dessen Glieder nicht schnell genug sind zur Eile des Kriegs, die nicht erklimmen können den Horst des Adlers oder das Lager des hurtigen Hirsches; ich, dessen Hand die Harfe nicht zu rühren vermag und dessen Stimme rauh ist für den Sang: ich habe weder Ehre noch Herrschaft, und die Menschen beugen das Haupt nicht, wo ich vorüber wandle. Und doch trag ich in mir das Bewußtseyn einer großen Kraft, die meines Gleichen beherrschen, nicht ihnen gehorchen sollte. Mein Aug durchdringt die geheimen Herzen der Menschen – ich sehe ihre Gedanken, eh' ihre Lippen sie aussprechen, und ich verachte diese Schwächen und Gebrechen, die ich sehe und an welchen ich nie Theil hatte. Ich lache über den Wahnsinn des Kriegers – ich höhne in meiner Seele die Tyrannei der Könige. Gewiß gibt es in der 16 Menschennatur noch etwas Geeigneteres zur Herrschaft – noch etwas Würdigeres für den Ruhm, als die Sehnen des Arms oder die Schnelligkeit der Füße, oder den Zufall der Geburt.«

Während Morven, der Sohn Osla's, also bei sich nachsann, das Aug noch stets auf den Himmel gerichtet, sah der Einsame einen Stern jählings aus seiner Stelle schießen und durch die stille Luft dahin eilen, bis er eben so plötzlich gerad über dem dunkeln Strom stehen blieb, dem Hüter des Steinhaufens eben gegenüber.

Beim Anblick des Sterns überkamen Jenen langsam wunderbare Gedanken. Er trank aus seiner Erscheinung den Muth mächtigen Unternehmens. Eine schnell über der Erde hinstreifende Wolke entzog den Stern seinem Aug, ließ aber seinem erwachten Gemüth die Gedanken und den aufdämmernden Entwurf, die im Hinaufblicken über ihn gekommen.

Bei Sonnenaufgang löste ihn einer seiner Brüder von der Hut über die Heerde ab, und er ging fort, aber nicht nach dem Haus seines Vaters. Sinnend vertiefte er sich in die dunkeln, entblätterten Gründe des winterlichen Forsts und gestaltete sich aus seinen wirren Vorstellungen deutlicher und klarer die Grundzüge seines kühnen Hoffens. Während er also brütete, vernahm er ein großes Geräusch in dem Wald und bestieg, in der Besorgniß, der feindliche Stamm der Alven möchte von dieser Seite her eingedrungen seyn, eine der höchsten Tannen, deren ewiges Grün auch im Winter das Schirmdach bot, das er suchte. Von ihren Zweigen gedeckt, spähte er sorgsam nach der Richtung hin, von welcher das Geräusch gekommen. Und es kam – es kam mit Stampfen und Krachen und zermalmendem Tritt auf die Reiser und das Blättergeflecht, das den Boden deckte; – es kam das Ungeheuer, das die Welt jetzt nicht mehr sieht, der mächtige Mammuth des Nordens! Langsam schritt er in seiner gewaltigen Kraft vor und seine brennenden Augen funkelten durch das Schattendunkel; die offen stehenden Kinnbacken zeigten die Mahlzähne, womit er die jungen Eichen des Waldes zerstückte; und die langen Hauer, 17 die sich bis zur Mitte seiner riesigen Glieder hinabkrümmten, glänzten weiß und grauenhaft und erstarrten das Blut Dessen, der in der Folge einer der furchtbarsten Beherrscher der Menschen werden sollte.

Die geisterhaften Augen des Ungethüms faßten die Gestalt des Hirten selbst in der dichten Finsterniß der Tanne. Es stand still, es starrte ihn an – der Rachen öffnete sich, und ein gedrückter, tiefer Laut, wie der erste Donner, schien dem Sohn Osla's der Ruf in ein grauenhaftes Grab. Nachdem das Thier ihn jedoch eine Zeit lang angestiert, setzte es seinen schreckenvollen Weg von Neuem ruhig fort, die Zweige mit jedem Schritt zermalmend, bis der letzte Ton seines schweren Fußes im Ohr des Horchenden erstarb. Der Kritiker wolle bemerken, daß obige Beschreibung eines Thiers, dessen Geschlecht jetzt ausgestorben ist, lediglich beabsichtigt, die entfernte Weltperiode anzudeuten, worein diese Geschichte fällt.

Eh jedoch Morven den Muth gefaßt, vom Baum zu steigen, sah er durch die nackten Gesträuche Waffen schimmern, und gleich darauf kam ihm eine kleine Schaar der feindlichen Alven zu Gesicht. Er selbst blieb ihnen gänzlich unbemerkbar, und hörte, wie im Vorbeigehen Einer zum Andern sagte:

»Verbirgt doch die Nacht Alles; warum sie bei Tag angreifen?«

Und Der, welcher das Haupt der Schaar zu seyn schien, erwiederte:

»Recht! Bei Nacht, wenn sie schlafen in ihrer Stadt, wollen wir an sie. Siehe! sie werden des Weines voll seyn, und wie Lämmer unter unsern Händen fallen.«

»Aber wo, o Führer,« hob ein Dritter aus der Schaar an, »sollen wir uns den Tag über verbergen? denn viel sind der Jäger unter der Jugend des Oesenvolks: die könnten uns im Forst gewahr werden, und ihren Stamm gegen unsern Angriff in die Waffen rufen.«

»Dafür hab ich vorgesehen,« entgegnete der Führer. »Ist nicht 18 Odurs dunkle Höhle in der Nähe? Wird sie uns nicht decken gegen die Augen unserer Feinde?«

Da lachten die Männer und zogen jubelnd den Wald entlang.

Als sie weg waren, stieg Morven vorsichtig herab, und eilte auf einem breitern Pfad nach einem Thal zwischen dem Wald und dem Strom, worin die Stadt lag, in welcher der Fürst des Landes wohnte. Als er an den Kriegern vorüber kam, Riesen jener Tage, welche sich in den Straßen (wenn das Wort Straße zu gebrauchen ist) drängten – lose, aufklaffende Gewänder um die mächtigen Glieder, Köcher auf den Rücken und Jagdspeere in den Händen, – lachten und spotteten sie und riefen, auf ihn weisend: »Morven, Du Weib, Morven, Du Krüppel, was thust Du unter Männern?«

Denn der Sohn Osla's war klein von Gestalt und von geringer Stärke, und sein Fuß hinkte von Kindheit an; aber ohne ihrer zu achten, ging er durch die Krieger. Am Ende der Stadt gelangte er zu einem hohen Thurm, worin einige alte Männer zusammen kamen, die den König beriethen in Zeiten der Gefahr, oder wenn Mißwachs, Hungersnoth oder Ueberschwemmung den Herrscher befangen machten, und die wilden Stirnen seiner Krieger umwölkten.

Sie gaben den Rath der Erfahrung, und wenn Erfahrung ihnen abging, entnahmen sie in gläubiger Unkunde Zeichen und Deutung aus den Winden des Himmels, den Wechseln des Monds, dem Flug der wandernden Vögel. Durch die Stimme der Elemente und die mannigfachen Geheimnisse, die einander auf dem Antlitz der Welt ewig folgen, aber ungelöst bleiben durch das Staunen, das keine Ruhe hat, die Furcht, die glaubt, und die ewige aller Erfahrung zu Grund liegende Vernunft, welche für Ursachen eine Wirkung sucht, – durch all' Dies mit der Vorstellung höherer Mächte erfüllt, kamen sie ihrem Wissensmangel durch die Vermuthungen ihres Aberglaubens zu Hülfe. Aber nichts wußten sie von List und übten keinen vorsätzlichen Trug; sie zitterten zu sehr vor den Räthseln, aus welchen ihr Glauben hervorgegangen, um sich ihrer zur Lüge zu bedienen. Sie 19 ertheilten Rath nach ihrem besten Dafürhalten, und so alte, ergraute Menschen hatte nie der verwegene Traum durchzuckt, ihre Krieger und Könige durch die Macht der Täuschung zu regieren.

Der Sohn Osla's betrat das Gemäuer mit furchtlosem Schritt, und näherte sich dem Ort am obern Ende der Halle, wo die Greise versammelt saßen.

»Ha, niedrig geborner Feigling,« rief der Aelteste, in frühern Tagen ein gefeierter Krieger: »wagst Du unangemeldet in den geheimen Rath der weisen Männer zu treten? Weißt Du nicht, Auswurf, daß der Tod hierauf steht?«

»Tödte mich, wenn Du willst,« entgegnete Morven, »aber höre mich! Als ich vergangene Nacht in der zertrümmerten Burg unserer alten Könige saß, und nach dem Gebot meines Vaters die umher grasenden Schaafe hütete, damit nicht das wilde Volk der Alven vom Gebirg unbemerkt auf die Heerde herabsteige, kam ein Sturm finster daher, und als der Sturm vorüber und ich zum Himmel hinaufblickte, sah ich einen Stern von seiner Höhe gegen mich herabgleiten, und eine Stimme aus dem Stern rief: »»Sohn Osla's verlaß deine Heerde und suche den Rath der Weisen und sage ihnen, daß sie dich aufnehmen als Einen ihrer Zahl, oder ihr und der Ihrigen Untergang werde jach hereinbrechen.«« Aber ich hatte Muth der Stimme zu antworten, und ich sprach: »»Spotte nicht den armen Sohn des Hirten. Sieh, sie werden mich tödten, wenn ich ein so kühnes Wort spreche, denn ich bin arm und werthlos in den Augen meines Stammes, und nur Die, welche große Thaten vollbracht und grau von Haaren sind, sitzen im Rath der Weisen.««

Da sprach die Stimme: »»Thu, wie ich dir befehle und ich will dir ein Zeichen geben, daß dich die Mächte entboten, welche die Zeiten des Jahres beherrschen und auf den Fittichen des Windes segeln. Sage den Weisen, daß, wenn sie dich nicht unter sich aufnehmen, noch heute Nacht das Unglück über sie fallen und der Morgen in Blut aufgehen soll.««

20 Damit schwieg die Stimme und eine Wolke zog hin über den Stern, und ich hielt Rath bei mir und kam trauernd zu Euch, o strenge Väter; denn ich fürchtete, ihr würdet mich schlagen wegen frecher Zunge und mich zum Tod verurtheilen, weil ich fordere, was kaum den Söhnen der Könige zugestanden würde.«

Da sahen die strengen Alten einander an und waren sehr erstaunt und wußten nicht, was sie dem Sohn des Hirten antworten sollten.

Endlich begann Einer von den Weisen: »Offenbar muß Wahrheit aus Osla's Sohn sprechen, denn er würde es nicht wagen, auf die großen Lichter des Himmels zu lügen. Hätt' er die Worte des Sternes einem Menschen in den Mund gelegt, so könnten wir mit Recht an der Wahrheit derselben zweifeln. Aber Wer wird die Rache der Nachtgötter auf sich laden wollen?«

Und die Greise nickten beifällig mit den Häuptern, aber Einer antwortete und sprach:

»Sollen wir des Hirten Sohn als unseres Gleichen aufnehmen? Nein!« Der Name des Mannes, der also gesprochen, war Darvan und seine Worte gefielen den Greisen.

Aber Morven erwiederte: »Wahrlich, o Berather der Könige, ich sehe nicht darum aus, daß ich Eures Gleichen seyn könnte. Genug, wenn ich die Pforten Eures Hauses verschließe und Euch diene, wie der Sohn Osla's dienen kann.« Und demüthig verneigte er sein Haupt.

Da entgegnete der Oberste der Alten, denn er war weiser als die Uebrigen: »Aber wie willst Du uns von dem Unglück erlösen, das über uns kommen soll? Ohne Zweifel hat Dir der Stern den Dienst genannt, den Du uns leisten kannst, wenn wir Dich in unsere Halle aufnehmen, so wie das Weh, das auf uns fallen soll, wenn wir Dich nicht aufnehmen.«

Morven erwiederte in Demuth: »Gewiß wird der Stern, wenn 21 Du Deinen Diener aufnimmst, ihm anzeigen, was Dein Lohn seyn soll; für jetzt aber weiß er blos, was er bereits gesagt.«

Da hießen ihn die Weisen abtreten und sie beredeten sich, und sehr verschieden waren ihre Bedünken; aber obwohl kühne Männer und muthig gegen den Schlachtruf eines menschlichen Feindes, schauerten sie über die Verkündung des Sternes. So beschlossen sie denn, den Sohn Osla's aufzunehmen, und ihn zum Pförtner des Rathsaales zu machen.

Er vernahm den Beschluß und beugte sein Haupt, und ging zu der Thür und setzte sich still bei ihr nieder.

Und die Sonne sank hinab im Westen, und die ersten Sterne der Dämmerung fingen an zu flimmern, als Morven von seinem Sitz auffuhr und ein Zittern schien seine Glieder zu fassen. Seine Lippen schäumten, Zuckung und Angst kam über ihn; er krümmte sich wie ein Mensch, dem der Speer eines Feindes eine tödtliche Wunde beigebracht, und fiel plötzlich auf sein Antlitz auf den Steinboden nieder.

Die Greise nahten ihm; verwundert hoben sie ihn auf. Langsam kam er wie aus einer Ohnmacht zu sich. Seine Augen rollten wild.

»Vernahmet Ihr nicht die Stimme des Sternes?« fragte er. Und der Oberste der Alten antwortete: »Nein, keinen Laut haben wir gehört.«

Da seufzte Morven tief.

»Nur an mich erging also das Wort. Bietet sogleich, o Berather des Königs, bietet sogleich die Bewaffneten und die ganze Jugend des Volks auf, und heißt sie Schwert und Speer nehmen und Eurem Diener folgen. Denn siehe! der Stern hat ihm verkündet, der Feind werde in unsre Hände fallen, wie die Thiere des Waldes.«

Der Sohn Osla's sprach mit der Stimme eines Herrschers, und die Greise standen betroffen. »Was zaudert ihr?« rief er. »Lügen die Götter der Nacht? Auf mein Haupt falle die Verantwortung, wenn ich Euch betrüge.«

22 Da beriethen die Greise nochmals, und sie gingen und boten die Bewaffneten auf und die ganze Jugend des Volks; und Jeder nahm Schwert und Speer, und so auch Morven. Und Osla's Sohn ging voraus, stets emporblickend zu dem Stern; und er bedeutete sie still zu seyn und leisen Schrittes aufzutreten.

So zogen sie durch das wildeste Dickicht des Waldes, bis sie zum Eingang einer großen, mit alten, verflochtenen Bäumen verwachsenen Höhle gelangten, welche die Odurshöhle genannt war. Und er hieß die Führer die Bewaffneten zu beiden Seiten der Höhle stellen, rechts und links ins Gebüsch.

So hielten sie schweigend Wache, bis die Nacht tiefer dunkelte; und sie vernahmen ein Geräusch in der Höhle und den Hall von Tritten, und heraus kam ein Bewaffneter. Der Speer Morvens durchbohrte ihn und er sank todt am Eingang der Höhle nieder. Ein Zweiter und ein Dritter, und Beide fielen abermals! Da ertönte laut und lang der Schlachtruf der Alven und hervorschoß, wie ein Fluß über ein enges Bett, der Strom der Krieger. Und die Söhne der Oesen fielen auf sie, und der Feind war in großer Noth und Entsetzen über das unvermuthete Gefecht und die Dunkelheit der Nacht, und es war ein mächtig Schlachten.

Und als der Morgen kam, zählten die Kinder der Oesen die Erschlagenen, und fanden den Führer der Alven und die Ersten des Volks unter ihnen, und groß war darüber die Freude. Siegprangend kehrten sie zur Stadt zurück, und trugen Osla's tapfern Sohn auf den Schultern und jubelten: »Ehre dem Diener des Sternes.«

Und Morven kam in den Rath der Weisen.

Nun hatte der König des Volks eine Tochter, und sie war lieblich unter den Weibern und schön anzusehen. Und Morven blickte auf sie mit Augen der Liebe, aber er wagte noch nicht zu sprechen.

Der Sohn Osla's lachte heimlich über die Thorheit der Menschen. Er liebte dieselben nicht, denn sie hatten ihn verhöhnt; er achtete sie nicht, denn er hatte die Weisesten unter ihren Greisen getäuscht. 23 Er mied ihre Feste und Lustbarkeiten und lebte einsam für sich. Die Strenge seines Lebens vermehrte die Ehrfurcht, die sein Verkehr mit dem Stern ihm gewonnen, und der Kühnste unter den Kriegern neigte sein Haupt vor dem Liebling der Götter.

Eines Tages wandelte er am Ufer des Stroms, und sah einen gewaltigen Raubvogel vom Wasser aufstoßen und auf einen Habicht Jagd machen, der noch nicht die volle Kraft seiner Schwingen erlangt hatte. Von Kindheit an hatte der einsame Morven in den großen Wäldern und an den Ufern des mächtigen Stroms gern auf die Art der Wesen geachtet, welche von der Natur dem Menschen unterworfen worden sind. Jetzt sprach er, auf die Vögel blickend, zu sich selbst: »So geht es immer; durch List oder durch Gewalt sucht jedes Wesen seines Gleichen zu bemeistern.« Wahrend seiner Betrachtung hatte der große Vogel den Habicht niedergestoßen, und erschrocken und keuchend stürzte dieser zu Morvens Füßen. Er hob den Habicht auf, und über ihm schrie der Geier und umzog in nähern und nähern Kreisen seine entrissene Beute. Aber Morven scheuchte ihn fort und steckte den Habicht in seinen Busen und trug ihn nach Haus und pflegte sein mit Sorgfalt und fütterte ihn aus seiner Hand, bis er wieder zu Kräften gekommen. Und der Habicht kannte ihn und folgte ihm nach wie ein Hund. Und lächelnd sprach Morven zu sich selbst: »Siehe, die leichtgläubigen Thoren um mich her halten auf den Flug und die Bewegung der Vögel. Ich will diesen armen Habicht meinen Zwecken zu dienen lehren.« So zähmte er den Vogel und richtete ihn seiner Natur gemäß ab; aber er verbarg ihn sorgfältig vor den Andern und ätzete ihn im Geheimen.

Der König des Landes war alt und konnte nicht mehr lange leben, und die Augen des Volks waren auf seine beiden Söhne gerichtet, und es wußte nicht, welcher der Würdigere sey für die Herrschaft. Als eines Abends Morven durch den Wald ging, sah er den Jüngern von Beiden, der ein großer Jäger war, gramvoll unter einer Eiche sitzen und mit sinnenden Augen auf den Boden blicken.

24 »Was sinnest Du, o schnellfüßiger Seiror?« fragte Osla's Sohn, »und weßhalb bist Du traurig?«

»Du kannst mir nicht helfen!« antwortete der Königssohn streng. »Geh' Deines Weges.«

»Ha,« entgegnete Morven, »Du weißt nicht, was Du sprichst. Bin ich nicht der Liebling der Sterne?«

»Hinweg! ich bin kein Graubart, den die Nähe des Todes zum Schwachkopf macht. Sprich mir nicht von den Sternen. Ich weiß blos von Dem, was mein Auge sieht, mein Ohr hört.«

»Still!« entgegnete Morven feierlich, und bedeckte sein Antlitz; »still, damit der Himmel Dein rasches Wort nicht räche. Siehe, die Sterne haben mir die Gabe verliehen, die geheimen Herzen der Andern zu durchschauen, und ich kann Dir die Gedanken des Deinigen sagen.«

»Sage sie, Ausgeburt der Niedrigkeit!«

»Du bist der Jüngere und Dein Name ist minder bekannt im Krieg, als der Name Deines Bruders: gleichwohl möchtest Du gern höher als er gesetzt werden, möchtest auf den hohen Stuhl Deines Vaters sitzen.«

Der Jüngling ward bleich. »Du hast Wahrheit in Deinem Mund,« sprach er mit wankender Stimme.

»Nicht von mir, sondern von den Sternen kommt die Wahrheit.«

»Können die Sterne meinen Wunsch erfüllen?«

»Sie können es; treffen wir uns morgen wieder.« Damit wandte sich Morven in den Wald.

Am folgenden Mittag kamen sie wieder zusammen.

»Ich habe die Götter der Nacht befragt, und sie haben mir die Gewalt gegeben, um die ich gebeten; aber unter Einer Bedingung.«

»Nenne sie.«

»Daß Du Deine Schwester auf ihren Altären opferst. Du mußt einen Steinhaufen erbauen, und Deine Schwester in den Wald 25 nehmen und sie auf die Steine legen und Dein Schwert in ihr Herz senken. Nur also kannst Du zur Herrschaft gelangen.«

Der Königssohn schauderte und sprang auf und schwang seinen Speer vor Morvens bleicher Stirn.

»Zittere!« rief der Sohn Osla's mit lauter Stimme. »Höre auf die Götter, die Dich mit Tod bedrohen, weil Du gewagt, Deinen Arm gegen ihren Diener zu erheben!«

Während er also sprach, rollte oben der Donner, denn eben war eines der häufigen Gewitter des beginnenden Sommers am Ausbruch. Der Speer fiel dem jungen Fürsten aus der Hand; er saß nieder und heftete die Augen auf den Boden.

»Willst Du das Gebot der Sterne vollziehen und herrschen?« fragte Morven.

»Ich will's!« rief Seiror mit der Entschlossenheit der Verzweiflung.

»So bring' sie diesen Abend, wenn die Sonne sinkt, hieher; Du allein; ich kann Dich nicht begleiten. Jetzt laß uns die Steine häufen.«

Schweigend beugte der Jäger seine gewaltige Kraft zu den Felsenstücken, die Morven ihm andeutete. Und sie bauten den Altar und gingen ihres Wegs.

Schön ist das Verscheiden der großen Sonne, wenn der letzte Sang der Vögel in den Schoos der Stille versinkt, wenn die Wolkengefilde in Licht gebadet sind, und der erste Stern über dem Grab des Tages hervortritt.

»Wohin führst Du mich, mein Bruder,« sprach Orna, »weßhalb zittert Deine Lippe, und warum wendest Du Dein Gesicht ab?«

»Ist der Wald nicht schön; lockt er uns nicht weiter, meine Schwester?«

»Und wozu sind diese Steine gehäuft?«

»Laß Andere antworten, ich häufte sie nicht.«

»Du zitterst, Bruder, wir wollen umkehren.«

»Nicht doch! bei den Steinen dort liegt ein Vogel, den mein 26 Speer heut durchbohrt hat; ein Vogel von schönem Gefieder, den ich für Dich tödtete.«

»Wir sind bei dem Steinhaufen: wo hast Du den Vogel hingelegt?«

»Hierhin!« rief Seiror und faßte das Mädchen in die Arme, warf sie auf den rauhen Altar und zog sein Schwert, ihr das Herz zu durchstoßen.

Gerad' über den Steinen erhob sich eine riesige Eiche, ein Gewächs ungezählter Jahrhunderte: und von der Eiche oder vom Himmel herab scholl eine laute feierliche Stimme: »Durchstoße sie nicht, Sohn der Könige, die Sterne nehmen ihren Ausspruch zurück; Du sollst das Mädchen nicht erschlagen, und sollst dennoch herrschen über den Stamm von Oese, und Orna sollst Du dem Liebling der Sterne als Braut geben. Steh' auf und geh' Deines Weges.«

Die Stimme schwieg; Orna's Schrecken hatte für eine Weile die Bande des Lebens überwältigt; Seiror trug sie in seinen starken Armen durch den Wald nach Haus.

»Ach!« sprach Morven, als er am folgenden Tag mit dem aufstrebenden Fürsten wieder zusammen kam; »ach! die Sterne haben mir ein Loos bestimmt, das mein Herz nicht wünscht; denn ich, einsiedlerisch im Leben und verkrüppelt an Gestalt, bin unempfindlich für die Flammen der Liebe, und stets hab' ich, wie Du und Dein Volk weiß, die Augen der Weiber gemieden, denn die Mädchen lachten über meinen hinkenden Tritt und meine grämlichen Züge, und so lernte ich schon früh alle Gedanken an Liebe aus mir verbannen. Seitdem mir aber die Sterne (durch ihre Erklärung an Dich) kund thaten, daß Du, geliebter Fürst, nur durch diese Heirath Deines Vaters befiederte Krone erhalten kannst, unterwerf ich mich ihrem Willen.«

»Aber,« sagte der Königssohn, »erst wenn ich König bin, kann ich Dir meine Schwester zum Weib geben; denn Du weißt, daß mein 27 Vater mich zu Staub treten würde, wenn ich ihn bäte, die Blume unseres Stammes dem Sohn des Hirten Osla zu bringen.«

»Du sprichst Worte der Wahrheit. Geh' heim und fürchte nichts; aber wenn Du König bist, muß das Opfer gebracht und Orna die Meine werden. Ach! wie kann ichs wagen, die Augen zu ihr zu erhebe ? Aber so gebieten die furchtbaren Könige der Nacht! – Wer darf ihrem Wort widersprechen?«

»Der Tag, der mich als König sieht, sieht Orna als die Deine,« erwiederte der Fürst.

Morven wandelte, wie er zu thun pflegte, allein weiter, und sprach zu sich selbst: »Der König ist alt, doch kann er zwischen mir und meiner Hoffnung noch lang stehen.« Und er begann es in seinem Haupt umzuwälzen, wie er die Zeit abkürzen möchte. Also in Gedanken vertieft, wanderte er so achtlos weiter, daß die Nacht herannahte, und er seinen Pfad im dichten Gehölz verloren hatte und nicht wußte, wie er wieder nach Haus kommen sollte. So legte er sich denn ruhig unter einen Baum und schlief bis der Tag graute. Da ward er hungrig und suchte im Gebüsch nach schlichten Wurzeln, womit er, denn immer war er gleichgültig gegen Speise, in der Regel das Verlangen der Natur stillte.

Unter bekanntern Wurzeln und Kräutern fand er auch rothe Beeren von süßlichem Geschmack, die er früher nie gesehen. Er aß einige wenige davon, war aber nicht weit im Wald gekommen, als es ihm vor den Augen schwindelte und eine tödtliche Schwäche ihn befiel. Mehrere Stunden lang lag er in Krämpfen am Boden und vermeinte zu sterben. Aber die zähe Saftlosigkeit seines Leibes und seine unabänderliche Mäßigkeit siegten über das Gift, und langsam und nach großer Angst erholte er sich wieder. Mit schwachen Schritten kehrte er zu dem Ort zurück, wo die Beeren wuchsen, pflückte mehrere, barg sie in seinem Busen, und kehrte mit einbrechender Nacht in die Stadt zurück.

Am folgenden Tag ging er zu den Heerden seines Vaters, griff 28 ein Lamm und zwängte ihm einige von den Beeren in den Magen; und das Lamm rannte dahin und stürzte todt nieder. Sofort nahm er etwas mehr von den Beeren, und kochte sie und mischte den Saft mit Wein und gab den Wein heimlich einem der Knechte seines Vaters und der Knecht starb.

Nunmehr ging er zu dem König, und nachdem er allein vor sein Angesicht gekommen, sprach er: »Wie geht es meinem Herrn?«

Der König saß auf einem Lager aus Wolfshäuten und sein Aug war starr und trüb, aber mächtig waren die greisen Glieder und gewaltig seine Gestalt, und er war um einen Kopf länger gewachsen, als die Kinder der Menschen, und Keiner lebte, der den Bogen zu spannen vermochte, den er in seiner Jugend gespannt. Grau, abgemagert, verkommen, wie Riesengebeine, die bisweilen aus der Erde gegraben werden; – ein Ueberrest alter Kraft!

Und der König erwiederte schwach und mit grausigem Lachen:

»Männern von meinen Jahren geht es schlimm. Was hilft mir meine Stärke? Wär' ich doch als ein Krüppel geboren worden, wie Du, so dürfte ich in meinen alten Tagen um nichts Verlorenes klagen.«

Eine schnelle Röthe flog über Morvens Gesicht; aber er neigte sich demüthig:

»O König, wie wenn ich Dir Deine Jugend zurückgeben könnte, wie, wenn ich die Kraft wieder brächte, die Dich zeichnete unter den Söhnen der Menschen, als die Krieger der Alven wie Gras vor Deinem Schwert fielen?«

Da erhob der König seine dämmernden Augen und sagte:

»Wie meinst Du Das, Sohn Osla's? Wohl hab' ich schon Manches vernommen von Deiner großen Weisheit, und wie Du nächtlich mit den Sternen sprächest. Können die Götter der Nacht Dir das Geheimniß mittheilen, das Alter wieder zu jüngen?«

»Reize sie nicht durch Zweifel,« entgegnete Morven ehrfurchtsvoll. »Jedes Ding ist den Beherrschern der schwarzen Stunde möglich, 29 und siehe, der Stern, der Deinen Knecht liebt, hat um Mitternacht mit ihm gesprochen und gesagt: »»Stehe auf und gehe vor den König, und sag' ihm, daß die Sterne den Stamm der Oesen hochhalten und daran gedenken, wie der König seinen Bogen gespannt hat gegen die Söhne der Alven; deßhalb sieh nach unter dem Stein, der zur Rechten Deines Hauses liegt neben dem Tannenbaum, und Du wirst ein Gefäß von Erde sehen, und in dem Gefäß wirst Du einen süßen Saft finden, der wird machen, daß der König, Dein Herr, sein Alter auf immer vergisset.«« Und so, mein Herr, ging ich hinaus, als der Morgen kam, und sah unter dem Stein und fand das Gesäß von Erde und hab' es hieher gebracht zu meinem Herrn dem König.«

»Schnell – Knecht – schnell! daß ich trinken möge und meine Jugend wieder gewinnen!«

»Nein! höre, o König: also sprach der Stern zu mir weiter:«

»»Nur bei Nacht, wenn die Sterne Gewalt haben, wirkt diese Gabe; deßhalb muß der König warten bis zur Stille der Mitternacht, wenn der Mond hoch steht; dann mag er den Saft mischen mit seinem Wein. Und Keinem darf er entdecken, daß er die Gabe aus der Hand des Dieners der Sterne erhalten. Denn heimlich thun sie ihr Werk, und wenn die Menschen schlafen; darum lieben sie nicht das Geplapper der Mäuler, und Wer ihre Gaben ausschwatzt muß sterben.«

»Fürchte nichts,« sprach der König und griff nach dem Gefäß. »Niemand soll etwas erfahren – und siehe, morgen werd' ich hervorgehen, und meine beiden Söhne, die um meine Krone hadern . . . . . . wahrlich ich werde jünger seyn denn sie.«

Damit lachte der König laut und dankte dem Diener der Sterne kaum, und sagte ihm keinen Lohn zu; denn in jenen Tagen dachten die Könige an wenig – als an sich selbst.

»Und Morven sprach zu ihm: »Soll ich meinem Herrn nicht behülflich seyn, denn ohne mich möchte der Trank vielleicht seine Wirkung verfehlen.«

»Ja,« sagte der König, »bleibe hier.«

30 »Nein,« antwortete Morven, »Deine Knechte würden sich wundern und viel darüber reden, wenn sie den Sohn Osla's in Deinem Haus weilen sähen. So könnte vielleicht das Mißfallen der Götter der Nacht erregt werden. Gestatte, daß die Hinterthür Deines Palastes unverriegelt bleibe, damit ich zur nächtlichen Stunde, wenn der Mond mitten am Himmel steht, unbemerkt in Dein Gemach schleichen möge und den Saft mit Deinem Wein mische.«

»Sey es so,« sprach der König. »Du bist weise, wenn auch Deine Glieder gekrümmt und kurz sind, und die Sterne einen längern Mann hätten auswählen können.« Und abermals lachte der König, und auch Morven lachte; aber in der Freude des Sohnes Osla's war Gefahr.

Die Nacht hatte angefangen zu dunkeln und die Bewohner waren in tiefen Schlaf begraben, als eine gellende Stimme durch die Straßen rief: »Weh, weh! wacht auf, ihr Söhne der Oesen – weh!« Und wild, bleich, erschreckt, den Speer in der Hand, stürzten die riesigen Söhne des alten Stammes hervor, und sie sahen einen Mann auf einer Erhöhung mitten in der Stadt, der schrie: »Weh!« und es war Morven, der Sohn Osla's! Und als sie sich um ihn her gesammelt, sprach er: »Männer und Krieger, zittert vor Dem, was Ihr hören werdet. Der Stern des Westens hat zu mir geredet, und so sprach der Stern: »»Unglück wird fallen auf das Königshaus der Oesen, noch eh' der Morgen graut, deßhalb geh' Du jammernd durch die Straßen und wecke die Bewohner zur Klage.«« Und ich stand auf und that wie mich der Stern geheißen.«

Noch sprach Morven, als ein Knecht aus dem Haus des Königs auf die Menge zugerannt kam, der schrie laut: »der König ist todt.« Da gingen sie in den Palast und fanden den König erstarrt auf seinem Lager, und seine mächtigen Glieder zusammengezogen und gekrümmt durch den Todesschmerz, und seine Fäuste geballt, wie zur Drohung gegen einen Feind; – den Feind alles Lebens! Und Furcht kam über die Schauenden, und sie blickten auf Morven mit tieferer 31 Ehrerbietung, als der kühnste Krieger hätte hervorrufen können, und trugen ihn zurück in den Rathssaal der Weisen, klagend und ihre Waffen zum Zeichen des Schmerzens zusammenschlagend, und riefen von Zeit zu Zeit: »Ehre sey Morven, dem Seher!« Und das war das erstemal, daß das Wort Seher in jenen Gegenden gebraucht ward.

Am dritten Mittag nach des Königs Tod kam Seiror zu Morven und sprach: »Siehe! mein Vater ist nicht mehr, und das Volk tritt diesen Abend um Sonnenuntergang zusammen, seinen Nachfolger zu wählen; gewiß aber werden die Krieger und die jungen Männer meinen Bruder küren, denn er ist bekannter im Krieg. Halt mir also Wort.«

»Still, Knabe!« sprach Morven streng; »wag es nicht, die Zusage der Götter der Nacht in Zweifel zu ziehen.«

Denn Morven fing jetzt an sich eine Macht herauszunehmen unter dem Volk, und zu sprechen, wie Herrscher sprechen, selbst zu den Söhnen des Königs. Und seine Stimme brachte den ungestümen Seiror zum Schweigen und er wagte nicht zu antworten.

»Sieh,« sprach Morven und nahm einen farbigen Federbusch hervor, »trag diesen auf Deinem Haupt und laß Dein Antlitz muthig seyn, denn die Menge liebt ein unverzagtes Gemüth, und geh' hinab mit Deinem Bruder zum Ort, wo der neue König erwählt wird und überlaß das Andre den Sternen. Aber vor Allem vergiß diesen Federbusch nicht: er ist gesegnet von den Göttern der Nacht.«

Der Königssohn nahm den Busch und kehrte nach Haus zurück.

Es war Abend, und die Krieger und Obersten des Volks waren versammelt an dem Ort, wo der neue König gewählt werden sollte. Und die Stimmen der Mehrheit begünstigten Voltoch, den Bruder Seirors, denn er hatte zwölf Feinde mit seinem Speer getödtet, und in jenen Tagen galt so Etwas für eine große Tugend an einem König.

Plötzlich erhob sich ein Geschrei in den Straßen und das Volk rief: »Platz für Morven, den Seher!« Denn das Volk hatte noch 32 größere Ehrfurcht vor Osla's Sohn, als selbst vor den Obersten. Und seit er zu Ansehen gekommen, hatte Morven eine Hoheit in seine Miene gelegt, die der Sohn des Hirten selbst nicht geahnet in seinen früheren Tagen, und obwohl seine Gestalt klein war und sein Fuß hinkte, so erschien doch sein Antlitz ernst und voll Würde. Nur er unter dem ganzen Volk trug ein Kleid, das den Boden rührte, und sein Haupt war blos, und das lange schwarze Haar reichte bis zum Gürtel, und selten bemerkte man Veränderung oder menschliche Leidenschaft aus seinem ruhigen Aeußern. Er schmauste nicht und trank keinen Wein, und zeigte sich nicht oft in den Straßen. Nie lachte er und nie lächelte er, außer wenn er allein im Wald, und dann lachte er über die Thorheit seines Volks.

So ging er langsam durch die Menge, und wandte sich, als das Volk ihm Platz machte, weder zur Rechten noch zur Linken, und er stützte seine Schritte mit einem Stab von der Stechpalme.

Und als er zu dem Ort gekommen, wo die Obersten versammelt waren, und die beiden Königssöhne in der Mitte standen, hieß er das Volk Stille gebieten. Dann stieg er auf einen hohen Felsblock und sprach also zu dem Haufen:

»Fürsten, Krieger und Barden! Ihr, greise Berather, und Ihr Jäger des Waldes, und Ihr Beschleicher der Fische in den Wassern, hört auf Morven, den Sohn Osla's. Ihr wißt, daß ich niedrig von Geschlecht und schwach von Gliedern bin: aber hab' ich nicht den Stamm der Alven in Eure Hände gegeben, und schluget Ihr sie nicht im Dunkel der Nacht, und war nicht groß das Schlachten? Ihr selbst müsset wissen, daß der Sohn des Hirten so etwas nicht von sich selbst gethan hat; offenbar war er nur der Diener der hellen Götter, welche die Kinder der Oesen lieben. Ward nicht vor drei Nächten, als Schlaf auf der Erde lag, mein Ruf gehört in den Straßen? Verkündigte ich nicht Weh dem Königshause der Oesen? und bereits hat der dunkle Arm die Brust des Mächtigen getroffen, der nicht mehr ist! Soll ich so etwas blos geträumt haben, oder war ich nicht vielmehr die Stimme 33 der hellen Götter, die über das Geschlecht der Oesen wachen? Darum, o Männer und Oberste, verachtet nicht den armen Hirten, sondern merket auf seine Worte; denn spricht nicht die Weisheit der Sterne aus denselben? Siehe, gestern Nacht saß ich allein im Thal und die Bäume schwiegen und kein Lüftchen regte sich. Und ich sah nach dem Stern, der den Sohn Osla's berathet, und sprach: »»Erhabener Besieger der Wolke, Du, der Deine Schönheit badet in den Strömen, und mit Deinem Antlitz dringt durch die Tannenzweige, sieh Deinen Knecht in Betrübniß, weil der Mächtige dahin geschieden ist und mannigfache Feinde die Häuser meiner Brüder umstehen; und es wäre gut, daß sie einen tapfern und im Kampf glücklichen König hätten, einen Liebling der Sterne. Daher, o Stern, wie Du die Krieger der Alven in unsre Hände gegeben, und uns den Fall der Eiche unsres Stammes voraus verkündigt hast, also fleh ich Dich an, dem Volk ein Zeichen zu geben, daß es Den zum König küre, welchen die Götter der Nacht lieben.«« – Da säuselte eine leise Stimme, süßer als das Saitenspiel der Barden, durch die Stille: »»Deine Liebe zu Deinem Volk ist den Sternen der Nacht angenehm. Geh' denn, Sohn Osla's, und tritt zu der Wahlversammlung der Obersten und des Volks, und sag' ihnen, sie sollen Dich nicht verachten, weil Du zu langsam für die Jagd und wenig bekannt im Krieg bist; denn für all' Das gaben Dir die Sterne Weisheit zum Ersatz. Sage dem Volk, daß wie die Alten des Rathes ihre Weisungen dem Flug der Vögel entnehmen, also soll ihnen durch Vögelflug ein Zeichen werden, und hienach sollen sie ihren König erwählen. Denn, spricht der Stern der Nacht, die Vögel sind Kinder der Winde: sie ziehen hin und her im Meer der Luft und besuchen die Wolken, welche Dienerinnen der Götter sind. Und ihr Sang ist nur die zerstückelte Melodie, die sie den Harfen dort oben entnehmen. Sind sie nicht Boten des Sturms? Wisset Ihr nicht, noch eh' der Strom gegen das Ufer gischt und der Regen herabfällt, am Klageruf der Vögel und ihren niedern Kreisen über dem Boden, daß ein Ungewitter in der Nähe ist? Daher achtet 34 Ihr mit Recht, die Kinder der Luft seyen die geeigneten Mittler zwischen den Söhnen der Menschen und den Herren der Welt droben. Sage also dem Volk und den Obersten, sie sollen aus den Tauben, die im Dach des Königshauses nisten, eine weiße Taube auslesen, und sollen sie in die Luft fliegen lassen, und die Götter der Nacht werden die Taube als ein Gebet ansehen, das vom Volk kommt, und werden einen Boten senden, das Gebet zu erfüllen, und dem Geschlecht der Oesen einen König zu geben, der seiner würdig ist.««

»Hierauf sprach der Stern nichts mehr.«

Da murrten die Freunde Voltochs bei sich und sprachen: »Soll dieser Mensch uns vorschreiben, Wer König werden darf?« Aber das Volk und die Krieger riefen: »Hört auf den Stern: beginnen oder meiden wir die Schlacht nicht nach dem Flug der Vögel? sollen wir nicht nach dem gleichen Zeichen Den wählen, von welchem die Schlacht geleitet wird?« Und die Sache dünkte ihnen natürlich, denn sie war nach dem Brauch des Volkes. So nahmen sie denn eine der Tauben, die im Dach des Königshauses bauten, und brachten sie an den Ort, wo Morven stand, und er blickte zu den Sternen auf und flüsterte vor sich hin und ließ den Vogel los.

In geringer Entfernung von dem Orte war ein Anflug von Gehölz, und als die Taube aufstieg, schoß plötzlich ein Habicht aus dem Anflug hervor und verfolgte die Taube. Und die Taube war erschreckt und schwebte in Kreisen hoch über der Menge, als, siehe da! der Habicht sich einen Augenblick auf seinen Schwingen wiegte und dann mit einem plötzlichen Stoß herabstieß und von seiner Beute wich und sich auf das befiederte Haupt Seirors niedersetzte.

»Sehet,« rief Morven mit lauter Stimme, »sehet Euren König.«

»Heil, Heil dem König!« jubelte das Volk. »Heil dem Erwählten der Sterne.«

Da erhob Morven die rechte Hand und der Habicht verließ den Königssohn und setzte sich auf Morvens Schulter. »Vogel der 35 Götter,« sprach er ehrerbietig, »hast Du nicht eine geheime Botschaft für mein Ohr?« Da wandte der Habicht den Schnabel nach Morvens Ohr und Morven beugte sein Haupt demüthiglich. Und der Habicht blieb bei Morven von diesem Augenblick und wollte sich nicht verscheuchen lassen. Und Morven sprach: »Die Sterne haben mir diesen Vogel gesandt, auf daß wir zur Tageszeit, wenn ich sie nicht sehe, nicht ohne einen Berather im Ungemach seyen.«

So ward Seiror König, und Morven, der Sohn Osla's, ward genöthigt durch des Königs Willen, Orna zum Weib zu nehmen, und Volk und Oberste ehrten Morven den Seher vor allen Weisen des Stammes.

Eines Tages sprach Morven nachdenklich zu sich selbst: »Bin ich nicht schon jetzt dem König gleich? ja ist nicht der König mein Diener? hab' ich ihn nicht über die Häupter seiner Brüder gesetzt? taug ich deßhalb nicht mehr zum Herrscher, als er? Soll ich ihn nicht von seinem Sitz stoßen? Es ist ein mühvoll und stürmisch Amt, zu herrschen über die wilden Männer von Oese, zu zechen in der vollgedrängten Halle und die Krieger zum Kampf zu führen. Zech' ich aber nicht und zieh' nicht in den Krieg, so könnten sie sagen: das ist kein König, sondern Morven der Krüppel; und die vom Geschlecht Seirors könnten mich heimlich morden. Allein kann ich nicht dennoch viel größer seyn, als die Könige sind, und sie fortwährend erwählen und leiten, und dabei wie jetzt nach meinem Behagen leben? Wahrlich die Sterne sollen auch mir einen Palast und viele Unterthanen einbringen.«

Unter den Weisen des Rathes war Darvan; und Morven fürchtete ihn, denn sein Aug ging den Bewegungen des Sohnes Osla's oft nach.

Und Morven sprach: »Dieser Mann hilft mir mehr als Vertrauter denn als Verblendeter, denn wirklich geht mir ein Gehilfe und ein Freund ab.« Darum sagte er zu dem Weisen, als er allein dem Untergang der Sonne zusah:

36 »Mir dünkt, o Darvan, wir sollten zu Ehren der Sterne einen großen Thurm bauen, und der Thurm müßte herrlicher seyn, als alle Häuser der Obersten und als das Haus des Königs. Denn sind nicht die Sterne unsere Herren? Und Du und ich sollten die Hauptbewohner in diesem neuen Palast seyn, und wir wollen den Göttern der Nacht dienen und ihre Altäre mit dem Auserlesensten aus unsern Heerden, und den frischesten von den Früchten der Erde nähren.«

Und Darvan sprach: »Du sprichst, wie es dem Diener der Sterne ziemt. Aber wird das Volk den Thurm bauen helfen? denn es ist ein kriegerisch Geschlecht und liebt die Arbeit nicht.«

Morven antwortete: »Ohne Zweifel werden die Sterne selbst gebieten, daß das Werk geschehe. Sey unbesorgt.«

»In Wahrheit, Du bist ein wunderbarer Mensch, und Deine Worte treffen immer ein,« erwiederte Darvan, »und ich wollte, Freund, Du lehrtest mich die Sprache der Sterne.«

»Dienst Du mir, so sollst Du sie kennen lernen,« antwortete der stolze Morven, und Darvan war im Stillen ergrimmt, daß der Sohn des Hirten von einem Aeltern und Häuptling Dienste forderte.

Als Morven zu seiner Gemahlin zurückkehrte, fand er, daß sie sehr weinte. Sie aber liebte den Sohn Osla's mit der höchsten Liebe, denn er war nicht wild und rauh, wie die Männer, die sie bisher gekannt, und sie war stolz auf seinen Leumund unter dem Volk. Und er nahm sie in die Arme und küßte sie und fragte, weßhalb sie weine. Da sagte sie ihm, ihr Bruder, der König, sey bei ihr gewesen und habe bittere Reden geredet über Morven. »Er stiehlt mir die Liebe meines Volks,« hatte Seiror gesagt, »und blendet es mit Lügen. Da er mich zum König gemacht, kann er mir die Königswürde nicht auch wieder nehmen? Wahrlich eine neue Geschichte von den Sternen könnte die alte aufheben.« Und der König hatte ihr befohlen, auf Morvens Geheimniß zu lauschen und zu sehen, ob Wahrheit in ihm sey, wenn er sich seines Verkehrs mit den Mächten der Nacht rühme.

37 Aber Orna liebte Morven mehr, als Seiror, deßhalb sagte sie ihrem Gemahl Alles.

Und Morven empfand den Undank des Königs übel und ward sehr beunruhigt, denn ein König ist ein mächtiger Feind. Aber er tröstete Orna und hieß sie sich verstellen und auch ihrerseits beim Bruder über ihn klagen, damit Seiror ihr arglos vertrauen möge, was er etwa gegen Morven im Schild führe.

Neben Morvens Haus war eine Höhle, worin er den heiligen Habicht bewahrte, und worin er für künftigen Nothfall noch andere Vögel heimlich aufzog und äzte, und die Thür der Höhle war beständig verschlossen. Als er eines Tages sich dort zu thun machte, bemerkte er gegenüber eine Spalte in der Wand, die er früher nie wahrgenommen, und gaukelnd kam die Sonne herein. Während er noch hinschaute, wurde der Sonnenstrahl verdunkelt und gleich darauf sah er ein Menschenantlitz herein blicken. Und Morven zitterte, denn er erkannte, daß er belauscht worden. Heftig stürzte er aus der Höhle, aber der Belauscher war bereits unter den Bäumen verschwunden, und Morven ging stracks in Darvans Gemach und setzte sich nieder. Und Darvan kehrte erst spät am Abend zurück, und als er Morven sah, fuhr er zusammen und ward blaß. Aber Morven grüßte ihn als einen Bruder und bat ihn zu einem Fest, das er, zum ersten Mal, am nächsten Vollmond geben wolle zu Ehren der Sterne. Und von Darvans Gemach kehrte er zurück zu seinem Weib und hieß sie das Haar raufen und mit Tagesanbruch zum König, ihrem Bruder, gehen und bitterlich klagen über die Art, wie sie von Morven behandelt würde, auf daß sie also die schwarzen Entwürfe aus des Königs Brust lockete: »Denn gewiß,« sprach er, »hat Darvan gelogen gegen Deinen Bruder und irgend ein Unheil steht mir bevor, das ich gern voraus wissen möchte.«

So ging denn Orna am nächsten Morgen zum König und sprach: »Des Hirten Sohn hat mich geschmäht und harte Worte zu mir gesprochen: werd' ich nicht gerächt werden?«

38 Da stampfte der König mit den Füßen und schüttelte sein mächtig Schwert. »Gewiß sollst Du gerächt werden, denn ich hab' von einem der Weisen etwas vernommen, was mir zeigt, daß der Mensch das Volk belügt und der Niedriggeborne soll sterben. Ja, sobald er wieder allein in den Wald geht, wollen mein Bruder und ich über ihn fallen und ihn erschlagen.« Mit diesem Trost schickte Seiror Orna wieder fort.

Und Orna warf sich zu den Füßen ihres Gemahls. »Flieh schnell, mein Geliebter, flieh in den Wald weit weg von meinen Brüdern, sonst endigt das Schwert Seirors Deine Tage.«

Da kreuzte der Sohn Osla's die Arme und schien in schwarze Gedanken verloren; und achtete nicht auf Orna's Stimme, bis sie ihn wieder und wieder um die Flucht angefleht.

»Fliehen?« sprach er endlich. »Nein, ich bedachte, welche Strafe die Sterne auf unsern Feind herabsenden würden. Mögen Krieger fliehen. Morven der Seher siegt durch stärkere Waffen als das Schwert.«

Nichtsdestoweniger war Morven verwirrt in seiner Seele und wußte nicht, wie er sich retten sollte vor der Rache des Königs. Während er also hoffnungslos nachsann, hörte er ein Rauschen von Wassern, und siehe, der Strom – denn es war jetzt am Ende des Herbstes – hatte die Ufer gebrochen und tosete durch das Thal gegen die Häuser der Stadt. Und die Männer des Volks und die Weiber und Kinder rannten mit Angstgeschrei zu Morvens Haus und riefen: »Siehe der Strom ist auf uns eingebrochen; rett' uns, o Diener der Sterne.«

Da kam ein plötzlicher Gedanke über Morven und er beschloß sein Schicksal an einen verzweifelten Entschluß zu setzen.

Und still und traurig trat er aus dem Haus und sprach: »Ihr wißt nicht, was Ihr fordert: ich kann Euch aus dieser Gefahr nicht retten: Ihr selbst habt sie über Euch gebracht.«

39 Und sie riefen: »wie, o Sohn Osla's? wir sind unsres Vergehens nicht kundig.«

Und er antwortete: »Geht hinab zur Burg des Königs und wartet auf mich, und bald will ich Euch nachfolgen und Ihr sollt erfahren, wodurch Ihr diese Strafe bei den Göttern verwirkt habt.« Und brausend, wie ein ebbend Meer, wälzte sich die Menge zurück, und als sie weg war, ging Morven allein nach dem Haus Darvans, das dem seinigen zunächst lag. Und Darvan war sehr erschrocken, denn er war hoch betagt und hatte weder Kinder noch Freunde, und fürchtete, er könne sich aus eigener Kraft nicht retten vor dem Wasser.

Und Morven sprach tröstend zu ihm: »Siehe! das Volk liebt mich und ich will sorgen, daß Du gerettet wirst, denn wahrlich, Du bist freundlich gegen mich gewesen, und hast mir großen Dienst gethan beim König.«

Und als er dies gesagt, öffnete Morven die Hausthür und schaute hinaus, und sah, daß sie ganz allein waren; da faßte er den alten Mann bei der Kehle und ließ nicht ab von seinem Griff, bis er todt war. Und erließ den Leib des Weisen auf dem Boden liegen, und schlich aus dem Haus und verschloß die Thür. Als er zu seiner Höhle kam, dachte er eine kurze Weile nach, und als er das mächtige Getös der Wasser näher kommen hörte und fernher das Geschrei der Weiber, hob er sein Haupt auf, und sagte stolz: »Nein! in dieser Stunde soll nur der Schrecken mein Diener seyn; ich will keine Kunst brauchen, als die Macht meiner Seele.« Er schloß das Thor und ging, auf seinen Stab gelehnt, hinab zur Burg. Und es war jetzt Abend, und viele der Männer hielten Fackeln, damit sie einander in die Gesichter sähen bei der allgemeinen Furcht. Roth spielten die zitternden Flammen auf den dunkeln Gewändern und der bleichen Stirn Morvens; und er schien stärker als die Uebrigen, weil sein Antlitz allein ruhig war in der Bewegung. Und lauter und wilder kam das Gebrüll des Wassers, und schnell huschten die Schatten der Nacht über die eilende Fluth.

40 Und Morven sprach mit strenger Stimme: »wo ist der König und weßhalb fehlt er dem Volk in der Stunde des Schreckens?« Da öffnete sich das Thor der Burg, und siehe, Seiror saß in der Halle am großen Tannenfeuer und sein Bruder neben ihm und seine Obersten um ihn her, denn sie achteten es nicht angenehm, auf die Forderung des Hirtensohnes unter das Volk zu kommen.

Da stellte sich Morven auf einen Fels zu Häupten des Volks (denselben Fels, von welchem er den König ausgerufen) und sprach:

»Ihr wolltet wissen, o Kinder Oese's, weßhalb der Strom seine Ufer überwältigt hat, und diese Gefahr auf Euch gekommen ist. Wisset denn, daß die Sterne als den schnödesten aller Menschenfrevel eine Verhöhnung ihrer Diener und Boten ansehen. Ihr Alle kennt das Leben Morvens, den Ihr den Seher genannt habt. Keinem Menschen und keinem Thier thut er ein Leid; er lebt einsam, und fern von den wilden Freuden des Kriegerstammes verehrt er in Furcht und Demuth die Mächte der Nacht. Deßhalb vermag er Euch von der kommenden Gefahr zu unterrichten – deßhalb vermag er Euch vom Feind zu retten. Deßhalb sind Eure Jäger schnell und Eure Krieger kühn, und deßhalb bringen Euch Eure Heerden Junge und die Erde ihre Früchte. Was verlangt Ihr zu hören? Wisset, Männer von Oese, man hat meinem Leben Schlingen gelegt, und es sind Solche unter Euch, die das Schwert geschärft haben für die Brust, die nur mit Liebe für Euch Alle erfüllt ist. Darum haben die strengen Herrscher des Himmels dem Strom seine Bande gelöst, – darum bedroht Euch dieses Uebel. Und nicht eher wird es vorübergehen, bis Die, welche die Grube gegraben haben für den Diener der Sterne, selbst in derselben begraben sind.«

Da blickten, erhellt vom rothen Fackelschein, die Gesichter der Männer wild und drohend, und zehntausend Stimmen riefen: »Nenne sie, die sich verschworen haben gegen Dein Leben, heiliger Seher, und Glied für Glied sollen sie zerrissen werden.«

41 Und Morven wandte sich und sie bemerkten, daß er bitterlich weinte; und er sprach:

»Ihr habt mich gefragt und ich habe geantwortet; jetzt aber werdet Ihr kaum glauben, welchen Feind ich mir erweckt. Und bei den Himmeln selbst schwör' ich, daß, wenn mein Tod ihren Zorn versöhnen könnte, und nicht auf Euch und Eure Kinder die Rache der mächtigen Sterne herabriefe, ich meine Brust mit Freuden dem Messer darböte. Ja,« rief er mit erhabener Stimme, seine dünnen Arme gegen die Halle ausstreckend, wo der König am Tannenfeuer saß – »ja Du, den auf meine Stimme die Sterne vor Deinem Bruder erkoren haben – ja, Seiror, Du Sünder, nimm Dein Schwert und komm hieher, – töte, wenn Du das Herz hast, den Seher der Götter.«

Der König sprang auf und die Menge schwieg in schaudernder Stille.

Morven hob von Neuem an:

»Wisset denn, o Männer von Oese, daß Seiror und Voltoch, sein Bruder, und Darvan, der Aelteste unter den Weisen, beschlossen haben, Euern Seher zu tödten, zur Stunde, wenn er allein die Schatten des Waldes sucht, um auf neue Wohlthaten für Euch zu sinnen. Der König läugne es, wenn er kann!«

Da trat Voltoch mit den riesigen Gliedern hervor aus der Halle, und sein Speer schütterte in seiner Hand.

»Recht hast Du geredet, niederer Sohn des Hirten meines Vaters, und allerdings sollst Du sterben für Deinen Frevel. Denn wenn Du von Deiner Macht bei den Sternen sprichst, lügst Du und lachst über die Thorheit derer, die auf Dich hören. Darum so tödtet ihn!«

Da schlugen die Obersten in der Halle ihre Waffen zusammen und stürzten vor, den Sohn Osla's zu tödten.

Er aber, seine unbewaffneten Arme erhebend, rief: »Hört ihn, ihr Furchtbaren der Nacht – hört seine Lästerung!«

42 Da griff das Volk das Wort auf und rief: »Er lästert – er lästert gegen den Seher.«

Aber der König und die Obersten, welche Morven haßten wegen seiner Macht beim Volk, drangen in die Menge; und die Menge war unentschlossen und wußte nicht, was sie thun sollte, denn nie hatte sie sich noch aufgelehnt gegen ihre Obersten und fürchtete den Seher und den König in gleichem Grad.

Und Seiror rief: »Entbietet Darvan zu uns, denn er hat die Schritte Morvens bewacht und soll den Schleier lüften von meines Volkes Augen.« Da rannten drei der Schnellfüßigen nach dem Haus Darvans.

Und Morven rief aus mit lauter Stimme: »Höret, so spricht der Stern, der, eben durch jene Wolke ziehend, in mein Aug bricht; »»für die Lügen, die der Alte geredet gegen meinen Knecht soll der Fluch der Sterne auf ihn fallen.«« Gehet hin und wie Ihr ihn findet, möget Ihr die Feinde Morvens und der Götter jederzeit finden.«

Eine kalte, eisige Furcht kam über die Menge und selbst Seirors Wange ward blaß; und Morven stand regungslos, mit gekreuzten Armen, hoch und dunkel über den wogenden Fackeln. Und horch, näher und näher kamen die Kriegsrosse der Wellen, – sie hörten sie ans Land steigen und ihre weißen Mähnen im heulenden Sturm wehen.

»Seht, während Ihr hinhorcht,« sprach Morven ruhig, »fährt der Strom herauf; eilt, denn die Götter wollen ein Opfer, seys Euer König oder Euer Seher.«

»Sklave!« schrie Seiror, und sein Speer flog aus seiner Hand, und schoß zischend über den Häuptern der Menge an der dunkeln Gestalt Morvens vorüber, und drang in den Stamm der Eiche hinter ihm. Da stieß das Volk, ergrimmt über die Gefahr seines geliebten Sehers, ein wildes Geschrei aus, und sammelte sich um ihn mit gezückten Schwertern, dem König und den Obersten entgegen. Aber in diesem Augenblick, noch eh' es zum Kampf gekommen, kehrten die drei 43 Krieger zurück, und trugen Darvan auf ihren Schultern, und legten ihn zu den Füßen des Königs und sprachen zitternd: »So haben wir den Weisen gefunden mitten in seinem eigenen Haus.« Und das Volk sah, daß Darvan eine Leiche und die Verkündung Morvens erfüllt war. »So verderben die Feinde Morvens und der Sterne!« rief der Sohn Osla's. Und das Volk wiederholte den Ruf. Da stieg die Wuth Seirors auf den höchsten Grad, und sein Schwert über dem Haupt schwingend, drang er in die Menge: »Dein Blut, Staubgeborner, oder das meine!«

»Sey es so!« erwiederte Morven, ohne zu beben. »Männer, tödtet den Lästerer; horcht, wie der Strom auf Eure Kinder und Heerden einstürzt. Auf ihn, auf ihn, oder Ihr seyd verloren.«

Und Seiror fiel, durchbohrt von fünfhundert Speeren.

»Tödtet, tödtet!« rief Morven, als die Edeln des königlichen Hauses sich um den König drängten. Und das Klirren der Schwerter und das Blitzen der Speere und das Geschrei der Sterbenden und der Tumult des niedertretenden Volks mischten sich mit dem Gebrüll der Elemente und den Stimmen des brausenden Gewässers.

Dreihundert von den Edeln fielen diese Nacht von den Schwertern ihres eigenen Volkes. Und der letzte Ruf der Sieger war: »Morven der Seher, – Morven der König!«

Und als der Sohn Osla's die Wasser sich jetzt über das Thal ausbreiten sah, führte er Orna sein Weib und die Männer von Oese, ihre Weiber und Kinder, auf einen hohen Berg, wo sie den Aufgang der Sonne erwarteten. Aber Orna setzte sich fern und weinte bitterlich, denn ihre Brüder waren nicht mehr und ihr Geschlecht war geschwunden von der Erde. Und vergebens suchte sie Morven zu trösten.

Als der Morgen kam, sahen sie, daß der Strom den größern Theil der Stadt überschwemmt hatte, und jetzt seinem Wachsthum ein Ziel setzte in den Höhlen des Thals. Da sprach Morven zum Volk: »Die Sterne sind gerächt und ihr Zorn ist gestillt. Wartet 44 hier bis das Wasser abgelaufen ist in die Spalten der Erde.« Und am vierten Tag kehrten sie nach der Stadt zurück, und Niemand wagte einen Andern König zu nennen, als Morven.

Aber Morven zog sich zurück in seine Höhle und sann lang nach, und versammelte dann das Volk, und gab ihm neue Gesetze, und gebot ihm, einen Tempel zu bauen zu Ehren der Sterne, und hieß darin aufhäufen Alles, was das Volk für das Kostbarste erachtete. Und er nahm zu sich fünfzig Kinder von den Angesehensten im Volk und nahm auch zehn von den Männern, die ihm am besten gedient, und befahl, daß sie den Sternen in dem großen Tempel dienen sollten; – und Morven war ihr Haupt. Und er wies die Krone ab, die sie ihm aufdrängten und kürete unter den Aeltesten einen neuen König. Und befahl, daß fortan nur die Diener der Sterne im großen Tempel den König und die Obrigkeiten küren und Rath schlagen und Krieg erklären sollten; aber er gestattete, daß der König zeche und jage und sich lustig mache im Gelaghaus. Und Morven baute Altäre in dem Tempel, und war der Erste, der im Norden vierfüßige Thiere und Vögel, und später Menschenfleisch auf den Altären opferte. Und er entnahm Vorzeichen aus den Geweiden des Opfers, und gründete Schulen der Seherwissenschaft. Und Morvens Frömmigkeit war das Wunder des Volks, weil er es ausgeschlagen, König zu seyn; und Morven, der Hohepriester, war zehntausendmal mächtiger als der König. Er lehrte das Volk die Erde pflügen und Kräuter säen, und durch seine Weisheit und den Muth, den seine Verkündungen den Menschen einflößten, besiegte er alle Nachbarstämme. Und die Söhne der Oesen breiteten sich aus zu einem großen Reich, und mit ihnen verbreiteten sich Morvens Name und Gesetze. Und in jedem Gau, den er eroberte, befahl er, den Sternen einen Tempel zu bauen.

Aber ein schwerer Kummer fiel auf die Jahre Morvens. Seirors Schwester beugte ihr Haupt und überlebte den Untergang ihres Geschlechts nicht lang. Und sie ließ Morven kinderlos. Und er klagte bitterlich und wie von Sinnen, denn sein Herz hatte nur 45 sie zu lieben Macht gehabt. Und er saß und bedeckte sein Antlitz und sprach:

»Siehe, ich habe gerungen und gearbeitet und nie hat ein Mensch vor mir bezwungen, was ich bezwungen habe. Wahrlich das Reich der eisernen Sitten und riesigen Glieder ist nicht mehr! ich hab' eine neue Macht gegründet, die fortan dem Land befehlen wird; das Reich eines sinnigen Geistes und beherrschenden Gemüths. Aber sieh! mein Schicksal ist öd, und bereits fühl' ich, daß es weder Frucht noch Baum als Schutz für mein Alter treiben wird. Einsam und allein werd' ich in mein Grab gehen. O Orna, meine Schöne, meine Geliebte, keine glich Dir, und Deiner Liebe dank ich meinen Ruhm und mein Leben! Wären doch um Deinetwillen, Du süßes Vögelchen, das in der dunkeln Höhle meines Herzens nistet, – wären um Deinetwillen Deine Brüder erhalten worden, denn wahrlich mit meinem Leben hätt' ich das Deinige erkaufen mögen. Ach! erst nachdem ich Dich verloren, fand ich, daß Deine Liebe mir theurer war als die Furcht der Andern!« Und Morven trauerte Nacht und Tag und Niemand vermochte ihn zu trösten.

Aber von dieser Zeit an gab er sich einzig den Sorgen seines Berufs hin, und seine Natur und sein Herz und Alles, was noch weich in ihm geblieben, wurde hart wie Stein, – und er war ein Mensch ohne Liebe und verbot den Priestern Liebe und Ehe.

Und in seinen spätern Jahren erhoben sich andere Seher, denn die Welt war weiser geworden eben durch Morvens Weisheit; und Einige sprachen zu sich selbst: »Siehe, Morven, des Hirten Sohn, ist ein König der Könige; das haben die Sterne für ihren Diener gethan; wollen wir nicht auch Diener der Sterne seyn?«

Und sie trugen schwarze Gewänder, wie Morven, und gingen umher, verkündend, was die Sterne ihnen gesagt. Und Morven war höchlich ergrimmt, denn besser, als irgend ein anderer Mensch, wußte er selbst, daß die Seher lügen. Deßhalb zog er mit den Tempeldienern gegen sie aus und griff sie und verbrannte sie an einem 46 langsamen Feuer; denn also redete Morven zu dem Volk: »Ehre dem wahren Seher; aber nur ich bin ein wahrer Seher; alle falsche Seher soll der Tod treffen.«

Und das Volk rief der Frömmigkeit des Sohnes Osla's Beifall.

Und Morven unterrichtete die weisesten unter den Kindern in den Geheimnissen des Tempels, so daß sie als seine würdigen Nachfolger aufwuchsen.

Und er starb hochbetagt und hochgeehrt, und sie hauten sein Bild in einen mächtigen Stein vor dem Tempel, und das Bild erhielt sich tausend Menschenalter hindurch, und wer es anschaute, zitterte; denn auf dem Gesicht stand die Ruhe unaussprechbarer Schreckensgewalt.

Und Morven war der erste Sterbliche des Nordens, der die Religion zum Schrittstein der Herrschaft machte. – Gewiß war Morven ein großer Mann!


Es war die letzte Nacht des alten Jahrs und die Sterne saßen, jeglicher auf seinem goldenen Stuhl, und sahen mit schlaflosem Aug hinab auf die Erde. Die Nacht war dunkel und unruhig, die Stürme waren los und schnell und dicht jagten die Wolken unter den Thronen der Könige der Nacht dahin. Und dann und wann zuckten feurige Meteore durch die Tiefen des Himmels und wurden wieder verschlungen vom Grab der Finsterniß. Aber weit von seinen Brüdern, und mit einem bleichen Nebel um seinen Kreis, saß der mißmuthige Stern, unter dessen Obhut die Jäger des Nordens standen.

Und über den untersten Abgrund des Weltraums war dichte, mächtige Nacht verbreitet, aus welcher, wie aus einem Kessel, Säulen wirbelnden Rauchs aufstiegen; und so oft die Stürme einen Augenblick ruhten auf ihren Pfaden, wurden Stimmen der Klage und des Hohngelächters, verbunden mit Angstruf, gehört, die aus dem Abgrund in die obere Luft empor tönten.

47 Und um Mitternacht stieg langsam eine mächtige Gestalt aus dem Abgrund und ihre Schwingen verbreiteten Finsterniß über die Welt. Hoch bis zu dem Thron des mißmuthigen Sterns schwebte die furchtbare Gestalt, und der Stern zitterte auf seinem Thron, als das Wesen Angesicht gegen Angesicht vor ihm stand.

Und die Gestalt sprach: »Heil, Bruder, Heil!«

»Ich kenne Dich nicht,« erwiederte der Stern. »Du bist nicht der Erzengel, der zu den Königen der Nacht kommt.«

Und die Gestalt lachte laut. »Ich bin der gefallene Morgenstern – bin Lucifer, Dein Bruder! Hast Du nicht, o düsterer König, mir und den Meinigen gedient? – Hast Du nicht die Erde dem Herrn, der da oben thront, entwunden und sie mir gegeben, indem Du die Seelen mit der Religion der Furcht verdunkeltest? Deßhalb komm, Bruder, komm – ein Thron ist Dir bereitet neben meinem eigenen in der flammenden Tiefe. Komm! der Himmel ist nicht mehr für Dich.«

Da erhob sich der Stern von seinem Thron und stieg hinab an die Seite Lucifers. Denn immer hat der Geist des Mißmuths eine Verwandtschaft gehabt zu dem Geist des Stolzes. Und langsam sanken sie hinab in die Kluft der Finsterniß.

Es war die erste Nacht des neuen Jahrs und die Sterne saßen, jeglicher auf seinem goldenen Stuhl, und sahen mit schlaflosem Aug auf die Erde. Aber Kummer trübte das helle Antlitz der Könige der Nacht, denn sie trauerten in Schweigen und Furcht um einen gefallenen Bruder.

Und die Thore des Himmels der Himmel flogen auf mit goldenem Klang und der schnelle Erzengel schwebte herab auf seinen stillen Schwingen; und der Erzengel theilte wie sonst jedem Stern das Gebot seines Herrn mit, und jedem Stern ward sein besonder Amt. Und als die Botschaft vollzogen schien, kam ein Gelächter aus dem Abgrund des Dunkels, und halb aus der Kluft erhob sich die finstere Gestalt Lucifers, des Feindes.

48 »Du zählst Deine Heerde schlecht, o strahlender Hirte. Siehe! ein Stern fehlt unter den Dreitausend und zehn.«

»Zurück in Deine Nacht, lügnerischer Lucifer, der Thron Deines Bruders ist wieder eingenommen!«

Und siehe! während der Erzengel sprach, erblickten die Sterne einen jungen, strahlenden Fremdling auf dem Thron des irrenden Sterns, und sein Antlitz war so mild, daß das schwächste Menschenaug unverletzt auf seinen Glanz hätte schauen können; nur der dunkle Feind allein wurde durch die Glorie geblendet, und mit einem Zornruf, der die flammenden Pfeiler des Weltalls erschütterte, sank er zurück in das Dunkel.

Da ertönte fernher, süß aus den unsichtbaren Hallen die Stimme Gottes:

»Siehe! auf dem Thron des unzufriedenen Sternes sitzt der Stern der Hoffnung, und der, welcher den Menschen die Religion der Furcht einhauchte, hat zum Nachfolger den, welcher die Erde die Religion der Liebe lehren wird.«

Und auf ewig weilt der Stern der Furcht besonders auf Lucifer und der Stern der Liebe wacht am Himmel!

 

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